Social Media Policy der Caritas Deutschland

Kritische Würdigung eines wichtigen Versuchs.

Mit gro­ßem Stolz – wir waren als Öster­rei­chi­sches Rotes Kreuz im deutsch­spra­chi­gen Raum ziem­li­ch die ers­te gro­ße NPO, die eine Soci­al Media Poli­cy (SMP) ange­dacht, par­ti­zi­pa­tiv ent­wi­ckelt und auch beschlos­sen haben – beob­ach­te ich, dass nun ande­re sehr gro­ße Ver­bän­de in Deutsch­land ana­log vor­ge­hen. Der deut­sche Cari­tas­ver­band bei­spiels­wei­se, in Per­son des Web­ver­ant­wort­li­chen Marc Boos, ent­wi­ckelt im Moment eben­so eine SMP, die im Blog zur Dis­kus­si­on gestellt wird. Nicht zuletzt hat­ten wir im Rah­men der letz­ten NPO-Blogparade auch Soci­al Media Poli­cy als The­ma. Eine Aus­wer­tung die­ser Blog­pa­ra­de folgt dem­nächst.

Beson­ders freut es mich, dass ich – im Rah­men eines Work­shops ver­schie­dens­ter euro­päi­scher Caritas-Webverantwortlicher im heu­ri­gen Früh­jahr in Wien –  bereits mei­ne Ansich­ten zum The­ma Social-Media-Policy los­wer­den konn­te. Das eine oder ande­re – so dünkt mir – kann ich zwi­schen den Zei­len lesen. Auch mein re:publica-Workshop: „Mul­ti­di­men­sio­na­le Par­ti­zi­pa­ti­on – Wege zu offe­nen Orga­ni­sa­tio­nen“ wid­me­te sich zum Teil gen­au die­sem The­ma, näm­li­ch der par­ti­zi­pa­ti­ven Gestal­tung von Orga­ni­sa­ti­ons­rea­li­tät, bei­spiels­wei­se im Sin­ne einer Soci­al Media Poli­cy.

Nut­zen Sie hier­zu bis zum 15. Juli die Kom­men­tar­funk­ti­on am Ende des Arti­kels. Die Anmer­kun­gen wer­den von den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­ant­wort­li­chen des Deut­schen Cari­tas­ver­ban­des dis­ku­tiert, bewer­tet und kön­nen so in die End­fas­sung des Doku­men­tes ein­flie­ßen. Die­ses will der Vor­stand für die Bun­des­zen­tra­le in Frei­burg, Ber­lin und Brüs­sel beschlie­ßen.

Da im Blog öffent­li­ch zur Dis­kus­si­on auf­ge­ru­fen wird, brin­ge ich ger­ne auch mei­ne Anmer­kun­gen ein, wis­send, dass die Mei­nung eines „Markt­part­ners“, auch wenn die­ser aus dem befein­de­ten Aus­land kommt, mög­li­cher­wei­se als Pro­vo­ka­ti­on gedeu­tet wer­den könn­te.

Zunächst habe ich mir wie­der ein­mal die ÖRK-Social-Media Poli­cy zur Hand genom­men, und die­se selbst kri­ti­sch hin­ter­fragt. Wel­che Inhal­te betref­fen wel­che Sta­ke­hol­de­rin­nen, wel­che sind Refe­ren­zen für ande­re inter­ne Grup­pen, wel­che refe­ren­zie­ren exter­ne Ziel­grup­pen? (Der Weg zur SMP, ein Blog­post)

Erste Meta-Analyse der ÖRK-SMP

Die ers­ten Absät­ze sind posi­ti­ve Ein­lei­tun­gen, die ver­su­chen sozi­al­me­dia­les Nut­ze­rIn­nen­ver­hal­ten posi­tiv zu beset­zen und die Chan­cen auf­zu­zei­gen, die sich für uns als Orga­ni­sa­ti­on bie­ten, dana­ch fol­gen inter­ne Refe­ren­zen auf die grund­le­gen­den Wer­te­wel­ten der Rotkreuz-Mitarbeiterinnen, sowie auf das Leit­bild.

Das stahlharte Gehäuse der Hörigkeit (Max Weber)

Der nächs­te Absatz hebt das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­no­pol der Spit­zen von Weber­schen Bürokratie-Pyramiden für den Bereich der sozia­len Medi­en auf. Gleich­zei­tig wird auf die unter­schied­li­chen Rol­len jedes ein­zel­nen hin­ge­wie­sen (offi­zi­ell vs. Infor­mell), die ande­rer­seits oft­mals rein theo­re­ti­sche Kate­go­ri­en sind. Glei­che Rol­len­zu­schrei­bun­gen beschreibt der nächs­te Absatz, aller­dings zwi­schen den Kate­go­ri­en „pri­vat“ und „dienst­li­ch“.

Absolute Don’ts

Mit (partei-)politischer Agi­ta­ti­on und eige­ner Geschäf­te­ma­che­rei beschäf­ti­gen sich die nächs­ten bei­den Punk­te. Das sind Punk­te, die klar Ver­bo­te aus­spre­chen, im Gegen­satz zur posi­ti­ven For­mu­lie­rung den meis­ten ande­ren Punk­te in die­ser Vor­schrift.

Kant4Dummies

Der kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv ist der wesent­li­che Inhalt des nächs­ten Punk­tes, der Ver­sucht, den Umgang mit Trol­len und mit kri­ti­schen Anmer­kun­gen zu defi­nie­ren. Ana­lo­ges gilt für Umgangs­ton und Neti­quet­te, die aus mei­ner Sicht eben­falls ganz wesent­li­che Merk­ma­le einer Poli­cy sein soll­ten.

Bilder sagen mehr als Worte

Dar­um muss man sich auch spe­zi­fi­sch mit der Wir­kung des Rotkreuz-Zeichens (das ja völ­ker­recht­li­ch und im Bun­des­recht einen beson­de­ren Schutz genießt) auf Bil­dern aus­ein­an­der set­zen. Auch hier geht es um das Auf­zei­gen von Mög­lich­kei­ten und um (sanf­te) Ver­bo­te.

Datenschutz

Gera­de Daten­schutz, Urhe­ber­recht, Schwei­ge­pflich­ten sind wesent­li­che Grund­la­gen, die auch in Sozia­len Medi­en wie Face­book ihre Gül­tig­keit nicht ver­lie­ren.

Ein Nach­den­ken über Ziel­grup­pen haben wir den Lese­rin­nen und Lesern in den letz­ten Absatz der Soci­al Media Poli­cy geschrie­ben, um dar­auf hin­zu­wei­sen, dass inter­ne und exter­ne Ziel­grup­pen­seg­men­te unter­schied­li­che Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis­se haben.

Theoretischer Background

Span­nend fin­de ich in einer ers­ten Ana­ly­se, dass mir auf die Schnel­le zumin­dest drei Theo­re­ti­ker ein­ge­fal­len sind, die auf der Ober­flä­che die para­dig­ma­ti­sche Basis der Poli­cy bil­den könn­ten. Max Weber ist, genauso wie Imma­nu­el Kant genannt. Ralf Dah­ren­dorf soll­te mit der Rol­len­theo­rie eben­falls noch erwähnt wer­den. Das sind natür­li­ch eigent­li­ch nur Ver­wei­se, in Wirk­lich­keit ste­hen auch (oder bes­ser: viel­mehr) orga­ni­sa­ti­ons­theo­re­ti­sche und vor allem kon­struk­ti­vis­ti­sche Theo­ri­en im Hin­ter­grund sol­cher Tex­te, die zukünf­ti­ge Orga­ni­sa­ti­on­rea­li­tät anti­zi­pie­ren.

Grund­idee ist ja einer­seits für die Gesamt­or­ga­ni­sa­ti­on das Feld abzu­ste­cken:

  • Wer ist ver­ant­wort­li­ch?
  • Wel­che Res­sour­cen erhält er dafür (per­so­nell, mate­ri­ell aber viel wich­ti­ger auch: sym­bo­li­sch)?
  • War­um wird das nicht ver­hin­dert?

Wei­te­re Neben­zie­le sind Brü­cken oder Klam­mern zwi­schen stra­te­gi­scher und ope­ra­ti­ver Ebe­ne, die die­se Tools (hof­fent­li­ch) bereits in ihre Lebens­rea­li­tät inte­griert haben, um die dazwi­schen lie­gen­den tak­ti­schen Führungs-Ebenen dar­an zu hin­dern, den Dschagannath-Wagen auf­zu­hal­ten (um nun auch noch Ant­hony Gid­dens ein­zu­brin­gen) und damit die­se häre­ti­schen Akti­vi­tä­ten im Soci­al Web zu unter­bin­den.

Zur Social Media Policy der Caritas

Auf­grund der Situa­ti­on – ich gebe es zu – habe ich ein wenig eine Beiß­hem­mung. Daher erlau­be ich mir, statt kri­ti­scher ex Kathe­dra Blog­ge­rei (das bedeu­tet bei kirch­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen wohl etwas ande­res, fürch­te ich) eines so genann­ten Exper­ten stel­le ich eini­ge Fra­gen, die ich auch für das ÖRK nicht alle beant­wor­ten könn­te:

  • Ist vor­lie­gen­der Text eine Poli­cy oder ein Stra­te­gie­pa­pier?
  • Trifft der Text die Bedürf­nis­se der Ziel­grup­pe, oder die Bedürf­nis­se des beschlie­ßen­den Gre­mi­ums?
  • Ist der Text offen for­mu­liert, schließt also mög­li­che zukünf­ti­ge Ver­än­de­run­gen mit ein, oder ist er eine Art geschlos­se­ne „Anlass­text­dich­tung“?
  • Ist der Text frei von euphe­mi­sie­ren­den Phra­sen und Gemein­plät­zen der Social-Web- Bericht­erstat­tung in den Medi­en?
  • Geht es wirk­li­ch um einen „orga­ni­sa­tio­nal shift“ im Sin­ne des Auf­lö­sens ver­krus­te­ten (Kommunikation-) Struk­tu­ren?

Ger­ne ver­wei­se ich auch noch auf die kri­ti­sche Ana­ly­se der Caritas-SMP durch Han­nes Jäh­nert (ist der eigent­li­ch in jedem mei­ner Blog­posts ver­linkt? Woll­te ich nicht frü­her immer bes­ser einen Bourdieu-Verweis machen?)

Abschlies­send noch ein Lob: Ich den­ke, die gemein­sa­me Erar­bei­tung einer Soci­al Media Poli­cy per se ist der­ar­tig wich­tig, um inter­ne Decision-Maker auf das The­ma zu sen­si­bi­li­sie­ren, dass der Inhalt eigent­li­ch nur sekun­där ist. Auch die kon­struk­ti­vis­ti­sche Wir­kung wird durch den inhalt nur sekun­där beein­flußt. Daher fin­de ich den Schritt der Deutsch-Sprachigen Cari­tas Ver­bän­de sehr mutig und bin auf das Gesamt­er­geb­nis mehr als neu­gie­rig!