Leinen los..

  wp_20161110_16_19_34_proEin drittes und letztes Mal geht es heuer ans internationale Helfen. Immer wieder ist es ein schönes und doch auch komische Gefühl wegzugehen. Der letzte Einsatz hat es in sich.

Die Responder

Die „Responder“ ist ein Schiff, dass seit einigen Monaten im Mittelmeer seinen Dienst versieht. Ziel ist es, in Seenot geratene Menschen vor dem sicheren Tod zu retten. Offiziell kann es bis zu 350 Menschen transportieren. Der letzte Hafen wurde mit etwa 700 angelaufen. Das wären 700 Menschen, von denen man nie wieder etwas gehört hätte, die einfach gestorben wären. Gesamt wurden seit Ende Juli über 5.000 Menschen vor dem sicheren Tod gerettet.

„Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.“ So schrieb schon Hippokrates. Daher war es selbstverständlich, dass ich auf Anfrage des Roten Kreuzes gerne dieses Schiff bestiegen habe.

Malta

Am Sonntag Nachmittag war es soweit. Zwei Stunden Flug sind sehr ungewöhnlich fuer einen Einsatz. Haiti, Indonesien oder Sierra Leone waren dann doch weiter entfernt. Sogar nach Idomeni betrug die Fahrzeit damals mit PKW knapp 10 Stunden.

Am Montag wurden dann die ersten Briefings durchgeführt. An sich war geplant, am Montag Abend bereits die Responder zu besteigen, um wieder abzufahren. Da diese aber gerade auf dem Weg nach Brindisi war, verzögerte sich die Ankunft um 2 Tage.

Diese nutzten wir, um uns im Team untereinander vertraut zu machen. Eleonore, eine schwedische Krankenschwester, Johanna, eine isländische und Thorir ein Kollege aus Island komplettieren mit Abdel, unserem italienischen Teamleader unser Team.

wp_20161111_15_01_31_proGemeinsam mit MOAS, einer Organisation, die bei uns an Bord für die eigentliche Seerettung verantwortlich ist, werden wir das Schiff schon schaukeln.

Kim, die letzte Ärztin am Schiff, berichtete von ihren Erlebnissen, den beiden Freunden seit Kindertagen, die irgendwo aus Zentral-Afrika flüchteten, von Menschenhändlern gefangen wurden, nach zwei Jahren auch von diesen flüchten konnten und durch die Responder gerettet worden waren. Am Schiff erlitt einer der beiden einen epileptischen Anfall. Da unklar war, warum dieser aufgetreten war, wurde beschlossen, ihn zu evakuieren. Obwohl Kim, nachdem sie die Lage der beiden Freunde erklärt hatte, zugesichert worden war, dass die beiden gemeinsam evakuiert werden könnten, wurden sie getrennt. Einer sitzt nun auf Malta fest, der andere in ItalienSehr emotional erzählte sie, dass sie sich vorgenommen hatte, auf dieser Mission nicht zu weinen. Aber da konnte auch sie nicht mehr anders…

Gefahr durch Chemikalien

Peter, ein britischer MOAS Kollege erzählte, wie die Schiffe von Lybien starten, man den Menschen erzählte, dass es zur Küste etwa 100 Meilen wäre. In Wirklichkeit sind es 300 Meilen. Ein Schiff kommt aber keine 100. Der Sprit wird mit Chemikalien versetzt, um die Oktanzahl und damit die Verbrennungsleistung zu erhöhen. Viele Menschen erleiden Vergiftungen  und sterben aufgrund der Dämpfe. Ihn selbst habe es bei einer Rettung auch erwischt. Er wisse noch, dass er 3 Menschen aufs Boot geholfen habe, dann sei alles schwarz geworden….

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MIt diesen beiden Booten werden Schiffbruechige gerettet

Während wir Gäste an Bord haben, müssen wir an Deck IMMER feste Schuhe, eine Schwimmweste und einen Helm tragen. Dies hat Peter auch das Leben gerettet. Menschen haben oft Verätzungen an Armen, Beinen und am Gesäß, weil sie im Sprit sitzen…Ein Mann hatte Verbrennungen von 50% der Hautoberfläche…

Mit diesen Hintergrundinformationen ging es heute auf hoher See zum 1. Training. Der Ablauf einer Bergung wurde durchgegangen. Rettungsringe, aufblasbare Gegenstände, an denen sich Menschen anhalten können, gezeigt. Die Notfallsignale wurden durchgegangen. Es gibt viele Regeln und Verbote- jede und jedes zu unserem Wohl. Keine Messer mit einer Klinge, die länger als 6cm ist sind erlaubt, Macheten und ähnliches sowieso nicht. Rauchen für das Personal nur an wenigen Stellen, für Flüchtlinge nicht erlaubt. Auch hier geht es wieder darum, dass evt. Menschen in Kleidung mit Chemikalien herum laufen. Diese könnte Feuer fangen.

Jean, der Vizekapitän und MOAS Chef am Schiff meinte, er habe vor wenigem Angst, aber vor Feuer an Bord hatte jeder Seemann Angst.

Weniger Ausstattung als ein Notarztwagen

Unser bzw. mein Reich ist der Sanitätsraum. Ein Raum mit einem Krankenbett, Medikamenten und den wichtigsten Dingen. Die Ausstattung ist weit entfernt von einem durchschnittlichen Notarztwagen in Österreich. Die Medikamente gegen Schmerzen, viele gegen Übelkeit, Antibiotika, Notfallmedikamente, wie Adrenalin oder Insulin sind sehr begrenzt. Einen Defi, wie im normalen Rettungswagen, zwei Sauerstoffflaschen etwas zum Intubieren, was zum Nähen. Viel mehr ist da nicht.

Wie haben diskutiert, ob und in welchem Ausmaß wir Menschen wiederbeleben. Natürlich will man das, wir sind aber nicht darauf ausgelegt, einen Menschen wie auf einer Intensivstation am leben zu halten. Die Entscheidung, wann wir aufhören obliegt mir. Ich hoffe, ich muss sie in diesem Einsatz nicht treffen, werde aber auch nicht zögern das zu tun, was ich für richtig halte..

Ich freue mich, dass ich zwei sehr erfahrene Krankenschwestern an meiner Seite habe. Mit ihnen wird alles leichter werden.

Heute Abend werden wir noch eine Übung haben, danach werden wir die Plastikpaletten an Deck verteilen. Wenn die See unruhig ist, schwappt oft Wasser an Deck. Wir wollen aber nicht, dass die Menschen im Nassen sitzen, daher kann das Wasser unter den Paletten entlang laufen und die Menschen sind geschützter.

Sobald wir Menschen am Schiff haben, werden sie mit Rettungsdecken gegen Wärmeverlust, Wasser und Keksen versorgt. Es gibt dreimal täglich Kekse, eintönig, aber innerhalb von max. 48 Stunden haben sie Festen Boden unter den Füßen. Für Babies haben wir ein paar Gläser Babynahrung.

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seit 2007 immer dabei: JAMES

Morgen Früh werde wir das Einsatzgebiet erreicht haben. Dann wird uns vermutlich auch die erste Bergung haben- meistens so gegen 5 oder 6 Uhr morgens.

Es ist, wie immer, eine Mischung auf Vorfreude und Knödel im Magen… Aktion Menschen retten. Ich werde noch weitere Blogs schreiben zu finden unter reiseimpfungen-wien.at und auch hier beim Roten Kreuz

Immerhin ist die See dzt ruhig und mein Magen freut sich. Sogar Delfine konnten wir heute beim Training sehen.

Ab morgen weht ein rauherer Wind…

Aus Liebe zum Menschen und großem Respekt vor dem Leben….

 

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