Verwendung von Schockbildern – Heiligt der Zweck die Mittel?

Zehn The­sen, um sie an eine Redak­ti­ons­tür zu nageln.

  1. Dramatische Bilder verwenden, oder lieber doch CatContent?

    Dra­ma­ti­sche Bil­der ver­wen­den, oder lie­ber doch Cat­Con­tent?

    Wenn Nik­las Luh­mann ein­st gesagt hat, „Was wir über unse­re Gesell­schaft, ja über die Welt, in der wir leben, wis­sen, wis­sen wir durch die Mas­sen­me­di­en“, so hat er auch das Feld defi­niert, in dem wir uns heu­te bewe­gen. Eine höchst kon­struk­ti­vis­ti­sche Per­spek­ti­ve auf die Rea­li­tät, die durch den Mikro­aus­schnitt als Bild noch rea­ler anmu­tet. So real, wie Kin­der, Mäd­chen und Hun­de sind, die sich der/dem geschätz­ten Boulevard-Leser/in Tag für Tag vor dem Auge prä­sen­tie­ren, so real muss alles wer­den, das in die iko­ni­sche Wirk­lich­keit Ein­gang fin­den soll. Kein Facebook-Portrait eines jun­gen Mäd­chens kann sich heu­te dem Anorexie-Paradigma ent­zie­hen, an dem es von sei­nen Peers gemes­sen wer­den wird.

  2. Bil­der sind jedoch auch Anknüp­fungs­punk­te für Gefüh­le, Tür­öff­ner für die Gedan­ken der Rezi­pi­en­tin­nen und Rezi­pi­en­ten. Wenn man nun ver­sucht die­ses eine Bild zu nüt­zen das man hat, die­se Zehn­tel­se­kun­de Auf­merk­sam­keit, die einem geschenkt wird, in Empa­thie des Betrach­ters für ande­re Men­schen zu ver­wan­deln. Daher muss die­ses eine Bild gut gewählt sein: Anschluss­fä­hig­keit, an kul­tu­rel­le Phä­no­me­ne ist ein wesent­li­cher Fak­tor. Emo­tio­na­li­sie­rung und eine gan­ze Geschich­te – Kon­den­siert in einen ein­zi­gen Moment ist eine wei­te­re Eigen­schaft eines guten Bil­des.
  3. So wie es zum guten Beneh­men gehört, manch­mal ein wenig von der „Norm“ abzu­wei­chen, so wie ein guter Musi­ker erst dann per­fekt ist, wenn man ihn hört, weil er abweicht, so gilt das auch für die wirk­li­ch guten Bil­der: Abwei­chen von der Norm, Abwei­chen vom gol­de­nen Schnitt, von der gebo­te­nen Schär­fe. Schock­ef­fekt, aber gezähmt, sozu­sa­gen gesell­schaft­li­ch akzep­tiert, als Mit­tel zum Zweck. Die Taferln des Jörg Hai­der waren in den 1990ern die­ser Schock­ef­fekt. In den 1950ern der Biki­ni, in den 1960ern der Mini-Rock. Heu­te läuft der Dis­kurs auf ande­rer Ebe­ne. Die Fra­ge ist, was als ver­stö­rend wahr­ge­nom­men wird, wo die Gren­zen lie­gen. Das ist ein kul­tu­rel­les Phä­no­men: ver­stö­ren doch Bil­der von ruhi­gen Alm­wie­sen, Kühen und Men­schen in alpi­nes­quer Tracht die urba­nen Hips­ter heu­te mehr, als Hardcore-Pornographie (und umge­kehrt)…
  1. Für das Rote Kreuz steht die Men­schen­wür­de im Mit­tel­punkt. Wenn wir uns „Aus Lie­be zum Men­schen.“ Als zen­tra­le Leit­idee ins Logo täto­wie­ren, so ist klar, wo unser Fokus liegt. Bil­der, die das Rote Kreuz zeigt, wer­den immer den Men­schen zei­gen. Den Men­sch in sei­ner Wür­de, mit sei­nen Schwä­chen. Was wir zei­gen: Den Men­schen, der Hil­fe braucht, den Men­schen, der Hil­fe gibt. Das ist die Rea­li­tät, mit der die huma­ni­tä­ren Hel­fer des Roten Kreu­zes tag­täg­li­ch kon­fron­tiert sind.
  2. Wenn Jour­na­lis­ten nun zum Nach­den­ken anre­gen wol­len, wenn sie einen Dis­kurs ansto­ßen wol­len, dann bedarf es mit Sicher­heit auch des scho­ckie­ren­den Bil­des. Frau Mer­kel hat die Asyl­po­li­tik nicht ver­än­dert, weil zehn­tau­sen­de anonym im Mit­tel­meer ertrun­ken sind, weil das Mit­tel­meer zum größ­ten afri­ka­ni­schen Fried­hof wur­de. Ein ein­zi­ger leb­lo­ser Leich­nam des fünf­jäh­ri­gen Aylan aus Koba­ne, ertrun­ken Anfang Sep­tem­ber unter­wegs von der Tür­kei nach Grie­chen­land, den ein Tür­ki­scher Gen­darm getra­gen hat, hat dazu geführt dass sich in ganz Euro­pa die Stim­mung ver­än­dert hat. Viel­leicht so, wie das Bild von Kim Phúc, die ein­st auf nackt der Flucht vor den Napalm-Bomben in Viet­nam foto­gra­fiert wur­de. Auch die­ses Bild hat Poli­tik gemacht, hat schluss­end­li­ch mit dazu geführt, dass die Stim­mung in den USA gegen den Viet­nam Krieg umge­schla­gen ist.
  3. Die Moti­va­ti­on zum Hel­fen, zum Blut- Zeit- und Geld­spen­den ist nie das ver­stö­ren­de Bild, das die Gren­zen über­schrit­ten hat. Die­se Iko­no­gra­phie lähmt, macht hoff­nungs­los und hemmt empa­thi­sches Ver­hal­ten. Es mag zwar nach Machia­vel­li der Zweck die Mit­tel hei­len, doch wenn die Mit­tel nicht funk­tio­nie­ren ist auch der Zweck ver­fehlt. Wir­kung ist das Maß aller Din­ge, auch bei der Wahl der Fotos.
  4. Der Kon­text kann sich ändern. In einer Gesell­schaft die in ihrem Medi­en­nut­zungs­ver­hal­ten noch sie so on time war wie jetzt ( es sei dahin gestellt ob dies gut oder schlecht ist), kann sich der Kon­text inner­halb kür­zes­ter Zeit ändern – ob nun in Minu­ten oder Tagen. Es zahlt sich also aus wie­der­holt einen Bli­ck auf Din­ge, Gescheh­nis­se und auch Fotos zu wer­fen. Ein Bild eines leb­lo­sen Kin­des hat heu­te eine ande­re Bedeu­tung und Wir­kung als Anfang August.
  5. In Zei­ten der mul­ti­me­dia­len sozia­len Netz­wer­ke ist auch der Bubble-Algorithmus von Facebook&Co rele­vant. Con­tent, beson­ders wenn es sich um Bil­der (noch bes­ser: Videos!) han­delt muss teil­bar sein und den Netz­werk­kon­tak­ten (so etwas wie eine Ziel­grup­pe, nur basie­rend auf einem Netz­werk) gefal­len. Er muss kurz­wei­lig oder zumin­dest rasch in sei­ner Gesamt­heit erfass­bar sein, dann kann er auch geteilt wer­den. Oder kurz: short, shareble, „scheh“ (von schön, um der Alli­te­ra­ti­on zu genü­gen)
  6. Zwi­schen dem Foto­gra­fen vor Ort und dem Rezi­pi­en­ten sind meh­re­re Ebe­nen an jour­na­lis­ti­sch, kul­tu­rell und auch sozi­al ein­ge­bet­te­ten Exper­ten – so genann­te Gate­kee­per – ein­ge­schal­tet, die jeweils bewusst ent­schei­den müs­sen, ob sie die Bil­der wei­ter­lei­ten oder nicht. Die Ver­wen­dung der Bil­der ist daher – zumin­dest was die Medi­en betrifft, aber auch bei NGOs, Hilfsorganisationen&Co – immer inten­diert und dient daher einem Zweck. Man darf sich daher immer fra­gen: „Cui bono?“, also wer hier wel­ches Inter­es­se hat.
  7. Die Gegen­be­we­gung zu den scho­ckie­ren­den Bil­dern erfreut sich auch gro­ßer Beliebt­heit. #cat­con­tent ist nicht nur ein Phä­no­men der neu­en Bie­der­mei­er­lich­keit, son­dern zeigt eben jene Mecha­nis­men auf, die in den sozia­len Netz­wer­ken rele­vant sind, die man als #memes bezeich­net.