Braucht es eine #Obergrenze für Flüchtlinge?

Zonengrenze bei Heldra 1952

Wenn ein Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat im Mor­gen­jour­nal für eine „Ober­gren­ze“ von Asyl­wer­ber ein­tritt, die er aus dem Sta­tus Quo der von Bund, Län­dern und Gemein­den erricht­ba­ren Quar­tier­ka­pa­zi­tä­ten unter Berück­sich­ti­gung von tech­ni­schen Para­me­tern errech­nen will, so stel­le ich mir die Fra­ge, was hier gen­au gemeint sein kann und wel­che Wir­kun­gen dadurch erreicht wer­den könn­ten.

Rotes Kreuz als humanitärer Watchdog?

In einem Video „Auf ein Wort …“ hat Rotkreuz-Generalsekretär Dr. Wer­ner Kersch­baum meh­re­re Fra­gen gestellt und auch die Rotkreuz-Positionen dazu ein wenig erläu­tert.

Das Rote Kreuz muss sich in sol­che poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen ein­mi­schen, wenn es um Men­schen geht, die in Not sind. Das ist defi­ni­tiv kei­ne par­tei­po­li­ti­sche Ein­mi­schung, die auch im Sin­ne der Neu­tra­li­tät des Roten Kreu­zes gar nicht mög­li­ch ist, es geht um gesell­schafts­po­li­ti­sche Inter­ven­tio­nen im Sin­ne von anwalt­schaft­li­chem Han­deln für beson­ders schutz­wür­di­ge Grup­pen in der Gesell­schaft.

Im Sin­ne einer huma­ni­tä­ren, das heißt mensch­li­chen, Per­spek­ti­ve des Roten Kreu­zes für eine Ober­gren­ze an Flücht­lin­gen soll­ten wir uns drei Fra­gen­kom­ple­xe stel­len:

  1. Was ist grund­sätz­li­ch damit gemeint. Meint man eine täg­li­che, wöchent­li­che, monat­li­che Ober­gren­ze an Flücht­lin­gen, die ins Land dür­fen? Erfasst die Ober­gren­ze, alle – auch min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge? Kann es dabei auf­grund einer Ober­gren­ze dazu kom­men, dass Fami­li­en getrennt wer­den, das muss aus huma­ni­tä­rer Sicht klar abge­lehnt wer­den. Wer ent­schei­det über sol­che Gren­zen, gilt sie für meh­re­re Jah­re?
  2. Inwie­weit bewegt sich eine Ober­gren­ze an Flücht­lin­gen auf Recht­staat­li­chen Grund­la­gen? Spe­zi­ell das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht ist hier im Fokus des Roten Kreu­zes: Wäre eine Ober­gren­ze im Ein­klang mit der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on? Höchst­gren­zen sind dort eigent­li­ch nicht vor­ge­se­hen.
  3. Der wesent­lichs­te Fra­gen­kom­plex aus Sicht des Rotkreuz-Generalsekretärs ist die Fra­ge der tat­säch­li­chen Aus­wir­kun­gen einer der­ar­ti­gen Ober­gren­ze. Spe­zi­ell natür­li­ch im Hin­bli­ck auf die Ziel­grup­pe der beson­ders Schutz­be­dürf­ti­gen. Was sind die Wir­kun­gen einer der­ar­ti­gen poli­ti­schen Ent­schei­dung auf die Lebens­qua­li­tät der Flücht­lin­ge? Wird sie ver­bes­sert? Wer­den dadurch in den Kri­sen­re­gio­nen weni­ger Flücht­lin­ge sein, wer­den weni­ger Flücht­lin­ge nach Euro­pa kom­men?

Die­se Fra­gen sind wich­ti­ge und wesent­li­che Per­spek­ti­ven auf die Dis­kus­si­on, gleich­zei­tig muss man die inner­ge­sell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen der Inte­gra­ti­on und Inklu­si­on beach­ten. Es geht um Lebens­qua­li­tät für Men­schen die benach­tei­ligt sind. In die­sem Sin­ne ver­steht sich das Rote Kreuz als hoch­po­li­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on, in der Wei­se, dass Rah­men­be­din­gun­gen aktiv beein­flusst wer­den, die bestim­men, wie Men­schen fried­voll mit­ein­an­der zusam­men­le­ben kön­nen.

Lokal, regional international

Das Rote Kreuz ver­sucht im Rah­men die­ser Dis­kus­si­on als inter­na­tio­na­le huma­ni­tä­re Bewe­gung immer alle Per­spek­ti­ven und Wir­kun­gen zu sehen. Nicht zuletzt sind es die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter des Roten Kreu­zes (und Roten Halb­mon­des), die auf­grund die­ser Arbeit das Ver­trau­en aller genie­ßen. Sei es vor Ort in Syri­en, wo Hilfs­kon­voys in bela­ger­te Städ­te orga­ni­siert und durch­ge­führt wer­den, oder in den Flücht­lings­la­gern im Liba­non, der Tür­kei, in Arme­ni­en.

Interdependenz statt Sozialmechanizismus

Gen­au die­se ganz­heit­li­che Per­spek­ti­ve ver­mis­se ich im Moment in der Dis­kus­si­on, denn wir leben ja nicht in einer eige­nen abge­schlos­se­nen Welt aus Mozart­ku­geln, Lipiz­za­nern und Schi­welt­cup­sie­ge­rIn­nen, die man von außen wie eine Schnee­ku­gel in die Küchenk­re­denz stellt. Öster­reich ist Teil von grö­ße­ren Staa­ten­ge­mein­schaf­ten, sei es zunächst der Schengen-Raum, der eige­ne poli­ti­sche und vor allem technisch-administrative Richt­li­ni­en zum The­ma Grenz­kon­trol­len und dem Umgang mit Flücht­lin­gen bzw. Asyl­wer­bern hat, oder die Euro­päi­sche Uni­on bzw. auch die UN. Soli­da­ri­tät zwi­schen unter­schied­li­chen Staa­ten und Gesell­schaf­ten ist hier genauso gefragt, wie die Beob­ach­tung der Aus­wir­kung die­ser star­ken sozia­len Ver­än­de­run­gen auf die eige­nen Siche­rungs­sys­te­me.

Natür­li­ch gibt theo­re­ti­sch wie prak­ti­sch es so etwas wie ein Erschöp­fungs­syn­drom einer Gesell­schaft, wenn die Resi­li­enz nicht aus­reicht, da darf man nicht blau­äu­gig sein. Gesell­schaf­ten hal­ten im All­ge­mei­nen aber eini­ges mehr aus, als man ihnen zutraut. Resi­li­enz heißt die­ses Phä­no­men. Doch sogar der Liba­non funk­tio­niert als Staat noch, obwohl 1,8 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge aus Syri­en vor Ort sind, bei einer Bevöl­ke­rung von 4,8 Mil­lio­nen Men­schen.

Die Gren­zen der Gesell­schaft, die die­se Vul­nera­bi­li­tät aus­macht, las­sen sich mei­ner Mei­nung nach nicht mit einer simp­len tech­ni­schen Ober­gren­ze fixie­ren, denn das Gan­ze ist ein dyna­mi­scher Pro­zess. Hier machen tech­ni­sche und pro­ba­bi­lis­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­sen kei­nen Sinn. Die Resi­li­enz­me­cha­nis­men in unse­rem kom­ple­xen und inter­de­pen­den­ten Sozi­al­sys­tem funk­tio­nie­ren anders: Nicht wie bei einem Kübel Was­ser, der nach 10 Litern gefüllt ist – und dann geht echt nichts mehr hin­ein, son­dern im Sin­ne eines dyna­mi­schen hoch­kom­ple­xen Sys­tems, bei dem jede neue Per­son mit ihren Fähig­kei­ten und Bei­trä­gen selbst die Gesell­schaft ver­än­dert. Wis­sen schon die Öko­no­men nicht, wie sich die Situa­ti­on auf die Wirt­schaft aus­wirkt, und das ist noch einer der ein­fachs­ten Berei­che des sozia­len Sys­tems– weil ein­di­men­sio­nal wir­kungs­ori­en­tiert.

Lösung? Fehlanzeige: Diskurs.

Was man aus mei­ner Sicht tun kann ist Sekun­där­pa­ra­me­ter her­zu­zie­hen, die die Wir­kung inner­halb der Gesell­schaft anzei­gen. Dafür muss man gemein­sam geeig­ne­te Indi­ka­to­ren und ihre Gren­zen defi­nie­ren. Es braucht also mehr Dis­kurs in die­ser Sache, mit Sach­ver­stand und gegen­sei­ti­gem Ver­ständ­nis und nicht noch mehr Pole­mik.