Wenn Philosophen essen oder vom Staatsversagen in die Föderatur?

Kurz nach Erdrutsch-artigen Wahl­er­geb­nis­sen fin­den aller­orts Scher­ben­ge­rich­te statt, die die­ses und jenes als Grund sehen, war­um das Ergeb­nis so oder so aus­ge­gan­gen ist. Die meis­ten Augu­ren lie­gen dabei aller­dings aus zeit­ge­schicht­li­cher Per­spek­ti­ve betrach­tet genauso rich­tig, wie die Chemtrails-Befürchter, weil die Blick­win­kel viel zu ope­ra­tiv und damit die Argu­men­ta­ti­ons­ket­ten zu klein­tei­lig sind.

Kri­sen sei­en Zei­ten des Wan­dels, der Chan­cen für Ent­wick­lun­gen, sagen Management-Theoretiker. Aber sind es nicht gera­de jene Pro­phe­ten des kurz­fris­ti­gen Pro­fits, die zu poli­ti­schem Aktio­nis­mus füh­ren? Wann die kur­ze Wirkungs-Frist des Neo­li­be­ra­lis­mus durch per­ma­nen­te Aus­wei­tung der Gültigkeits-sphären die­ser Ideo­lo­gie auch die Poli­tik erreicht hat, kann man nicht gen­au abgren­zen, das post­mo­der­ne „any­thing goes“ hat die­se Ent­wick­lung wohl mas­kiert. Fakt ist, dass Poli­ti­ker in ihren Ide­en nicht mehr in Gene­ra­tio­nen den­ken, son­dern in Wahl­zy­klen und damit vom zeit­li­chen Blick­win­kel dem Manage­ment gleich gestellt ist.

Betrach­tet man das kol­lek­ti­ve Staats- und Poli­tik­ver­sa­gen in Öster­reich auf allen Ebe­nen der Ver­wal­tung, also die Inkom­pe­tenz auf Bundes-, auf Landes- und auf Gemein­de­ebe­ne gar nicht so gro­ße Pro­ble­me unse­rer Zeit, Fra­gen wie die Unter­brin­gung tau­sen­der Men­schen (vie­le davon unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge) ange­mes­sen, mensch­li­ch und zeit­nah zu lösen, so erkennt man, wor­auf ich hin­aus will. Wenn die Öster­rei­chi­sche Bun­des­ver­fas­sung die Sub­si­dia­ri­tät als Kern­ele­ment der Ver­wal­tung beschreibt, also jene Behör­den und poli­ti­sche Gre­mi­en mit der Durch­füh­rung von Staats­auf­ga­ben betraut wer­den, die auf der unters­ten Ebe­ne dafür zustän­dig sind, dann ist das nicht nur ein Recht. Viel­mehr ist damit auch die Pflicht ver­bun­den, die­se Auf­ga­ben zu erfül­len. Erfüllt wer­den die­se Auf­ga­ben aller­dings nicht.

Das The­ma Unter­brin­gung von Asyl­wer­bern zeigt, mei­ner Mei­nung nach aller­dings bloß als Sym­ptom, dass es drin­gend eine Ver­än­de­rung in der Ver­wal­tung geben muss, die sich dem sozia­len Wan­del anpasst. Dafür braucht es Ermög­li­che­rIn­nen und Ent­schei­de­rIn­nen an den Schalt­stel­len, kei­ne Ver­wal­ter und Ver­hin­de­rer. Dafür braucht es Empa­thie und Ver­ständ­nis für die Kli­en­tIn­nen, Bür­ge­rIn­nen und Kun­din­nen, nicht bloß Gleich­heit des nor­men­un­ter­wor­fe­nen Indi­vi­du­ums vor dem Gesetz.

Die Mor­bus Föde­ra­lis in Öster­reich führt im Moment zu einem Dead­lo­ck der Ver­wal­tungs­ebe­nen, jeder meint, jemand ande­rer wäre für die Lösung zustän­dig blo­ckiert aber trotz­dem durch sei­ne Untä­tig­keit die Wir­kungs­macht ande­rer. Das so genann­te Phi­lo­so­phen­pro­blem (dining phi­lo­so­phers pro­blem) ist ein Fall­bei­spiel aus der theo­re­ti­schen Infor­ma­tik, das zeigt, wie Sys­te­me, die eigent­li­ch gut funk­tio­nie­ren in man­chen Zustän­den dys­funk­tio­nal wer­den: Fünf Phi­lo­so­phen sit­zen am run­den Tisch, jeder vor sich einen Tel­ler Spa­ghet­ti. Zwi­schen den Tel­lern liegt je eine Gabel. Als wohl­er­zo­ge­ne Men­schen brau­chen Phi­lo­so­phen zum Essen der Spa­ghet­ti zwei Gabeln. Das Sys­tem funk­tio­niert so lan­ge gut, so lan­ge meh­re­re der Den­ker mit phi­lo­so­phi­schem Dis­kurs und Gespräch beschäf­tigt sind und nur Ein­zel­ne Essen. Wenn alle gleich­zei­tig ihre rech­te Gabel neh­men, dann ver­hun­gern sie vor den vol­len Tel­lern.

Die der­zei­ti­gen Dis­kus­sio­nen – nein die feh­len­den Lösun­gen für die­se sim­ple Auf­ga­be – rund um die Unter­brin­gung von Asyl­wer­bern (und in Fol­ge von aner­kann­ten Flücht­lin­gen) in Öster­reich sind gen­au in die­sem Dilem­ma. Jeder hält die Gabel in der Hand und ver­hin­dert damit eine Lösung des Pro­blems. Das ein­zi­ge was man dar­aus lernt: für ein Phi­lo­so­phen­pro­blem braucht es kei­ne aka­de­mi­sche Intel­li­genz, das schaf­fen auch unaus­ge­bil­de­te. Die Infor­ma­ti­ker haben für sol­che Pro­ble­me Lösun­gen gefun­den, schaf­fen wir das in der Poli­tik auch, oder gesellt sich zum Markt- und Staats­ver­sa­gen auch ein kom­plet­tes Ver­sa­gen der Zivil­ge­sell­schaft?

Viel­leicht ist es jetzt an der Zeit end­li­ch zu agie­ren, eine gemein­sa­me und akkor­dier­te Stra­te­gie der Repu­blik Öster­reich mit allen Ver­wal­tungs­ebe­nen und der Zivil­ge­sell­schaft zu ent­wi­ckeln, wie man mit dem ver­än­der­ten Rah­men­kon­text in einer kom­ple­xe­ren und kon­flikt­rei­che­ren Welt umgeht. Es braucht, so sagt das Gene­ral­se­kre­tär Wer­ner Kersch­baum, einen Natio­na­ler Akti­ons­plan Asyl, der berück­sich­tigt, dass pro Jahr bis zu 70.000 Per­so­nen nach Öster­reich kom­men, der mit­denkt, dass unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge einen beson­de­ren Schutz genie­ßen. Ein Plan, der gemein­sam ent­wi­ckelt und gemein­sam umge­setzt wird, über die Gren­zen der Stu­fen unse­rer Rechts- und Ver­wal­tungs­ord­nung, stra­te­gi­sche Zie­le, die von allen geteilt wer­den, um gemein­sam an unser aller Zukunft zu arbei­ten und nicht gegen irgend­wel­che Dys­to­pi­en. Die Alter­na­ti­ve, wenn man kei­nen „star­ken Mann” mag, der auch nichts zu Lösen imstan­de ist?

Eine Föde­ra­tur, die man hin­sicht­li­ch ihrer Inte­gra­ti­on mit dem Euro­pa im drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg ver­glei­chen kann, nur noch pro­vin­zi­el­ler …