Herr Kaiser, was ist das Rettungs-Verbundsystem?

D.I. Peter Kaiser ist Landesgeschäftsführer des Roten Kreuzes in Niederösterreich

D.I. Peter Kaiser ist Landesgeschäftsführer des Roten Kreuzes in Niederösterreich

Das Österreichische Rote Kreuz als flächendeckend anerkannte Rettungsorganisation betreibt 85 % des Rettungsdienstes in Österreich im sogenannten „Rettungs-Verbundsystem“, bestehend aus Notfallrettung und Sanitätseinsätzen. Der Vorteil für  die Patienten: Bei Notfallrettung und Sanitätseinsätzen werden professionell ausgebildete Rettungssanitäterinnen und -sanitäter eingesetzt. Die Notfallrettung ist der kostenintensive Teil dieses Pakets und in den meisten Bundesländern nur im Verbund mit Sanitätseinsätzen finanzierbar. Dieses System ist nicht nur die volkswirtschaftlich günstigste Betriebsform, es ist auch die qualitativ hochwertigste. Und die Bedürfnisse verletzter und erkrankter Menschen sind das einzige wirkliche Kriterium im Rettungsdienst.

Herr Schöpfer, wer zahlt eigentlich die Rettung?

Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

Die Finanzierung des Rettungswesens ist eine ziemlich komplizierte Sache. Grob unterscheidet man drei Zahle:

Erstens die Krankenkassen: Sie schließen Verträge mit den Rettungsorganisationen. Die Tarife sind aber weder kostendeckend noch aufwandsgerecht. Denn das Tarifsystem ist veraltet: Kilometerleistungen werden „belohnt“, Notarzt- und Rettungseinsätze „bestraft“. Diese überholte Tarifstruktur fördert kommerzielle Unternehmen, die als „Rosinenpicker“ mit Krankentransporten schnelles Geld verdienen und sowohl die teuren Notarztdienste als auch die Nacht und Wochenendeinsätze dem Roten Kreuz überlassen.

Zweitens: Länder und Gemeinden tragen durch den „Rettungs-Euro“ pro Einwohner und die Beistellung von Ärzten zu den Notarzt-Rettungssystemen bei. Drittens erbringt das Rote Kreuz eine beträchtliche Eigenleistung.

Österreichweit bezahlt das Rote Kreuz zwischen 15 und 20 % seines Rettungsdienstes aus eigenen Mitteln, große Teile der Spenden fließen direkt in das Rettungswesen. Würde man noch die freiwillig geleisteten Arbeitsstunden mitberechnen (über 300 Millionen Euro im Jahr 2013), käme sogar eine Rotkreuz-Eigenleistung von durchschnittlich 60 % heraus.

Brauchen wir einen Paramedic?

Ein Interview mit dem Chefarzt des Österreichischen Roten Kreuzes, Dr. Wolfgang Schreiber.

Univ. Prof. Dr. Wolfgang Schreiber, Chefarzt des Österreichischen Roten Kreuzes. Er ist Oberarzt der Universitätsklinik für Notfallmedizin am Allgemeinen Krankenhaus in Wien und ao. Universitätsprofessor an der Medizinischen Universität Wien.

Univ. Prof. Dr. Wolfgang Schreiber, Chefarzt des Österreichischen Roten Kreuzes. Er ist Oberarzt der Universitätsklinik für Notfallmedizin am Allgemeinen Krankenhaus in Wien und ao. Universitätsprofessor an der Medizinischen Universität Wien.

Manche Politiker sehen in der Änderung bei den Notärztinnen und -Ärzten Potential zur Eindämmung des Ärztemangels in den Spitälern, wie sieht das der Chefarzt der größten Rettungsdienst-Organisation?

Prof. Schreiber: Aktuell sehe ich keine Notwendigkeit, das in Österreich über die letzten Jahrzehnte gut funktionierende Gesamtkonzept des (Not-) Arzt gestützten Rettungsdienstes in Frage zu stellen und den Notarzt durch einen Paramedic zu ersetzen. Als Grund für diese Diskussion wird der Mangel an Notärzten genannt. Bei der im internationalen Vergleich hohen Arztdichte in Österreich kann das wohl nur ein relativer Mangel im Sinne eines Verteilungsproblems sein. In der Tat haben sich in den letzten Jahren die Rahmenbedingungen für die Tätigkeit als Notarzt außerhalb eines regulären Dienstverhältnisses (das sind sicher mehr als die Hälfte der geleisteten Notarztdienste) durch geänderte Ansichten der Gebietskrankenkassen deutlich verschlechtert, wodurch der Notarztdienst an Attraktivität verliert.

Sollte es tatsächlich trotz Optimierung der Rahmenbedingungen zu einem absehbaren bzw. manifesten Mangel an Ärzten im Rettungsdienst kommen, bedarf es einer umfassenden Diskussion aller beteiligten Strukturen um die Rahmenbedingungen für den Notfallrettungsdienst in Österreich .

Sie sind begeisterter Freizeitsportler. Was wünschen Sie sich, wenn Sie verunfallen?

Prof. Schreiber: Wäre ich ein kritisch verletzter oder erkrankter Patient würde ich mir einen „guten“ (Not-) Arzt – das ist ein Arzt, der seine Erfahrung aus dem klinischen Bereich mit Fingerspitzengefühl unter den erschwerten Bedingungen an einem Notfallort einsetzen kann – wünschen und keinen Sanitäter, Rettungsassistenten, Notfallsanitäter oder Paramedic. Das sehen auch die Österreicherinnen und Österreicher so. In einer repräsentativen Umfrage (market, 02/14) geben 59% der Befragten an, dass sie im Notfall von einem Notarzt und nicht (ausschließlich) von einem Sanitäter mit Notkompetenzen versorgt werden möchten. Kritisch erkrankte oder verletzte Patienten stellen allerdings eine Minorität in der Gesamtheit rettungsdienstlicher Interventionen dar.

Was will die Europäische Union am Rettungsdienst verändern?

Diese Frage wurde mir im aktuellen Henri bereits gestellt und ich stelle den Beitrag gerne hier nochmals in den Blog.

„Die EU will im Grunde gar nichts ändern.“

Der Rettungsdienst wurde in den vergangenen Jahren einfach nicht als das angesehen, was er ist, nämlich eine Leistung der Daseinsvorsorge. Die EU hat ihn vielmehr als Dienstleistung betrachtet, die man vollinhaltlich dem Vergaberecht unterwerfen kann. Die Rettungssysteme gestalten sich in Europa aber sehr unterschiedlich und haben sich historisch aus den Anforderungen und politischen Systemen der Mitgliedsstaaten geformt.

In Österreich wird der Rettungsdienst größtenteils als gemeinnütziges Freiwilligensystem – unterstützt durch berufliche Mitarbeiter und Zivildienstleistende – erbracht. Wir betreiben den Rettungsdienst „aus Liebe zum Menschen“, und nicht, um den Marktanteil zu steigern oder Gewinne zu machen. Beides steht bei kommerziellen Betreibern im Vordergrund. Zusätzlich gibt es in Wien noch das Modell der kommunalen Selbsterbringung. Aber auch da gibt es freiwillige Sanitäterinnen und Sanitäter in den Rettungsorganisationen.

Österreich hat ein qualitativ sehr gutes, flächendeckendes und notarztgestütztes Rettungswesen. Es funktioniert deshalb so gut, weil wir auf ein Verbundsystem bauen: Notfallrettung und Sanitätseinsatz können mit den gleichen Ressourcen sehr schnell und effizient bedient werden. Das hat die EU mittlerweile ebenfalls erkannt und deshalb im aktuellen Vergaberecht eine Bereichsausnahme für den gemeinnützigen Rettungsdienst geschaffen. Jetzt muss diese Regelung nur noch im nationalen Recht verankert werden. Deshalb glaube ich, dass die EU nichts an unserem gemeinnützigen und hervorragend funktionierenden Rettungsdienst ändern will.

Markus Glanzer

Markus Glanzer

Beitrag von Markus Glanzer, Bereichsleiter (acting) Einsatz, Innovation und Beteiligungen im Generalsekretariat des Österreichischen Roten Kreuzes, anlässlich der aktuellen Ausgabe des Henri – Das Magazin, das fehlt. Ausgabe 17/2014 „Wir sind die Rettung!“