Herr Ambrozy, kann die Rettung ohne Freiwillige funktionieren?

Dr. Peter Ambrozy ist Vizepräsident des Österreichischen Roten Kreuzes und Präsident des Rotkreuz-Landesverbands Kärnten

Dr. Peter Ambrozy ist Vizepräsident des Österreichischen Roten Kreuzes und Präsident des Rotkreuz-Landesverbands Kärnten

Wer ein bisschen rechnen kann und einen realistischen Blick für die Budgets der öffentlichen Hand hat, wird merken: Ohne Freiwillige gibt es kein Rettungswesen in Österreich. Bewertet man die Leistung der Freiwilligen nur im Roten Kreuz, kommt ein Betrag von über 300 Millionen Euro im Jahr heraus, den sie erarbeiten. Diesen Betrag erspart sich die öffentliche Hand. Und das alleine im Kernbereich Rettungsdienst und Sanitätseinsätze. Aber auch der Katastrophenhilfsdienst wird von Freiwilligen erbracht, oft sind sie identisch mit jenen im Rettungsdienst. Nach Zugsunglücken, Busunfällen, Lawinenabgängen, also Unglücken mit einer Vielzahl an Schwerverletzten, kommt die Versorgung in der ersten Phase – Verpflegung, Trinkwasser, Unterkunft, Krisenintervention für Betroffene und Angehörige – von Freiwilligen. In entlegenen Gebieten erreichen unsere First Responder in kürzester Zeit auch das hinterste Gehöft. Auch sie sind Freiwillige. Nicht nur die Rettung könnte ohne Freiwillige nicht funktionieren. Am Rettungssystem hängt also eine Reihe anderer wichtiger Versorgungsleistungen für die Bevölkerung, die ohne Freiwillige entweder nicht durchführbar oder nicht finanzierbar wären. Das ist der Öffentlichkeit oft gar nicht bewusst.

 

Herr Reiter, wie lernt man Rettung?

Bernhard Reiter, MAS ist Leiter des Bildungszentrums des Österreichischen Roten Kreuzes

Bernhard Reiter, MAS ist Leiter des Bildungszentrums des Österreichischen Roten Kreuzes

Die Sanitätshilfe wird organisatorisch und medizinisch immer anspruchsvoller. Das ist gut für die Patienten, denn die Frauen und Männer, die wir zu Sanitätern ausbilden, müssen wirklich sehr viel können, bevor sie die Verantwortung in einem Notfall übernehmen dürfen. Die Ausbildung kann ab dem 17. Geburtstag beginnen. Sie startet mit der Feststellung der körperlichen und geistigen Fitness. Diese ist keine Prüfung, sondern eine Art Aufnahmegespräch, meist mit dem Freiwilligenkoordinator. Wir wollen auch ein Führungszeugnis sehen: Eine strafrechtliche Verurteilung wäre ein Verhinderungsgrund, Sanitäter zu werden.

Die erste Ausbildungsstufe ist der Rettungssanitäter. Dafür sind 100 Stunden Theorie und 160 Stunden Praxis erforderlich. Nach einer Zwischenprüfung darf man jedoch schon nach mindestens 26 Stunden Ausbildung im Rettungswagen unterstützend tätig sein. Für den Notfallsanitäter kommen weitere 480 Stunden Ausbildung dazu, darunter ein Krankenhauspraktikum von 40 Stunden. Der Notfallsanitäter darf mit dieser Ausbildung bei notärztlichen Maßnahmen assistieren und bestimmte Rettungstechniken eigenverantwortlich anwenden.

Die höchste Sanitäterkompetenz ist der Notfallsanitäter mit allgemeinen oder besonderen Notfallkompetenzen. Er darf Medikamente verabreichen oder einen venösen Zugang legen – im Rahmen der Notfallkompetenz nach Rücksprache mit dem Notarzt. All diese Kompetenzen sind in Österreich für Freiwillige erreichbar. Zum hauptberuflichen Sanitäter fehlen dann nur noch 40 Stunden, in denen es um nichtmedizinische Themen geht. Medizinisch gesehen haben freiwillige und hauptberufliche Sanitäter in Österreich dieselbe Ausbildung.

Damit ist es noch nicht getan: Unsere Sanitäter sind verpflichtet, sich alle zwei Jahre zumindest 16 Stunden fortzubilden und sich außerdem am halbautomatischen Defibrillator im Rahmen eines Trainings zur Wiederbelebung zu rezertifizieren. Ich bin mit diesen Anforderungen zufrieden, denn so ist sichergestellt, dass im Roten Kreuz nur erstklassig geschulte und aktuell fortgebildete Sanitäter im Einsatz sind. Das geltende Sanitätergesetz ist jedoch schon zwölf Jahre alt. Wir wollen, dass neue medizinische Maßnahmen in die Ausbildung einfließen.

Unsere Vorschläge haben wir dem Gesetzgeber mitgeteilt. Insgesamt sind im Roten Kreuz rund 40.000 Sanitäter aktiv. Wer möchte ausrechnen, wie viele Ausbildungsstunden in unserer bundesweiten Notfallkompetenz stecken?

Herr Schneider, wie aktuell ist die Ausbildung der Sanitäter?

Dr. Bernhard Schneider ist Chefjurist des Österreichischen Roten Kreuzes

Das derzeit geltende Bundesgesetz über Ausbildung, Tätigkeiten und Beruf der Sanitäter (Sanitätergesetz, SanG) ist im Jahr 2002 in Kraft getreten und hat sich seitdem aus der Sicht des Roten Kreuzes im Großen und Ganzen gut bewährt. Nach zwölf Jahren Geltung ist es allerdings erforderlich, das Gesetz an die sich ändernden medizinischen und technischen Rahmenbedingungen im Sanitätsbereich anzupassen. Vorschläge und Anregungen dazu wurden vom Österreichischen Roten Kreuz und anderen Rettungsorganisationen bereits gesammelt, in einem Papier zusammengefasst und dem Bundesminister für Gesundheit übergeben. Damit fordern das Rote Kreuz und die anderen Rettungsorganisationen die Bundesregierung auf, das Sanitätergesetz 2002 ehestmöglich auf möglichen Anpassungsbedarf zu prüfen und die erforderlichen Änderungen vorzunehmen.

Herr Holzer, wie viel Rettung gibt es auf einmal, wenn es darauf ankommt?

Ing. Anton Holzer ist Landesrettungskommandant in Salzburg

Ing. Anton Holzer ist Landesrettungskommandant in Salzburg

Großeinsätze und Katastrophen kommen unerwartet und sind in Auswirkung und Umfang höchst unterschiedlich. Ihre Bewältigung ist nur mit zusätzlichen Einsatzkräften und Einsatzmitteln möglich. Die Stärke des Roten Kreuzes ist seine Fähigkeit, sofort auf tausende freiwillige, bestens ausgebildete, perfekt ausgerüstete und erfahrene Katastrophenhelfer, Rettungs- und Notfallsanitäter sowie Führungskräfte  zurückzugreifen. Diese einzigartige Fähigkeit zeichnet uns aus und unterscheidet uns von anderen kommerziellen Anbietern, weil sie unbezahlbar ist.

Alles bleibt besser?

Der Bundesrettungskommandant des Roten Kreuzes Mag. Gerry Foitik im Interview

Mag. Gerry Foitik ist Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes

Mag. Gerry Foitik ist Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes

Gerry Foitik ist seit 2007 Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes und seit 2012 ist er als kooptiertes Mitglied der Geschäftsführung für die Bereiche Blutspendewesen, Einsatz, Innovation und Beteiligungen verantwortlich. Das gesamte nationale Katastrophenmanagement fällt damit ebenso in seine Zuständigkeit wie das Rettungswesen, die psychosoziale Betreuung und die ÖRK Einkauf- und ServiceGmbH. Der studierte Betriebswirt ist ein überzeugter Rotkreuzler – das zeigt auch sein freiwilliges Engagement. Seit mehr als 25 Jahren ist er als ehrenamtlicher Notfallsanitäter im Einsatz. Im Jahr 2000 begann er seine hauptberufliche Laufbahn im Generalsekretariat als Leiter des Bereichs Einsatz, Innovation und Beteiligungen.

Herr Foitik, braucht Österreich ein rein hauptberufliches System aus akademisch ausgebildeten Berufsrettern bzw. Paramedics?

Foitik: Wir haben ein System, das auf vier Säulen (Freiwillige, Angestellte, Zivildiener und NotärztInnen) basiert und damit in der Lage ist, die notfallmedizinischen Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen. Dadurch ist auch die Aufwuchsfähigkeit des Systems und Resilienz in der Bevölkerung höher.

Sind hauptberufliche Helfer nicht professioneller?

Foitik: Es ist für das Österreichische Rote Kreuz keine Frage des „entweder hauptberuflich oder freiwillig“, – wir wollen ein sowohl, als auch. Dabei ist es auch wichtig, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter egal ob diese hauptberuflich, freiwillig oder Zivildienst-leistend sind, wertschätzend zu behandeln und ihnen Anerkennung zu geben.

Jeder Mitarbeiter in der Notfallrettung hat nach seiner Funktion als Rettungssanitäter oder Notfallsanitäter (ggf mit Notkompetenzen) die selbe  – bundesgesetzlich geregelte – Ausbildung, egal ob er angestellt ist, seinen Zivildienst absolviert, oder ob er seinen Dienst freiwillig macht. Das gilt auch für die qualitätsgesicherte und ebenfalls gesetzlich vorgeschriebene Fortbildung und Rezertifizierung.

Braucht es überhaupt Ärzte in der präklinischen Notfallmedizin?

Foitik: Das Österreichische Rote Kreuz ist für ein Notarzt-gestütztes flächendeckendes Notfallrettungs-Verbundsystem. Dieses integrierte Verbundsystem wird in Österreich Großteils vom Österreichischen Roten Kreuz seit vielen Jahren sehr gut gemeinsam von Freiwilligen, Angestellten und Zivildienern mit den Notfallmedizinern vor Ort gewährleistet.

Wie sieht man das Österreichische System im internationalen Vergleich?

Foitik: Die Situation in Österreich ist für die Patientinnen und Patienten sehr gut. Gemeinsam mit den zuständigen Behörden und Organisationen entwickeln wir das Rettungswesen in Österreich laufend weiter.  Die Patientinnen und die betreute Bevölkerung sind dabei im Mittelpunkt unserer Planungen. Die tatsächliche Entscheidung über die Beschaffenheit der Notfallrettung treffen die politischen Verantwortungsträger und nicht zuletzt die Bevölkerung selbst, die sich hier auch stark zivilgesellschaftlich engagiert.