Freiberufliche Notärzte sichern die lückenlose Daseinsvorsorge

Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer:

Notärzte sind das Salz in der Suppe des integrierten Rettungsdienstsystems in Österreich. Als Mediziner mit einer besonderen Ausbildung und Fähigkeit sind sie für das präklinische Überleben zahlreicher Patienten verantwortlich. Auch für die signifikante Verbesserung des klinischen Outcome bei zahlreichen Notfällen sind sie wesentlich. Das System in der derzeitigen Form funktioniert schlichtweg nicht ohne sie. Verschärfungen im Bereich des Arbeitsrechts und in der Rechtsauffassung der Sozialversicherungsträger hinderten klinische Ärzte mit entsprechender Ausbildung in den letzten Monaten, neben der Klinikarbeit auch den einen oder anderen Dienst am Rotkreuz-Notarztwagen zu machen, weil die Arbeitszeitrichtlinien das nicht zuließen. Dienste, die noch vor einigen Jahren selbstverständlich waren.

Mit der nun vorgeschlagenen Sozialrechtsnovelle von Minister Hundstorfer sollen nebenberufliche notärztliche Tätigkeiten für Rettungsorganisationen ab dem 1. Jänner 2016 wieder als selbstständige Tätigkeit. Damit wurde eine wichtige Weiche gestellt, die die lückenlose notärztliche Versorgung auch in Zukunft gewährleistet. Nun können Ärzte, die das wollen auch wieder neben ihrer Spitalskarriere am Notarztwagen tätig sein. Solche Rahmenbedingungen klarzustellen, ist eine wichtige Aufgabe der Politik. Wir begrüßen daher das Umdenken sehr.

Österreich verfügt über einen der besten Rettungsdienste der Welt. Es ist ein aus der Zivilgesellschaft vor Ort entstandenes starkes Hilfeleistungssystem und funktioniert deshalb so gut, weil wir auf ein integriertes Verbundsystem bauen: Notfallrettung und Sanitätseinsatz können mit den gleichen Ressourcen sehr schnell und effizient bedient werden. Das notarztgestützte Rettungssystem bietet daher die beste Versorgung, weil sich die einzelnen Elemente gegenseitig verstärken und ergänzen. Für den Patienten bedeutet das eine hochqualitative Betreuung durch Notfallmediziner mit klinischem Hintergrund. Gleichzeitig sammeln die Ärzte wertvolle Erfahrung in der präklinischen Notfallmedizin.

Im Österreichischen Roten Kreuz ist der Rettungsdienst der größte Leistungsbereich und umfasst die Notfallrettung, also die zeitkritische Behandlung von Notfallpatienten, und den Sanitätseinsatz. Es ist ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass die richtigen politischen Entscheidungen getroffen wurden, um der Bevölkerung auch in Zukunft die beste Daseinsvorsorge bieten zu können.

2. Freiwilligenbericht – Statement von Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer

Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

„Wir begrüßen die regelmäßige Erstellung des Freiwilligenberichts. Für uns ist dieser eine wichtige Unterstützung im Freiwilligenmanagement“, sagt Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer, der seine Funktion ebenfalls ehrenamtlich ausübt. Beim Österreichischen Roten Kreuz sind rund 65.000 Menschen freiwillig engagiert – 35.500 davon im Rettungsdienst.

Aus dem heute von Sozialminister Rudolf Hundstorfer vorgelegten 2. Freiwilligenbericht geht eine Zunahme des freiwilligen Engagements in Österreich hervor. „Das ist eine erfreuliche Tendenz“, sagt Schöpfer. „Im Untersuchungszeitraum des Freiwilligenberichts hat die Anzahl Freiwilliger beim Roten Kreuz ebenfalls zugenommen – und zwar um rund acht Prozent.“ Gleichzeitig sinke jedoch die Anzahl der Stunden, die ein einzelner Freiwilliger sich engagiert. „Wir bemerken insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen Trend in Richtung projektorientiertem Engagement“, sagt Schöpfer.

Unklar sei, so Schöpfer, ob sich die Tendenz einer Zunahme von Freiwilligkeit fortsetzen lässt. Eine mögliche Kommerzialisierung im Rettungsdienst könnte Menschen davon abhalten, sich freiwillig zu engagieren. Bis April 2016 muss nämlich die Übernahme der neuen EU-Vergaberichtlinie ins österreichische Bundesvergabegesetz abgeschlossen sein. Dieses regelt auch die Vergabe von sozialen Dienstleistungen wie dem Rettungsdienst. „Ob dann ein Teil des Rettungswesens, nämlich der nicht-zeitkritische Rettungsdienst, auch kommerziellen statt wie bisher gemeinnützigen Anbietern offenstehen wird, ist noch völlig unklar“, so Schöpfer. Eine Kommerzialisierung würde „einen schmerzhaften Rückgang bei den Ehrenamtlichen bedeuten.“ Denn dass freiwillige Helferinnen und Helfer auch für einen profitorientierten Rettungsdienst tätig würden, hält der Rotkreuz-Präsident für unwahrscheinlich.

 

2. Rettungsdienstsymposium – „Wo bleibt der Notarzt? – Herausforderungen für die präklinische Notfallversorgung“

RD-Symposium Titelseite BlogAm 26. Februar 2015 veranstalten wir unser 2. Rettungsdienstsymposium im Ursulinenhof in Linz. Die Veranstaltung widmen wir der aktuellen Diskussion rund um das Thema „NotärztInnen“.

Wenn sich Grundvoraussetzungen ändern, kann dies ein gut funktionierendes System in Bedrängnis bringen. Diese Tendenz ist auch im notarztgestützten Rettungswesen erkennbar. Gibt es tatsächlich einen Notärztemangel? Was sind die Herausforderungen und was muss getan werden, damit die Versorgung für die Patientinnen und Patienten gesichert wird? Eines ist klar: Es darf keine Lösung sein, die zu Lasten von Qualität und Umfang der präklinischen Notfallversorgung geht.

Es werden acht namhafte ExpertInnen  in 2 Panels zum Thema sprechen. Der Mix an Vorträgen bietet interessierten TeilnehmerInnen aus der Politik,  ÄrztevertreterInnen, Systemverantwortlichen in Rettungsorganisationen und sonstigen EntscheidungsträgerInnen eine Vielzahl an Inhalten.  In jedem Panel gibt es für die TeilnehmerInnen die Möglichkeit mit den ReferentInnen zu diskutieren und Fragen zu stellen.

Wir freuen uns über zahlreiche TeilnehmerInnen und eine spannende Diskussion!

Informationen zum Programm und zur Anmeldung finden Sie nachstehend zum Herunterladen.

Einladung Rettungsdienst Symposium 2015

Direkte Vergabe von Rettungsdienstleistungen an Freiwilligenorganisationen sind möglich – Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union

Mit der letzten Novelle des Vergaberechts und der Konzessionsrichtlinie, wurde durch die Europäische Union bereits eine Lanze für den gemeinnützigen Rettungsdienst gebrochen. Öffentliche Auftragsvergabe und Wettbewerb sorgen zwar grundsätzlich für mehr Transparenz und Wirtschaftlichkeit, dennoch ist nicht jede Dienstleistung für die Wettbewerbsmechanismen geeignet. Das trifft vor allem dort zu, wo es um Leistungen der Daseinsvorsorge geht. Daseinsvorsorge ist eine öffentliche Aufgabe, die entweder durch die öffentliche Hand selbst erbracht, an private Auftragnehmer vergeben oder – wie in Österreich seit langem praktiziert – von gemeinnützigen Organisationen erbracht wird. Durch die Bereichsausnahme für den Rettungsdienst in den Vergabe- und Konzessionsrichtlinie, wurde der besonderen Stellung der Gemeinnützigkeit dadurch Rechnung getragen. Dieser Schritt war bereits ein klares Bekenntnis zur Trendumkehr.

Unabhängig davon bestätigte der Europäische Gerichtshof die Rechtmäßigkeit von Direktvergaben an Freiwilligenorganisationen. Im Jahr 2010 wurde in der Region Ligurien (Italien) ein Vertrag über Rettungsdienstleistungen (im Originalwortlaut: dringende Krankentransporte und Notfallkrankentransporte) mit Freiwilligenorganisationen abgeschlossen. Es wurde keine Ausschreibung durchgeführt und so kam es zu einer gerichtlichen Prüfung sowie einer Aufforderung den Vertrag für nichtig zu erklären. Die zuständige Instanz (Consiglio di State, Staatsrat) fragte beim Europäischen Gerichtshof um eine Vorabentscheidung an, ob die unionsrechtlichen Vorschriften eine solche Direktvergabe überhaupt zulassen.

Der Europäische Gerichtshof kam – mit dem Urteil (Aktenzahl C-113/13) vom 11. Dezember 2014 – zu dem Ergebnis, dass eine Direktvergabe von Rettungsdienstleistungen an Freiwilligenorganisationen sehr wohl möglich ist. Eine generelle Direktvergabe ist aufgrund der geltenden Vorschriften eigentlich nicht zulässig, da dies den umfassenden Wettbewerb behindert. Es wurde aber festgestellt, dass die Mitgliedsstaaten über Befugnisse zur Ausgestaltung ihres Gesundheitssystems sowie der sozialen Sicherheit verfügen und diese vom Unionsrecht unberührt bleiben. Unter diesem Aspekt kann ein Mitgliedsstaat auf private (Freiwilligen-)Organisationen ohne Gewinnerzielungsabsicht zurückgreifen und ein Vergabe ohne Ausschreibung durchführen. Zu beachten gilt dabei jedoch: Die Organisationen dürfen erwerbstätige MitarbeiterInnen nur in einem Maße einsetzen, um einen geregelten Betrieb aufrecht zu erhalten und die nationalen Rechtsvorschriften dürfen keine missbräuchlichen Praktiken decken.

In einer Pressemitteilung des Europäischen Gerichtshofs ist folgendes Statement zu lesen:

Aus diesen Gründen kommt der Gerichtshof zu dem Ergebnis, dass der AEU-Vertrag eine nationale Regelung zulässt, nach der die Erbringung von Krankentransportdiensten vorrangig und im Wege der Direktvergabe ohne jegliche Bekanntmachung an die unter Vertrag genommenen Freiwilligenorganisationen vergeben wird, soweit der rechtliche und vertragliche Rahmen tatsächlich zu dem sozialen Zweck und zu den Zielen der Solidarität und der Haushaltseffizienz beiträgt.

Fazit: Das Urteil führt zwar zu keiner pauschalen Entbindung vom Vergaberecht, da die Ausnahmevoraussetzungen zu jeder Direktvergabe zu prüfen sind. Es räumt aber den öffentlichen Auftraggebern einen wesentlich breiteren Spielraum ein, um direkt mit Freiwilligenorganisationen zusammenarbeiten zu können. Das Urteil unterstreicht die sich abzeichnende Trendwende zusätzlich, zumal es sich auf einen Vertrag von 2010 bezieht, wo das Vergaberecht noch wesentlich restriktiver war. Hinsichtlich Haushaltseffizienz, sozialem Zweck und Solidarität ist das freiwillige Rettungswesen in Österreich sicher ein Vorzeigemodell.

Rettungsdienst und die Zukunft der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum – Ein Blick nach Deutschland

In unserem Nachbarland findet seit Jahren ein ähnlicher Strukturwandel wie in Österreich statt. Junge, gesunde Menschen ziehen in Ballungsräume und die ältere, weniger mobile Generation bleibt oftmals im ländlichen Raum zurück. Deshalb spielt die Sicherung der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum eine große Rolle für die Zukunft.

Die Zukunft der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum

Die Zukunft der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum

Dieses Thema nahm das Deutsche Rote Kreuz zum Anlass und veranstaltete, gemeinsam mit der Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen, ein wissenschaftliches Symposium in Berlin. Am 7. und 8. Oktober 2014 trafen sich Politik, Gesundheitswesen, Hilfsorganisationen und Sozialversicherungsträger zu Vorträgen und Diskussion über die Zukunft des Gesundheitswesens im ländlichen Raum. Der sehr gute Kontakt zwischen dem Österreichischen Roten Kreuz und dem Deutschen Roten Kreuz sowie unsere doch sehr ähnlichen Herausforderungen im Gesundheitswesen, verschafften mir einen Platz bei diesem hochinteressanten Symposium. Ich konnte einiges an wertvollen Informationen aus der Veranstaltung mitnehmen. Im Wesentlichen wurde in den eineinhalb Tagen zur Ist-Situation, der Zukunft der stationären Versorgung, der ambulanten Versorgung und der Zukunft des Gesundheitswesens referiert.

Deutschland erwartet bis 2030 einen Rückgang der Bevölkerung um rund 5 Millionen Bürger/innen. Durch Einwanderung nach Deutschland wird der Bevölkerungsrückgang  jedoch voraussichtlich kompensiert werden können. Zusätzlich wird es eine Steigerung von mehr als 30% bei den über 65-Jährigen geben. Die Bevölkerung in den Ballungsräumen wird weiter zunehmen und im Gegenzug werden sich viele kleinere Ortschaften im ländlichen Raum  zu „Geisterstädten“ entwickeln. Durch die massive Landflucht, verschwindet dort zunehmend auch die Infrastruktur. Wer als Letzte/r das Dorf verlässt, macht das Licht aus…

Im Zuge des Symposiums sprach ich mit Wolfgang Kast, Teamleiter Rettungsdienst im Generalsekretariat des DRK und Organisator der Veranstaltung, und stellte ihm einige Fragen zur Entwicklung des Gesundheitswesens  und der Rolle des Rettungsdienstes in Deutschland.

„Der Rettungsdienst stellt schon heute indikationsbezogen die präklinische Therapie von Patienten auch in den Regionen sicher, in denen die Leistungserbringung zukünftig nicht in jedem Fall wirtschaftlich ist. Damit übernimmt der Rettungsdienst eine elementare Rolle zur Sicherstellung der Versorgung, gerade in ländlichen oder strukturschwachen Regionen… So kann der Rettungsdienst nach unserer Auffassung neben seiner eigenständigen medizinischen Leistungserbringung auch in verschiedenen anderen medizinischen Bereichen eine wichtige Scharnierfunktion zwischen der ambulant ärztlichen Versorgung und der stationären Klinikversorgung wahrnehmen. „

Wolfgang ist kein Mann kleiner Worte und hat meine Fragen natürlich sehr viel ausführlicher beantwortet. Das komplette Interview gibt’s am Ende des Beitrags zum Nachlesen.

Es wird in Deutschland mittlerweile oft von einem Ärztemangel gesprochen. Deutschland hat aber im weltweiten Vergleich die höchste Ärztedichte und einen massiven Zuwachs von Ärzten/innen aus dem Ausland. Ärztemangel bei so hoher Dichte? – Wie kann das sein?

In den Vorträgen von Experten/innen aus dem Gesundheitswesen, vom Sachverständigenrat und derGesundheitspolitik wurde recht klar erklärt, dass es sich nicht um einen klassischen Ärztemangel (wie ich zuerst vermutet hatte) handelt. Vielmehr muss man eigentlich von einem Verteilungsproblem sprechen. Gibt es in Städten die Doppelversorgung, so sind im ländlichen Raum 20 Minuten Fahrzeit (und mehr) zur nächsten Gesundheitseinrichtung oder Ordination keine Seltenheit. Die Facharztausbildung ist wesentlich beliebter als die Ausbildung zur/zum Allgemeinmediziner/in. Das zeigen die Quoten derzeit ganz deutlich. Wenn diese Entwicklung so weiter läuftt, dann wird sich das Missverhältnis bis 2030 stark verschärfen. Hinzu kommt noch, dass die Lücke im Pflegebereich ebenfalls größer wird.

In einem guten Symposium werden nicht nur Probleme gewälzt, sondern Lösungen präsentiert. Und es war eine gutes Symposium! Neben Ausgleich von Über- und Unterversorgung, was als einer der wichtigsten Schritte gilt, wurden auch die Attraktivitätssteigerung der Allgemeinmedizin, Weiterbildungsangebote, Förderung von Telematik, Überarbeitung des Versorgungsstrukturgesetzes und „Start up“-Systeme für Landarztpraxen angesprochen. Die Errichtung von medizinischen Versorgungszentren im ländlichen Raum und eine Anpassung des öffentlichen Personennahverkehrs sowie rollende Arztpraxen waren ebenfalls im Gespräch, um die Gesundheitsversorgung sichern zu können.

Für den Rettungsdienst in Deutschland bringt der Wandel in der Gesundheitsversorgung ebenfalls neue Herausforderungen mit sich. Gerade im ländlichen Bereich muss die schwache oder fehlende Gesundheitsinfrastruktur oft durch den Rettungsdienst kompensiert werden. Das Deutsche Rote Kreuz wird – als essentieller Systempartner in diesem Bereich – in Zukunft eine noch stärkere Rolle in der Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung und im medizinischen Bevölkerungsschutz spielen.

Die zunehmende Urbanisierung, eine älterwerdende Gesellschaft, Herausforderungen im Gesundheitswesen und im Rettungsdienst sind Themen, die uns hierzulande ebenfalls bereits beschäftigen. Die für mich wichtigste Erkenntnis aus dem Symposium war: Die Schaffung von Insellösungen wird keine Nachhaltige Verbesserung bringen, sondern maximal die Symptome lindern oder aber für neue Herausforderungen sorgen.

Das Symposiums-Programm mit dem Verzeichnis der Referenten/innen zum Download

Beitrag von Markus Glanzer, Bereichsleiter (acting) Einsatz, Innovation und Beteiligungen im Generalsekretariat des Österreichischen Roten Kreuzes

Hier  das ganze Interview zum Nachlesen.

Herr Kast, das Deutsche Rote Kreuz e.V. hat gemeinsam mit der Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen e.V. dieses wissenschaftliche Symposium veranstaltet. Wie sind Sie auf dieses hoch interessante Thema gekommen?

Die ersten zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren im deutschen Gesundheitswesen zunächst eine Phase der Wiederherstellung und des Wiederaufbaus. Ab Mitte der 1960er-Jahre erfolgte ein deutlicher Ausbau, neue Bevölkerungsgruppen wurden in die gesetzliche Krankenversicherung einbezogen und die Gesundheitsausgaben insgesamt deutlich erhöht. Seit Mitte der 70er Jahre haben wir eine Periode der sogenannten „Kostendämpfungspolitik“, deren Hauptaugenmerk auf die Begrenzung der Krankenkassenausgaben gerichtet war. Die Strukturen des Gesundheitswesens blieben weitgehend unverändert. Seit 1993 zielen politische Eingriffe zunehmend auch auf strukturelle Veränderungen. Den Einstieg bildete das Gesundheitsstrukturgesetz, darauf folgten Gesundheitsreform 2000, GKV-Modernisierungsgesetz, Krankenhausfinanzierungsreformgesetz, Sozialversicherungs-Stabilisierungsgesetz, GKV-Änderungsgesetz, Arzneimittelneuordnungsgesetz, GKV-Finanzierungsgesetz und 2012 das GKV-Versorgungsstrukturgesetz. In seinem Zentrum standen Neuregelungen vor allem der vertragsärztlichen Bedarfsplanung und Zulassung um einer Unterversorgung in ländlichen Regionen besser begegnen zu können. Daher wird dieses Gesetz häufig auch als „Landärztegesetz“ bezeichnet.

Als Hilfsgesellschaft der deutschen Behörden im humanitären Bereich haben wir, im Interesse der Sicherstellung einer flächendeckenden medizinischen Versorgung der Bevölkerung, bereits 2011 in unserer Stellungnahme zum Referentenentwurf dieses Gesetzes darauf hingewiesen, dass der Rettungsdienst sich inzwischen als präklinisch notfallmedizinisches Versorgungssystem im Land etabliert hat. Hier besteht jedoch das Problem, dass dessen Leistungen nach der bisherigen Rechtslage in den Bereich „Versorgung mit Krankentransport“ fallen. Die Kosten für den Einsatz werden nur in Zusammenhang mit einer weiteren durch die Krankenkassen zu erstattenden Leistung übernommen. Dies führt zu einem falschen Anreiz zur Krankenhauseinweisung, um die präklinisch erbrachten Leistungen abrechnen zu können.

Im November 2013 haben wir erfahren, dass der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) für 2014 ein Gutachten „Bedarfsgerechte Versorgung – Perspektiven für ländliche Regionen und ausgewählte Leistungsbereiche“ erarbeitet. Als Deutsches Rotes Kreuz haben wir uns diesem Aspekt bereits im April 2013 mit dem 12. DRK-Rettungskongress in Berlin sowie erneut im Oktober 2013 mit einem wegweisenden Symposium zum Thema „Zukunftsmodell Rettungsdienst – nachhaltige Gewährleistung von Katastrophenschutz und Daseinsvorsorge“ in Wolfsburg intensiv gewidmet.

Die hier gewonnenen Erkenntnisse haben wir dem SVR zur Verfügung gestellt. Nach unserer festen Überzeugung kann eine jederzeit fristgerechte und angemessene medizinische Versorgung der Bevölkerung nur dann sichergestellt werden, wenn eine verlässliche, verbindliche und allgemein bekannte Anlaufstelle definiert wird, die – ärztlich verantwortet – mit den drei Bereichen ambulante, präklinische und stationäre Versorgung verknüpft ist. Auf diese Weise kann bei Notfällen und großen Schadensereignissen die Überlebenschancen erhöht und das Ausmaß der dauerhaften gesundheitlichen Beeinträchtigungen reduziert werden, letztendlich die erlebte Versorgungsrealität spürbar verbessert werden.

Der Rettungsdienst stellt schon heute indikationsbezogen die präklinische Therapie von Patienten auch in den Regionen sicher, in denen die Leistungserbringung zukünftig nicht in jedem Fall wirtschaftlich ist. Damit übernimmt der Rettungsdienst eine elementare Rolle zur Sicherstellung der Versorgung, gerade in ländlichen oder strukturschwachen Regionen. Für das DRK ist der Rettungsdienst sogar wesentlicher Teil der eigenen „geschulterten Leistung“, die der Staat verlässlich von seiner nationalen Rotkreuz-Gesellschaft erwartet. So kann der Rettungsdienst nach unserer Auffassung neben seiner eigenständigen medizinischen Leistungserbringung auch in verschiedenen anderen medizinischen Bereichen eine wichtige Scharnierfunktion zwischen der ambulant ärztlichen Versorgung und der stationären Klinikversorgung wahrnehmen.

Als Deutsches Rotes Kreuz sind wir der Auffassung, dass die Versorgungssicherheit der Bevölkerung auch oberhalb der Katastrophenschwelle weiterhin in guter Qualität, flächendeckend und bedarfsgerecht gewährleistet werden muss. Daher ist unser Leitgedanke, dass derjenige, der im Normalfall Sicherheits-, oder Versorgungsaufgaben wahrnimmt, die auch katastrophenrelevant sind, diese auch im Katastrophenfall wahrnehmen muss. Dazu sind allerdings einige wesentliche Voraussetzungen zu schaffen, die heute noch einer solchen zukunftsfähigen Versorgungssystematik entgegenstehen.

Wir haben dieses Symposium bereits im Dezember 2013 so geplant, dass unmittelbar nach der Vorstellung des Gutachtens durch den Sachverständigenrat liegt. Wir haben damals gehofft, dass sich der Sachverständigenrat in seinem Gutachten auch mit Fragen der „Notfallversorgung“ beschäftigt. Wir lagen mit Termin und Thema nicht falsch.

Während des Symposiums wurde mehrmals über den „Landärzte/innen-Mangel“ gesprochen. Im Gegenzug wurde auch von Überkapazitäten in der Versorgung gesprochen. Gibt es in Deutschland einen echten Mangel an Ärztinnen und Ärzten oder besteht hier eher ein Verteilungsproblem?

Der Sachverständigenrat hat die Aufgabe, Gutachten zur Entwicklung der gesundheitlichen Versorgung zu erstellen. Laut Gesetz soll er dabei Prioritäten für den Abbau von Versorgungsdefiziten und bestehenden Überversorgungen entwickeln sowie Möglichkeiten und Wege zur Weiterentwicklung des Gesundheitswesens aufzeigen.

Vor fast fünfzehn Jahren bezog sich die Analyse einer möglichen Unterversorgung auf einzelne medizinische Indikationen; eine regionale Unterversorgung erschien im deutschen Gesundheitssystem damals kaum vorstellbar oder höchstens als ein Ergebnis extremer regionaler Besonderheiten. Inzwischen ist die teilweise gefährdete Versorgungssituation insbesondere in strukturschwachen, ländlichen Regionen stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt.

Während Versorgungskapazitäten insgesamt nach wie vor im internationalen Vergleich auf sehr hohem Niveau vorhanden sind, drohen innerhalb des Bundesgebietes zunehmende Schieflagen zwischen Ballungsgebieten und der Fläche. Akteure auf allen Ebenen – in Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik sowie in der Selbstverwaltung – suchen nach Lösungen für eine nachhaltige Versorgung ländlicher Räume, die sich zunehmend entleeren und deren zurückbleibende Bevölkerung überdurchschnittlich stark altert.

Der Sachverständigenrat führt hierzu aus: „Obwohl Deutschland über ein sehr gut ausgebautes System der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung mit einer insgesamt vergleichsweise hohen Arztdichte und prinzipiell sehr guten Zugänglichkeit verfügt, ist es durch erhebliche Allokationsprobleme gekennzeichnet: So bestehen ausgeprägte räumliche Ungleichverteilungen der Versorgungskapazitäten, welche sich vorwiegend zwischen ländlichen und urbanen Regionen finden. Ein wesentlicher Grund hierfür besteht in einem sich gesamtgesellschaftlich vollziehenden Prozess der (Re-)Urbanisierung, der sich auch beim ärztlichen Nachwuchs beobachten lässt. Eine ausgeprägte räumliche Fehlverteilung existiert sowohl in der hausärztlichen als auch in der fachärztlichen Versorgung. Trotz gültiger Richtlinien haben sich in Deutschland ganz erhebliche Unterschiede in der Versorgungsdichte entwickelt. Neben Gebieten mit drohender oder bereits bestehender (eher haus-)ärztlicher Unterversorgung existieren Regionen mit einer stark ausgeprägten (eher fach-)ärztlichen Überversorgung. Während die hausärztliche Versorgung vor allem im ländlichen Bereich und in strukturschwachen Regionen gefährdet ist, praktizieren in verschiedenen Ballungsgebieten weit mehr Fachärzte bzw. psychologische Psychotherapeuten als in der Bedarfsplanung vorgesehen.

Gibt es im deutschen Rettungsdienst einen Notarzt-Mangel?

Die meisten Notärzte sind Klinikärzte. Belastbare Daten zur notärztlichen Versorgung gibt es derzeit nicht.

Wie wird sich die demographische Entwicklung auf das Gesundheitswesen in Deutschland auswirken?

Das Deutsche Rote Kreuz teilt die vielfach vorgetragene Position, dass die demografische Entwicklung, neue Möglichkeiten der medizinischen Behandlung und die unterschiedliche Versorgungssituation in Ballungsräumen und strukturschwachen Regionen weiteren Handlungsbedarf verursachen. Hier sind als wesentliche Bereiche zu nennen:

  • Zunahme vollstationärer Pflege
  • Trotz eines Bevölkerungsrückgangs wird die Zahl der Krankenhausfälle in den meisten Bundesländern weiter zunehmen. Besonders im ländlichen Raum werden Krankenhausplanung und -finanzierung durch die demografische Entwicklung und die steigende Morbiditätslast vor erhebliche Herausforderungen gestellt.
  • Auch Prognosen zur zukünftigen Entwicklung der medizinischen Rehabilitation sagen eine Fortentwicklung in dieselbe Richtung voraus.
  • Weniger Beitragszahler bei steigenden Ausgaben

Was muss in Deutschland getan werden, um in 20 Jahren eine ausreichende Gesundheitsversorgung der Bürger/innen – sowohl im urbanen, wie im ländlichen Bereich – sicherzustellen?

Das Gutachten 2014 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) hat in diesem Sinne eine Vielzahl wichtiger Handlungsfelder identifiziert und benannt. Charakteristisch für das deutsche System ist, so der SVR, eine ausgeprägte sektorale Gliederung. Der SVR hat sich bereits in früheren Gutachten wiederholt dafür ausgesprochen, insbesondere die Sektorengrenzen zwischen stationärer und ambulanter Versorgung durch eine integrierte Versorgung und Lösung von Schnittstellenproblemen zu überwinden. Innerhalb der einzelnen Sektoren treten ausgeprägte Allokationsprobleme auf, während das deutsche Gesundheitssystem insgesamt sehr gut ausgebaut ist und z. B. über eine im internationalen Vergleich überdurchschnittliche Arztdichte verfügt.

Von Bedeutung sind vor allem die zunehmenden Fehlverteilungen der Kapazitäten: zum einen zwischen ländlichen und städtischen Regionen und zum anderen zwischen hausärztlicher Grundversorgung und spezialisierter fachärztlicher Versorgung im ambulanten Bereich. Im stationären Bereich gibt es einen nennenswerten Anteil defizitärer Häuser, auch in strukturschwachen, ländlichen Regionen, die vor der Herausforderung stehen, ihre wirtschaftliche Existenz sicherzustellen. In der vom Fachkräftemangel besonders stark betroffenen Langzeitpflege werden die heutigen Kapazitäten und Versorgungsformen insgesamt nicht ausreichen, die aufgrund des demografischen Wandels wachsende Anzahl der Pflegebedürftigen mit einem sich wandelnden Morbiditätsspektrum zu versorgen. Ansätze zur Optimierung der Gesundheitsversorgung zielen deshalb zum einen auf den gleichzeitigen Abbau von regionaler und fachspezifischer Über- und Unterversorgung zum anderen auf eine gezielte Weiterentwicklungen innerhalb einzelner Sektoren sowie insbesondere die Etablierung zukunftsweisender Konzepte für eine integrierte und stärker koordinierte Versorgung.

Für die ambulante vertragsärztliche Versorgung schlägt der SVR einen „Landarztzuschlag“ für niedergelassene Ärzte vor. Ein grundsätzliches Problem ist, dass es bis heute keine Ermittlung des Bedarfs an Ärzten mit ausreichender empirischer Fundierung gibt. Es sind insbesondere keine Daten verfügbar, die zeigen, wie viele Versorgungsstunden eines Vertragsarztes für eine angemessene Versorgung einer spezifischen Bevölkerungsgruppe benötigt werden. Hier müssen wissenschaftlich fundierte Grundlagen geschaffen werden, um die Bedarfsplanung zielgerichtet und populationsorientiert weiterzuentwickeln.

Allerdings sollte die Thematik „Bewältigung eines Massenanfalls Verletzter und Erkrankter“ nach unserer Auffassung stärker als bisher in die Überlegungen zu einer auch künftig flächendeckenden und gut erreichbaren gesundheitlichen Versorgung einbezogen werden. Die lückenlose Versorgung, die sehr häufig auf die wirksame Verzahnung von ambulantem und stationärem Sektor beschränkt wird, darf nach Auffassung des DRK auch in den Szenarien und den realen Lagen des gesundheitlichen Bevölkerungsschutzes keine Unterbrechung erfahren. Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz“ (AGGB) hat im Frühjahr 2012 in ihrem Abschlussbericht für die Integration der Krankenhäuser in das Gefahrenabwehrsystem plädiert. Nach unserer Auffassung ist diese Forderung zielführend und könnte, so wie es der SVR in seinem Gutachten 2014 vorschlägt, durch eine Neuordnung der Notfallversorgung, die die Notaufnahmen der Krankenhäuser, den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst und den Rettungsdienst zusammenführt, erreicht werden. Durch die Einbeziehung auch der erweiterten ehrenamtlichen Ressourcen des Rettungsdienstes könnte so tatsächlich eine lückenlose Versorgung auch unter den besonderen Bedingungen eines „Massenanfalls Verletzter und Erkrankter“ realisiert werden. Das Deutsche Rote Kreuz verfügt hier auf den verschiedenen föderalen Ebenen über eine Vielzahl wichtiger personeller und materieller Ressourcen. Neben etwa 170.000 ehrenamtlich Engagierten in den Bereitschaften gehören hierzu auch die Rettungsdienste, die Krankenhäuser und die Sozialstationen, die in einem komplexen Hilfeleistungssystem zusammenwirken.

Da gerade im Rahmen eines Massenanfalls Verletzter und Erkrankter der problemadäquate Einsatz von Ressourcen entscheidend ist und die Betroffenen selbst häufig kaum Partner im Prozess der Behandlung sein können, sollte der Bundesgesetzgeber im Sinne der Systemresilienz vor allem die zeitnahe Erprobung der einheitlichen Notdienstnummer für alle Patientenanliegen über eine zentrale Leitstelle, wie sie der SVR in seinem Gutachten 2014 vorschlägt, ermöglichen.

Das DRK könnte aufgrund seiner Infrastrukturen und Ressourcen von der Leitstelle über den Rettungsdienst bis hin zum Krankenhaus erproben, ob ein solcher Ansatz tatsächlich zur Entlastung und Vermeidung von unnötiger Inanspruchnahme einer zu spezialisierten Versorgungsebene führt und ob gleichzeitig die adäquate Individualversorgung gewährleistet bleibt.

Herr Kaiser, was ist das Rettungs-Verbundsystem?

D.I. Peter Kaiser ist Landesgeschäftsführer des Roten Kreuzes in Niederösterreich

D.I. Peter Kaiser ist Landesgeschäftsführer des Roten Kreuzes in Niederösterreich

Das Österreichische Rote Kreuz als flächendeckend anerkannte Rettungsorganisation betreibt 85 % des Rettungsdienstes in Österreich im sogenannten „Rettungs-Verbundsystem“, bestehend aus Notfallrettung und Sanitätseinsätzen. Der Vorteil für  die Patienten: Bei Notfallrettung und Sanitätseinsätzen werden professionell ausgebildete Rettungssanitäterinnen und -sanitäter eingesetzt. Die Notfallrettung ist der kostenintensive Teil dieses Pakets und in den meisten Bundesländern nur im Verbund mit Sanitätseinsätzen finanzierbar. Dieses System ist nicht nur die volkswirtschaftlich günstigste Betriebsform, es ist auch die qualitativ hochwertigste. Und die Bedürfnisse verletzter und erkrankter Menschen sind das einzige wirkliche Kriterium im Rettungsdienst.

Herr Schöpfer, wer zahlt eigentlich die Rettung?

Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

Die Finanzierung des Rettungswesens ist eine ziemlich komplizierte Sache. Grob unterscheidet man drei Zahle:

Erstens die Krankenkassen: Sie schließen Verträge mit den Rettungsorganisationen. Die Tarife sind aber weder kostendeckend noch aufwandsgerecht. Denn das Tarifsystem ist veraltet: Kilometerleistungen werden „belohnt“, Notarzt- und Rettungseinsätze „bestraft“. Diese überholte Tarifstruktur fördert kommerzielle Unternehmen, die als „Rosinenpicker“ mit Krankentransporten schnelles Geld verdienen und sowohl die teuren Notarztdienste als auch die Nacht und Wochenendeinsätze dem Roten Kreuz überlassen.

Zweitens: Länder und Gemeinden tragen durch den „Rettungs-Euro“ pro Einwohner und die Beistellung von Ärzten zu den Notarzt-Rettungssystemen bei. Drittens erbringt das Rote Kreuz eine beträchtliche Eigenleistung.

Österreichweit bezahlt das Rote Kreuz zwischen 15 und 20 % seines Rettungsdienstes aus eigenen Mitteln, große Teile der Spenden fließen direkt in das Rettungswesen. Würde man noch die freiwillig geleisteten Arbeitsstunden mitberechnen (über 300 Millionen Euro im Jahr 2013), käme sogar eine Rotkreuz-Eigenleistung von durchschnittlich 60 % heraus.

Herr Ambrozy, kann die Rettung ohne Freiwillige funktionieren?

Dr. Peter Ambrozy ist Vizepräsident des Österreichischen Roten Kreuzes und Präsident des Rotkreuz-Landesverbands Kärnten

Dr. Peter Ambrozy ist Vizepräsident des Österreichischen Roten Kreuzes und Präsident des Rotkreuz-Landesverbands Kärnten

Wer ein bisschen rechnen kann und einen realistischen Blick für die Budgets der öffentlichen Hand hat, wird merken: Ohne Freiwillige gibt es kein Rettungswesen in Österreich. Bewertet man die Leistung der Freiwilligen nur im Roten Kreuz, kommt ein Betrag von über 300 Millionen Euro im Jahr heraus, den sie erarbeiten. Diesen Betrag erspart sich die öffentliche Hand. Und das alleine im Kernbereich Rettungsdienst und Sanitätseinsätze. Aber auch der Katastrophenhilfsdienst wird von Freiwilligen erbracht, oft sind sie identisch mit jenen im Rettungsdienst. Nach Zugsunglücken, Busunfällen, Lawinenabgängen, also Unglücken mit einer Vielzahl an Schwerverletzten, kommt die Versorgung in der ersten Phase – Verpflegung, Trinkwasser, Unterkunft, Krisenintervention für Betroffene und Angehörige – von Freiwilligen. In entlegenen Gebieten erreichen unsere First Responder in kürzester Zeit auch das hinterste Gehöft. Auch sie sind Freiwillige. Nicht nur die Rettung könnte ohne Freiwillige nicht funktionieren. Am Rettungssystem hängt also eine Reihe anderer wichtiger Versorgungsleistungen für die Bevölkerung, die ohne Freiwillige entweder nicht durchführbar oder nicht finanzierbar wären. Das ist der Öffentlichkeit oft gar nicht bewusst.

 

Herr Reiter, wie lernt man Rettung?

Bernhard Reiter, MAS ist Leiter des Bildungszentrums des Österreichischen Roten Kreuzes

Bernhard Reiter, MAS ist Leiter des Bildungszentrums des Österreichischen Roten Kreuzes

Die Sanitätshilfe wird organisatorisch und medizinisch immer anspruchsvoller. Das ist gut für die Patienten, denn die Frauen und Männer, die wir zu Sanitätern ausbilden, müssen wirklich sehr viel können, bevor sie die Verantwortung in einem Notfall übernehmen dürfen. Die Ausbildung kann ab dem 17. Geburtstag beginnen. Sie startet mit der Feststellung der körperlichen und geistigen Fitness. Diese ist keine Prüfung, sondern eine Art Aufnahmegespräch, meist mit dem Freiwilligenkoordinator. Wir wollen auch ein Führungszeugnis sehen: Eine strafrechtliche Verurteilung wäre ein Verhinderungsgrund, Sanitäter zu werden.

Die erste Ausbildungsstufe ist der Rettungssanitäter. Dafür sind 100 Stunden Theorie und 160 Stunden Praxis erforderlich. Nach einer Zwischenprüfung darf man jedoch schon nach mindestens 26 Stunden Ausbildung im Rettungswagen unterstützend tätig sein. Für den Notfallsanitäter kommen weitere 480 Stunden Ausbildung dazu, darunter ein Krankenhauspraktikum von 40 Stunden. Der Notfallsanitäter darf mit dieser Ausbildung bei notärztlichen Maßnahmen assistieren und bestimmte Rettungstechniken eigenverantwortlich anwenden.

Die höchste Sanitäterkompetenz ist der Notfallsanitäter mit allgemeinen oder besonderen Notfallkompetenzen. Er darf Medikamente verabreichen oder einen venösen Zugang legen – im Rahmen der Notfallkompetenz nach Rücksprache mit dem Notarzt. All diese Kompetenzen sind in Österreich für Freiwillige erreichbar. Zum hauptberuflichen Sanitäter fehlen dann nur noch 40 Stunden, in denen es um nichtmedizinische Themen geht. Medizinisch gesehen haben freiwillige und hauptberufliche Sanitäter in Österreich dieselbe Ausbildung.

Damit ist es noch nicht getan: Unsere Sanitäter sind verpflichtet, sich alle zwei Jahre zumindest 16 Stunden fortzubilden und sich außerdem am halbautomatischen Defibrillator im Rahmen eines Trainings zur Wiederbelebung zu rezertifizieren. Ich bin mit diesen Anforderungen zufrieden, denn so ist sichergestellt, dass im Roten Kreuz nur erstklassig geschulte und aktuell fortgebildete Sanitäter im Einsatz sind. Das geltende Sanitätergesetz ist jedoch schon zwölf Jahre alt. Wir wollen, dass neue medizinische Maßnahmen in die Ausbildung einfließen.

Unsere Vorschläge haben wir dem Gesetzgeber mitgeteilt. Insgesamt sind im Roten Kreuz rund 40.000 Sanitäter aktiv. Wer möchte ausrechnen, wie viele Ausbildungsstunden in unserer bundesweiten Notfallkompetenz stecken?

Herr Schneider, wie aktuell ist die Ausbildung der Sanitäter?

Dr. Bernhard Schneider ist Chefjurist des Österreichischen Roten Kreuzes

Das derzeit geltende Bundesgesetz über Ausbildung, Tätigkeiten und Beruf der Sanitäter (Sanitätergesetz, SanG) ist im Jahr 2002 in Kraft getreten und hat sich seitdem aus der Sicht des Roten Kreuzes im Großen und Ganzen gut bewährt. Nach zwölf Jahren Geltung ist es allerdings erforderlich, das Gesetz an die sich ändernden medizinischen und technischen Rahmenbedingungen im Sanitätsbereich anzupassen. Vorschläge und Anregungen dazu wurden vom Österreichischen Roten Kreuz und anderen Rettungsorganisationen bereits gesammelt, in einem Papier zusammengefasst und dem Bundesminister für Gesundheit übergeben. Damit fordern das Rote Kreuz und die anderen Rettungsorganisationen die Bundesregierung auf, das Sanitätergesetz 2002 ehestmöglich auf möglichen Anpassungsbedarf zu prüfen und die erforderlichen Änderungen vorzunehmen.