Resilienz in Katastrophen

Im Rahmen der sozial- und geisteswissenschaftlichen Analysen rund um das Re:Acta-Projekt wurden auch die Begriffe Vulnerabilität und Resilienz detaillierter beleuchtet.

Begriffsdefinitionen

Zu Beginn dieses Abschnitts sollen die wesentlichen Fachbegriffe definiert und hinsichtlich ihres paradigmatischen Bedeutungszusammenhangs verortet werden. Das hilft später klare und eindeutige Perspektiven zu definieren und die vorgestellten sozioökonomischen Analysen einzuordnen. Wichtig sind die unterschiedlichen Bedeutungsebenen der Begriffe, die auch in den verschiedenen Akteur/innengruppen dieses Projekts zum Teil verschieden rezipiert werden.

Resilienz und Vulnerabilität

Als Resilienz versteht man die Widerstandsfähigkeit eines Systems, einer Gesellschaft, einer Organisation oder eines Individuums gegenüber äußeren Einflüssen. Diese Resilienz wird im Allgemeinen der Vulnerabilität gegenübergestellt, also der Anfälligkeit für diese äußeren Einflüsse[12],[13],[14]. Resilienz und Vulnerabilität als wissenschaftliche Begriffe sind Ergebnis der sozialwissenschaftlichen Diskurse in Zusammenhang mit der Diskussion um sozialen (bzw. postmodernen) Wandel und der radikalen Individualisierung der westlichen Gesellschaft.

Im Rahmen des Katastrophenmanagements [15], in dem dieses Projekt der Sicherheitsforschung zu verorten ist, geht es um gesellschaftliche Resilienz, die sich einerseits aufgrund einer Informationskomponente verbessern lässt, und andererseits durch die Verbesserung der Kommunikation zwischen den einzelnen handelnden Individuen und Organisationen [16]. Beiden Faktoren wird im Rahmen dieses Projekts Rechnung getragen.

Katastrophe

Der Begriff der Katastrophe ist je nach Perspektive unterschiedlich konnotiert. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive wird vor allem auf die individuelle Perspektive der Akteurinnen einerseits und die Definition für die Organisationen1 des so genannten Katastrophenmanagements andererseits verwiesen.

In der klassischen griechischen Tragödie war die Katastrophe (καταστροφή, Umwendung) ein kanonisierter Teil des Dramas, der auf die Krise und Katastase folgte und dem im Anschluss die Katharsis folgte [17]. Ein Schema, das bis heute in vielen (inszenierten) Geschichten und Filmen zu finden ist.

Aus dieser zunächst technischen Bezeichnung der Dramaturgie hat sich im Laufe der Zeit ein metaphorischer Begriff entwickelt, der allgemein für Situationen verwendet wird, in der äußere Einflüsse für soziale Systeme (im Sinne Luhmanns [18]) zu Zuständen führen, in denen die herkömmlichen Abläufe nicht mehr funktionieren, in denen die Integrität und Funktionalität des autopoietischen Systems durch diese Einflüsse in Frage gestellt werden.

Wichtig für einen Definitionsversuch erscheinen auch die negativen Auswirkungen auf die Akteure jener Sozialsysteme. Denn positive Auswirkungen unerwarteter Ereignisse, auf die soziale Systeme nicht vorbereitet sind (Wirtschaftswunder, nicht erwartete Ernten, unerwartete Zuwächse) gelten gemeinhin nicht als Katastrophe. Diese werden aber auch häufig im Sinne von Steuerungsillusionen als Ergebnisse individuellen Handlungen zugeschrieben, was bei dramatisch negativen Ereignissen so nicht mehr vorkommt. Früher wurden Naturkatastrophen allerdings sehr häufig als „göttliche Strafen“ für unethischen Lebenswandel erklärt. [19], [20]

Die Katastrophe steht daher stark im Zusammenhang mit den Begriffen der Resilienz bzw. der Vulnerabilität – sie ist eine Folgeerscheinung zu hoher Vulnerabilität, bzw. zu niedriger Resilienz in Bezug auf einen unerwartet veränderten Rahmenkontext. Wichtig scheint in diesem Zusammenhang, dass sich Katastrophen entwickeln, also das Ergebnis einer äußeren Zustandsveränderung sind und sich auf ein ganz bestimmtes (Sozial-) System beziehen. Resilienz und Vulnerabilität sind Faktoren, die durch Maßnahmen der Vorbeugung und Vermeidung verändert werden können.

Subjektivität des Katastrophenempfindens

Für direkt Betroffene von Naturereignissen, großen Unfällen oder technischen Zwischenfällen ist der Impact immer dramatisch: Menschen sterben, werden verletzt; Vermögen wird zerstört, Einkünfte vernichtet; das Lebensumfeld von Personen, Familien und Gemeinschaften wird unerwartet und nachhaltig verändert. Solche Ereignisse zerstören Familien und sind oft für Generationen manifester Bestandteil familiärer und regionaler Erinnerungen. In den Zeiten bis zur Moderne und während der beginnenden Industrialisierung waren solche Unglücke viel häufiger – das Bergwerks-, Eisenbahn- Fabriks- oder Lawinenunglück war integrierter Bestandteil der Lebens- und Arbeitsrealität vieler Menschen und ihrer Angehörigen. Katastrophen waren solche Ereignisse damals allerdings in der sozialen Definition nicht, wahrscheinlich auch, weil sie viel zu häufig vorgekommen sind und ihnen damit das außergewöhnliche gefehlt hat.

Doch neben den direkt und indirekt Betroffenen im unmittelbaren Schadensraum gibt es noch eine relevante Anzahl weiterer Betroffener. Diese verschiedenen – nennen wir sie Stakeholder-Gruppen definieren für sich die Katastrophe, machen aus einem großen Schadensfall erst die Katastrophe. Als sozialkonstruktivistische Erweiterung obiger Katastrophendefinitionen kann man daher durchaus sagen kann:

Eine Katastrophe ist jener Zustand, der von der Gesellschaft ex post als Katastrophe bezeichnet wird.“

Die Medien und das veränderte individuelle Kommunikations- und Sozialverhalten haben in den vergangenen hundert Jahren dazu geführt, zeitliche und räumliche Distanzen aufzuheben und damit Ereignisse zu verschränken [21]. Die gesamte Gesellschaft ist hochvernetzt und interdependent, gleichzeitig stehen den Individuen in nahezu allen Bereichen der westlichen Welt signifikant mehr Ressourcen zur persönlichen Lebenserfüllung zur Verfügung. Gleichzeitig hat sich die Anhängigkeit von anderen Personen und von anonymen technologischen Systemen potenziert – Risikogesellschaft ist ein Begriff, der in diesem Zusammenhang vom deutschen Soziologen Ulrich Beck [22] in den Diskurs eingeführt wurde.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen haben einerseits dazu geführt, dass die Anfälligkeit für (Teil-) Ausfälle von relevanten Bereichen der Wirtschaft und der Infrastruktur aufgrund der Interdependenz grösser geworden ist, was mitunter schneller zur direkten Betroffenheit von Katastrophenereignissen führt – andererseits bringt eine real-time Kommunikation mit starkem Medieneinfluss viel rascher gesamtgesellschaftliche Kommunikationsphänomene in Gang, so dass lokale und regionale Ereignisse mit Medieninszenierung – ganz im Sinne des griechischen Dramas – erst zur Katastrophe werden. Ereignisse mit einer sehr hohen Anzahl an medial vermittelten Sekundärbetroffenen, die sich emotional und diskurshaft am Phänomen der Katastrophe beteiligen wollen. Dieses Beteiligungsbedürfnis kann kanalisiert und instrumentalisiert werden, so dass einerseits Hilfe vor Ort optimiert wird und andererseits solidarisches prosoziales Verhalten der Menschen katalysiert wird. Team Österreich war ein erster Weg in diese Richtung, dieses Projekt soll diese Anstrengungen nun in neuen Zielgruppensegmenten und mithilfe anderer Medien verstärken.

Anmerkungen

1 Das staatliche Krisen und Katastrophenmanagement in Österreich [25] definiert Katastrophe ein wenig selbstreferentiell wie folgt: Zum Begriff Katastrophe wird grundsätzlich auf jene Definitionen verwiesen, welche die in Österreich geltenden gesetzlichen Bestimmungen enthalten. Allen diesen Definitionen ist im Wesentlichen gemeinsam, dass sie dem Begriff Katastrophe folgende Voraussetzungen zu Grunde legen:

  • Ein unvorhergesehenes Ereignis, das unmittelbar bevorsteht oder bereits eingetreten ist.

  • Eine konkrete Gefahr für Menschen, Tiere, Umwelt, Kulturgüter und Sachwerte sowie für die Infrastruktur zur Sicherstellung der Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen.

  • Ein außergewöhnliches Schadensausmaß, sei es drohend oder bereits eingetreten.

  • Die Notwendigkeit der koordinierten Führung durch die Behörde.

Literatur

[12] H. J. Bürkner, “Vulnerabilität und Resilienz,” Erkner, 43, 2010.

[13] U. Bröckling, “Dispositive der Vorbeugung: Gefahrenabwehr, Resilienz, Precaution,” in Sicherheitskultur. Soziale und politische Praktiken der Gefahrenabwehr, C. Daase, P. Offermann, and V. Rauer, Eds. Wien: Campus Verlag, 2012, pp. 93–108.

[14] International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies, World Disaster Report 2004. Focus on Community Resilience. 2004, p. 232.

[15] Österreichisches Rotes, “Rotes Kreuz: Katastrophenhilfe,” 2013. [Online]. Available: http://www.roteskreuz.at/katastrophenhilfe/. [Accessed: 01-Jul-2014].

[16] International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies, World Disaster Report 2013. Focus on technology and the future of humanitarian action. 2013, p. 284.

[17] W. R. Dombrowsky, Katastrophe und Katastrophenschutz. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag, 1989, p. 341.

[18] N. Luhmann, Soziologische Aufklärung 1. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1991.

[19] W. R. Dombrowsky, “Again and Again – Is a Disaster What We Call Disaster some Conceptual Notes on Conceptualizing the Object of Disaster Sociology,” Int. J. Mass Emergencies Disasters1, vol. 13, no. 3, pp. 241–254, 995.

[20] C. Felgentreff and W. R. Dombrowsky, “Hazard-, Risiko- und Katastrophenforschung,” in Naturrisiken und Sozialkatastrophen, C. Felgentreff and T. Glade, Eds. Springer-Spectrum, 2008.

[21] A. Giddens and J. Schulte, “Konsequenzen der Moderne,” 1997.

[22] U. Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne [Taschenbuch]. Suhrkamp Verlag; Auflage: 1., 1986, p. 396.

[25] Bundesministerium für Inneres, “Richtlinie für das Führen im Katastropheneinsatz,” 2006. [Online]. Available: http://www.bmi.gv.at/cms/BMI_Service/Richtlinie_fuer_das_Fuehren_im_Katastropheneinsatz.pdf. [Accessed: 29-Jun-2014].

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