Erste Eindruecke aus Senbetge

Lisa Taschler ist im Rahmen des EVHAC Projekts der Europaeischen Kommission freiwillig 6 Monate fuer das Oesterreichische Rote Kreuz in Aethiopien taetig.

Liebe LeserInnen,

Nun ist es schon fast ein Monat her seit meine Kollegin Marianne und ich uns am Flughafen Wien getroffen haben um gemeinsam nach Aethiopien zu fliegen. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Addis Ababa, fuer diverse Meetings mit Kollegen des OERK und der Ethiopian Red Cross Society (ERCS), haben wir unsere Ziel, die historische Stadt Gondar im Norden Aethiopiens, erreicht. Der Grund unserer Reise ist ein von ADA finanziertes, bilaterales Projekt im Bereich DRR (Disaster Risk Reduction) und WatSan (Water and sanitation) in Senbetge, einem Gebiet ca. 60km enfernt von Gondar. Waehrend Marianne nur fuer eine kurze Mission (25 Tage) hier ist, um die lokale Rotkreuzgesellschaft mit technischem Input zu unterstuetzen, werde ich insgesamt 6 Monate im Land bleiben und mich der Advocacy (Anwaltschafts-) Komponente des Projekts widmen. Ziel ist es durch dieses Projekt auf nationaler und internationaler Ebene Bewusstsein fuer die Wichtigkeit von DRR Projekten zu schaffen und besonders in Regionen, die stark unter den Konsequenzen des Klimawandels leiden, die Kapazitaeten der lokalen Bevoelkerung zu unterstuetzen.

Die beeindruckende Landschaft von Senbetge (Bild: Lisa Taschler)

Soweit zur kurzen Vorstellung des Projekts. Um euch unseren Projektalltag ein bisschen naeher zu bringen folgt eine kurze Beschreibung eines unserer ‚field trips‘ (denn, da sind Marianne und ich uns einig, das ist ja viel interessanter als die Tage im Buero):

Nach ausgiebigem Injera-Fruehstueck soll die Reise ins Projektgebiet losgehen. Fuer heute ist geplant gemeinsam mit Dorfbewohnern geeignete Stellen fuer weitere Handbrunnen festzulegen. Ausserdem wollen wir die Fortschritte bei den Terassierungen begutachten und uns Stellen fuer Schutzmassnahmen gegen Ueberflutungen anschauen. Das Programm ist gedraengt und die Verspaetung des Fahrers kommt ungelegen, aber das ist Aethiopien, Zeiten werden nicht so genau genommen, „chigrillim, no problem“.

Wer denkt, dass 60km gar nicht so weit sind war noch nie auf diesen ‚Strassen‘ unterwegs. Nach fast 3 Stunden Geholper ueber Stock und Stein sind wir im Projektgebiet angekommen und sehen uns als erstes eine Quelle an, die von Ueberflutungen bedroht ist. Um sicheres Trinkwasser gewaehrleisten zu koennen muss diese Wasserquelle geschuetzt werden und gemeinsam mit den lokalen Bauern werden verschiedene Schutzmassnahmen diskutiert. Dann geht es weiter zu den Terassierungen und auch hier wird ueber die weitere Vorgehensweise und ein paar Verbesserungsvorschlaege beratschlagt.

Wasserstelle

Die momentane Wasserstelle ist alles andere als eine saubere Trinkwasserquelle (Bild: Lisa Taschler)

Schlussendlich kommen wir an einer moeglichen Brunnenstelle im Osten des Projektgebiets an. Neben den Aeltesten, die mit uns ueber die Paltzierung des Brunnens entscheiden sollen, hat sich auch schnell eine grosse Kinderschar eingefunden, die uns neugierig beobachtet. Nach einer kurzen Begutachtung der momentanen Wasserstelle diskutieren wir mit den Dorfbewohnern, welcher Platz am besten fuer einen Brunnen geeignet waere, nicht nur aus technischer sondern auch aus  menschlicher Perspektive, denn der Brunnen soll insgesamt fast 500 Menschen mit Wasser versorgen. Dabei muessen viele Faktoren in Betracht gezogen werden, wie Entfernung zu den Doerfern, Landrechte etc.

Den Diskussionen ueber die Platzierung der neuen Brunnen wohnen Jung und Alt gleichsam bei (Foto: Marianne Pecnik)

Nach langen Gespraechen ist eine Stelle gefunden, die in allen Aspekten guenstig ist. Mittlerweile ist es Nachmittag geworden und die Dorfbewohner  sind begeistert von der Aussicht bald eine sichere Trinkwasserquelle zu haben. Zur Feier des Tages und im Geiste der aeusserst grosszuegigen aethiopischen Gastfreundschaft laden sie uns zum Essen ein. Das gemeinsame Injera-Essen bietet uns auch die Gelegenheit tieferen Einblick in die Situation der lokalen Bevoelkerung zu bekommen. So erzaehlt unser Gastgeber, dass die Dorfgemeinschaft schwer unter dem Ernterueckgang der letzten Jahre leidet: „Frueher, als ich jung war, konnten wir drei Ernten pro Jahr einholen, heute ist es nur mehr eine. Die Regenfaelle werden weniger und kommen unregelmaessig, ausserdem zerstoert Hagel unsere Pflanzungen.“ Die Konsequenzen des globalen Klimawandels machen der lokalen Bevoelkerung, die zu 99% aus Bauern besteht, schwer zu schaffen und auch die starke Abholzung in der Region zeigt ihre Auswirkungen. Doch trotz widriger Umstaende ist die allgemeine Lebensfreude gross und die Aussicht durch Brunnen und andere Massnahmen die Situation verbessern zu koennen begeistert die Dorfbewohner.

Gesaettigt von Injera und lokalem Fladenbrot und berauscht von all den Eindruecken kehren wir zu unserem Landcruiser zurueck, wo eine kleine Ueberraschung auf uns wartet, denn im Kofferraum sitzt… ein Hahn! Unser Fahrer hat sich naemlich in der Zwischenzeit um das Abendessen fuer seine Familie gekuemmert und so treten wir die Heimreise zu viert an, wobei Marianne und ich abwechselnd das Federvieh (von uns liebevoll Hansi getauft) halten, damit es auf dem holprigen Weg nicht durchs Auto geschleudert wird.

Hansi und ich am Weg zurueck nach Gondar (Bild: Lisa Taschler)

Sturm-Saison

Während unsere Helden in Haiti an Internet-Verbindungen basteln, wollen wir einen Blick auf die „Hintergründe“ der heurigen Sturm-Saison werfen.  Derzeit zieht ja bekanntlich Ike über Texas und hat dabei den Raum Galveston – Houston verwüstet. Die US-Amerikaner rechnen nach ersten Schätzungen mit rund 15 Milliarden Dollar Schaden.

In Haiti spricht die Regierung mittlerweile von der „größten Katastrophe, die das Land in den vergangenen Jahren getroffen hat“. Die Stürme „Fay“, „Gustav“, „Hanna“ und „Ike“ haben lt. Regierung zumindest 326 Menschenleben gefordert (OCHA spricht bis jetzt von mehr als 500 Toten). 170.000 Familien sind obdachlos, Infrastruktur in großem Ausmaß zerstört…

Was ist ein Tropensturm?

In den Amerikas werden Tropenstürme als „Hurrikan“ (vermutlich aus einer alten Maya-Sprache kommend und soviel wie „Gott des Windes“ bedeutend), im Bereich des indischen Subkontinents „Zyklon“ und im Raum des West-Pazifiks als „Taifun“ (zB in Japan) bezeichnet. Unter der Hurrikan-Grenze liegende starke Winde bezeichnen die Meteorologen übrigens als „tropical storm“ , die Wirbelstürme selbst werden weltweit auf der fünf-teiligen Saffir-Simpson-Skala (nach den Windgeschwindigkeiten, die sie erreichen) eingeteilt. Für Mathematiker: Die Zerstörungskraft eines Hurrikans wächst dabei mit der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit. 

Hurrikans (bleiben wir mal bei der Bezeichnung für alle Tropenstürme) sind ein langlebiges Wetterphänomen – sie bewegen sich langsam um sich selbst drehend fort (nur 15–30 km/h), können dabei hunderte Kilometer im Durchmesser erreichen und über Wochen bestehen – daher sind sie prinzipiell ein vorhersagbares Problem, auch wenn ihre genaue Routenberechnung nur ungefähr sein kann.

Die Windgeschschwindigkeiten des Hurrikans (nicht zuverwechseln mit der Geschwindigkeit der Fortbewegung) können dabei unglaubliche 300 km/h erreichen. Das „Auge“ des Sturmes – windfrei und regenfrei, dazu auch noch wolkenarm im Zentrum des Hurrikans gelegen, kann mit dem Ende des Sturms verwechselt werden – eher schlecht für diejenigen, sie sich aus dem schützenden Bereich ihres shelters begeben…

Auge des Sturms; no credits

Auge des Sturms; no credits

Die Saison dauert auf der Nordhalbkugel von grob von Mai bis Dezember, mit Schwerpunkt von Juli bis September. Den Anfang der Saison macht meist der südost-asiatische Raum, wo heuer schon im Ende April / Anfang Mai „Nargis“ für verheerende Zerstörungen sorgte (ihr erinnert auch an das ERU WatSan-Deployment nach Myanmar mit all seinen Herausforderungen…). Die Grundlagen für solche Stürme sind immer die gleichen.

 Wie entsteht ein solcher Sturm? (ich bin mal so frei und zitiere Wikipedia, weil ich selbst nicht so schlau bin)

„Die meteorologische und thermodynamische Funktion eines Hurrikans besteht darin, dass er sehr große Mengen Wärme von der Oberfläche der tropischen Ozeane aufnimmt und zunächst in die Höhe und dann in Richtung der Pole transportiert, in der Höhe wird die Energie dann nach und nach ins Weltall abgestrahlt.“

Die Voraussetzungen für die tropische Sturmbildung sind:
1. Das Meer muss eine Oberflächentemperatur von mindestens 26,5 °C und die Luft eine gleichmäßige Temperaturabnahme zu großen Höhen hin aufweisen. Bei sehr starker Temperaturabnahme, die das Aufsteigen der feuchtwarmen Luft begünstigt, können niedrigere Wassertemperaturen ausreichen.
2. Das betroffene Gebiet gleichmäßiger Bedingungen muss ausgedehnt sein, damit sich der bewegende Wirbelsturm über längere Zeit durch die Wasserdampfbildung aufbauen und genug Energie bis zur Stärke eines Hurrikans sammeln kann.
3.Der Abstand vom Äquator muss groß genug sein (mindestens 5 Breitengrade oder 550 km), da nur dann die Corioliskraft (das gleiche Zeug ist auch dafür verantwortlich, daß sich der Strudel beim Ablaufen aus der Badewanne auf der Nordhalbugel gegen den Urhzeiger dreht) ausgeprägt genug ist, um den zuströmenden Luftmassen die typische Drehung zu geben.
4.Der Wind in der Höhe muß mit ähnlicher Stärke und aus der gleichen Richtung wehen wie der Bodenwind. Sonst bekommen die aufsteigenden Winde eine Schräglage und der Kamin des Sturms bricht zusammen. „El-Niño“ schwächt dabei die Internsität der Stürme eher ab, weil er solche „Scherungen“ begünstigt.
5.Der Sturm braucht einen Kern, aus dem er sich aufbauen kann, zum Beispiel ein außertropisches Tief.

Die Atlantic Multidecadal Oscillation (AMO; deutsch etwa Atlantische Multidekaden-Schwankung, als Begriff für die Schwankung der Meeresoberflächentemperatur im Atlantik) wechselt etwa alle 40 bis 80 Jahre zwischen ‚warmen‘ und ‚kalten‘ Phasen. Sie beeinflusst die Intensität von Hurrikans (im Pazifik gibt es ein ähnliches Phänomen). Im Nordatlantik gilt, dass sich bei ‚warmer‘ AMO deutlich intensivere Hurrikansaisons ereignen als bei ‚kalter‘. Seit etwa 1995 befindet sich die AMO wieder in einer Warmphase, weshalb die Hurrikanintensität im Trend wieder deutlich zunimmt. Die WIssenschaft geht davon aus, dass diese Phase erhöhter Hurrikanintensität noch etwa 10 bis 40 Jahre anhalten wird. 

US NOAA

Hurrikan Katrina; credits: US NOAA

Meist bewegen sich atlantische Hurrikane kurz nach der Entstehung überwiegend nach Westen bis Nordwesten (weiter nördlich drehen sie dann nach Norden bis Nordosten ab). Es gibt aber auch faktisch unbewegten Hurrikanen bis hin zu tänzelnden und schleifenförmigen Verläufen („Hanna“ hat zB Haiti mit einer Schliefe überrascht und die durch „Gustav“ in Mitleidenschaft gezogenen Landstriche weiter verwüstet – Ike gab dann noch eins drauf…)

Namensgebung

Die Meteorologen geben ihren „Kindern“ Namen: Es werden vorher festgelegte Namenslisten mit je 21 Namen verwendet (übrigens erst sein den Achtigern männlich und weibliche Vornamen, zuvor waren -politisch unkorrekt- alle bösen Stürme weiblich). Derzeit werden in einem Turnus von 6 Jahren immer wieder die gleichen Namen verwendet. Allerdings können Namen ganz von der Liste verschwinden, wenn ein Hurrikan besonders schlimmen Schaden angerichtet hat (zB ist „Ivan“ nach dem Jahre 2004 gestrichen worden, stattdessen ist „Igor“ auf der Liste).

Sollte der „Namensvorrat“ in einem Jahr nicht ausreichen, werden die nachfolgenden tropischen Stürme nach dem griechischen benannt (erstmals in der Saison 2005, als der 22. Tropensturm der Saison Alpha, der 23. … genannt wurden).

Während der erste Sturm jedes Jahres im Atlantik einen Namen bekommt, der mit einem A beginnt, wird im Zentralpazifik jeweils der nächste Name der Liste vergeben, unabhängig von Jahr oder Buchstaben.

Derzeit halten wir im Atlantik bei „Josephine“ (die allerdings noch über dem Meer verendet ist, während Ike noch aktiv ist), im Pazifik ist „Lowell“ der letzte vergebene Hurrikan (gerade über Mexiko). Der letzte Taifun heißt „Sinlaku“ (=“Göttin“, über Taiwan noch aktiv) , der letzte Zyklon (wie wir aus leidvoller Erfahrung wissen) „Nargis“ (=Narzisse).

Klimawandel?

Nachdem die Hurrikane ihre Energie aus warmem Oberflächenwasser der Meere beziehen, kann die beobachteten leichten Erwärmung der Oberflächentemperatur durch die globale Erwärmung möglicherweise zum vermehrten Auftreten schwerer Hurrikane beitragen. Darüber streitet die WIssenschaft aber noch.

Das Team in Haiti tut jedenfalls sein Bestes, um die Auswirkungen von „Fay“, „Gustav“, „Hanna“ und „Ike“ zu lindern…

Jürgen