Marsch der Hoffnungslosigkeit

Mit Lumia Selfie aufgenommen

Dr. Michael Kühnel im Versorgungszelt in Idomeni

Vergangenen Montag trafen sich einige hundert vielleicht sogar einige tausend Menschen irgendwo bei Idomeni. Ihr Ziel war die Grenze zwischen Griechenland und der Former Yugoslavian Republic of Macedonia (FYRoM), also dem, Land, dass wir unter Mazedonien kennen. Dies ist an und für sich keine Besonderheit, leben doch seit Wochen viele tausend Menschen im Schlamm unter Bedingungen, die wir unseren Hunden nicht antun würden.

Unterstützen Sie den Einsatz von Dr. Michael Kühnel und anderen Rotkreuz-Mitarbeitern mit ihrer Spende.

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Zuerst sah man das Elend in Syrien, danach den Exodus in verschiedene Richtungen. Man hatte sich daran gewöhnt. Mittlerweile sind die Bilder der Verzweiflung in Griechenland, also in Europa angekommen. Immer noch schauen wir zu und denken, dass alles so weit weg ist. Hier, wo diese Menschen in Not leben, wird mit dem Euro gezahlt, hier kann man ohne Visium einreisen und man macht Urlaub.

Am Sonntag kamen Flugblätter in Umlauf. Sie berichteten von einem geplanten gezielten Marsch zur Grenze, von Soldaten, die einen, anders als offiziell prophezeit, über die Grenze lassen würden. Wer diese kopierten Zettel in Umlauf gebracht hatte, wissen wir bis heute nicht. Fest steht aber, dass keine der grossen NGOs damit etwas zu tun hat. Ja sie distanzieren sich ausdrücklich davon. Wir alle verurteilten diese Aktion, war sie doch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ich denke, dass einige der Flüchtlinge einfach hofften, dass es funktionieren würde. Warum sollten Polizei und Militär beim Anblick von ein paar hundert Flüchtlingen plötzlich alle Befehle vergessen?

Natürlich gab es in der Geschichte auch Beispiele, wo es funktioniert hatte. Wir erinnern uns an den Zusammenbruch der DDR, wo das Rote Kreuz tausende Flüchtlinge in Österreich an der ungarischen Grenze Willkommen geheissen hat. Aber das waren andere Voaraussetzungen.

Am Montag, dem 14.3.2016 wussten wir als Rotes Kreuz und auch die anderen Organisationen, wie es diesmal ausgehen würde. Daher hielten wir uns auch zurück. Hätten wir die Menge begleitet, hätte man uns als Urheber vermutet.

Fakt ist, dass einige Menschen versuchten, die Grenze durch den Hochwasser führenden Fluss zu durchqueren. Fest steht weiters, dass einige Hundert Menschen, Medien sprechen von bis zu 700, dies auch schafften und durchnässt in Mazedonien an kamen. Leider steht auch fest, dass drei Menschen bei diesem Wagnis ihr Leben verloren haben. Drei mehr in der langen Geschichte. Die Flüchtlinge, die es schafften, wurden dort in Busse gesetzt und wieder zurück gebracht

Warum tut man sich so eine Harakiri Aktion an? Vermutlich aus denselben Gründen, die einen dazu zwingen, seine Heimat, seine Freunde zu verlassen. Krieg, Verzweiflung und Angst. Einige tausend Kilometer haben sie bereits in den Beinen und stehen nun still. „Open the Borders“ ist auf einigen Zelten zu lesen.

Ein Deutscher Arzt sprach heute mit mir via Telefon, das mir eine 18 Jahre junge syrische Frau gab. Die Dame sei die Nichte eines seiner Übersetzer und er wolle wissen, was man tun könne um sie nach Deutschland zu bekommen? Legale Wege? Illegale Wege? Könne man Grenzer „schmieren“? Ich wusste ehrlich keine Antwort und riet ihm, bei UNHCR anzufragen- also zumindest wegen der offiziellen Wege.

Wildfremde sind bereit knapp 2.000 km entfernt alles zu tun, um unbekannte, geliebte Menschen von Freunden zu sich zu holen, evt. sich selbst strafbar zu machen.

Was am Montag folgte waren Menschen, die voller Hoffnung zur Grenze gepilgert waren. Der Grossteil kam frustriert wieder zurück. Der andere Teil kam später frustriert und durchnässt wieder ins Lager. Wie hatte sich die Polizei verhalten? Nun ja, aus den Erzählungen der Nachmittagsschicht und aus dem Patientenaufkommen in unserer würde ich sagen fair. Wir hatten fünf Patienten, die wegen Stockschlägen behandelt worden sind, die Nachmittagsschicht ebenfalls. Also kaum der Rede wert. Natürlich ist Gewalt abzulehnen, nichtsdestotrotz muss das nationale Recht gewahrt werden und ich verstehe, dass Flüchtlinge, die es endlich über die Grenze geschafft haben, nicht freiwillig zurück wollen. Wir hatten uns auf Tränengasopfer, Brüche und Wunden verschiedenster Art eingestellt. Es gab keine Brüche, keine inneren Verletzungen und einige blaue Flecken.

Auch das berühmte „Zeltbaby“ geisterte durch die Medien. Leider sind solche Fakebilder ein gefundenes Fressen für Leute, die meinen, es gehe den Menschen hier in Idomeni eh gut. Es gibt hier laufend Geburten, aber meines Wissens zumindest in den medizinischen Einrichtungen bisher keine. Wir haben es bisher immer geschafft, die Gebärenden ins Krankenhaus zu schicken. Gestern waren wir mit 5 Minuten Abstand zwischen zwei Wehen recht knapp dran (beim 2. Kind). Es ging sich aber trotzdem aus.

Mit David (6 Kinder) und Adam (3 Kinder) haben wir recht erfahrene Männer im Team. Kaum einer wechselt die Windeln so gut wie David.

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Die Situation an der Griechisch-Mazedonischen Grenze in Idomeni ist trostlos. Für die Flüchtlinge aber noch besser, als in ihrer Kriegszerstörten Heimat.

Was die trostlosen Fernsehbilder von Menschen im Schlamm an geht- die sind zu vergessen. Sie zeigen gar nichts. Im Vergleich zu den überschwemmten Zelten, dem Schlamm, den kleinen Seen, der Trostlosigkeit zeigen die Bilder nicht annähernd die Wirklichkeit. Diese ist nämlich noch um einiges schlimmer und sich tagtäglich diesem Anblick zu stellen, ohne zu Heulen ist kaum möglich.

In diesem Zusammenhang ist es auch verständlich, dass jeder der erste und wichtigste Patient sein möchte. Vor allem bei den Kinder ist es schwer, da alle Eltern Angst um ihre Kinder haben. Da ist es eine grosse Herausforderung, nett und trotzdem bestimmt zu bleiben.

Gemeinsam mit einem ungarischen Rotkreuz-Team werden die Patienten versorgt.

Gemeinsam mit einem ungarischen Rotkreuz-Team werden die Patienten versorgt.

Angst vor Epidemien.. Das hört man immer wieder aus allen Medien. Eine griechische Organisation sprach kürzlich von einem potentiellen Malariaausbruch, wobei ich mir nicht wirklich sicher bin, dass es hier im Süden bereits Anopheles Mücken gibt, die man zur Übertragung benötigt. Ernster zu nehmen wären Ausbrüche von Hepatitis A, Varizellen (Windpocken) oder Masern. Es gab Gerüchte von Varizellen und Hepatitis A. Beides wäre in Österreich relativ harmlos. Immer mehr Menschen sind gegen Hepatitis bzw. Windpocken geimpft. Aber hier, in einem Gebiet wo tausende Menschen auf engstem Raum zusammen leben , lassen sich Vorhersagen schwer treffen. Schwangere sollten mit Erkrankten keinen engen Kontakt haben, aber wohin sollen sie gehen?

Sollten etwa Masern ausbrechen, haben die Organisationen engen Kontakt zur Regierung und könnten Impfaktionen durchführen. Warum nicht schon jetzt? Es besteht immer die Frage nach dem Geldgeber und in die Prävention zu investieren ist nicht so prestigeträchtig wie in die Heilung. Siehe auch Ebola 2014…

Manchmal sind es kleine Verletzungen, die versorgt werden. Oft allerdings Erkrankungen aufgrund der kühlen und feuchten Umgebung.

Manchmal sind es kleine Verletzungen, die versorgt werden. Oft allerdings Erkrankungen aufgrund der kühlen und feuchten Umgebung.

Ein für mich persönlich wichtiger Punkt sind Zitate von Menschen in Österreich: Wo sind die Frauen, die Alten? Wer glaubt, dass nur strengst Gläubige und Extremisten nach Europa wollen: Ich habe viele Ärzte gesehen, die uns beim Übersetzen geholfen haben, uns Ratschläge gegeben haben, ohne einen Cent zu wollen. Freilich dürfen sie in Europa nicht arbeiten, aber sie können uns beraten. Ich sah keine einzige Frau voll verschleiert, was mir zwar an sich egal gewesen wäre, aber es gibt es hier einfach nicht. Die Alten und die Frauen sind es, die hier leben und dahin vegetieren müssen. Ich würde so etwas meiner Oma nicht antun wollen, aber wil man sie daheim im Krieg zurück lassen. Wie gefährlich muss es daheim sein, um als 70 Jährige(r) sich so eine Reise anzutun? Ist es die 65 jährige Dame mit Diabetes und einem hohen Blutdruck, vor der wir Angst haben? Ist es der72 jährige ehemalige Volksschullehrer, der Mädchen unterrichtet hat und um sein Leben zittern musste? Oder sind es die zwei Jahre alten Kinder, die sich über einen Sanifanten freuen (ein aufgeblasener Handschuh, der wie ein Elefant aus sieht) oder über eines der paar kleinen Kuscheltiere, die wir für Kinder haben? Wollen wir wirklich aus Angst diese Menschen in Umständen leben lassen, die sie überlegen lassen, wieder in den Krieg (!!!) zurück zu gehen? Das Wort Gutmensch hat sich in den Sozialen Netzwerken zum Schimpfwort entwickelt. Wenn man es so will, bin ich ein Gutmensch. Die Frage, die ich mir stelle- vor allem, seit ich hier unten bin: will ich das Gegenteil von einem „Gutmenschen“ sein? Gibt es ein schmeichelhaftes Gegenteil zu MENSCH?

Das Ambulanzzelt muss regelmäßig gereinigt werden. Ein Job für alle Teammitglieder.

Das Ambulanzzelt muss regelmäßig gereinigt werden. Ein Job für alle Teammitglieder.

Nachdem ich nun den vierten Tag Antibiotika nehme, geht mein Kurzeinsatz langsam zu Ende. Ich werde am Freitag nach sechs Stunden Dienst direkt zum Flughafen fahren, wo ich, in Wien angekommen, in meine warme Wohnung zurück kann, ab Montag Patienten betreuen werde und mir diese Bilder im Fernsehen wieder so unwirklich vorkommen werden. Bilder von frierenden, im Schlamm dahin vegetierenden Menschen, deren Hoffnung langsam stirbt- keine 1.500 km entfernt von meiner Haustür, wo man mit Euro zahlt, ohne Visum einreisen kann und auf Urlaub hin fährt.

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Informationen zur Arbeit des Roten Kreuzes im Rahmen der Flüchtlingshilfe finden Sie online unter www.roteskreuz.at/fluechtlingshilfe

Ibuprofen

Ibuprofen ist ein Medikament, das neben einer schmerzstillenden auch eine entzündungshemmende und fiebersenkende Wirkung hat…

Was das jetzt mit der Situation in Idomeni zu tun hat? Nun gestern hatten wir unsere erste volle Schicht…eine Nachtschicht.

In den Stunden davor regnete es wie aus Kübeln. Daher waren alle Menschen nass, ihre Kleidung war nass, ihre Zelte waren nass und sie standen bzw. lagen im Schlamm. Es war nicht das erste Mal. In den letzten Tagen regnete es immer wieder. Die Kamerateams kamen oft genau dann, wenn die Sonne schien. So macht das Lager durch die vielen kleinen Zelte eher den Eindruck eines Musik- Festivals.

In unserer ersten Schicht hatten wir knapp 100 PatientInnen wovon knapp 50% Kinder und Jugendliche unter 18 waren. Diese wurden durch meine Kollegin, eine Kinderärztin betreut. Ich kümmerte mich um die Erwachsenen.

Vermutlich mehr als 40 von meinen 50 PatientInnen kamen mit Fieber, Husten und/ oder Halsschmerzen. Diese wurden je nach Schweregrad entweder mit einem Antibiotikum oder eben Ibuprofen versorgt. Der Umstand brachte mir bereits in der ersten Schicht den Spitznamen Mr. Ibuprofen ein. Ich bekam sogar eine eigene 100er Packung, damit ich schneller arbeiten konnte… Zumindest sagte mir das Adam, mein Teamleader, im Scherz.

Adam ist Ungar, wie auch die anderen Teammitglieder. Wir sind ein ungarisch-österreichisches Team aus Sanitätern, einem Pfleger und eben unserer Kollegin Zsofia, die Kinderärztin ist, dass hier in den kommenden zwei Wochen in Idomeni, nahe der griechisch mazedonischen {FYRoM} Grenze, versucht, den Flüchtlingen medizinische Grundversorgung zukommen zu lassen. Die offiziellen Zahlen variieren und vermutlich weiss sie keiner so genau. Es sind aber mehrere tausend Menschen, die auf ihre Weiterreise warten.

Angefangen hat alles mit ein paar größeren Zelten, jetzt kommen hunderte 2 oder 3 Mann Zelte dazu. Die Infrastruktur ist aber nicht mitgewachsen. Christopher Bachtrog, ein Österreichischer Kollege, der bereits einige Wochen hier ist, kam auch als Koordinator dafür, dass alles reibungslos abläuft. Die Anlieferung von Gütern geht nur sehr schwer vonstatten die schmale Strasse ist an beiden Seiten mit Zelten zugepflastert. Es gibt zu wenige Duschen und Dixie Klos. Menschen kampieren auf und entlang den Bahngleisen. Erst heute habe ich erfahren, dass noch immer Züge verkehren und dementsprechend täglich die Gleise geräumt werden müssen um keine Toten zu riskieren.

Die Anfrage eventuell neue Zelte aufzustellen wurde nicht positiv erwidert. Eine Organisation hat daraufhin einfach am Strassenrand Zelte abgeladen und die Flüchtlinge haben diese einfach so aufgestellt. Eine unkonventionelle aber wirksame Lösung.

Ja, es gibt Gerüchte, wonach das Lager geräumt werden muss, aber die gibt es sicher schon länger, als das Camp in Idomeni selbst. So lange es das Lager gibt, wird es hier unsere Hilfe geben. Lösungen für die Krise haben auch wir keine. Das ist aber als Rotes Kreuz auch nicht unsere Aufgabe. Ich wurde von einem Journalisten gefragt, ob ich mich dafür schäme, Österreicher zu sein, weil „wir“ mit Schuld daran sind, dass die sogenannte Balkanroute dicht ist.

Ich schäme mich für dumme Menschen jeglicher Nationalität, die Hass und Zwietracht schüren, die alles verteufeln und mit der Angst von Menschen spielen. Ich bin stolz darauf, Österreicher zu sein und als solcher mit dem Österreichischen und dem Ungarischen Roten Kreuz hier helfen zu dürfen.

Aber zurück zu meinem Dienst. Wir arbeiten in einem Zelt, das etwa 40m2 Grundfläche hat, 4 Wartebänke, 1 Tisch für die Administration, 1 Tisch für die Medikamente, 1 Regal, eine „private Ecke“ und 2 Kojen, in denen jeweils die Erwachsenen bzw. die Kinder betreut werden. Die jüngste Dame war gestern 2 Wochen alt und hatte bereits eine beginnende Bronchitis. Immer wieder wurden wir nach trockener Kleidung gefragt. Leider sind wir dafür nicht zuständig. Menschen frieren…

Eine Dame brach beim Lagerfeuer zusammen: epileptischer Anfall. Die Rettung braucht etwa 50 Minuten, wenn sie kommt. Für harmlosere Fälle gibt es einen Bereitschaftsfahrer. Ein Nepali hatte ganz frisch Diabetes diagnostiziert bekommen. Er bekam vom Krankenhaus einen Insulinpen und eine Vorschreibung auf griechisch. Er schlug drei Tage später- also gestern- bei uns auf und bat uns ihm Insulin zu geben. Der Zuckermesser zeigte zunächst „ERROR“ der andere dann 580 mg/dl an- etwa das 2 bis 3 fache, des Normwerts. Also musste er wieder ins Krankenhaus zurück, um dort eingestellt zu werden. Dies alles sind keine Anschuldigungen, es sind Tatsachen, die die Lage verdeutlichen sollen. Die Rettung kommt aus dem nächsten, größeren Ort, fehlt dann dementsprechend dort bei der Versorgung. Pro Tag gibt es mindestens sechs Abtransporte. Immerhin die Verständigung mit den SanitäterInnen auf Englisch klappt. Die Briefe sind für uns nicht lesbar, weil griechisch.

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Ein Mann wurde gestern gegen eine Autotür geschupst, hat heute Schmerzen im Rippenbereich. Beim Zusammendrücken des Brustkorbes stöhnt er auf. Er will kein Schmerzmittel. Uns stellt sich die Frage: Krankenhaus oder nicht? Wenn ein Bruch festgestellt wird, wird von Natur aus nichts unternommen. Andererseits kann sich der Bruch verschieben und einen Pneumothorax, also eine Verletzung der Lunge nach sich ziehen. Wir beschliessen, den Bereitschaftsfahrer zu schicken, sobald dieser wieder da ist und bitten den Patienten in 2 Stunden wieder zu kommen. Er ward später aber nicht mehr gesehen.

So vergehen die Stunden wie von alleine. Wir erinnern einander gegenseitig daran, ausreichend zu trinken. Die Nacht dauert neun Stunden.

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Dann, um etwa sechs Uhr kommt ein Mann, etwa mitte 50 rein und erzählt uns unter Tränen, dass sich seine Tochter an irgendetwas vergiftet hätte und nicht alleine kommen kann. Adam, David und ich nehmen die Trage und folgen ihm durch den Nebel. Die Nacht ist gespenstisch. Durch den Regen, ist das Holz nass geworden und Rauch hüllte bereits seit dem frühen Abend das Lager ein.

Wir folgen dem Mann zur Site B, gleich beim alten Bahnhofsgebäude. Dort ist eines von den grossen Zelten aufgebaut- etwa 10x 16m.

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Was uns dort begegnet, werde ich wohl nicht mehr vergessen… Hunderte Menschen, deutlich über 200, liegen dort eingepfercht, wie Schweine, in einem großen Knäuel dicht an dicht aneinander. Sie alle haben Flucht vor dem Regen, der Kälte gesucht. Ich weiss, der Vergleich ist nicht angebracht, denn bei Schweinen wäre diese Platznot vermutlich verboten. Wir müssen uns in der Mitte den Weg durch die schlafende Menge bahnen, um dann auf halben Weg ganz an den Rand des Zeltes zu gelangen. Dabei steigen wir über 20 und mehr Menschen drüber, ich mindestens leider auch auf drei Menschen bzw. deren Körperteile.

Letztendlich erwies sich die Vergiftung als Übelkeit mit Erbrechen und daraus resultierend als Schwäche. Wir konnten die junge Dame in der Station wieder aufpeppeln. Beim Weg ins Sanitätszelt entstand eines der bizarrsten Fotos hier. Was nach einem gemütlichen Lagerfeuer aussieht, ist die einzige Möglichkeit sich halbwegs aufzuwärmen.

Das Rote Kreuz verteilt täglich als eine von verschiedenen Organisationen 700 Essenspakete, die für etwa 1.400 reichen müssen. Christopher erklärte mir, dass insgesamt genau so viel verteilt wird, dass es sich irgendwie aus geht und die menschen keinen Aufstand machen. Viele fragen uns auf dem Weg zum Zelt nach Essen, Geld, Job, Visum…. Wir versuchen immer höflich zu bleiben und zu erklären. Während ich schon nach dem dritten Mal das Erklären müde bin, macht Christopher sehr herzlich aber bestimmt klar, dass wir das medizinische Team sind und dementsprechend sonst auch nicht helfen könne.

Morgen wird das FACT Team kommen. Die KollegInnen werden schauen, wo das internationale Rote Kreuz dem Hellenischen RK helfen kann. Sie sind SpezialistInnen auf ihrem Gebiet und werden die Lage beurteilen.

Morgen geht es weiter, die nächste Schicht. Dieser werden noch sieben folgen, bevor ich direkt aus dem Dienst zum Flughafen fahren und das Flugzeug in die Heimat besteigen werde.

Freunde fragen mich, wie immer, warum ich mir das schon wieder antue. Jede helfende Hand wird gebraucht. Ich bin kein Politiker, habe keine Lösung, gebe auch niemandem die Schuld. Ich tue das, was ich in der Situation am besten kann: helfen, ohne Vorurteile, ohne Grund, einfach um das leiden zu mindern. Auch, wenn es nur 52 Menschen waren, es werden noch viele kommen in den nächsten Schichten. Und jedes „Schukran“- jedes Danke ist die Strapazen wert.