Marsch der Hoffnungslosigkeit

Mit Lumia Selfie aufgenommen

Dr. Michael Kühnel im Versorgungszelt in Idomeni

Vergangenen Montag trafen sich einige hundert vielleicht sogar einige tausend Menschen irgendwo bei Idomeni. Ihr Ziel war die Grenze zwischen Griechenland und der Former Yugoslavian Republic of Macedonia (FYRoM), also dem, Land, dass wir unter Mazedonien kennen. Dies ist an und für sich keine Besonderheit, leben doch seit Wochen viele tausend Menschen im Schlamm unter Bedingungen, die wir unseren Hunden nicht antun würden.

Unterstützen Sie den Einsatz von Dr. Michael Kühnel und anderen Rotkreuz-Mitarbeitern mit ihrer Spende.

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Zuerst sah man das Elend in Syrien, danach den Exodus in verschiedene Richtungen. Man hatte sich daran gewöhnt. Mittlerweile sind die Bilder der Verzweiflung in Griechenland, also in Europa angekommen. Immer noch schauen wir zu und denken, dass alles so weit weg ist. Hier, wo diese Menschen in Not leben, wird mit dem Euro gezahlt, hier kann man ohne Visium einreisen und man macht Urlaub.

Am Sonntag kamen Flugblätter in Umlauf. Sie berichteten von einem geplanten gezielten Marsch zur Grenze, von Soldaten, die einen, anders als offiziell prophezeit, über die Grenze lassen würden. Wer diese kopierten Zettel in Umlauf gebracht hatte, wissen wir bis heute nicht. Fest steht aber, dass keine der grossen NGOs damit etwas zu tun hat. Ja sie distanzieren sich ausdrücklich davon. Wir alle verurteilten diese Aktion, war sie doch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ich denke, dass einige der Flüchtlinge einfach hofften, dass es funktionieren würde. Warum sollten Polizei und Militär beim Anblick von ein paar hundert Flüchtlingen plötzlich alle Befehle vergessen?

Natürlich gab es in der Geschichte auch Beispiele, wo es funktioniert hatte. Wir erinnern uns an den Zusammenbruch der DDR, wo das Rote Kreuz tausende Flüchtlinge in Österreich an der ungarischen Grenze Willkommen geheissen hat. Aber das waren andere Voaraussetzungen.

Am Montag, dem 14.3.2016 wussten wir als Rotes Kreuz und auch die anderen Organisationen, wie es diesmal ausgehen würde. Daher hielten wir uns auch zurück. Hätten wir die Menge begleitet, hätte man uns als Urheber vermutet.

Fakt ist, dass einige Menschen versuchten, die Grenze durch den Hochwasser führenden Fluss zu durchqueren. Fest steht weiters, dass einige Hundert Menschen, Medien sprechen von bis zu 700, dies auch schafften und durchnässt in Mazedonien an kamen. Leider steht auch fest, dass drei Menschen bei diesem Wagnis ihr Leben verloren haben. Drei mehr in der langen Geschichte. Die Flüchtlinge, die es schafften, wurden dort in Busse gesetzt und wieder zurück gebracht

Warum tut man sich so eine Harakiri Aktion an? Vermutlich aus denselben Gründen, die einen dazu zwingen, seine Heimat, seine Freunde zu verlassen. Krieg, Verzweiflung und Angst. Einige tausend Kilometer haben sie bereits in den Beinen und stehen nun still. „Open the Borders“ ist auf einigen Zelten zu lesen.

Ein Deutscher Arzt sprach heute mit mir via Telefon, das mir eine 18 Jahre junge syrische Frau gab. Die Dame sei die Nichte eines seiner Übersetzer und er wolle wissen, was man tun könne um sie nach Deutschland zu bekommen? Legale Wege? Illegale Wege? Könne man Grenzer „schmieren“? Ich wusste ehrlich keine Antwort und riet ihm, bei UNHCR anzufragen- also zumindest wegen der offiziellen Wege.

Wildfremde sind bereit knapp 2.000 km entfernt alles zu tun, um unbekannte, geliebte Menschen von Freunden zu sich zu holen, evt. sich selbst strafbar zu machen.

Was am Montag folgte waren Menschen, die voller Hoffnung zur Grenze gepilgert waren. Der Grossteil kam frustriert wieder zurück. Der andere Teil kam später frustriert und durchnässt wieder ins Lager. Wie hatte sich die Polizei verhalten? Nun ja, aus den Erzählungen der Nachmittagsschicht und aus dem Patientenaufkommen in unserer würde ich sagen fair. Wir hatten fünf Patienten, die wegen Stockschlägen behandelt worden sind, die Nachmittagsschicht ebenfalls. Also kaum der Rede wert. Natürlich ist Gewalt abzulehnen, nichtsdestotrotz muss das nationale Recht gewahrt werden und ich verstehe, dass Flüchtlinge, die es endlich über die Grenze geschafft haben, nicht freiwillig zurück wollen. Wir hatten uns auf Tränengasopfer, Brüche und Wunden verschiedenster Art eingestellt. Es gab keine Brüche, keine inneren Verletzungen und einige blaue Flecken.

Auch das berühmte „Zeltbaby“ geisterte durch die Medien. Leider sind solche Fakebilder ein gefundenes Fressen für Leute, die meinen, es gehe den Menschen hier in Idomeni eh gut. Es gibt hier laufend Geburten, aber meines Wissens zumindest in den medizinischen Einrichtungen bisher keine. Wir haben es bisher immer geschafft, die Gebärenden ins Krankenhaus zu schicken. Gestern waren wir mit 5 Minuten Abstand zwischen zwei Wehen recht knapp dran (beim 2. Kind). Es ging sich aber trotzdem aus.

Mit David (6 Kinder) und Adam (3 Kinder) haben wir recht erfahrene Männer im Team. Kaum einer wechselt die Windeln so gut wie David.

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Die Situation an der Griechisch-Mazedonischen Grenze in Idomeni ist trostlos. Für die Flüchtlinge aber noch besser, als in ihrer Kriegszerstörten Heimat.

Was die trostlosen Fernsehbilder von Menschen im Schlamm an geht- die sind zu vergessen. Sie zeigen gar nichts. Im Vergleich zu den überschwemmten Zelten, dem Schlamm, den kleinen Seen, der Trostlosigkeit zeigen die Bilder nicht annähernd die Wirklichkeit. Diese ist nämlich noch um einiges schlimmer und sich tagtäglich diesem Anblick zu stellen, ohne zu Heulen ist kaum möglich.

In diesem Zusammenhang ist es auch verständlich, dass jeder der erste und wichtigste Patient sein möchte. Vor allem bei den Kinder ist es schwer, da alle Eltern Angst um ihre Kinder haben. Da ist es eine grosse Herausforderung, nett und trotzdem bestimmt zu bleiben.

Gemeinsam mit einem ungarischen Rotkreuz-Team werden die Patienten versorgt.

Gemeinsam mit einem ungarischen Rotkreuz-Team werden die Patienten versorgt.

Angst vor Epidemien.. Das hört man immer wieder aus allen Medien. Eine griechische Organisation sprach kürzlich von einem potentiellen Malariaausbruch, wobei ich mir nicht wirklich sicher bin, dass es hier im Süden bereits Anopheles Mücken gibt, die man zur Übertragung benötigt. Ernster zu nehmen wären Ausbrüche von Hepatitis A, Varizellen (Windpocken) oder Masern. Es gab Gerüchte von Varizellen und Hepatitis A. Beides wäre in Österreich relativ harmlos. Immer mehr Menschen sind gegen Hepatitis bzw. Windpocken geimpft. Aber hier, in einem Gebiet wo tausende Menschen auf engstem Raum zusammen leben , lassen sich Vorhersagen schwer treffen. Schwangere sollten mit Erkrankten keinen engen Kontakt haben, aber wohin sollen sie gehen?

Sollten etwa Masern ausbrechen, haben die Organisationen engen Kontakt zur Regierung und könnten Impfaktionen durchführen. Warum nicht schon jetzt? Es besteht immer die Frage nach dem Geldgeber und in die Prävention zu investieren ist nicht so prestigeträchtig wie in die Heilung. Siehe auch Ebola 2014…

Manchmal sind es kleine Verletzungen, die versorgt werden. Oft allerdings Erkrankungen aufgrund der kühlen und feuchten Umgebung.

Manchmal sind es kleine Verletzungen, die versorgt werden. Oft allerdings Erkrankungen aufgrund der kühlen und feuchten Umgebung.

Ein für mich persönlich wichtiger Punkt sind Zitate von Menschen in Österreich: Wo sind die Frauen, die Alten? Wer glaubt, dass nur strengst Gläubige und Extremisten nach Europa wollen: Ich habe viele Ärzte gesehen, die uns beim Übersetzen geholfen haben, uns Ratschläge gegeben haben, ohne einen Cent zu wollen. Freilich dürfen sie in Europa nicht arbeiten, aber sie können uns beraten. Ich sah keine einzige Frau voll verschleiert, was mir zwar an sich egal gewesen wäre, aber es gibt es hier einfach nicht. Die Alten und die Frauen sind es, die hier leben und dahin vegetieren müssen. Ich würde so etwas meiner Oma nicht antun wollen, aber wil man sie daheim im Krieg zurück lassen. Wie gefährlich muss es daheim sein, um als 70 Jährige(r) sich so eine Reise anzutun? Ist es die 65 jährige Dame mit Diabetes und einem hohen Blutdruck, vor der wir Angst haben? Ist es der72 jährige ehemalige Volksschullehrer, der Mädchen unterrichtet hat und um sein Leben zittern musste? Oder sind es die zwei Jahre alten Kinder, die sich über einen Sanifanten freuen (ein aufgeblasener Handschuh, der wie ein Elefant aus sieht) oder über eines der paar kleinen Kuscheltiere, die wir für Kinder haben? Wollen wir wirklich aus Angst diese Menschen in Umständen leben lassen, die sie überlegen lassen, wieder in den Krieg (!!!) zurück zu gehen? Das Wort Gutmensch hat sich in den Sozialen Netzwerken zum Schimpfwort entwickelt. Wenn man es so will, bin ich ein Gutmensch. Die Frage, die ich mir stelle- vor allem, seit ich hier unten bin: will ich das Gegenteil von einem „Gutmenschen“ sein? Gibt es ein schmeichelhaftes Gegenteil zu MENSCH?

Das Ambulanzzelt muss regelmäßig gereinigt werden. Ein Job für alle Teammitglieder.

Das Ambulanzzelt muss regelmäßig gereinigt werden. Ein Job für alle Teammitglieder.

Nachdem ich nun den vierten Tag Antibiotika nehme, geht mein Kurzeinsatz langsam zu Ende. Ich werde am Freitag nach sechs Stunden Dienst direkt zum Flughafen fahren, wo ich, in Wien angekommen, in meine warme Wohnung zurück kann, ab Montag Patienten betreuen werde und mir diese Bilder im Fernsehen wieder so unwirklich vorkommen werden. Bilder von frierenden, im Schlamm dahin vegetierenden Menschen, deren Hoffnung langsam stirbt- keine 1.500 km entfernt von meiner Haustür, wo man mit Euro zahlt, ohne Visum einreisen kann und auf Urlaub hin fährt.

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Informationen zur Arbeit des Roten Kreuzes im Rahmen der Flüchtlingshilfe finden Sie online unter www.roteskreuz.at/fluechtlingshilfe

Ibuprofen

Ibuprofen ist ein Medikament, das neben einer schmerzstillenden auch eine entzündungshemmende und fiebersenkende Wirkung hat…

Was das jetzt mit der Situation in Idomeni zu tun hat? Nun gestern hatten wir unsere erste volle Schicht…eine Nachtschicht.

In den Stunden davor regnete es wie aus Kübeln. Daher waren alle Menschen nass, ihre Kleidung war nass, ihre Zelte waren nass und sie standen bzw. lagen im Schlamm. Es war nicht das erste Mal. In den letzten Tagen regnete es immer wieder. Die Kamerateams kamen oft genau dann, wenn die Sonne schien. So macht das Lager durch die vielen kleinen Zelte eher den Eindruck eines Musik- Festivals.

In unserer ersten Schicht hatten wir knapp 100 PatientInnen wovon knapp 50% Kinder und Jugendliche unter 18 waren. Diese wurden durch meine Kollegin, eine Kinderärztin betreut. Ich kümmerte mich um die Erwachsenen.

Vermutlich mehr als 40 von meinen 50 PatientInnen kamen mit Fieber, Husten und/ oder Halsschmerzen. Diese wurden je nach Schweregrad entweder mit einem Antibiotikum oder eben Ibuprofen versorgt. Der Umstand brachte mir bereits in der ersten Schicht den Spitznamen Mr. Ibuprofen ein. Ich bekam sogar eine eigene 100er Packung, damit ich schneller arbeiten konnte… Zumindest sagte mir das Adam, mein Teamleader, im Scherz.

Adam ist Ungar, wie auch die anderen Teammitglieder. Wir sind ein ungarisch-österreichisches Team aus Sanitätern, einem Pfleger und eben unserer Kollegin Zsofia, die Kinderärztin ist, dass hier in den kommenden zwei Wochen in Idomeni, nahe der griechisch mazedonischen {FYRoM} Grenze, versucht, den Flüchtlingen medizinische Grundversorgung zukommen zu lassen. Die offiziellen Zahlen variieren und vermutlich weiss sie keiner so genau. Es sind aber mehrere tausend Menschen, die auf ihre Weiterreise warten.

Angefangen hat alles mit ein paar größeren Zelten, jetzt kommen hunderte 2 oder 3 Mann Zelte dazu. Die Infrastruktur ist aber nicht mitgewachsen. Christopher Bachtrog, ein Österreichischer Kollege, der bereits einige Wochen hier ist, kam auch als Koordinator dafür, dass alles reibungslos abläuft. Die Anlieferung von Gütern geht nur sehr schwer vonstatten die schmale Strasse ist an beiden Seiten mit Zelten zugepflastert. Es gibt zu wenige Duschen und Dixie Klos. Menschen kampieren auf und entlang den Bahngleisen. Erst heute habe ich erfahren, dass noch immer Züge verkehren und dementsprechend täglich die Gleise geräumt werden müssen um keine Toten zu riskieren.

Die Anfrage eventuell neue Zelte aufzustellen wurde nicht positiv erwidert. Eine Organisation hat daraufhin einfach am Strassenrand Zelte abgeladen und die Flüchtlinge haben diese einfach so aufgestellt. Eine unkonventionelle aber wirksame Lösung.

Ja, es gibt Gerüchte, wonach das Lager geräumt werden muss, aber die gibt es sicher schon länger, als das Camp in Idomeni selbst. So lange es das Lager gibt, wird es hier unsere Hilfe geben. Lösungen für die Krise haben auch wir keine. Das ist aber als Rotes Kreuz auch nicht unsere Aufgabe. Ich wurde von einem Journalisten gefragt, ob ich mich dafür schäme, Österreicher zu sein, weil „wir“ mit Schuld daran sind, dass die sogenannte Balkanroute dicht ist.

Ich schäme mich für dumme Menschen jeglicher Nationalität, die Hass und Zwietracht schüren, die alles verteufeln und mit der Angst von Menschen spielen. Ich bin stolz darauf, Österreicher zu sein und als solcher mit dem Österreichischen und dem Ungarischen Roten Kreuz hier helfen zu dürfen.

Aber zurück zu meinem Dienst. Wir arbeiten in einem Zelt, das etwa 40m2 Grundfläche hat, 4 Wartebänke, 1 Tisch für die Administration, 1 Tisch für die Medikamente, 1 Regal, eine „private Ecke“ und 2 Kojen, in denen jeweils die Erwachsenen bzw. die Kinder betreut werden. Die jüngste Dame war gestern 2 Wochen alt und hatte bereits eine beginnende Bronchitis. Immer wieder wurden wir nach trockener Kleidung gefragt. Leider sind wir dafür nicht zuständig. Menschen frieren…

Eine Dame brach beim Lagerfeuer zusammen: epileptischer Anfall. Die Rettung braucht etwa 50 Minuten, wenn sie kommt. Für harmlosere Fälle gibt es einen Bereitschaftsfahrer. Ein Nepali hatte ganz frisch Diabetes diagnostiziert bekommen. Er bekam vom Krankenhaus einen Insulinpen und eine Vorschreibung auf griechisch. Er schlug drei Tage später- also gestern- bei uns auf und bat uns ihm Insulin zu geben. Der Zuckermesser zeigte zunächst „ERROR“ der andere dann 580 mg/dl an- etwa das 2 bis 3 fache, des Normwerts. Also musste er wieder ins Krankenhaus zurück, um dort eingestellt zu werden. Dies alles sind keine Anschuldigungen, es sind Tatsachen, die die Lage verdeutlichen sollen. Die Rettung kommt aus dem nächsten, größeren Ort, fehlt dann dementsprechend dort bei der Versorgung. Pro Tag gibt es mindestens sechs Abtransporte. Immerhin die Verständigung mit den SanitäterInnen auf Englisch klappt. Die Briefe sind für uns nicht lesbar, weil griechisch.

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Ein Mann wurde gestern gegen eine Autotür geschupst, hat heute Schmerzen im Rippenbereich. Beim Zusammendrücken des Brustkorbes stöhnt er auf. Er will kein Schmerzmittel. Uns stellt sich die Frage: Krankenhaus oder nicht? Wenn ein Bruch festgestellt wird, wird von Natur aus nichts unternommen. Andererseits kann sich der Bruch verschieben und einen Pneumothorax, also eine Verletzung der Lunge nach sich ziehen. Wir beschliessen, den Bereitschaftsfahrer zu schicken, sobald dieser wieder da ist und bitten den Patienten in 2 Stunden wieder zu kommen. Er ward später aber nicht mehr gesehen.

So vergehen die Stunden wie von alleine. Wir erinnern einander gegenseitig daran, ausreichend zu trinken. Die Nacht dauert neun Stunden.

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Dann, um etwa sechs Uhr kommt ein Mann, etwa mitte 50 rein und erzählt uns unter Tränen, dass sich seine Tochter an irgendetwas vergiftet hätte und nicht alleine kommen kann. Adam, David und ich nehmen die Trage und folgen ihm durch den Nebel. Die Nacht ist gespenstisch. Durch den Regen, ist das Holz nass geworden und Rauch hüllte bereits seit dem frühen Abend das Lager ein.

Wir folgen dem Mann zur Site B, gleich beim alten Bahnhofsgebäude. Dort ist eines von den grossen Zelten aufgebaut- etwa 10x 16m.

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Was uns dort begegnet, werde ich wohl nicht mehr vergessen… Hunderte Menschen, deutlich über 200, liegen dort eingepfercht, wie Schweine, in einem großen Knäuel dicht an dicht aneinander. Sie alle haben Flucht vor dem Regen, der Kälte gesucht. Ich weiss, der Vergleich ist nicht angebracht, denn bei Schweinen wäre diese Platznot vermutlich verboten. Wir müssen uns in der Mitte den Weg durch die schlafende Menge bahnen, um dann auf halben Weg ganz an den Rand des Zeltes zu gelangen. Dabei steigen wir über 20 und mehr Menschen drüber, ich mindestens leider auch auf drei Menschen bzw. deren Körperteile.

Letztendlich erwies sich die Vergiftung als Übelkeit mit Erbrechen und daraus resultierend als Schwäche. Wir konnten die junge Dame in der Station wieder aufpeppeln. Beim Weg ins Sanitätszelt entstand eines der bizarrsten Fotos hier. Was nach einem gemütlichen Lagerfeuer aussieht, ist die einzige Möglichkeit sich halbwegs aufzuwärmen.

Das Rote Kreuz verteilt täglich als eine von verschiedenen Organisationen 700 Essenspakete, die für etwa 1.400 reichen müssen. Christopher erklärte mir, dass insgesamt genau so viel verteilt wird, dass es sich irgendwie aus geht und die menschen keinen Aufstand machen. Viele fragen uns auf dem Weg zum Zelt nach Essen, Geld, Job, Visum…. Wir versuchen immer höflich zu bleiben und zu erklären. Während ich schon nach dem dritten Mal das Erklären müde bin, macht Christopher sehr herzlich aber bestimmt klar, dass wir das medizinische Team sind und dementsprechend sonst auch nicht helfen könne.

Morgen wird das FACT Team kommen. Die KollegInnen werden schauen, wo das internationale Rote Kreuz dem Hellenischen RK helfen kann. Sie sind SpezialistInnen auf ihrem Gebiet und werden die Lage beurteilen.

Morgen geht es weiter, die nächste Schicht. Dieser werden noch sieben folgen, bevor ich direkt aus dem Dienst zum Flughafen fahren und das Flugzeug in die Heimat besteigen werde.

Freunde fragen mich, wie immer, warum ich mir das schon wieder antue. Jede helfende Hand wird gebraucht. Ich bin kein Politiker, habe keine Lösung, gebe auch niemandem die Schuld. Ich tue das, was ich in der Situation am besten kann: helfen, ohne Vorurteile, ohne Grund, einfach um das leiden zu mindern. Auch, wenn es nur 52 Menschen waren, es werden noch viele kommen in den nächsten Schichten. Und jedes „Schukran“- jedes Danke ist die Strapazen wert.

10 Jahre danach: persönliche Erinnerungen an die Katastrophe.

Stefanitag 2014. Zehn Jahre nach der Tsunamikatastrophe in Südasien. Zeit, ein wenig in der eigenen Erinnerung zu graben. Der Weihnachtsurlaub gibt mir Zeit, meine alten Mail- und Dokumentenarchive anzusehen, die alte Website zu durchforsten um mich selbst wieder zu erinnern.

Der Beginn

Weihnachtsurlaub hatte ich auch, im Jahr 2004. Wir waren – noch nicht lange verheiratet – bei der Schwiegermutter in Stadt Haag, ich hab‘ schon in der Früh die Meldungen aus den verschiedenen Alarmkanälen erhalten, dass in Südasien – irgendwo vor Indonesien etwas wirklich Großes passiert sein könnte. Ich war damals Presseverantwortlicher im Generalsekretariat des Österreichischen Roten Kreuzes und – wie eigentlich fast immer – in Rufbereitschaft. Nach einem Telefonat mit Jürgen Högl, der damals den nationalen Disastermanagement-Desk leitete, habe ich mich irgendwann gegen 11:00 Uhr entschlossen, nach Wien zu fahren. „Wir treffen uns am Nachmittag im Büro“, war unser Plan. Was wirklich passiert ist, wusste um diese Uhrzeit niemand.

Während einer nach dem anderen aus dem Weihnachtsurlaub anrief, die Kollegen, die in Wien waren kamen dann ins Büro, fuhren wir einen Krisenstab hoch und versuchten uns innerhalb Österreichs und mit den internationalen Kollegen in Genf und in Bankok zu vernetzen. Es war rasch klar, dass vor Ort tausende Österreicherinnen und Österreicher im Weihnachtsurlaub waren (auch ich war eigentlich noch bis 19. November in Khao Lak auf Hochzeitsreise), viele von Ihnen waren mit der Austrian Airlines unterwegs. Von den Schäden wusste man wenig. Ein Tsunami soll nach dem Erdbeben viele Meter hoch alles überflutet haben, wo genau das war nicht wirklich klar.

Eine erste Presseaussendung zu Mittag am 26. Dezember war ein Spendenaufruf, gegen 17:00 Uhr wussten wir schon mehr: „Unsere Experten sind seit dem Vormittag in Alarmbereitschaft versetzt. Im Moment gilt es, die Ergebnisse des internationalen Rotkreuz-Evaluierungsteams abzuwarten, das in den nächsten Stunden in der Katastrophenregion eintrifft. Anhand der Erfahrungen dieser Experten helfen wir zielgenau“, so Dr. Kopetzky, Rotkreuz-Generalsekretär.

Repatriierungen aus dem Katastrophengebiet

Im Hintergrund koordinierten uns mit dem Außenministerium und der AUA, um hinsichtlich der Repatriierungen, also der Rückführung betroffener Österreicher Hilfe leisten zu können. Hunderte Rotkreuz-Mitarbeiter in ganz Österreich wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Das Außenministerium richtete eine Hotline ein, wir bereiteten die ersten Kriseninterventionsteams vor – die AUA-Maschinen ins Katastrophengebiet wurden mit Rotkreuz-Notärzten (und später auch mit psychsozialen Fachkräften) besetzt.

Erstes Hilfsteam nach Colombo

Bereits am 27. Dezember konnte ein erstes Hilfeteam nach Sri Lanka fliegen, um einerseits die Rückkehr Betroffener zu unterstützen und andererseits die internationale Hilfe in Sri Lanka vorzubereiten. Unter der Einsatzleitung von Günter Stummer aus Wien haben Gerhard Huber, Ing. Toni Holzer und Vinzenz Mihelak aus Salzburg, Werner Liebetegger aus der Steiermark und Petra Schmidt aus Niederösterreich am späten Nachmittag des 27. Dezember Wien in Richtung Sri Lanka verlassen.

Am 28. Dezember berichtet Günter Stummer aus Colombo: „Wir hatten bereits Kontakt zu mehreren Österreichern und sind im Moment dabei, die Hotels der Stadt zu kontaktieren, um auch von dort Informationen zu sammeln“.

Neben einer Sondermaschine nach Colombo, um verletzte auszufliegen besetzten Rotkreuz-Teams aus Ärzten, Kriseninterventionsmitarbeitern und Notfallsanitätern alle Linien- und Charterflüge der AUA in die Katastrophenregion. Für die Betreuung der mit den nächsten Flugzeugen zurückkehrenden Österreicher in Schwechat wurden am 28. Dezember zur Unterstützung der Wiener Rettung vor Ort 45 Rotkreuz-Einsatzfahrzeuge bereitgestellt. Ein eigener Verbindungsoffizier des Bundeskommandos – in Person von Franz Jelinek (der übrigens am 26. Dezember Geburtstag feiert: Alles Gute!) – wurde am Flughafen in Schwechat stationiert um diese Aktivitäten zu koordinieren. Aufgrund der Sonderstellung des Flughafens erfolgte zusätzlich eine Koordination mit der Rettung der Stadt Wien und der Wiener Akutbetreuung.

Bloß Presse und Medienarbeit?

Mein Job war die Koordination der Presse und Medienarbeit – zu diesem Zeitpunkt zwei Tage nach der Katastrophe hatten wir mehrere hundert Medienanfragen und viele Kamerateams bei uns im Haus, im Katastrophenhilfelager (damals noch im Prater), am Flughafen, …

Ein kurzer Blick in meine Zeitaufzeichnungen von damals zeigt mir, dass ich eigentlich rund um die Uhr im Büro war. Gerne wäre ich damals auch in einem der Hilfeteams gewesen, mit hinaus ins Katastrophengebiet gegangen, um persönlich zu helfen, doch die Medienarbeit war definitiv wichtiger, wohl auch, weil mich damals niemand wirklich ablösen konnte …
Das ist heute zum Glück anders …

Thailand

Aufgrund der Meldungen bei der Hotline im Aussenministerium war bald klar, dass auch in Thailand viele vermisste Österreicher zu beklagen sind. Am Abend des 28. Dezember wird daher das zweite Team zusammengestellt und nach Phuket in Thailand entsendet: Unter der Leitung des Niederösterreichers Josef Schmoll flogen: Markus Neumüller (NÖ), Mag. Christian Schönherr (T), Mag. Dr. Elmar Dobernig (K), Dr. Heike Welz (W), Dr. Kurt Lemberger (OÖ), Dr. Thomas Meindl (OÖ) und Wolfgang Egger (KIT Land Steiermark).

Noch am Tag vor Silvester wird ein zweites Team von 10 Personen in die Thailändische Hauptstadt Bangkok entsendet.

Am 29. Dezember ist klar, dass es koordinierte internationale Hilfe geben wird. Die Stiftung Nachbar in Not beschließt, eine eigene Hilfsaktion zu starten und lädt für den 30. Dezember zum Roten Kreuz zur Pressekonferenz ein.

Psychosoziale Unterstützungsangebote

In Österreich gibt es, nicht zuletzt aufgrund der enormen Medienberichterstattung viele Sekundärbetroffene, also Personen, die nicht direkt einen Angehörigen vermissen, aber trotzdem betroffen sind, an eigene Schicksale erinnert wurden, oder aufgrund der Weihnachtsfeiertage besonders anfällig für die dramatischen Katastrophenbilder im Fernsehen waren. Die Ö3- Kummernummer hat daher eine eigene Sendung auf Ö3 gestartet, die im Anschluss als „Ö3 Kummernummer, der Talk“ einige Monate regelmässig mit Gerry Foitik und Sarah Kriesche on Air war. Für die Koordination aller psychosozialen Unterstützungsangebote und die Hilfe an Board kam die Chefpsychologin Dr. Barbara Juen aus Innsbruck nach Wien und war damit bei allen Stabssitzungen mit dabei.

Die Bilanz bis Silvester

Allein in den ersten Tagen waren über 85 Personen des Roten Kreuzes im Einsatz, in Österreich und bei den Repatriierungsflügen. Diese Notärzte, Katastrophenhelfer, Psychologen, Rettungs- und Notfallsanitäter wurden vom Team des Generalsekretariats unterstützt, das ebenfalls mit rund 10 Personen rund um die Uhr on Duty war. Zählt man noch die über 50 Rettungsfahrzeuge dazu, die in den ersten Tagen für die Repatriierungen bereit standen, so ist man rasch bei fast 180 Personen, die hier in den ersten sieben Tagen involviert waren. Zum Glück war dieser Teil der Hilfe in wenigen Wochen abgeschlossen – der viel größere Teil war die internationale Hilfe. Zum Beispiel mit Hilfe der Trinkwasseraufbereitung in Banda Aceh in Indonesien oder der Wiederaufbau in den betroffenen Regionen, der insbesondere in Sri Lanka intensiv und nachhaltig betrieben wurde.

Tsunami Dezmeber 2004Auch wenn viele materielle Schäden behoben werden konnten, wenn Häuser wieder errichtet wurden, die stabiler sind, wenn Familien wieder zusammengeführt werden konnten, bleibt dieser eine Tag vor zehn Jahren in Erinnerung. So wie sich die Generation meiner Eltern erinnern kann, wo sie waren, als der erste Mann auf dem Mond war, so wissen wir, wo wir waren, als wir vom Tsunami gehört haben. Mit diesem Tag war alles irgendwie anders.

Freitag abend in Monrovia

Eigentlich sollte ich durchatmen. Ich habe in den letzten beiden Wochen 120 Stunden gearbeitet, Nachtschichten eingelegt, viele Menschen trainiert, Meetings besucht und versucht überall zu helfen wo es nötig war.

Heute war mein letzter Arbeitstag- also theoretisch zumindest. Am Wochenende haben wir frei- theoretisch zumindest.

Morgen ist um 11 Uhr das letzte Meeting mit der Leitung des Krankenhauses. Danach muss ich die Ergebnisse zusammenfassen und mein Handover- meine Übergabe vorbereiten.

Am Montag fliege ich dann wieder nach Europa zurück- nicht bevor ich bei uns eine Übergabe fertig gestellt habe, meine Ausrüstung wieder zurück gegeben habe und noch ein letztes Mal zu Mittag gegessen habe. Mama SUSU macht die besten Schwamas hier im Ort.

Nicht, dass es normal ist 60 Wochenstunden zu arbeiten, aber wir haben alles versucht, um die Eröffnung der Geburtenstation rechtzeitig zu schaffen UND es hat Spass gemacht. Ansonsten herrscht die 40 Stunden Woche wie sonst auch.

Ich nehme es vorweg: es geht sich nicht aus. Es heisst auf keinen Fall, dass das Projekt gescheitert ist, aber die Eröffnung wird erst 1 Woche später als geplant statt finden. Bis dahin werden wir viel erreicht haben:

  • Eine neue Triage (Hütte, wo eine Voruntersuchung, Temperaturmessung und Befragung statt findet) wurde errichtet,
  • ein kleiner Anbau wurde für Verdachtsfälle umgebaut,
  • 1 neue Grube für scharfe Gegenstände,
  • 1 Grube für Plazentas wird gebuddelt worden sein.
  • Wir haben 2 neue Ausgänge gebaut,
  • 100 Personen mehrfach im Umgang mit der Schutzausrüstung (PPE) geschult,
  • haben ein neues Müllsystem für potentiell infektiösen Abfall eigeführt,
  • haben die Geburtenstation in verschiedene Zonen mit verschiedenem Risiko eingeteilt,
  • haben mindestens 3 Löcher im Rohrsystem der Wasserleitung geflickt.
  • Eine kaputte Pumpe wurde ersetzt.
  • Das Leitungssystem wird hoch- gechlort um alle Bakterien abzutöten
  • SOPs (standard operating procedures) wurden erstellt und vorgestellt, dabei handelt es sich um Unterlagen, die erklären, wer was wo an zieht und auf was man aufpassen muss.
  • Ein Labor speziell für Ebola- Verdachtsfälle wurde gewonnen
  • Ebenso andere Organisationen, die im Notfall Ebola Patienten abholen und diese in Ebola Center (ETC) bringen.

Dazwischen habe ich geschlafen gegessen und ab und zu sogar Video geschaut.

Das Spital wird von uns auch weiter mit PPE (Schutzausrüstung) unterstützt und laufend geschult.

Wir sind hier in der Delegation des Internationalen Kommitees des Roten Kreuzes (IKRK) eine kleine HEALTH Abteilung:

  • 1 Chef
  • 2 Mitarbeiter (1 ein Kollege- männliche Hebamme und ich)
  • 1 Field Officer- ein Kollege aus Liberia, der auch als Trainer fungiert und die Projekte betreut.

Während die anderen ihre Projekte weiter entwickeln, war die Wiedereröffnung mein Projekt.

Mit dem Personal gemeinsam konnten wir alles auf Schiene bringen- es wird toll. Derzeit werden 2 kleinere Spitalsambulanzen im Umgang mit PPE trainiert. Sie sind bereits das ganze Jahr ohne Unterbrechung geöffnet und bisher sind sie von Ebola verschont geblieben. Durch unsere Unterstützung soll es auch so bleiben. Weitere drei sind geplant und wurden auch schon besucht.

Inzwischen scheint sich die Lage hier zu beruhigen. Es werden langsam weniger Fälle, wobei man speziell jetzt aufpassen muss. Wir sind noch weit von der Bewältigung entfernt und wenn man jetzt sorglos wird, kann die Fallzahl schnell wieder zunehmen. Es wird deshalb besser, weil die Richtlinien (Händewaschen, Vermeidung von Körperkontakt,..) greifen.

Auf jeden Fall versuchen jetzt immer mehr andere Organisationen unserem Beispiel zu folgen und wie das IKRK die medizinische Grundversorgung wieder herzustellen. Menschen werden weiterhin krank, Kinder werden geboren, Operationen müssen gemacht werden.

Es fehlt an Personal- in unserem Krankenhaus hat sich gerade die Anzahl der Arzte auf 5 insgesamt ERHÖHT, wobei der Chefarzt 72 Jahre altist.

Mit 8 Betten werden wir in 9 Tagen starten, danach langsam auf bis zu 20 Betten erhöhen. In weiterer Folge wird die Schwangerschaftsambulanz eröffnet- um ein HIV und Malaria Screening für die werdenden Mütter zu ermöglichen. Auf diese Weise wird wieder ein Stückchen Normalität in Monrovia einkehren und ich kann dem Land guten Gewissens den Rücken kehren.

Es ist für mich ein schöner Abschluss. Ein Jahr voller toter Menschen, voller Erkankung, voller ängstlicher Freunde und Familien, voller Medienpräsenz und vieler Erfahrungen geht damit langsam zu Ende. Sollte die Seuche unter Kontrolle gebracht werden, ist meine Hilfe nicht mehr von Nöten. Wenn nicht gibt es vielleicht ein Wiedersehen.

Vorletzter Tag: Das Rote Kreuz leistet gute Arbeit

Christopher Jahn bloggt von seinem humanitären Hilfseinsatz in der Ostukraine.

Freitag

Vorletzter Tag hier in Severodonetsk – heute ein dichtes Programm. Zuerst in der Früh noch schnell frisch übersetzte Formulare für das Freiwilligentraining ausdrucken. Dann ab in die Nachbarstadt nach Lysychansk wo wir im Dezember die Baumarktgutscheine verteilen werden. Eine Straßensperre und viele Schlaglöcher später schaun wir uns kurz ein schwer zerstörtes Gebiet in unserer Zielstadt an – dann rasch weiter zum Bürgermeister.

Meeting mit dem Bürgermeister im ostukrainischen Severodonetsk

Meeting mit dem Bürgermeister im ostukrainischen Severodonetsk

Der will auch wissen um was es geht und muss uns unterstützen. Nachdem er auch gut dastehen will bei seinen Wählern und kein Geld hat funktioniert das meist – hier sogar ausgesprochen gut. Zum Abschluss ein nette Foto – ich hab mich nicht nach vorne gedrängt 😉 Schnell noch in ein Nachbargebäude und die Fotos und Dokumente der Schadenskommission ansehen. Die Liste der Schadenskommission ist die Basis für unserer Familienselektion – also ausgesprochen wichtig. Die Gelder der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA/ADA, #Entwicklung.at) und des Roten Kreuzes (=Privatspenden) werden von uns vom Tag 1 an bis zur „Übergabe“ an die betroffenen Familien begleitet, dokumentiert und berichterstattet. „Transparency/Transparenz“ und „Accountability/Rechenschaft“ sind für das ÖRK nicht nur moderne Schlagworte – wir leben diese auch.

Alles wirkt stimmig (Unterschriften, Fotos, Dokumentation). Weiter zum Roten Kreuz in Lysychansk – die 4 jungen freiwilligen RKler warten bereits. Ihnen erzählen wir Basics über das Projekt und das wir sie ganz dringend brauchen. Sie müssen in zwei Wochen 250 Haushalte abklappern und die Information zu den Gutscheinen verteilen (wann zu holen, welcher Ausweis, wo zu beschweren und überhaupt) – außerdem die Daten der Behörde stichprobenartig überprüfen (ist das Haus überhaupt beschädigt usw).

Briefing der Freiwilligen, die die Verteilung der Hilfsgüter, besser gesagt der Gutscheine für das Baumaterial, durchführen werden.

Briefing der Freiwilligen, die die Verteilung der Hilfsgüter, besser gesagt der Gutscheine für das Baumaterial, durchführen werden.

Im Anschluss werden noch zwei Baumärkte geprüft – einen müssen wir in den kommenden Tagen auswählen. Dieser wird rund EUR 90,000 für Baumarktgutscheine erhalten die wir wiederrum an die Familien abgeben damit diese ihre Unterkünfte winterfit machen können. Leider hat nur einer der Baumärkte elektronische Gutscheinkarten wie bei uns im Obi oder Baumax. Das vereinfacht das Reporting und Monitoring sehr.

Danach noch ein Besuch beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz damit auch die Bescheid wissen was wir wann wo und wie machen und siehe da es entsteht eine weitere Kooperation. Das allerletzte Mail heute geht nach Kiew an den Nahrungsmittelcluster (die Kolleginnen und Kollegen versuchen den Überblick über alle Nahrungsmittelaktivitäten im Land zu bekommen) – somit kann ich guten Gewissens das Notebook abdrehen, das Rote Kreuz hat heute gute Arbeit geleistet.

 

p.s. die Tageszeitung derStandard hat ein Interview mit mir publiziert.

Grenzenlose Menschlichkeit?

Ende des Jahres 1989 fiel der „sozialistische Arbeiter und Bauernstaat“, wie sich die Stasi-Diktatur der Deutschen Demokratischen Republik selbst bezeichnete zusammen. In Deutschland gibt es dazu derzeit – 2014 ist ja das 25. Jubiläum dieses historischen Ereignisses – viele Gedenkfeiern und Erinnerungsveranstaltungen. Zahlreiche Bücher und Fernsehdokumentationen bringen die Erinnerung an die Ereignisse zurück ins Gedächtnis.

Mauerfall in Eisenstadt?

Der Mauerfall vor 25 Jahren. Damit begann die Auflösung politischer Strukturen nicht nur in Europa und ein Paradigmenwechsel im zwischenstaatlichen Zusammenleben

Doch auch für Österreich und das Österreichische Rote Kreuz war diese Zeit des radikalen politischen Wandels eine Herausforderung, ging doch dem „Mauerfall“ am 9. November eine grosse Fluchtbewegung aus der DDR über Ungarn und Österreich voraus. Mehr als 50.000 Menschen kamen innerhalb weniger Wochen über die Grenze nach Österreich und wurden vom Roten Kreuz versorgt. Der größte Teil passierte die Grenze im Bereich des Burgenlandes, weshalb auch das Rote Kreuz Burgenland zu jener Zeit den größten humanitären Hilfseinsatz in seiner Geschichte durchführte.

Menschliche Erinnerungen von Seiten der Helfer

Unter dem Titel „Grenzenlose Menschlichkeit“ haben Tobias Mindler und Johannes Steiner Anfang Oktober in Eisenstadt ihr Buch über den Rotkreuz-Einsatz zur Unterstützung der DDR-Flüchtlinge vor 25 Jahren präsentiert. Neben einem Überblick über die historische, geopolitische und sozialen Entwicklungen in dieser kuren Zeit widmet sich der Hauptteil der Monographie den Menschen, die damals geholfen haben. Persönliche Erinnerungen schildern emotionale Momente der persönlichen Begegnungen, der zwischenmenschlichen Solidaridät über Landes- und Sprachgrenzen und des individuellen altruistischen Engagements innerhalb und auch ausserhalb des Roten Kreuzes.

Von Schwester „Liebe“ und dem ungarischen „Häfen“

Gerade diese persönlichen Erinnerungen von Helferinnen und Helfern machen dieses Buch lesenswert. Bei manchen Geschichten muss man schon sehr hartgesotten sein, wenn nicht Tränen in die Augen bekommt, wie bei  Ljuba – die nicht nur im Rotkreuz-Dienst half, sondern auch privat. Um eine getrennte Familie auf ihre eigene Gefahr wieder zu vereinen, schmuggelte sie ein kleines Kind unter ihrem Mantel von Sopron nach Nickelsdorf. Oder bei Leopold, der als ehrenamtlicher Fluchthelfer sogar beschossen wurde und in einem kommunistischen ungarischen Gefängnis landete.

17  ehemalige und aktive Rotkreuz-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berichten von ihren persönlichen Erinnerungen. Archivmaterial und vor allem persönliche Fotos aus diesen emotionsreichen Wochen im Spätsommer und Herbst 1989 ergänzen die Geschichten vom Helfen. Die Schilderungen dieser Zeitzeugen lassen die Situation realitätsnah vor Augen erscheinen, die Problematik in der Logistik, die Versorgung der hungrigen Menschen, die oftmals nichts mit hatten, ausser das was sie am Körper trugen. Sie zeigen aber auch die große Kraft der menschlichen Hilfe, die Dankbarkeit und Zufriedenheit der Betroffenen und die Bescheidenheit der Helferinnen und Helfer, die einfach bloss da waren, wenn man sie brauchte. Aus Liebe zum Menschen.

Zurück in die Zukunft?

Die Geschichten brachten mich nicht nur zum weinen,sondern auch zurück in meine Errinnerungen an meine frühen Jahre beim Roten Kreuz, in jene Zeit der absoluten Begeisterung für diese humanitäre Idee. Ich selbst war zu der Zeit der DDR-Flüchtlingshilfe zwar schon Rotkreuz-mässig engagiert und einige meiner Kollegen halfen auch – gerade der so genannte Kat-Zug aus Brunn am Gebirge unterstützte auch die burgenländischen Kollegen, doch an mir selbst ging dieser Einsatz vorbei, ich war wohl zu intensiv in Sachen Rettungsdienst (und Erlangung der Matura) beschäftigt.

Ich bin mir sicher, dass Sammlungen von (humanitären) Zeitzeugenberichten wie diese dazu beitragen, unsere Kultur des Helfens, die „Liebe zum Menschen“ jedem verständlich zu machen. Eigentlich sollte jeder Rotkreuz-Mitarbeiter, jede Rotkreuz-Mitarbeiterin dieses Buch haben, um zu verstehen was Menschlichkeit bedeutet – grenzenlose Menschlichkeit.

Bibliographie

Grenzenlose Menschlichkeit

Grenzenlose Menschlichkeit

Mindler Tobias und Steiner Johannes (2014): Grenzenlose Menschlichkeit. Wie das Rote Kreuz Burgenland 1989 den DDR-Flüchtlingen half, Eisenstadt: Rotes Kreuz Burgenland

 

Dead Body Management

Was wie eine wissenschaftliche Definition klingt ist in Wirklichkeit eine sehr sensible, wichtige und nicht ungefährliche Aufgabe, die wir Ende kommender Woche angehen werden.

Alles in allem verstehen wir darunter Tätigkeiten, die neben dem Abtransport verstorbener Menschen, die Desinfektion des Leichnams und die Überwachung des Begräbnisses auf der einen Seite die Desinfektion des Hauses des Verstorbenen, aller Gegenstände und gegebenenfalls das Verbrennen einiger persönlicher Dinge auf der anderen Seite umfassen.

Die Mitarbeiter sind sehr gut ausgerüstet, muessen aber tgl. aufpassen, nicht selbst zu erkranken – eine kleine Unachtsamkeit kann genügen. An ihnen haftet das Stigma des Todes, selbst wenn sie selbst nicht krank bzw. ansteckend sind.

Wir muessen die Gefühle der Angehörigen respektieren und trotzdem auf die Sicherheit der Leute beim Begräbnis Acht geben.

Klingt jetzt kompliziert…ist es auch…

Dazu eine Geschichte, wie sie sich hier täglich zutragen kann…

Nun ein Vater/ Sohn/ Mutter/ Tochter,.. ist verstorben. Dies ist schlimm genug. Jeder sagt, dass es Ebola war. Jeder sagt, dass ich mit diesem Menschen im Haus gelebt habe. Bin ich auch krank? Hab ich es? Ich habe Angst. Menschen kommen. Die „Ambulanz“ kommt, um den Leichnam abzuholen. Sie tragen Ganzkörperanzüge, haben Masken und Brillen auf. Ich darf den Leichnam nicht berühren, mich verabschieden. Sie besprühen ihn mit Chlor, packen ihn in einen Sack und nehmen ihn mit. Wieder andere besprühen mein ganzes Haus, sagen mir, dass ich evt. auch krank sein könnte. Ich soll Menschenkontakt meiden. Alle Nachbarn, das Dorf wissen es. Sie meiden mich… es gibt also ohnehin keinen Kontakt.

Mein Geld wird nicht angenommen, ich bin ausgegrenzt. Irgendwer von den Nachbarn erbarmt sich, bringt mir Essen.

Die Leute, die den Verstorbenen abgeholt haben sagen, dass ich jetzt Besuch bekomme… jeden Tag… er oder sie wird mir Fragen stellen, wie es mir geht, ob ich erbreche, Durchfall habe, Schmerzen. Viele Menschen haben jetzt Schmerzen, Durchfall, Fieber…

Die Regenzeit und damit die Malariasaison haben begonnen. Hier hat jeder mal Durchfall…

Diesmal, so erklärt man mir, soll ich mich melden, wenn ich Beschwerden bekomme. Dann wird mir Blut abgenommen und ich komme sicherheitshalber ins Ebolacenter in Kailahun… wenn ich Glück habe und es Sprit gibt. Es gibt für den ganzen Distrikt Kailahun drei spezielle Ambulanzwaegen, wovon einer defekt ist. Über 500.000 Einwohner hat Kailahun, auf einer Grösse von ca. 60 x 60 km. Manchmal braucht es drei Tage bis sie Menschen holen. Eine Ambulanz ist in Wirklichkeit ein Geländewagen, in dem bis zu 10 Menschen Platz finden müssen. Potentielle Fälle und Erkrankte sitzen gemeinsam in dem Wagen.

Die Telefonnummer, die man anrufen soll ist eine Handynummer. Das Handynetz war drei Tage zusammengebrochen. Also selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte niemanden erreicht. Die Motorbiker, die hier quasi die Taxifahrer sind, weigern sich, mich mitzunehmen.

Der Leichnam soll beerdigt werden. Alles riecht nach Chlor. Das Team hat Schutzkleidung an, schaut, dass alles OK ist. Der Imam bzw. der Pastor sprechen Gebete. Ich habe keine Ahnung, wer in dem Sack liegt, der begraben wird. Ich hoffe, es ist mein Angehöriger. Alle meiden Koerperkontakt untereinander – speziell aber mit mir. Sollte ich in den kommenden drei Wochen keine Probleme bekommen, sei ich nicht erkrankt. Das habe ich auch meinen Nachbarn erzählt. Sie glauben mir nicht wirklich. Auch sie haben Angst. Woher unsere Familie das bekommen hat wissen wir nicht. Man hat uns gesagt, dass es eventuell von dem toten Affen war, den wir gefunden haben, der zubereitet worden ist. Die Zubereitung hätte schon gereicht.

Auch ein anderer Nachbar wurde abgeholt- vor einigen Tagen schon. Er war krank, gestern hat man uns gesagt, dass er gestorben ist. Er war noch lebendig, als er weggebracht worden ist. Ob „SIE“ das waren, die Leute mit den Masken, den Anzügen? Ich habe gehört, die Kranken bekommen Spritzen, evt. wird Ihnen das Virus injiziert, … oder sie brauchen Organe, die sie unseren Freunden entnehmen und den Rest begraben „SIE“ dann. Man sieht die Verstorbenen ja nicht mehr in diesen Säcken.

Was ich jetzt machen werde? Das Dorf hat gestern versucht den letzten Wagen vom Gesundheitsministerium zu vertreiben. Sie haben Angst, dass „SIE“ uns den Tod bringen.

Ich werde wohl versuchen in ein anderes Dorf zu gehen… so schnell wie möglich.. dort nimmt man mein Geld, man kennt mich nicht. Ich merke zwar, dass mich der Durchfall schwächt, aber ich glaube nicht an dieses Ebolazeug. Ich werde einfach ganz früh starten, damit mich niemand sieht.. Ich habe Angst- Angst vor dem was kommt, was alle über mich denken und vor den Menschen in den Anzügen, an denen der Tod haftet…..

Diesen Problemen stehen wir täglich gegenüber. Unsere Aufgabe ist es, einfühlsam die Menschen zu informieren, sie zu betreuen und vor allem der grossen Mehrheit der Menschen die Angst zu nehmen. Es gibt ein Krankenhaus, in dem geholfen wird, es gibt Chance auf Heilung. Je mehr Menschen Angst haben, umso eher gibt es Zwischenfälle, von denen das Rote Kreuz hier in Sierra Leone aber bisher verschont geblieben ist. Je mehr Menschen uns und unseren Botschaften vertrauen, umso mehr Menschen werden überleben. Flucht ist hier keine Lösung

Unsere Kolleginnen haben einen Slogan dafür gefunden:

„Spread the words not the disease“

Rotkreuz-Hilfe hautnah

Rotkreuz-Landesrettungskommandant Toni HolzerDer Salzburger Rotkreuz-Landesrettungskommandant Ing. Toni Holzer Berichtet von der INsel Leyte aud den Philippinen von der Rotkreuz-Hilfe nach dem katastrophalen Taifun Haiyan.

 

Wir machen uns am frühen Morgen mit der Fähre von Cebu nach Ormoc auf der Insel Leyte. Auf der Überfahrt mit der Personenfähre werden wir von vielen Filipinos, die für Ihre Familien selbst Hilfsgüter transportieren, begleitet. Neben Matratzen und Lebensmitteln gehören auch Hühner zu den privaten Hilfslieferungen.

Unsere Delegation ist noch um Emilio, dem Spanier den wir schon aus Manila kennen und der für das Deutsche Rote Kreuz arbeitet, Wolfgang ein Architekt des DRK, Matteo vom Italienischen Roten Kreuz und das Organisationstalent Denise vom Philippinischen Roten Kreuz gewachsen. Wir haben alle das Ziel, gemeinsam zu helfen und im Sinne der Opfer des Taifuns unsere Hilfe abzustimmen, damit durch die weltweite Rotkreuzfamilie möglichst vielen der Betroffenen geholfen wird.

In Ormoc

Wir erreichen den zerstörten Hafen von Ormoc, einer Stadt mit rund 180.000 Einwohnern am späten Vormittag. Zwischen den Trümmern und herabhängenden Kabeln haben es die Hafenbehörden und die Reedereien geschafft wieder einen provisorischen Betrieb zu organisieren.

Am Hafen werden wir von Lidwina Dox, einer Lungauerin, die für das ÖRK in Tacloban als Mitarbeiterin des Emergency Response Teams „Mass Sanitätion Module“ des Roten Kreuzes im Einsatz, empfangen. Sie ist international sehr erfahren und seit rund 3 Wochen in Dulog als Expertin für Hygiene und Trinkwasseraufbereitung beim Deutsch-Österreichischen Team eingesetzt.

Unsere Fahrt führt uns durch das zerstörte Ormoc, welches vom des Zentrums des Taifuns überquert wurde. Vorbei an hunderten zerstörten Häusern und kilometerlangen vernichteten Palmenwäldern geht es weiter über die Berge nach Tacloban.

Zuerst kam der Wind und dann die Flut

Die 250.000 Einwohner große Stadt, war nach der Insel Samar der zweite Punkt wo der Supertaifun der Klasse 5 mit einer Windgeschwindigkeit von 320 km/h auf Land getroffen ist. Alles was der Taifun mit dieser unfassbaren Windgeschwindigkeit nicht sofort zerstört hat, vernichtete die kurz darauf folgende Sturmflut mit einer acht bis zehn Meter hohen Welle. Knapp vier Wochen nach der Katastrophe gleicht die Stadt einem Trümmerfeld, die meisten Häuser wurden vollkommen zerstört, Strommasten,

Mobilfunkmasten, Straßenbeleuchtungsmasten sind abgeknickt oder ausgerissen, die widerstandsfähigen Palmen sind entwurzelt oder am halben Stamm abgebrochen, die Wassertürme liegen auf den Trümmern der Häuser, überall auf den Straßen liegt Müll der zum Teil in Brand steht, die Menschen suchen noch immer in den Trümmern nach ihren Habseligkeiten, die Kinder holen von den Wasserausgabestellen Trinkwasser, mit schweren Frontladern werden die Schuttberge abtransportiert, in denen immer wieder Opfer dieser apokalyptischen Katastrophe gefunden werden. Die überall verstreuten Trümmer, der rauchende Schutt und Abfall, die Stumpen der abgebrochenen Palmen und die Bäume, denen der Taifun alle Äste und Blätter abgerissen hat ergeben einen schauerlichen Anblick, der selbst uns als erfahrene Katastrophenhelfer die Worte nimmt.

Wasser ist Leben

Die Menschen leben in Zelten oder in notdürftig hergestellten Hütten aus Trümmern oder in den Ruinen ihrer ehemaligen Häuser, in denen sie durch Planen vor Sonne und Regen unzureichend Schutz finden. Die internationalen Einheiten des Roten Kreuzes haben mit ihren Experten für Wasseraufbereitung und Hygiene Trinkwasseraufbereitungsanlagen, Ausgabestellen die täglich mit Wasser beliefert werden und Latrinen errichtet. Unsere österreichischen Kollegen haben in Dulog und in Tacloban Stellung bezogen. Wir besuchen das deutsch-österreichische Camp und treffen Stefan, einen Kollegen aus Oberösterreich und einige Kollegen des Deutschen Roten Kreuzes. Während uns Dieter, der Teamleiter eine Einweisung gibt, findet in den Trümmern der benachbarten Kirche, eine Beerdigungszeremonie für eines der vielen Opfer von „Yolanda“, wie der Taifun hier genannt wird, statt.

Seit ungefähr einer Woche sind die wichtigsten Straßen wieder passierbar. Die alles vernichtende Kernzone des Taifuns hatte eine Breite, die der Strecke von Salzburg nach Linz gleicht. Durch diese großräumige Zerstörung und die Topographie der Philippinen mit ihren 7.000 Inseln dauerte es Tage bis die betroffenen Gebiete erreicht werden konnten.

Die Hilfe des Roten Kreuzes

Das Rote Kreuz hat mittlerweile in Cebu, in Tacloban, Ormoc, Roxas und lIoilo Logistikzentren eingerichtet. Von dort werden die Hilfsgüter verteilt und in die Katastrophengebiete gebracht. Die Logistik des Philippinischen Roten Kreuzes wird von Experten des Britischen und des Dänischen Roten Kreuzes unterstützt. Neben der Erreichbarkeit der betroffenen Orte ist vor allem die Verfügbarkeit von Lastwägen und Fähren eine Herausforderung. Viele der Inseln sind nur schwer erreichbar, weil die Häfen zerstört sind. Die Britische Armee hat Landungsboote zur Verfügung gestellt, diese reichen jedoch nicht aus. Das Philippinische Rote Kreuz hat bereits selbst die Beschaffung von drei weiteren Landungsbooten und LKWs begonnen, um alle betroffenen Menschen mit Hilfsgütern versorgen zu können.

Im Logistikcenter des Roten Kreuzes in Tacloban

Im Logistikcenter des Roten Kreuzes in Tacloban

Im Logistikzentrum Tacloban erklärt mir der Präsident des Roten Kreuzes der Region Leyte die Hilfsmaßnahmen. Das Rote Kreuz hat tausende freiwillige Mitarbeiter rekrutiert um neben der Hilfsgüter- und Trinkwasserverteilung auch die Aufräumarbeiten unterstützen. Dabei findet man auch Mitarbeiter in Rotkreuzadjustierung als Fahrer von großen Frontladern, aber auch Tankwägen zur Trinkwasserverteilung. Wir sind beeindruckt von der Mobilisierungskraft unserer Philippinischen Kollegen und wissen unsere Spenden hier in guten Händen. Die Verteilaktionen sind ausgezeichnet organisiert. Alle Betroffenen werden registriert, erhalten Ausgabekarten und werden mit verschiedenen Sicherheitsmaßnahmen vertraut gemacht.

Bei der Fahrt zum Operations Center in Tacloban, sehen wir viele der Menschen mit den Hilfspaketen des Roten Kreuzes. Neben einem Zelt sehe ich zwei Kinder die gerade mit einem Lachen Bekleidung aus einer Tasche mit dem Logo des PRK betrachten.

Von den Logistikzentren werden auch schon Werkzeuge verteilt und vereinzelt sieht man schon Filipinos die dabei sind ihre Häuser wiederaufzubauen. Werkzeug und Baumaterial wird aber nicht ausreichen. Es wurden mehr als 500.000 Häuser zerstört und ebenso viel beschädigt. Unsere Philippinischen Kollegen werden für ihren laufenden Einsatz und für den Wiederaufbau von der weltweiten Rotkreuzfamilie jede mögliche Unterstützung brauchen, vor allem Finanzielle.  Es gibt schon ein sehr gutes Konzept für den Bau von Häusern, die Taifuns besser überstehen können.

In Dulag am Dorfplatz

Ein Blogbeitrag von Lidwina Dox aus dem Katastrophengebiet auf den Philippinen:

Es schüttet dermaßen, dass ich die Zeit nutze, ein paar Zeilen zu schreiben…Wir fühlen uns hier in Dulag schon richtig heimisch. Tacloban mit seinem Leyte Park Hotel liegt weit hinter uns! Bei uns im Camp gibt es nun wieder richtiges Essen, genug Wasser zum Trinken, Waschen und WC und Ventilatoren machen das Nachtleben mehr als erträglich.

Das Gefühl selbst ein IDP (internal displaced person) – also ein Flüchtling im eigenen Land – zu sein, ist vorüber… Aber es war eine gute Erfahrung diesen Umständen ausgesetzt zu sein, vor allem wenn man als Hygiene Promotion Delegate hier ist. Man erlebt am eigenen Leib, wie schwierig es unter solchen Umständen ist, den elementaren Hygienealltag einzuhalten. Irgendwann – und zwar schneller als man glaubt – schleicht sich eine gefährliche Gleichgültig ein. Wie muss es dann nur für jemanden sein, der keine Option auf eine schnelle Verbesserung der Lage in Aussicht hat?

IMG_1271_1Unser Camp liegt mitten in Dulag am Dorfplatz, unweit vom Meer entfernt. Gleich neben uns steht eine Kirche im spanischen Stil und direkt daneben die wildromantisch verwachsene Ruine eines alten Hauses. Bisher gab es jeden Abend einen Fackelumzug mit Gesang zu diesen beiden Gebäuden und zurück, sehr stimmungsvoll. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes steht das zerstörte Gebäude der Polizei und des Gemeindeamts.  Dazwischen hat sich eine „kleine medizinische Katastropheneinheit“ niedergelassen; Kinder werden dort zur Weltgebracht (gestern zum Beispiel zwei), Impfungen durchgeführt, Wunden verbunden…

Die Polizei sitzt im zweiten Stock ihres mauerlosen Hauses und behält den Überblick über den Dorfplatz. Direkt neben unserem Camp baut das Philippinische Rote Kreuz ein Subcamp auf. Wir werden langsam zu einem kleinen Zeltdorf. Auch ACF, Save the Children und andere Organisationen verirren sich gelegentlich hier her, lassen sich jedoch nicht nieder. Das Spanische Rote Kreuz versorgt uns mit Wasser, wir haben einen Bladder (5000) bei uns liegen – und zwischen all dem liegen rechts und links die riesigen meterhohen Wurzeln, Stämme und Äste der umgefallenen Bäume. Vom restlichen Unrat haben wir uns schon befreit.

Der Tag beginnt früh im Camp, zwischen 5 und 5.30 wecken uns täglich die Glocken der Kirche, es wird in Ruhe gefrühstückt und der Arbeitstag beginnt. In den letzten Wochen wurden Kontakte mit den Bürgermeistern der Distrikte Tolosa und Dulag und deren Captains der Barangays geknüpft, mit den Zuständigen für Gesundheit und Sanitärem diskutiert und Pläne entwickelt und natürlich mit dem lokalen Roten Kreuz sowie den Spaniern eine Kooperation aufgebaut. Das Philippinische Rote Kreuz ist sehr klar in seinen Vorstellungen und gibt über weite Bereiche hin genau vor, was zu passieren hat.

Stefan und Thorsten sind mittlerweile voll im sanitären Bereich aktiv, sie kümmern sich hauptsächlich um Schulen, Bianca und ich sind gemeinsam mit dem Philippinischen Rotkreuz-Freiwilligen ganz in Hygiene Promotion eingetaucht. Poster und kleine Booklets wurden im lokalen Dialekt entwickelt und gedruckt, die ersten Trainings sind im Gange, die nächsten schon vorbereitet. Am Freitag beginnen die ersten Aktivitäten der neuausgebildeten Volontäre im Feld… ich bin schon sehr gespannt, wie sie sich schlagen werden. Auch Vectorcontroll wird vorbereitet, es ist nur meine eine Frage der Zeit, dass wir damit beginnen können. Wir werden uns auf Schulen und Gesundheitszentren konzentrieren. Dieter leitet und koordiniert das gesamte  MSM20 Team mit seiner gewohnten Ruhe und gibt uns den Rahmen in Ruhe zu arbeiten.

Tolosa und Dulag, die Distrikte in denen wir aktiv sind, sind schwer in Mitleidenschaft gezogen. Erst gestern wurden wieder drei Leichen freigelegt und begraben, die Lkws und Autos liegen kreuz und quer, die Häuser sind zerstört, alles ist mit Unrat bedeckt, den die Welle und der Wind mit sich gebracht haben. Dennoch schlagen sich die Menschen unglaublich, begegnen uns immer freundlich und mit Dankbarkeit und arbeiten schwer, um ihren Lebensalltag irgendwie in den Griff zu bekommen. Täglich wenn man durch die Straßen fährt, sind Veränderung festzustellen. Und dennoch wird es noch eine Ewigkeit dauern, bis wieder so etwas wie Normalität einkehren wird. Die Menschen hier sind bewundernswert, sie tragen ihr Schicksal mit Fassung!

Ein Anruf, und du bist weg!

Zusammengefasst und geschrieben von Sonja Kuba nach einem Telefongespräch mit unserem Delegierten Georg Ecker auf den Philippinen:

Ecker GeorgVor 10 Tagen brach über die Philippinen der Taifun „Haiyan“ herein und verwandelte unzählige Regionen des Landes in ein Katastrophengebiet. Mit mehr als 300 Stundenkilometern fegte er die Normalität hinweg und brachte Chaos und Zerstörung über das Land. Laut den aktuellen Zahlen spricht man von rund 13 Millionen Betroffenen, darunter auch 5,4 Millionen Kinder die im Krisengebiet versuchen zu überleben.

Ein Anruf am Samstag mit der Vorwarnung und am Montag ging schon der Flieger in Richtung Manila. Dort angekommen ging es in erster Linie darum, sich zu den betroffenen Regionen vorzuarbeiten um dort zu helfen.

In einer jener Regionen die am schwersten vom Taifun betroffen sind, zeigte sich mir ein ganz neues Maß an Verwüstung.  Der Korridor der Zerstörung ist so groß, dass es nicht möglich ist ihn mit dem Auto abzufahren.

RS10699_p-PHL1183-lprBesonders unwirklich ist es wenn man zuerst durch den Süden fährt, wo Regionen fast gar nicht betroffen sind und man kaum vermuten würde, dass hier noch vor wenigen Tagen ein Taifun getobt hat. Einige Kilometer nördlicher zeigt sich ein ganz anderes Bild. Kaum ein Haus steht noch, Palmen sind umgeknickt und Bäume liegen quer über den Straßen. Wo zuvor Wohnsiedlungen waren, liegt nur noch Holzschutt.

Tausende Menschen haben einfach alles verloren und kämpfen ums Überleben. Vor Shops insbesondere vor Transfer-Shops, wo Geld aus dem Ausland überwiesen wird, bilden sich Schlangen mit bis zu 100 Personen. Dass den Menschen das Geld ausgeht merkt man besonders daran, dass sie ihr vor ein paar Tagen noch in letzter Sekunde gerettetes Hab und Gut verkaufen um an Geld zu kommen. Besonders wichtig sind Nahrungsmittel sowie natürlich Wasser! Für uns geht es jetzt auch vor allem darum so viele Sanitäranalgen wie möglich zu errichten, um das Ausbreiten von Seuchen zu verhindern.

RS10710_Pourflush2Wir verteilen Planen, Werkzeug und Material damit die Menschen Notunterkünfte errichten und Häuser repariert werden können.  Das Schlimmste ist sicherlich, dass die meisten Menschen durch den Taifun ihre Arbeit verloren haben, kein Geld verdienen und ihnen daher jegliche Lebensgrundlage fehlt. Gerade hier versuchen wir zu helfen um die Menschen darin zu unterstützen möglichst schnell wieder zu ihrem Leben zurückzukehren und damit wieder Normalität einkehren kann.

Eines zeigt sich allerdings bereits jetzt ganz klar, wir werden noch lange Zeit vor Ort helfen müssen…

Helfen Sie mit zu helfen!