Dürre in Afrika: Besuch der Region Oromia

Typisches Dorf im Sueden Aethiopiens

Typisches Dorf im Sueden Aethiopiens

Diese Woche (12. – 17. August 2011) habe ich mit 4 Kollegen vom Daenischen, Spanischen, Italienischen und Aethiopischen RK die von der anhaltenden Duerrekatastrophe am schwersten betroffenen Region im Sueden des Landes (Oromia, Borena Zone, Moyale Distrik) besucht um uns einen Ueberblick ueber die Situation zu verschaffen sowie Nothilfe Massnahemen zu priorisieren und Empfehlungen fuer mittel- und laengerfristige Hilfe zu erarbeiten.

Wir besuchten zwei Gebiete etwa 800 km suedlich von Addis Ababa, von denen sich das eine im von Somali Staemmen und das andere im von Oromia Staemmen bewohnten Teil der Region Borena befindet. Einzige groessere Siedlung in der Umgebung ist Moyale an der Kenianischen Grenze, im aeussersten Sueden Aethiopiens. In der Region haben die Regenfaelle in den letzten Jahren nicht den ueblichen Mustern und Mengen entsprochen. Im Grossen und Ganzen hat es seit fast 5 Jahren keine nachhaltigen Regenfaelle gegeben. Wir besuchten 4 Kebeles (Doerfer) – 2 im Somali und 2 im Oromia Teil des Gebietes, wobei wir ausgiebig Gelegneit hatten mit den Dorfgemeinschaften ihre Lage zu besprechen und besonderen Wert auf die Beteiligung von Frauen und Alten legten.

Seit Fruehling 2010 hat es in Borena Zone ueberhaupt nicht mehr geregnet. Dementsprechend ist jedliche Vegetation in dem ohnedies trockenen Gebiet nun gaenzlich verdorrt. Die letzten Wasserloecher sind im Moment am austrocknen, wobei das Wasser nur noch fuer Tiere trinkbar ist. Das Wasser in den wenigen vorhandenen Brunnen ist salzig und daher auch nicht mehr geniessbar.  Derzeit sind die Menschen dazu gezwungen grosse Wegstrecken zurueckzulegen, um zu den letzten verbliebenen Wasserstellen zu kommen bzw. abhaengig von Tankwagen Wasserversorgung, die kuerzlich von einer NGO gestartet wurde, jedoch bei weitem nicht den Bedarf abdecken kann. Das Rote Kreuz wird hier, auch auf unsere Empfehlung, in den naechsten Tagen die Versorgung verstaerken. Viele Familien haben nicht mehr als 0,5 l Trinkwasser pro Kopf und Tag zur Vefuegung. Die Folge sind unter anderem schwierige hygienische Verhaeltnisse. Bei vielen Kindern sieht man Hautoedeme, die durch Wuermer und Parasiten hervorgerufen werden. Diese werden durch das Nutzen des schmutzigen verbleibenden Wassers in den Wasserloechern zur persoenlichen Hygiene und Waesche Waschen uebertragen. Blutige Durchfallerkrankungen sind ein weiteres im steigen begriffenes Alarmsignal, das die sich schnell verschlechternde Gesundheitssituation der Betroffenen anzeigt.

Die Kollegen vom Roten Kreuz in Moyale zeigten uns zwei grosse Teichgrabungsprojekte, die derzeit von ihnen durchgefuehrt werden und in Zukunft die Wasserversorgung von mehr als 30.000 Menschen in der Region  durch Auffangen und Speichern von Regenwasser. Wenn, ja wenn hoffentlich die Regenzeit im Herbst diesmal ergiebige Niederschlaege bringt. Bei unserem Besuch wurden wir informiert das derartige Teiche in nur wenigen Stunden ein Wassermenge speichern koennen, die fuer mehrere Monate zur Versorgung von Mensch und Tier reichen. Im Moment wird fieberhaft gearbeitet, damit die Teiche im September planmaessig fertig sind.

Die Ernaehrungslage in allen besuchten Doerfern ist angespannt und die Menschen sind derzeit bereits moderat unternaehrt. Wenn nicht in den naechsten Wochen die von der Regierung bereits laufende Nahrungsmittelhilfe erhoeht wird, ist die Gefahr akuter Unterernaehrung fuer grosse Teile der Bevoelkerung gross und Todesfaelle vorprogrommiert. CARE hat kuerzlich mit der Versorgung von Muettern und Kleinkindern mit Hochenergienahrung (Plumpy Nut) begonnen, kann aber den Gesamtbedarf im Moment nicht abdecken. Die Ethiopische Regierung hat das Aethiopische Rote Kreuz ersucht, die Nahrungsmittelhilfe fuer den von Oromias bewohnten Teil der Region um Moyale zu uebernehmen, in der die lokalen Behoerden derzeit ca. 17.000 Familien mit Nahrungsmittelrationen unterstuetzen.

Die Lebensgrundlage der Pastoralisten, die in der Region siedeln, ist ueberwiegend die Tierhaltung, wobei Rinderzucht den groessten Anteil des Einkommens ausmacht. Unseren Gespraechen zufolge sind mehr als 90 % der Rinder in den letzten Monaten veraendet. Kadaver von Rindern pflastern die Umgebung von Siedlungen. Ackerbau ist in der Gegend von verhaeltnismaessig geringer Bedeutung und durch die anhaltende Duerre ebenfalls nicht moeglich. Die verbliebenen kleinen Mengen an Rindern, Kamelen, Ziegen und Eseln sind ausgezehrt und aufgrund mangelnden Futters ebenfalls akut bedroht.

Menschen warten auf Wasser, das alle 4 Tage hier ausgegeben wird

Menschen warten auf Wasser, das alle 4 Tage hier ausgegeben wird

Die Ernaehrungssituation der Betroffenen wird sich nicht vor Jaenner 2011 verbessern, da die fuer Oktober/November erhofften Regenfaelle erst zu Ernten im Jaenner fuehren koennen und der Wiederaufbau des Viehbestandes Jahre dauern wird. Beides natuerlich nur unter der Voraussetzung, dass Saatgut und Jungtiere zur Rehabilitierung von Donorseite zur Verfuegung gestellt werden und die Regenfaelle im Herbst ergiebig sind. Die Menschen versuchen zwar, durch den Verkauf von Brennholz und das Arbeiten als Tageloehner ihre Einkommenssituation zu verbessern, aber die sich bietenden Moeglichkeiten sind sehr begrenzt. Das ist vor allem auf die isolierte Lage (Moyale ist 770 km von Addis Abeba entfernt und hat im Umkreis von 100en km keine Industrie oder groessere Siedlungen), mangelnde Ausbildung und die extrem traditionalistische Lebensweise der Pastoralisten zurueckzufuehren. In Krisensituationen wie jetzt, faellt die Hauptlast der Arbeit wie so oft auf die Frauen, die traditionell fuer Wasserholen und Brennholzbeschaffung verantwortlich sind und zusaetzlich noch fuer Haushalt, Kinder und Vermarktung von ev. produzierter Holzkohle in den stundenlange Fussmaersche entfernten Maerkten zustaendig sind, waehrend die Maenner sich traditionell um die Tiere kuemmern.

Die Schlussfolgerung der Gruppe, basierend auf den Interviews mit Betroffenen, Kollegen von anderen NGOs, die in der Region taetig sind (waehrend unseres Aufenthalts befand sich auch eine hochrangige UN, EU und NGO Vertreter Gruppe in Moyale) sowie unserer eigenen Beobachtungen ist, dass die Aufstockung der Tankwagen Wasserversorgung im besuchten Gebiet von hoechster Prioritaet ist. Ca. 60 km von Moyale gibt es ein grosses Grundwasservorkommen von dem aus die Wassertransporte gespeist werden koennen. Paralell dazu muss die hungernde Bevoelkerung entweder mit Lebensmitteln oder Direktzahlungen in den naechsten Wochen unterstuetzt werden. Eine genau Analyse der Marktsituation fuer Grundnahrungsmittel wird in den naechsten 14 Tagen vom Multi Disziplinaeren Rot Kreuz Team, das paralell zu unserem Besuch eine detailliertes Assessment durchfuehrte, erstellt. Darauf basierend und in Koordination mit Regierung und anderen NGOs kann dann entschieden werden, ob Direktzahlungen oder Lebensmittel am schnellsten und effizientesten Hilfe leisten koennen.

Die letzten verbliebenen Rinder schleppen sich zur letzten verbliebenen Pfuetze von Wasserloch

Die letzten verbliebenen Rinder schleppen sich zur letzten verbliebenen Pfuetze von Wasserloch

Laengerfristige Programme muessen einen umfassenden Fokus auf Katastrophenvorsorge beinhalten. Hierbei ist vor allem die nachhaltige Verbesserung der Wasserversorgung von groesster Wichtigkeit, die in der besuchten Region durch den Bau von Brunnen (Grundwasserbohrungen) und Wasserspeicherteichen erreicht werden koennte. Wichtige Grundlagen dafuer sind aber auch die Vermittlung von Wissen ueber die Instandhaltung und Nutzung des Wassers fuer landwirtschaftliche Zwecke und das organisatorische Know How zur Gruendung von Wasser-Kommittees die selbiges nachhaltig sicherstellen. Weiters sind Hygieneerziehung (Stichwort Latrinenbau und Trennung von Mensch und Tier bei der Wasserentnahme von oeffentlichen Wasserstellen) und die Vermittlung von Basis Gesundheitswissen von grosser Bedeutug fuer die langfristige Verbesserung und Sicherung der Lebensgrudlagen der Menschen.

Ankunft in Addis Abeba

Ich bin diesen Montag in Addis Abeba, meiner neuen Duty Station für die nächsten Jahre angekommen. Ich muss gestehen, dass ich ein etwas mulmiges Gefühl im Bauch hatte, als ich in Wien ins Flugzeug stieg, wohl auch, weil die derzeitige Dürrekatastrophe am Horn von Afrika einem wieder einmal dramatisch vor Augen führt, wie viel Verantwortung Helfer in komplexen Krisensituation schultern, vor allem, wenn sie wie ich Führungs- und Koordinationsaufgaben übernehmen. Auch wenn es nicht das erste mal ist, dass ich in so einer Situation bin, so ist Äthiopien doch ein Neubeginn mit wieder neün Herausforderungen, auf die ich mich zwar freue, aber auch irgendwie Angst davor habe, nicht das Bestmögliche für die Not und Mangel leidenden Betroffenen mit den mir zur Verfügung gestellten Mitteln herauszuholen. Gar nicht einfach, sich das in einer Welt, in der nur Sieger und „We Can Typen“ zählen, einzugestehen. Also los geht’s.

 

Ankunft in der Äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba

Ankunft in Addis Abeba

In Addis wurde ich herzlich von meinen beiden ÖRK Kollegen Omar und Seifu am Flughafen empfangen. Es ist ziemlich regnerisch und kalt, was für die Jahreszeit im Hochland von Abbessinien (Addis liegt auf 2.400 m Höhe) normal ist. Man sollte nicht glauben, dass nur wenige hundert Kilometer weiter eine Dürrekatastrophe wütet. Die ersten Tage vergingen dann, wie nicht anders zu erwarten, mit vielen Antrittsbesuchen und Formalitäten, die zu erledigen sind, um sich eine funktionierende persönliche Infrastruktur aufzubauen. Zum Glück hatte ich schon die letzten Monate gut Gelegenheit, mich in den Kontext der ÖRK Projekte hier einzuarbeiten und so kann ich leichter in die laufenden Aufgaben und Problemstellungen einsteigen. Arbeit gibt es jedenfalls genug, um die manchmal kurz aufflackernden Heimwehanfälle zu unterdrücken. Heute ist schon Samstag und ich bin noch nicht ein einziges Mal zum Spazierengehen gekommen. Hotel, Büro, Meetings, Ämter und wieder Hotel, so sahen die letzten Tage aus. Stadterkundungen werden wohl noch warten müssen… Vielleicht ein erster Spaziergang heute Nachmittag oder am Sonntag, wenn ich dann auch mit Hilfe meines Kollegen Seifu nach einer Behausung zu suchen beginnen werde. Ganz grün ist mir die neü Umgebung mit Unmengen an Menschen, Bettlern (viele davon schwer behindert oder Kinder), Trickbetrügern und dichtem Verkehr auf Straßen mit nicht vertrauten Namen ohnedies vorerst nicht. Aber das braucht wohl noch viel mehr Zeit.

 

Die Dürekatastrophe und ihre Gründe

Die katastrophale Situation im Süden Äthiopiens ist durch den Ausfall der Regenfälle im Okt-Nov 2010 gefolgt vom Ausfall der Hauptregenzeit von März bis Mai 2011 begründet. Die Miniregenfälle, die normalerweise die Situation zwischen Juni und Juli auffetten, sind heuer ebenfalls komplett weggefallen. Dadurch hat sich eine kritische Wassersituation in den betroffenen Gebieten ergeben, die bisher nach unterschiedlichen Schätzungen bis zu 1 Mill Rinder getötet hat. Das heißt z.B. für „wohlhabende“ Familien die früher 500 Rinder hatten, dass ihnen gerade noch 100 bleiben, für die Mehrheit der Kleinpastoralisten – also Hirten, die üblicherweise Herden von 50 – 100 Stück Vieh haben aber bedeutet es, dass sie auf 1-2 Tiere reduziert wurden. Wenn nicht unmittelbar Hilfe – Anliefern von Wasser mit Tankwagen, Viehfutterverteilung – initiiert wird, werden bis zum hoffentlichen Einsetzen der Oktober – November Regenfälle in vielen Gemeinden so gut wie alle Tiere tot sein. Und was dann?

 

Besonders gefährdet: die Alten

Unterdessen sind vor allem die Älteren in den Dörfern extrem gefährdet vom Hunger, da es in dieser Gegend Tradition ist, dass sie als letztes essen, nachdem die Kinder und Jüngeren gegessen haben. Wohlgemerkt freiwillig! Das größere Problem der anlaufenden Hilfe ist im Moment logistischer Natur, da viele Gegenden nur schwer zugänglich sind, aber noch viel mehr die benötigten Lebensmittel nicht in Äthiopien vorhanden sind und somit die Beschaffung von außerhalb erfolgen muss. Die hohen Preise für Lebensmittel schließlich und die generelle Knappheit essentieller Güter in den lokalen Märkten verschlimmert die Situation noch weiter.

 

Wassermangel führt zu Krankheit

Durch die unzureichende Trinkwasserversorgung sind bereits verstärkt Masern und Durchfallerkrankungen aufgetreten. Durch den Mangel an Wasser und Nahrung gehen Kinder nicht mehr zur Schule. Die Notwendigkeit, mit den wenigen verbleibenden Tieren auf der Suche nach Wasserstellen und Weideplätzen permanent herumzuziehen, verschärft diese Situation noch. Schulausspeisungsprogramme sind hier dringend gefragt, um die Kinder vor noch größerem Schaden zu bewahren. Kleinkinder werden in vielen betroffenen Gemeinden nur noch mit gezuckertem Wasser gefüttert, da ein Becher Milch, der normalerweise 2-3 Birr kostet, jetzt 15 Birr kostet. Das ist erschreckend, wenn man bedenkt, dass Milch für die Hirten eine Hauptnahrungsgrundlage darstellt und mit Masse nicht mehr von den eigenen Tieren gewonnen werden kann.

 

Die Organisation der Hilfe

Alle sind sich einig, dass dringend und schnell eine koordinierte Verstärkung der Hilfsmaßnahmen im Bereich Wasserversorgung und Nahrungsmittelhilfe flankiert von Rehabilitierung von Brunnen, Wasserstellen und Irrigierungsnetzen von den Hilfsorganisationen in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Regierungsstellen nötig ist, um eine Megakatastrophe zu verhindern, bei der wir dann Hungertote anstatt, wie zur Zeit noch, Tierkadaver zählen. Fragt sich nur, ob dafür genügend Mittel vorhanden sein werden. Mal sehen was bei Nachbar in Not und anderen international angelaufenen Spendenaufrufen so reinkommt. Das Äthiopische Rote Kreuz arbeitet unermüdlich mit seinen Freiwilligen, um die entlegenen Dorfgemeinschaften mit den vorhandenen Mitteln zu unterstützen und hofft auf mehr finanzielle Unterstützung um ihre Hilfsmaßnahmen gemeinsam mit den täglich eintreffenden Rotkreuz- Kollegen aus verschiedenen Ländern auszuweiten. In der zwischen Zeit treffen laufend weitere Informationen im ERCS (Ethiopean Red Cross Society) Hauptquartier aus verschiedenen Landesteilen ein, die ein immer dramatischer Bild der Situation und möglicher noch katastrophalerer Entwicklungen, wenn die nächste Regenzeit wieder unergiebig ausfällt bzw. den betroffenen Menschen nicht geholfen wird, zeigen.

 

Die nächsten Wochen werden sicher sehr spannend und ich freue mich besonders auf die anstehenden Projektbesuche, bei denen ich dann Gelegenheit bekommen werde, sowohl den Norden als auch den Süden des Landes wieder zu sehen. Als Tourist war ich ja 2002 schon mal, wenn auch unter ganz anderen Umständen, dort.

 

Spenden

Alle Informationen zur Rotkreuz-Hilfe in Afrika auf www.roteskreuz.at/afrika

 

Nachbar in Not

Nachbar in Not: Hunger in Ostafrika