Mein Tagebuch der Hilfe. Amman, 28. August ’03

Martina Schloffer in bagdad

Martina Schloffer in Bagdad

Unter dem Titel: IRAK – mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir veröffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.

Zurück nach Bagdad nach 10 Tagen in Jordanien, Totes Meer und der Ruinenstadt Petra, vom Strand aus kann ich das Westjordanland sehen. „Compensation“ heißt der turnusmäßige Urlaub für die Delegierten des IKRK. Auf die Arbeit in Bagdad habe ich mich schon gefreut, aber mein Aufenthalt war nur mehr kurz. Schon bei meiner Ankunft habe ich klar gespürt, wie sehr sich die Sicherheitslage verschlechtert hat. Immer mehr Drohungen, immer mehr Anschläge auf die Coalition Forces. Immer mehr Anrufe von Journalisten aus der ganzen Welt, die aus erster Hand wissen wollen, wie es steht.

Nach den Mühen der Ebene, den täglichen, stillen Dramen, werden wir nicht gefragt: Besuche von Gefangenen und zivilen Internierten, deren einzige Verbindung zur Außenwelt wir sind. Der Austausch von Rotkreuz-Botschaften, deren einzige Möglichkeit, mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben. Und die nicht abreißende Suche nach den Vermissten. Täglich kommen noch immer hunderte Menschen zur Rotkreuz-Delegation, um Suchanträge abzugeben, nachzusehen, ob Nachrichten ihrer Angehörigen da sind oder ob wir jemanden gefunden haben. Jedem dieser Menschen wird individuell geholfen. Der Platz vor der IKRK-Delegation hat zum Schluss schon fast Jahrmarkt-Charakter angenommen. Händler haben ihre Stände aufgebaut, um Snacks und Trinkwasser an die Wartenden zu verkaufen. Im Land geht auch die Versorgung der Spitäler und die Wiederherstellung der Wasserversorgung weiter – für die internationale Presse Schnee (oder besser: Sand) von gestern. Ständig muss ein neuer Hund durchs Dorf laufen.

Dann der Anschlag auf das Canal-Hotel, auf das irakische Hauptquartier der UNO. Ich habe die Explosion gehört, sie aber nicht weiter zur Kenntnis genommen. Die ständigen Schießereien und Explosionen, da fällt eine mehr oder weniger nicht auf, das wird zur Routine. Auch deshalb die immer strengeren Sicherheitsauflagen: Damit die Routine nicht zu Nachlässigkeit wird. Schon bei meiner Rückkehr aus Jordanien galten wieder dieselben strikten Sicherheitsrichtlinien wie unmittelbar nach dem Krieg: Morgens direkt in die Delegation, abends direkt zurück nach Hause. Ständiger Funkkontakt mit der Delegation, damit die Kollegen wissen, wo man gerade ist. Ausgangssperre. Keine Einkäufe mehr, keine Restaurantbesuche mehr, alles, um das Risiko zu vermindern, versehentlich etwa in ein Feuergefecht zu geraten. Gedanken an unseren Kollegen und Freund Nadisha Yasassri, der am 22. Juli in seinem Rotkreuz-Jeep erschossen wurde.

Erst als nach der Explosion am 19. August mehr Hubschrauber in der Luft und mehr Ambulanzen in den Straßen sind als üblich, habe ich gewusst, dass etwas anders ist als sonst. Dann war aus meinem Fenster schon die riesige Rauchwolke zu sehen und das Ausmaß des Anschlages bald klar. In dem Gebäude waren auch UN-Mitarbeiter, mit denen ich gearbeitet habe. Klar war aber vor allem noch etwas: Auch die humanitären Organisationen sind jetzt nicht mehr vor Anschlägen gefeit.

Es hat keine drei Tage gedauert, um die komplette Delegation umzuorganisieren. Damit die Arbeit mit möglichst wenigen internationalen Mitarbeitern weitergehen kann, die am stärksten gefährdet sind. Bewaffneter Schutz kommt für uns nicht in Frage. Wer den in Anspruch nimmt, ist für oder gegen etwas oder jemanden, wird Partei. Aber wir kommen nicht als Feinde. Humanitäre Organisationen sind abhängig von der Akzeptanz ihrer Arbeit. Wir können unsere Hilfe niemandem aufzwingen. Doch in den allermeisten Fällen ist es möglich, sie durch Überzeugungsarbeit durch die Checkpoints zu bringen. Dazu müssen wir jeden Konfliktteilnehmer davon überzeugen, einen humanitären Freiraum offen zu lassen, damit wir durchkommen. Es ist wichtig, für dieses bisschen Akzeptanz, das wir brauchen, zu kämpfen. Mit Engelszungen zu reden, während jemand mit seinem Gewehr vor deinem Gesicht herumfuchtelt. Die Akzeptanz ist gegeben, wenn unsere Hilfe als neutral, unabhängig und unparteilich angesehen wird. Wenn die humanitäre Aktion keine Partei ergreift, keine Unterscheidung zwischen den Opfern vornimmt, ausschließlich nach dem Maß der Not hilft, nur im Interesse der Opfer handelt und dabei keine versteckten Hintergedanken politischer Natur hat.

Für uns ist diese Einstellung selbstverständlich. In einer Situation wie jetzt muss man sich allerdings fragen, ob alle wissen, dass wir unsere Hilfe neutral und unparteilich leisten.

Unter den internationalen IKRK-Mirarbeitern, die schließlich aus Bagdad ausgeflogen wurden, war auch ich. Ich habe soviel wie möglich an Kollegen, die geblieben sind, weitergegeben, damit sie weitermachen können. Von Amman aus mache auch ich „per Fernsteuerung“ weiter. Das ist extrem frustrierend. Die Kollegen vor Ort müssen jetzt mit weniger Leuten wesentlich mehr Aufgaben unter wesentlich schwierigeren Bedingungen erfüllen. Den Preis zahlen die Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind. Denn es ist schwieriger geworden, Medikamente zu verteilen, Spitäler zu besuchen, das Water and Sanitation-Programm weiterzuführen. Der Bedarf an Hilfe wird nicht geringer, jeden Tag stehen wieder hunderte Menschen vor der Delegation. Man leidet mit, kann aber selbst kaum mehr mithelfen. Man lässt Freunde zurück, mit denen man in guten Momenten zusammen gefeiert und in schlechten gemeinsam getrauert hat. Man hat sich nicht einmal richtig von ihnen verabschieden können und weiß nicht, ob man zurückkommen wird.

Hier in Amman haben auch die nächtlichen Schachspiele bei 45 Grad aufgehört. Ich habe vor meinem Abflug rasch gepackt, für mein Schachbrett war kein Platz mehr, und ich habe es in Bagdad zurücklassen müssen. Diese Woche bin ich noch in Amman. Wo ich nächste Woche sein werde, weiß ich selbst noch nicht.

Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 30. Juli 2003

Martina Schloffer in bagdad

Martina Schloffer in Bagdad

Unter dem Titel: IRAK – mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir veröffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.

Die ersten Tage nachdem unser Kollege Nadisha Yasassri Ranmuthu ums Leben gekommen ist, waren wir wie paralysiert. Nadisha ist am 22. Juli gestorben, nachdem sein Auto von Unbekannten auf der Straße zwischen Hilla und Bagdad beschossen wurde. Es sind „strange days“, wir befinden uns in einer sehr eigenartigen Situation.
Da ist einmal die emotional psychologische Ebene. Wir haben jeden Tag mit Nadisha gearbeitet, er war so ein freundlicher, lieber Mensch. Am Tag nach seinem Tod hätte er nach Hause fliegen sollen, sein Vertrag war zu Ende, er hat sich so auf seine Frau und seine Tochter gefreut, hat noch Geschenke eingekauft. Das trifft einen natürlich persönlich und hinterlässt einen schockartigen Zustand.

Es hätte jedem von uns passieren können, allein an diesem Tag waren vier Rotkreuz-Autos auf dieser Strecke unterwegs. Diese Attacke war sehr schockierend für uns, wir wissen nicht, warum das passiert ist, das macht es schwierig, die Lage und die tatsächliche Bedrohung einzuschätzen. Den ganzen Krieg über haben wir hier gearbeitet, seit 1980 ist das Rote Kreuz ohne Unterbrechung im Irak. Die Leute im Irak kennen uns und wissen, dass wir unabhängig sind und die ganze Zeit über geholfen haben. Bisher hatten wir das Gefühl, dass wir Vertrauen genießen. Jetzt müssen wir alles hinterfragen.

Der einzige Unfall in diesen 23 Jahren war der Tod eines Mitarbeiters im April, der in Bagdad in ein Kreuzfeuer geraten ist. Damals war ich noch in Österreich – ich erinnere mich, dass ich am Tag vorher meiner Mutter gesagt habe, dass ich in den Irak gehe. Ich habe sie dann beruhigt.

Auf der praktischen Ebene sind Entscheidungen getroffen worden. Die Sicherheitsvorkehrungen für Rotkreuz-Mitarbeiter wurden verstärkt. Unser Bewegungsrahmen in der Stadt ist auf ein Areal eingeschränkt, das ungefähr so groß ist wie die Fläche zwischen Karlsplatz, Wienzeile und Wiedner Hauptstraße. Es gibt nur noch ein Restaurant in ganz Bagdad, in das wir gehen dürfen. Die Ausgangssperre ist wieder auf acht Uhr abends vorverlegt worden, wir fahren nicht mehr in unseren markierten Autos, ein Shuttleservice wurde aufgebaut. Die Bewegungsfreiheit ist jetzt mehr eingeschränkt wie kurz nach dem Krieg. Manchmal fühlt man sich wie eingesperrt in diesem Schutzwall.

Am Anfang, kurz nach dem Krieg, war Ausnahmezustand. Langsam ist alles ins Laufen gekommen, täglich konnte man Fortschritte beobachten. Wir hatten uns daran gewöhnt, im ganzen Land präsent zu sein, herumzufahren, uns zu bewegen, die Spitäler zu besuchen und zu beliefern. Jetzt ist wieder alles anders geworden. Wir haben die Hilfsoperationen im Land noch nicht wieder hochgefahren, die Verantwortung für jeden Mitarbeiter ist das Wichtigste.
Solange wir nicht wissen, wie bedrohlich die Lage ist, kann man die Leute nicht der Gefahr aussetzen. Einige der Rotkreuz-Aktivitäten laufen zurzeit reduziert, für uns gibt es psychologische Betreuung und die internationalen Mitarbeiter, die Angst haben, können das Land verlassen. Es werden wohl einige von uns internationalen Mitarbeitern erst einmal nach Hause fliegen und dort abwarten.

Bei allem Entsetzen und persönlicher Beteiligung darf man aber nicht übersehen, dass auch das irakische Volk Ziel von Attacken ist. Entführungen und Überfälle sind an der Tagesordnung und die Leute hier haben Angst.

Ich habe bald turnusmäßig meine zehn freien Tage, die werde ich in Jordanien verbringen und dann wieder nach Bagdad zurückkommen. Ich hoffe, dass es dann weitergeht. Weil wir wollen ja weiter arbeiten für die Leute im Irak, es tut uns leid, dass wir manche Aktivitäten nach den Trauertagen aus Sicherheitsgründen noch nicht wieder aufnehmen konnten. Die Arbeit geht trotzdem weiter. Gut 700 Mitarbeiter des irakischen Roten Halbmonds sind nach wie vor ununterbrochen im Einsatz.

Auch der Suchdienst für vermisste Angehörige läuft schon wieder auf Hochtouren. Inzwischen warten täglich gut tausend Menschen vor unserem Büro auf die Möglichkeit, mit Verwandten telefonieren zu können. Um sie vor der sengenden Sonne zu schützen, haben wir den Vorplatz überdacht. Fliegende Händler haben rundherum Marktstände errichtet, um die Wartenden zu versorgen.

Ich fühle mich nicht bedroht oder habe das Gefühl ich will da weg. Ganz im Gegenteil, ich möchte weitermachen und hier bleiben. Aber es sind eben Strange Days. Du versuchst, nicht daran zu denken, weiterzumachen, ein normales Leben unter diesen Umständen zu führen. Zwischen Arbeit und Ausgangssperre versuchst du dich noch schnell zu treffen. Gestern haben wir zwischen sechs und acht Uhr abends ein „Fastfood-Barbeque“ veranstaltet – schnell einheizen, schnell grillen, schnell essen und schnell nach Hause.

Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 30. Juni 2003

Martina Schloffer in bagdad

Martina Schloffer in Bagdad

Unter dem Titel: IRAK – mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir veröffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.

Ein kompletter Stromausfall in ganz Bagdad und die damit verbundene Unterbrechung der Trinkwasserversorgung haben in der Vorwoche für große Unruhe gesorgt. Auf einen Schlag war in der ganzen Stadt der Strom weg. Wie wenn ein riesiger Schalter umgelegt worden wäre – die Ursache ist bis heute nicht geklärt. Manche glauben, es hat mit dem Anschlag auf die Pipeline zu tun. Gerüchte behaupten, die Coalition Forces strafen die Bevölkerung so für Anschläge.

Mit dem Strom versiegt auch das Wasser. Bagdad liegt etwa 30 Meter über Meeresniveau, was bedeutet, dass alles Wasser elektrisch in die Leitungen gepumpt werden muss. Bei Temperaturen um die 45 Grad gab es ohne Strom keine Kühlung und kein Wasser. Eisschränke, Ventilatoren, Klimaanlagen und die Trinkwasserversorgung, alles war lahm gelegt.

Wasser und Strom sind Lebensmittel im wörtlichen Sinn. Deswegen hat auch das Österreichische Rote Kreuz mit einem Teil der Spenden aus der Irak-Hilfsaktion einen Tanklaster finanziert. Über viele Umwege ist er aus Amman nach Bagdad unterwegs, die direkte Hauptroute zu benützen ist zu gefährlich.

Auch wir haben die Stromausfälle ordentlich gespürt und versucht einzuspringen. Dort wo ganze Stadtviertel ohne Wasser und Strom waren, haben wir mit 18 Tankfahrzeugen die Bevölkerung notdürftig mit Wasser versorgt. Bei der Verteilung bekommt man auch zu spüren, wie aufgebracht die Einwohner sind. Die Ungeduld in der Bevölkerung gegenüber den Besatzern steigt spürbar. Gegen uns gibt es keine Aggressionen, aber die Geduld mit der Administrationen erschöpft sich sichtlich. Die Menschen verstehen nicht, warum nichts da ist und alles schlechter funktioniert als vor dem Krieg. Niemand wünscht sich frühere Zeiten zurück, aber die Menschen sind immer unwilliger zu verstehen, was das große Problem ist, das sie davon abhält, wieder ein normales Leben zu führen.

Das Rote Kreuz hat ja auch schon während der Angriffe laufend Wasserwerke repariert, das ist zwar eine sehr unspektakuläre Arbeit, aber in der Woche des Stromausfalls hat sich gezeigt, wie wichtig das ist. Die von uns installierten Generatoren haben 40 Prozent der Wasserversorgung aufrecht gehalten. Das bedeutet in einer Metropole wie Bagdad, dass die Versorgung von etwa zwei Millionen Menschen gewährleistet war.

Bei solchen Ereignissen kommen zwiespältige Gefühle auf. Einerseits freuen wir uns, dass wir helfen können, andererseits ist es schwierig zu beobachten, dass immer noch das pure Chaos herrscht.

In den ländlichen Gegenden ist die Versorgung noch schlechter, unsere Wasserteams sind ständig draußen. Seit dem Krieg haben sie bereits 49 Pumpanlagen instand gesetzt und so für 3,5 Millionen Menschen die Versorgung verbessert, 62 Gesundheitszentren sind mit Wasser versorgt, was 14.000 Patienten betrifft.

Wie der Strom dann wieder eingeschalten wurde, gab es extreme Schwankungen. Der Endeffekt war ein veritabler Kabelbrand in meinem Zimmer. Zum Glück war ich nicht drinnen – die Flammen gingen mir bis zur Schulter. Wir haben im Wohnzimmer gespielt und zwei Kracher gehört. Nachdem Pistolenschüsse nichts Besonderes mehr sind, haben wir dem keine große Beachtung geschenkt. Dann aber haben wir den Brandgeruch in der Nase gehabt. Im Stiegenhaus war schon alles vernebelt. Ein paar Minuten später und das ganze Haus wäre in Flammen gestanden. Wir konnten den Brand zwar löschen, aber danach war alles Schwarz. Bücher, Kleidung, Papiere, meine gesamten Habseligkeiten. Die halbe Nacht haben wir aufgeräumt. Unser Haus hieß im internen Jargon „Maison blanche“ – das weiße Haus. Wir haben es umgetauft – auf das „Schwarze Haus“.

Die Sicherheitslage auf den Straßen verändert sich spürbar. Angriffe auf die Coalition Forces mehren sich. Wir schauen, dass wir nie in die Nähe von militärischem Personal kommen. Im Kontrast dazu normalisiert sich das Leben auf der Straße, die Geschäfte haben am Abend auch länger offen, die Plünderungen gehen zurück. Man kann in Restaurants essen gehen, es herrscht Hochbetrieb auf den Straßen, die Ampeln stehen immer noch permanent auf Rot und werden konsequent ignoriert – das einzige, was dir eine rote Ampel sagt, ist: Ja, es ist Strom in der Ampel. Manchmal frage ich mich, wie sich diese Angewohnheit in Österreich auswirken wird, wenn ich wieder da bin.

Das österreichische Herz in meiner Brust konnte sich heute über einen schönen Erfolg freuen. Die Onkologin Eva-Maria Hobiger versucht seit eineinhalb Jahren, Geräte zur Herstellung von Blutkonserven in den Irak zu bringen. Das Österreichische Rote Kreuz hat sie dabei unterstützt. Wir sind aber bisher immer an den UN-Sanktionen gescheitert. Jetzt endlich sind die Geräte in Basra angekommen.

Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 18. Juni 2003

Martina Schloffer in bagdad

Martina Schloffer in Bagdad

Unter dem Titel: IRAK – mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir veröffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.

Die Sicherheitslage in Bagdad ist tagsüber wieder gespannter. Wir hören Berichte von Anschlägen und Schießereien. Aber obwohl die Stadt nervöser wirkt als in den vergangenen Wochen, kann man sich durchaus auf die Straßen trauen. Wir Rotkreuz-Mitarbeiter haben inzwischen ein feines Sensorium dafür entwickelt, wo wir uns wie bewegen. Es gibt Stadtviertel, in denen wir uns nur bis am frühen Nachmittag aufhalten. Dann leeren sich die Straßen und es wird unangenehm. Nach wie vor sind unsere Teams täglich in der Stadt unterwegs, machen Besuche und beliefern Spitäler.

Die Unparteilichkeit und Neutralität des Roten Kreuzes hilft uns bei der täglichen Arbeit sehr. Wir ernten die Früchte unserer Hartnäckigkeit, mit der wir unser Schutzzeichen gegen die Vermischung mit Politik oder Militär verteidigen. Die Leute vertrauen dem Roten Kreuz. Sie wissen und haben gesehen, dass wir einzig und allein da sind, um zu helfen. Und zwar allen zu helfen, ohne Unterschiede zu machen.

Bei der Verteilung von Lebensmitteln und Material arbeiten wir (das Internationale Komitee vom Roten Kreuz) verstärkt mit unserer Schwesterngesellschaft, dem Irakischen Roten Halbmond, zusammen. Gerade im Norden des Landes ist der Zugang zur Bevölkerung über ihre eigenen Landsleute, die als Freiwillige für den Roten Halbmond arbeiten, sehr wichtig. Gemeinsam versorgen wir Familien, die sich bei uns melden.

Vor den Amtsgebäuden finden in letzter Zeit öfter Demonstrationen statt, die aber in der Regel nicht gewalttätig sind. Die Leute sind enttäuscht, beginnen zu streiken, weil sie noch immer keine Gehälter bekommen haben. Die Lage ist für die Bevölkerung sehr schwierig. Fast täglich tauchen neue Probleme auf, bei deren Lösung viele auf sich alleine gestellt sind.

Zum Beispiel kehren im Augenblick Familien zurück, die das Land während des Saddam-Regimes verlassen haben, es verlassen mussten. Sie finden ihre Häuser von anderen bewohnt vor. Diese haben die Häuser rechtmäßig erworben und plötzlich steht der ursprüngliche Eigentümer vor der Tür. Im Grunde haben beide ein Recht auf das Haus, aber einer von beiden sitzt dann auf der Straße.

Bei uns geht man mit so etwas vor Gericht, aber eine juristische Struktur fehlt hier vollkommen. Das sind neue Probleme, mit denen die Leute konfrontiert sind und die auch neue Not und Armut produzieren, weil vermehrt Leute ohne Dach über dem Kopf sind.
Ich kann keinen Vergleich zu der Situation vor dem Krieg ziehen, weil ich erst danach ins Land gekommen bin. Ich sehe aber, wie viele Probleme die Bevölkerung hat und wie schwierig es ist für die Leute ist, sich zu Recht zu finden.

Ein massives Problem, das alle hier betrifft, ist das immer noch fehlende Management der Stadtverwaltung. Dadurch entstehen ständig kurzfristige Notsituationen, die absolut nicht nötig wären. Zum Beispiel streikte letzte Woche das gesamte Personal des unter öffentlicher Verwaltung stehenden Medikamenten-Depots und da war die Hölle los.

Inzwischen ist ja zum Glück mein Kollege George McGuire, auch ein Österreicher, eingetroffen. Als Cheflogistiker für den gesamten medizinischen Bereich organisiert er die Medikamentenlieferungen. Das sind tägliche Meisterleistungen. Am Funkgerät kann ich die verzweifelten Rufe von dort nach da verfolgen, die losgehen, wenn zum Beispiel das Depot bestreikt wird. Oder wenn aufgrund von Streiks Lkws nicht abgeladen werden können, dann können in weiterer Folge Spitäler nicht beliefert werden und die Lieferung muss in ein Lagerhaus umdirigiert werden. Ich bin unheimlich stolz auf George, der da draußen steht und organisiert und schwitzt und dann daran scheitert, dass eine Lieferung nicht übergeben werden kann, weil der Ansprechpartner nicht da ist.

Heute habe ich Besuch aus Österreich bekommen. Ein ehemaliger Kollege aus Wien war da und er hat mir Sonnenblumenbrot und Käse in einem richtigen Billa-Sackerl mitgebracht! Das ist ein Schatz, den ich mit ausgewählten Freunden sehr genießen werde.

Fernsehen haben wir zuhause keines mehr, weil unsere Satelliten-Schüssel kaputt ist. Es geht uns aber auch nicht ernsthaft ab, wir unterhalten uns gut, spielen alle möglichen Spiele. Die Ausgangssperre ab acht Uhr ist eher das Problem für das soziale Leben. Denn wir arbeiten bis sieben – eine Stunde ist für einen geselligen Abend schon etwas kurz. Deswegen hat es sich eingebürgert, Geburtstagsfeiern ab sechs einzuberufen.

Mein Tagebuch der Hilfe. Bagdad, 11. Juni 2003

Martina Schloffer in bagdad

Martina Schloffer in Bagdad

Unter dem Titel: IRAK – mein Tagebuch der Hilfe berichtete Martina Schloffer im Jahr 2003 direkt aus Bagdad, wo sie von Mai bis September 2003 als Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stationiert war. Wir veröffentlichen dieses Tagebuch nun auch in unserem Einsatzblog.

In letzter Zeit bekommen wir immer wieder Meldungen von unternährten Kindern in Spitälern. Es gibt tatsächlich Fälle von chronischer Unterernährung, die aber nichts mit der Versorgungslage zu tun haben. Denn die Lebensmittel sind vorhanden. Die Ursache liegt in einem größeren Zusammenhang. Der Teufelskreis beginnt damit, dass die Kinder verschmutztes Wasser trinken müssen, weil die Wasserversorgung noch nicht überall wieder hergestellt ist. Davon bekommen sie Durchfallerkrankungen wie Diarrhöe, im Krankenhaus werden die Kinder dann wieder aufgepäppelt. Aber kaum kommen sie nach Hause, sind sie wieder auf das verschmutzte Wasser angewiesen und der Teufelskreis beginnt sich von neuem zu drehen.

Das schwächt die Kleinen natürlich am meisten. Die Kinder brauchen sauberes Trinkwasser, damit sie die Nahrung behalten und aufnehmen können. Die Versorgung mit Trinkwasser ist daher auch eines der zentralen Themen der Rotkreuz-Arbeit im Irak. Nach wie vor sind unsere Teams an der Reparatur von Wasserwerken, Abwassersystemen und Kanälen beteiligt. Aber wir leben hier in einer Fünf-Millionen-Metropole, in der Einzelaktionen schnell wie Tropfen auf heiße Steine verpuffen. Diese Probleme müssen generell angegangen werden, eine funktionstüchtige Struktur in der Stadtverwaltung muss wieder eingezogen werden.

Das gilt auch für die Versorgung mit Lebensmitteln. Angeblich sind vor dem Krieg von der Regierung noch Extrarationen aus dem Oil-for-Food-Programm der UNO an Spitäler und die Bevölkerung ausgegeben worden. Diese Vorräte gehen langsam zur Neige, obwohl genügend Lebensmittel im Land sind. Manche Krankenhäuser fragen bei uns um Unterstützung an und wir springen als Überbrückung ein, solange die Verteilung aus dem neuen UNO-Programm noch nicht flächendeckend funktioniert. Inzwischen ist das Rote Kreuz im ganzen Irak tätig, es gibt keine Gebiete mehr, wo wir nicht hinkämen. Wir besuchen laufend die Spitäler, nehmen ihre Bedürfnisse auf und beliefern sie entsprechend.

In der Wiederherstellung der öffentlichen Administration wechseln sich Fortschritt und Rückschritt ab. Zum Beispiel gab es vor dem Krieg eine zentrale Verteilerstelle für Medikamente, die jetzt wieder in Betrieb ist. Doch obwohl die Lagerhäuser so voll sind, dass die Medikamente teilweise bei über 40 Grad im Freien gelagert werden, fragen die Spitäler bei uns um Hilfe an. Ein Grund dafür ist, dass auch das Management in den Krankenhäusern jetzt ausgewechselt wird und die neuen Leute oft nicht wissen, wie das frühere System funktioniert hat. Manchmal müssen unsere Mitarbeiter den Spitälern erklären, wie ihr eigenes Distributionsverfahren funktioniert. Es mangelt also immer noch an einer Basisadministration im Land, die dringend wieder hergestellt werden muss.

Im Stadtbild fällt auf, dass wesentlich mehr Polizei präsent ist. Der Verkehr wird wieder geregelt. In der Nacht ist es in manchen Gegenden ruhiger, was aber nicht heißt, dass es sicherer ist. Das Banditentum scheint zurückzugehen, zumindest spüre ich es nicht mehr so stark. Auf der anderen Seite gibt es immer noch genug Stadtviertel, in die wir auch tagsüber nicht gehen können, weil es zu gefährlich ist. Immer wieder aufflammende Kämpfe machen die Straßen außerhalb der Stadt sehr unsicher. Die Situation bedeutet für uns Rotkreuz-Menschen strikte Ausgangssperre. Das ist aber auch gut, denn man ist ganz froh, wenn es dunkel ist und man ist zuhause.

Die Temperatur klettert tagsüber bis auf 46 Grad, das macht jede Bewegung draußen fürchterlich anstrengend. Unser Team wird immer größer, wir mieten ein Gebäude nach dem anderen. Alleine der Weg in ein anderes Gebäude kommt einem Saunaaufenthalt gleich. Und auch die Nächte sind wie im Backofen. Zur Ablenkung und zur Erholung spielen wir zuhause oft die halbe Nacht Schach. Was sehr angenehm ist, weil der Kopf frei wird, indem man sich nur auf das Spiel konzentriert. Hin und wieder versuchen wir auch ein wenig Kühlung auf der Dachterrasse zu erhaschen, das war anfangs unmöglich, weil ständig geschossen wurde.

Die ersten Internet-Cafes haben aufgemacht, man kann über Satellit in die ganze Welt Verbindungen aufbauen. Das ist nicht nur für uns „ausländisches Personal“ sehr wichtig. In der irakischen Bevölkerung hat beinahe jeder Verwandte im Ausland. Die Leute haben auch schon viel von der Welt gesehen, ich treffe immer wieder Menschen, die schon in Wien waren. Viele unsere Mitarbeiter, Großstädter aus Bagdad, haben Europa bereist. Daran merkt man auch, wie wohlhabend das Land früher war.