Einfach so…

„Wir bemühen uns hier um jeden Menschen, alle sind voll konzentriert, retten Menschen aus untergehenden Schiffen, reanimieren auf einem Schlauchboot, uebergeben den Patienten uns. Nach 25 Minuten geben wir auf der Responder auf. Wir müssen uns um andere kümmern, die 33,7 Grad haben, sonst haben wir bald mehr Tote.
In den Medien, den Wahlkämpfen dieser Welt und der Politik wird das als Kollateralschaden in die Annalen eingehen. Einer, zwei oder drei mehr, die gestorben sind. Dann kommen vermutlich weniger zu uns. Wir machen keine Unterschiede, weder in Herkunft, Geschlecht, Religion, Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Für uns ist das der Patient, den wir nicht retten konnten… ist das die Mutter dreier Kinder, die nur noch tot aus dem Schlauchboot geborgen werden konnte. Wir sind die, die den Kindern, älteste Tochter ist Teenager, jüngstes Kind ein kleines Baby erklären müssen, dass die Mutter nicht mehr wieder kommt. Alleine gestrandet in der EU.
Das ist es also was Europa aus macht. Herzlosigkeit und nackte Zahlen….
We move on…
Aus Liebe zum Menschen und großem Respekt vor dem Leben“

So lautete mein letzter Facebook Eintrag. „Klingt etwas zornig“ dokumentierte meine Kollegin.

Der Post entstand, nachdem unsere Kollegen gemeinsam mit einem Spanischen Marineschiff die Menschen eines gekenterten Dingi gerettet haben. Unter anderem wurde uns aus einem Schlauchboot ein Mann uebergeben, der bereits am kleinen Boot 15 Minuten wiederbelebt worden war.

Eine Reanimation ist im Leben eines Arztes kein Höhepunkt, nichts was man täglich hat, aber auch nichts, was einem Angst macht. An Bord der Responder wurde es etwas besonderes. Ich schnappte mir den Defibrillator, Sauerstoff und Beatmungsbeutel und wartete. Die Notfall Medikamente holten wir dann noch extra, da diese nicht in der Notfalltasche waren. Diese befinden sich im Kühlschrank im Aufenthaltsraum ein Deck höher. Kein Mensch da, der sie holen könnte… Also rauf gerannt, Adrenalin geholt,….

Wer einmal gesehen hat, wie jemand auf einem Gummiboot wiederbelebt wird, vergisst das nicht. Es ist unwirklich.. surreal. Danach wird er aufs Schiff gebracht und keinen Meter neben dem Einstieg geht es los. Laufend kommen Menschen rein , drängen sich an uns vorbei, wollen ins sichere Schiff. Wir sind zu zweit, Eleonore, die Schwester und ich. Gleichzeitig den Notfall Ablauf durch gehen und Medikamente aufziehen und verabreichen schaffen wir nicht. Unser Fotograf fragt, ob er helfen soll. Keine fünf Sekunden später kniet er über dem jungen Mann und pumpt was geht. 30 Herzdruckmassagen…. Pause… weiter. In der Pause fotografiert er uns. Es stört in dem Moment nicht, ist genauso surreal, wie die gesamte Situation. Ich sehe danach ein paar der Bilder. Man kann den Patienten nicht identifizieren.. Damit ist es für mich OK. Adrenalin, Stromstoß, Pumpen… Nach 25 Minuten geben wir auf. Es ist nur ein Leben….

Wenn wir hier weiter machen, werden evt. noch andere sterben. Viele sind nass und unterkühlt. Eine junge Frau sieht uns nicht an, taumelt, hält sich die Ohren zu. Sie kommt mir nicht ganz koscher vor. Ich nehme sie mit in die Klinik. Blutdruck nicht messbar, Temperatur 33,7 Grad. Der kann man oft nicht trauen, ungenau. Blutzucker 35mg/dl. Ah.. daher kommt diese Störung. Zuckerinfusion angehängt. Wärmepackungen an verschiedenen Stellen des Körpers positioniert. Sie ist traumatisiert, unterzuckert und unterkühlt. Die nächsten 4 Stunden ist sie nicht ansprechbar. Ich entschließe mich zur Evakuierung. Die ist nicht so einfach, dauert sie doch weitere drei Stunden, bis das Schnellboot der Küstenwache mit Arzt vorbei kommt. Inder Zwischenzeit kommt Noah. Er hat viel Meerwasser geschluckt, hat auch unter 34 Grad, die jedoch wie auch bei der ersten Patienten realistisch erscheinen. Er bekommt eine Information und Wärmepackungen. Zwischendrin immer wieder nach draußen gehen um systematisch nach neuen Patienten zu screenen.

Rückblick… vorgestern meinte ich: Heute Abend gibt es sicher Arbeit.. jeder wusste, dass es als „Scherz“ gemeint war, jeder wusste aber auch, dass es durchaus ernst gemeint war. Also nicht zu spät ins Bett gehen. Es wurde dann halb 10 und etwa 2 min nachdem ich mich ins Bett gekuschelt hatte, kam der Funkspruch, der uns ermahnte, uns einsatzbereit zu machen. 3 Boote wurden evakuiert, 101 Personen. Danach Versorgung mit Wasser und Decken. Dann kam der Chef von MOAS und meinte, etwas Großes käme auf uns zu. Eine Art Fischerboot, auf dem Normalerweise bis zu 600 Menschen ihr Glück versuchten. Darunter oft viele Tote, die in der unteren Etage des Bootes waren, ausgesetzt den Dämpfen des Benzins, dem Meerwasser, den Exkrementen und dem Erbrochenen und dem Kohlendioxid der anderen Menschen.

2 andere Schiffe kamen uns zur Hilfe- die Minden und die Vos Hestia. Alleine hatten wir es sonst nicht geschafft. Die Info über das Schiff ließ unsere sonst sehr ruhigen MOAS Kollegen etwas unruhig werden. Viele Bergungen viele Tote.

Im Laufe der Rettungsaktion stellte sich heraus, dass wir keine Menschen bekommen werden und die Vos Hestia die etwa 480 Personen übernehmen werde. Daher kam ich zu 1 ½ Stunden Schlaf. Dann begann meine Schicht. Dann passierte, was niemand mag, wir kamen mit Highspeed zu dem kenternten Dingi. Die Spanier waren bereits da und halfen…

In weiterer Folge erholte sich unsere Patientin wieder, aber der junge Mann rutschte ins Lungenoedem. Sprich das Salzwasser, dass er schluckte, kam auch zum Teil in die Lunge. Er klagte plötzlich über Atemnot, man konnte dann Wasser in der Lunge hören. Kortison und Antibiotika sollten das gröbste abfedern. Sauerstoff sollte ihm Besserung verschaffen. Ohne die Evakuierung wäre vermutlich auch dieser gestorben. Ich hoffe das beste für ihn, da noch nicht sicher ist, dass er überleben wird. Die Responder tat ihr möglichstes.

Die drei Kinder, die im Post erwähnt wurden, sind bei uns am Schiff. Scheinbar haben einige Menschen gesehen, wie die Mutter unter gegangen war. Damit wurden die drei zu Waisen. Alleine auf einem Schiff fahren sie jetzt Italien entgegen. Ich persönlich fühle mich nicht schuldig, aber der Politik ist das ganze nur ein paar Zahlen wert. Keine Ahnung, ob die Mädels als „unbegleitete Minderjährige“ beziffert werden, ob sie Asyl erhalten, wie es überhaupt weiter geht? Und doch bin auch ich Schuld.. ich bin Teil des Systems, das sich EU nennt und das weiterhin erfolgreich weg sieht, wenn es um das Sterben im Mittelmeer gibt. Was man nicht sieht, ist auch gar nicht da.

Zu Tode ignoriert ist auch eine Alternative.

Unser Toter hat übrigens keinen Namen. Er hatte nur eine Unterhose und ein Shirt an. Niemand kannte ihn. Er war Afrikaner- von wo auch immer. Keiner wird erfahren, warum er auf der Flucht war, ob er Familie hatte? Ziele? Träume? Ein anonymer Toter, einer von über 4.000 heuer. Wir lesen darüber in der Zeitung, in Blogs, sehen es im Fernsehen. Es liegt aber an uns das zu ändern. Nicht jede(r) muss hier runter fahren. Ich bitte Euch nur, macht was.

Aus Liebe zum Menschen und aus großem Respekt vorm Leben

Sonntag 4:27 Uhr

Sonntag 4:27….

Attention to all stations: boat ahead proceed to your station. There will be a rescue..

Es wurde also nichts mit dem Ausschlafen. Tagwache wäre eigentlich um 4:50 gewesen. Aber wer braucht schon Schlaf. Diese Nacht, bereits die vierte am Schiff, konnte ich kaum schlafen. Bis zwei Uhr wälzte ich mich im Bett hin und her, wobei nicht die Wellen Schuld waren. Es würde den ersten Kontakt geben…..

Innerhalb von 10 Minuten waren wir angezogen, ich hatte mir noch im Vorbeigehen eine Packung Mannerschnitten und zwei Wasserflaschen geschnappt und mit Rettungsweste, Overall und Helm bewaffnet standen wir an Deck. MOAS, die Hilfsorganisation, die die Rettungen durchführt, war gerade dabei, die Ghalwp_20161113_13_26_32_proib, unser kleines Schiff, ins Wasser zu lassen. Ein Holzschiff mit 28 Personen trieb am Wasser. Zwei Mal musste die Ghalib hin fahren, um alle Menschen an Bord der „Responder“ zu bringen. Keiner von uns hatte es ausgesprochen, aber später waren wir einhellig dankbar dafür, dass das erste Boot so wenige Menschen beherbergte. Wir waren das Schema einige Male „trocken“ durchgegangen, aber bei der geringen Zahl konnten wir uns leichter an alles gewöhnen.

Die Geretteten kommen an Deck, müssen zuerst ihre Rettungswesten abgeben, danach kommt Eddie ins Spiel. Er ist für die Durchsuchung der Gäste zuständig. Es spielt sich in etwa wie bei einem Fußballspiel am Eingang ab: Arme ausstrecken, Hose und Shirt- mehr haben sie, wenn überhaupt, nicht an-  nach gefährlichen Gegenständen durchsucht, danach weiter zu Abdel oder Eleonore, meinen Rotkreuz- KollegInnen ein Armband abholen. Das sind in Wirklichkeit Haargummis einer Farbe „Bracelets“, um die Menschen zu den Schiffen zuzuordnen. Alle Menschen einer Rettungsaktion haben die Armbänder in gleicher Farbe.

Am Ende steht Johanna und lässt die Menschen in Reihen zu 10 Personen hin setzen. Thorir, mein Kollege ist für die Zählung und die Fotos zuständig. Wir benötigen exakte Zahlen, daher steht er beim Eingang und zählt durch. Am Ende werden alle nochmals gezählt. 28 Menschen.

Menschen frieren, sind durchnässt

Sie frieren, diese hier haben zumindest Hosen und Shirts, manche Pullover. Das sollte sich aber heute noch ändern. Nachdem alles passt, bekommen sie Rettungsdecken, wie man sie aus dem Auto- Erste-Hilfe-Kasten kennt. Danach kommt die medizinische Untersuchung, die sehr grob durchgeführt wird. Wir messen die Temperatur, schauen, ob die Menschen dehydriert sind, Blutarmut haben, schauen auf die Hände, um evt. Verätzungen zu finden oder Skabies. Das sind niedliche Tierchen, die sich unter der Haut einnisten und fürchterlichen Juckreiz verursachen.

Das ganze dauert etwa 15 Sekunden: Temperatur messen, wobei das Thermometer aufgrund der Unterkühlung der meisten eh nur „LO“ anzeigt,  Zunge raus Strecken, in die Augen sehen, Finger und Unterarme zeigen lassen und THANK YOU sagen. Höflichkeit ist mir sehr wichtig. Wir sind keine Zoowärter, die ihre Tiere füttern. Jeder Mensch ist zuallererst MENSCH. Ein Mann fragt mich, wie ich heiße? Michael.. und wie ist der Name des Schiffes? Responder. God bless you, Michael- Gott schütze Dich…wp_20161113_12_59_09_pro

Ich kann nur danke sagen und mich umdrehen. Mehr schaffe ich nicht..

einfach weitermachen und konzentrieren.

Es gibt noch genug Arbeit. Nach knapp 90 Minuten ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Die Gäste sitzen auf den Paletten, die sie vor Nässe an Deck bei hohem Seegang schützen sollen. Alle haben Decken, Wasser und Kekse. Es gab keine medizinischen Fälle. Eleonora hat Dienst bis acht. Dann beginnt meine Schicht. Also ab ins Bett. Das wichtigste hier am Schiff: Essen und schlafen so oft es geht. Jede Minute nutzen, da man nie weiß, wann der nächste Einsatz kommt.

7:05.. der nächste Funkspruch. Wie lange habe ich geschlafen? Knapp 57 Minuten. „Immerhin“ denke ich mir und mach mich wieder bereit. Helm, Overall, Schuhe, Schwimmweste. Ich habe mich diesmal für meine Shorts entschieden. Die sind bequemer unter dem Overall und man schwitzt weniger.

Ein kleines Gummiboot, etwa 8m lang und 4m breit ist neben uns. Zu Beginn denke ich an 30-40 Personen. Am Rand, auf den Gummiwülsten sitzen Menschen, Ein Bein im Meer. Ich sollte mich soetwas von irren- mein MOAS Kollege lacht mich etwas aus…

Zu Beginn werden an alle Menschen Rettungswesten verteilt und sie aufgefordert ruhig zu bleiben. Immer wieder fährt die Ghalib hin und her, bringt ein ums andere Mal wp_20161113_13_26_43_proMenschen, Jugendliche Frauen und Männer zu uns. Es sollen etwa 120 werden. Je leerer das Rettungsboot wird, umso ruhiger werden auch die verbleibenden Menschen an Bord. Peter springt ins Gummiboot um zu beruhigen laut  gibt er seine Anweisungen. Seil fangen, halten, einer nach dem anderen…Dieses mal klappt das Zusammenspiel auch bei uns schon etwas besser. Wir haben ja noch soo viel Zeit zu üben. Während der Bergung bekommen wir die Info, dass 4km westlich von uns das nächste Boot gesichtet wurde.

Männer steigen aus, humpeln und beklagen ihre massiven Beinschmerzen. Drei andere haben auf ihrem Bein gesessen. Kein Wunder, so dicht wie das am Boot war. Aber es sind keine ernsten Verletzungen.

Auch unsere MOAS Freunde haben immer wieder Angst, dass sie Tote finden. Natürlich gehören sie „zum Geschäft“, aber man gewöhnt sich nie ganz dran.

Die Menschen hier im 2. und 3. sind leicht bekleidet, manchmal nur in Unterwäsche. Abdel sucht nach Kleidung, schaut drauf, dass jeder zumindest ein Oberteil und eine Hose oder ähnliches hat. Die ersten Frauen kommen an Bord.

Plötzlich ein Hilferuf von einem MOAS Kollegen: eine Frau stolpert beim Einsteigen, droht ins Wasser zu stürzen- er kann sie nicht alleine halten. Drei Kollegen stürzen hin und ziehen und schieben sie ins Schiff. Glück gehabt. Die Frau steht noch etwas unter Schock, setzt sich aber dann hin und atmet erst einmal durch. Das hätte schief gehen können. Zum Glück stehen immer zwei Rettungsschwimmer inkl. Neopren-Anzug bereit. Die Gefahr ist aber, dass jemand der ins Wasser fällt, zwischen die Schiffe kommt und zerdrückt wird.

Meine Hauptaufgabe ganz zu Beginn ist einerseits den Menschen zu helfen, die Rettungsweste abzunehmen und , viel wichtiger, ganz kurz auf jeden Neuankömmling zu schauen, ob er oder sie potentiell schwer verletzt ist oder in Lebensgefahr ist. Das können jetzt Wunden sein, die angesprochenen Verätzungen oder einfach die massive Unterkühlung.

Menschen freuen sich, dass sie am Schiff sind…. Manchmal hört man ein nicht böse gemeintes „Shut up please“, wenn es zu laut wird. Gefolgt von: We want to rescue your friends“- wir wollen auch eure Freunde retten. Erst als alle an Bord sind entspannen sich auch unsere MOAS Kollegen. Jetzt können sie durchatmen und die Arbeit des Roten Kreuzes wird interessant. Als unsere Gäste realisieren, dass sie alle in Sicherheit sind, brandet spontan Jubel auf. Menschen applaudieren, fallen einander um den Hals. Ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll, entschließe mich aber mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Die Gänsehaut werde ich aber nicht so schnell los.

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Unsere „Prinzessin“

Abdel schnappt sich unseren neuen Gast und verschwindet mit ihm im Bauch des Schiffes. Ein etwa 1,5 jähriges Mädchen avanciert zum Liebling. Sie weint, ist durchnässt. Als ich nach ein paar Minuten in meine Ambulanz gehe, sehe ich Abdel mit dem Mädchen. Es hat neue Kleidung, etwas zum spielen und strahlt.  „Tres Jolie“ sage ich nur- sehr hübsch. Ich habe keine Ahnung, ob die kleine Französisch spricht oder Englisch. Abdel spricht mit ihr auf Englisch. Ich muss natürlich ein Foto von den beiden machen. Danach kommt sie wieder zu ihrer Mutter.

In Summe gibt es auch für mich etwas zu tun. Johanna, war in der Zwischenzeit nicht untätig und hat bereits eine Wunde am Fuß einer aelteren Frau versorgt. Sie war frisch und wir überlegen zu nähen, lassen es aber bleiben. Eine zweite Frau bekommt Schmerzmittel. Eine Schusswunde, die sie vor zwei Monaten am Unterschenkel hatte, schien infiziert zu sein, aber geschlossen. Ich entschließe mich zu einem Antibiotikum.

Die dritte dürfte einen Mittelfußknochen gebrochen haben und einige Damen haben Verätzungen am Gesäß vom Sprit. Bei dunkler Haut sind viele Dinge für uns Mitteleuropaer schwerer zu sehen. Aber die Hautverfärbungen, die sie nicht nur am Gesäß hat, sind eindeutig.

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Die PHOENIX

Keine gröberen Erkrankungen, keine Toten. Alles in allem ein gutes Gefühl. Am frühen Nachmittag bekamen wir dann die Phönix zu sehen. Dies ist unser Schwesternschiff, die gerade auf dem Weg nach Italien ist. Sie nahmen unsere Gäste zu sich und werden sie nach Italien bringen. Ich lernte meinen Kollegen vom italienischen Roten Kreuz kennen. Wir machten eine Übergabe der Patientinnen. Er erzählte mir von Patienten, die in ihrer Heimat mit Zigaretten gepeinigt worden waren. Einer hätte noch die Abdrücke von einem Hammer, mit denen er malträtiert worden war. Der italienische Arzt war am Ende seiner Reise auf See, meinte aber das es eine einzigartige Erfahrung auch für ihn war.

Wir cruisen hier weiter und warten auf andere Menschen 317 konnten wir retten. Mir ist eal woher sie kommen, dass zählt zu unseren Grundsätzen- ich will, dass sie leben.

Ich wurde heute, wie schon so oft bei Interviews gefragt, ob nicht auch wir Schuld daran sind, dass so viele Menschen kommen- in dem Wissen, dass wir sie sowieso retten. Wenn man mit den Kollegen spricht, einer macht das seit fast 12 Monaten durchgehend, so sind alle der gleichen Auffassung:

Wenn Menschen sich dieses Wagnis antun, dann steckt sehr viel Verzweiflung dahinter. Sie werden es versuchen, auch wenn wir ab Dezember nicht mehr da sein werden. Sie haben Hoffnung, Hoffnung, das Festland zu erreichen.

Aber was macht das schon, sterben halt ein paar Hundert , ein paar Tausend Menschen mehr…. Das erscheint in den letzten Monaten zunehmend die Meinung vieler „Menschen“ zu sein. Ich glaube aber immer noch an das Gute im Menschen, auch, wenn das Wort Gutmensch für manche zum Schimpfwort geworden ist.

Ich werde hier die nächsten zwei Wochen weiter versuchen, dieses Sterben zumindest zu vermindern..

Aus Liebe zum Menschen und großem Respekt vor dem Leben…

Leinen los..

  wp_20161110_16_19_34_proEin drittes und letztes Mal geht es heuer ans internationale Helfen. Immer wieder ist es ein schönes und doch auch komische Gefühl wegzugehen. Der letzte Einsatz hat es in sich.

Die Responder

Die „Responder“ ist ein Schiff, dass seit einigen Monaten im Mittelmeer seinen Dienst versieht. Ziel ist es, in Seenot geratene Menschen vor dem sicheren Tod zu retten. Offiziell kann es bis zu 350 Menschen transportieren. Der letzte Hafen wurde mit etwa 700 angelaufen. Das wären 700 Menschen, von denen man nie wieder etwas gehört hätte, die einfach gestorben wären. Gesamt wurden seit Ende Juli über 5.000 Menschen vor dem sicheren Tod gerettet.

„Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.“ So schrieb schon Hippokrates. Daher war es selbstverständlich, dass ich auf Anfrage des Roten Kreuzes gerne dieses Schiff bestiegen habe.

Malta

Am Sonntag Nachmittag war es soweit. Zwei Stunden Flug sind sehr ungewöhnlich fuer einen Einsatz. Haiti, Indonesien oder Sierra Leone waren dann doch weiter entfernt. Sogar nach Idomeni betrug die Fahrzeit damals mit PKW knapp 10 Stunden.

Am Montag wurden dann die ersten Briefings durchgeführt. An sich war geplant, am Montag Abend bereits die Responder zu besteigen, um wieder abzufahren. Da diese aber gerade auf dem Weg nach Brindisi war, verzögerte sich die Ankunft um 2 Tage.

Diese nutzten wir, um uns im Team untereinander vertraut zu machen. Eleonore, eine schwedische Krankenschwester, Johanna, eine isländische und Thorir ein Kollege aus Island komplettieren mit Abdel, unserem italienischen Teamleader unser Team.

wp_20161111_15_01_31_proGemeinsam mit MOAS, einer Organisation, die bei uns an Bord für die eigentliche Seerettung verantwortlich ist, werden wir das Schiff schon schaukeln.

Kim, die letzte Ärztin am Schiff, berichtete von ihren Erlebnissen, den beiden Freunden seit Kindertagen, die irgendwo aus Zentral-Afrika flüchteten, von Menschenhändlern gefangen wurden, nach zwei Jahren auch von diesen flüchten konnten und durch die Responder gerettet worden waren. Am Schiff erlitt einer der beiden einen epileptischen Anfall. Da unklar war, warum dieser aufgetreten war, wurde beschlossen, ihn zu evakuieren. Obwohl Kim, nachdem sie die Lage der beiden Freunde erklärt hatte, zugesichert worden war, dass die beiden gemeinsam evakuiert werden könnten, wurden sie getrennt. Einer sitzt nun auf Malta fest, der andere in ItalienSehr emotional erzählte sie, dass sie sich vorgenommen hatte, auf dieser Mission nicht zu weinen. Aber da konnte auch sie nicht mehr anders…

Gefahr durch Chemikalien

Peter, ein britischer MOAS Kollege erzählte, wie die Schiffe von Lybien starten, man den Menschen erzählte, dass es zur Küste etwa 100 Meilen wäre. In Wirklichkeit sind es 300 Meilen. Ein Schiff kommt aber keine 100. Der Sprit wird mit Chemikalien versetzt, um die Oktanzahl und damit die Verbrennungsleistung zu erhöhen. Viele Menschen erleiden Vergiftungen  und sterben aufgrund der Dämpfe. Ihn selbst habe es bei einer Rettung auch erwischt. Er wisse noch, dass er 3 Menschen aufs Boot geholfen habe, dann sei alles schwarz geworden….

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MIt diesen beiden Booten werden Schiffbruechige gerettet

Während wir Gäste an Bord haben, müssen wir an Deck IMMER feste Schuhe, eine Schwimmweste und einen Helm tragen. Dies hat Peter auch das Leben gerettet. Menschen haben oft Verätzungen an Armen, Beinen und am Gesäß, weil sie im Sprit sitzen…Ein Mann hatte Verbrennungen von 50% der Hautoberfläche…

Mit diesen Hintergrundinformationen ging es heute auf hoher See zum 1. Training. Der Ablauf einer Bergung wurde durchgegangen. Rettungsringe, aufblasbare Gegenstände, an denen sich Menschen anhalten können, gezeigt. Die Notfallsignale wurden durchgegangen. Es gibt viele Regeln und Verbote- jede und jedes zu unserem Wohl. Keine Messer mit einer Klinge, die länger als 6cm ist sind erlaubt, Macheten und ähnliches sowieso nicht. Rauchen für das Personal nur an wenigen Stellen, für Flüchtlinge nicht erlaubt. Auch hier geht es wieder darum, dass evt. Menschen in Kleidung mit Chemikalien herum laufen. Diese könnte Feuer fangen.

Jean, der Vizekapitän und MOAS Chef am Schiff meinte, er habe vor wenigem Angst, aber vor Feuer an Bord hatte jeder Seemann Angst.

Weniger Ausstattung als ein Notarztwagen

Unser bzw. mein Reich ist der Sanitätsraum. Ein Raum mit einem Krankenbett, Medikamenten und den wichtigsten Dingen. Die Ausstattung ist weit entfernt von einem durchschnittlichen Notarztwagen in Österreich. Die Medikamente gegen Schmerzen, viele gegen Übelkeit, Antibiotika, Notfallmedikamente, wie Adrenalin oder Insulin sind sehr begrenzt. Einen Defi, wie im normalen Rettungswagen, zwei Sauerstoffflaschen etwas zum Intubieren, was zum Nähen. Viel mehr ist da nicht.

Wie haben diskutiert, ob und in welchem Ausmaß wir Menschen wiederbeleben. Natürlich will man das, wir sind aber nicht darauf ausgelegt, einen Menschen wie auf einer Intensivstation am leben zu halten. Die Entscheidung, wann wir aufhören obliegt mir. Ich hoffe, ich muss sie in diesem Einsatz nicht treffen, werde aber auch nicht zögern das zu tun, was ich für richtig halte..

Ich freue mich, dass ich zwei sehr erfahrene Krankenschwestern an meiner Seite habe. Mit ihnen wird alles leichter werden.

Heute Abend werden wir noch eine Übung haben, danach werden wir die Plastikpaletten an Deck verteilen. Wenn die See unruhig ist, schwappt oft Wasser an Deck. Wir wollen aber nicht, dass die Menschen im Nassen sitzen, daher kann das Wasser unter den Paletten entlang laufen und die Menschen sind geschützter.

Sobald wir Menschen am Schiff haben, werden sie mit Rettungsdecken gegen Wärmeverlust, Wasser und Keksen versorgt. Es gibt dreimal täglich Kekse, eintönig, aber innerhalb von max. 48 Stunden haben sie Festen Boden unter den Füßen. Für Babies haben wir ein paar Gläser Babynahrung.

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seit 2007 immer dabei: JAMES

Morgen Früh werde wir das Einsatzgebiet erreicht haben. Dann wird uns vermutlich auch die erste Bergung haben- meistens so gegen 5 oder 6 Uhr morgens.

Es ist, wie immer, eine Mischung auf Vorfreude und Knödel im Magen… Aktion Menschen retten. Ich werde noch weitere Blogs schreiben zu finden unter reiseimpfungen-wien.at und auch hier beim Roten Kreuz

Immerhin ist die See dzt ruhig und mein Magen freut sich. Sogar Delfine konnten wir heute beim Training sehen.

Ab morgen weht ein rauherer Wind…

Aus Liebe zum Menschen und großem Respekt vor dem Leben….

 

Baywatch Malta – Lifeguard Service auf der Insel Comino

Zwischen der Hauptinsel Malta im Süden und der Schwesterninsel Gozo im Norden liegt die etwa drei Quadratkilometer große Insel Comino. Neben einem Hotel, einer kleinen Polizeistation und nur drei fixen Bewohnern befindet sich dort die Blaue Lagune – ein Paradies für Badegäste, Schnorchler und Taucher.

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Ausblick vom Lifeguard-Stützpunkt in der Blauen Lagune

In den Sommermonaten steht das Rote Kreuz aus Gozo täglich mit sechs speziell ausgebildeten Mitarbeitern (Lifeguards), verteilt auf drei Stützpunkte, für Notfälle bereit.

Während unseres gemeinsamen Dienstes sind wir anhaltend mit Patienten mit Quallenbissen, Kreislaufschwächen und Schnitt- und Schürfwunden konfrontiert. Es dauert nicht lange, bis wir zu einem Unfall an Land gerufen werden, bei dem wir unser rettungstechnisches Können unter Beweis stellen dürfen. Ein deutschsprachiger Tourist hat sich beim Versuch auf eine Klippe zu klettern schwer verletzt und befindet sich in einem kritischen Zustand. Nach der Erstversorgung und Bergung mit dem Spineboard begleiten wir ihn mit dem Rettungsboot zur Nachbarinsel wo wir ihn an das Krankenhauspersonal übergeben.

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Die maltesisch-österreichische Dienst-Mannschaft

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Vorbereitungsarbeiten im Hafen von Gozo

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Unterwegs mit dem Rettungsboot

Die Rettungsschwimmer von Ramla Bay

Mein Name ist Andreas Höllinger. Ich bin freiwilliger Mitarbeiter der Ortsstelle St. Martin im Mühlkreis (Bezirksstelle Rohrbach in Oberösterreich) und derzeit im Zuge des Programms „Job-Rotation” beim Roten Kreuz auf der Insel Gozo (Malta) tätig.

Seit Mitte August dieses Jahres betreibt das maltesische Rote Kreuz einen ganz besonderen Rettungsdienst. In Ramla Bay, einer Bucht an der Nordküste der Insel Gozo, stehen während der Sommermonate speziell ausgebildete Rettungsschwimmer für den Ernstfall bereit. Dieser Dienst wird ausschließlich von freiwilligen Mitarbeitern verrichtet und reicht von Erster Hilfe bei Verletzungen und Insektenstichen bis hin zu lebensrettenden Sofortmaßnahmen wenn Badegäste in den Fluten oder zum Beispiel durch Überhitzung am Strand in Gefahr geraten.

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Großer Andrang am Rot Kreuz Stützpunk – vorallem Quallenbisse bereiten den Rettungsschwimmern an diesem Tag viel Arbeit

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Das Rettungsboot umkreist tagsüber die Insel und ist bei Bedarf schnell zur Stelle

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Die neue Rettungsschwimmer-Mannschaft der Insel Gozo mit ihrem Ausbildner Rossano Rosso vom Italienischen Roten Kreuz

Übungen, Jugendarbeit und Notfälle – auch auf der Insel Gozo

Mein Name ist Andreas Höllinger. Ich bin freiwilliger Mitarbeiter der Ortsstelle St. Martin im Mühlkreis (Bezirksstelle Rohrbach in Oberösterreich) und derzeit im Zuge des Programms „Job-Rotation” beim Roten Kreuz auf der Insel Gozo (Malta) tätig.

Nach meiner anfänglichen Verwunderung über die bescheidene Einrichtung der Diensstelle, konnte ich mich in der vergangenen Woche von der hohen Qualität der Rettungsarbeit auf der Insel Gozo überzeugen uns selbst aktiv daran teilhaben. Die rund sechszig freiwilligen Mitarbeiter leben hier einen Rot-Kreuz-Alltag, der sich zu dem aus Österreich nur in den Details unterscheidet. So wird zum Beispiel am Strand von Gozo ein Ambulanzzelt errichtet um die Besucher einer Musikveranstaltung im Bedarfsfall medizinisch erstzuversorgen. Eine Urlauberin, die sich abseits der Straße eine Beinfraktur zugezogen hat, wird mit dem Jeep aus dem unwegsamen Gelände befreit. Die Jugendgruppe trifft sich wöchentlich um die Grundsätze des Roten Kreuzes, Erste Hilfe und auch bereits Bereiche aus dem Rettungsdienst spielerisch zu erlernen. Übungen finden regelmäßig statt – sei es auf der Straße, auf Hügeln oder im Wasser.

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Ambulanzdienst am Strand von Gozo

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Junge Life Guards üben den Einsatz des Spineboards im Wasser

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Wöchentlich stattfindendes Jugendgruppen-Treffen

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Rückkehr nach einem nächtlichen Einsatz

Gozo – eine neue Dienststelle wird errichtet

Mein Name ist Andreas Höllinger. Ich bin freiwilliger Mitarbeiter der Ortsstelle St. Martin im Mühlkreis (Bezirksstelle Rohrbach in Oberösterreich) und derzeit im Zuge des Programms „Job-Rotation“ beim Roten Kreuz auf der Insel Gozo (Malta) tätig.

Auf der Insel Gozo existiert seit über 10 Jahren eine eigene Diensstelle. Anders als in Österreich wird der typische Rettungsdienst auf Malta und Gozo zum größten Teil von einer staatlichen Ambulanz durchgeführt. Das  Rote Kreuz hingegen ist hauptsächlich für den Katastrophenhilfsdienst, den Ambulanzdienst bei Veranstaltungen und für die Abhaltung von Erste-Hilfe Kursen verantwortlich. Nebenbei sind die Maltesischen Kollegen Profis in der Höhen- und Tiefenrettung, ausgebildete Life-Guards und hervorragende Taucher.

Mein erster Tag vor Ort machte aber gar nicht den Eindruck danach. Wurde ich nach meiner Ankunft mit der Fähre noch von einem vielversprechenden Jeep mit Rot Kreuz Aufschrift abgeholt, stand ich kurze Zeit später gemeinsam mit einigen einheimischen Freiwilligen vor mehreren nebeneinander gereihten Garagen, mit der Aufgabe darin eine Rot Kreuz Dienststelle zu errichten. Francko, selbst beruflich beim Roten Kreuz auf Malta und Freiwilliger bei der Dienststelle auf Gozo, erzählte mir zwar während der Fahrt im Jeep, dass die Dienstelle zurzeit verlegt wird. Dass sie aber von der Universität auf Gozo, wo sie seit Beginn auf engstem Raum untergebracht ist, in eine Garagen-Stadt neben einer Obst-Plantage umzieht, damit habe ich natürlich nicht gerechnet.
So verbrachte ich die ersten Tage auf Gozo mit dem Ausräumen der alten Ein-Zimmer-Diensstelle und dem Aufbau einer neuen Diensstelle.

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Das neue Headquarter auf der Insel Gozo entsteht

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Zwei freiwillige Rot Kreuz Mitarbeiter aus Gozo

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Der neue Schulungsraum

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Ein neues Materiallager

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Ein unverzichtbares Arbeitsgerät auf Gozo – Land Rover

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Zwei von insgesamt drei Ambulanzen auf Gozo; die im Rettungswagen mitgeführten Gerätschaften und Materialien gleichen großteils denen aus Österreich