Wo hört das Morgenland eigentlich auf?

Wo es beginnt, ist mir ja klar; aber wo (wohl weiter östlich als hier in Beirut) hört es eigentlich auf? – vor dem fernen Osten? – nach dem Fernen Osten? – oder erst nach dem Pazifik? – In Amerika?…

Wenn ich den Gedanke weiterziehe, komme ich wieder nach Europa – wer immer nach Osten fliegt, kommt im Westen wieder an. Sind wir alle im Morgenland?

Irgendwie seltsam… aber noch seltsamer ist wohl, dass hier im Morgenland Millionen von Menschen ein Morgen haben, das genauso erschreckend sein wird wie ihr Heute – im Zelt, geflüchtet von daheim oder außerhalb des Heimatlands; abhängig von Hilfe, die bei weitem nicht ausreicht, um ein halbwegs würdiges Leben zu führen. Im schlimmsten Fall haben sie kein Morgen.

Ich weiß, alles nicht neu. Der Syrien-Konflikt ist nicht neu, er dauert schon gute 2 1/2 Jahre. Und holt kaum jemand mehr hinter dem Ofer hervor. Nicht weiter im Osten, nicht im Westen. Nicht hier in Beirut, wo das Leben seinen gewohnten Gang geht. Nicht mal mehr soweit, um zu einer Friedenskonferenz zusammenzukommen.

Auf BBC spricht gerade Herr. Brahimi. Er sagt, der Konflikt hat keine militärische Lösung – keiner wird gewinnen. Umkehrschluss: alle verlieren. Aber das ist wohl in der Logik der vielen Konfliktparteien nicht mehr nachvollziehbar.

Ich wünsch den neun Millionen Menschen (laut OCHA heute), dass wir es gemeinsam schaffen, ihr Morgen zu sichern.

Wir sind da, um zu helfen. Zum Beispiel bei einer Hilfsgüterverteilung für syrische Flüchtlinge in Sa´ad Nayel

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„In manchen Orten leben mehr Syrer als Libanesen“

Montagnachmittag einige Tage vor Ramadan: In der Moschee von Ketermaya sitzen rund 80 Menschen und warten geduldig. Die meisten von ihnen sind Frauen – viele davon mit Kindern. Vertreter der Stadtgemeinde und des Libanesischen Roten Kreuzes treffen einander, begrüßen sich und beginnen die Unterlagen, die sie in den Händen halten, abzugleichen.

Kurz zuvor ist ein Lastwagen des Libanesischen Roten Kreuzes vorgefahren. Heute findet die Verteilung von Hilfsgütern statt. Die Menschen, die so geduldig in der Moschee warten, sind Flüchtlinge aus Syrien. In keinem anderen Land sind sie so zahlreich wie im kleinen Libanon. Nach offiziellen Angaben suchen rund 600.000 Frauen, Männer und Kinder hier Zuflucht. Aber jeder weiß, dass es bedeutend mehr sind. „Es könnten rund eineinhalb Millionen Menschen sein“, sagt George Kettaneh, Generalsekretär des Libanesischen Roten Kreuzes. „Diese Flüchtlingswelle bringt ein Land wie den Libanon, der nur 4,5 Millionen Einwohner hat, an die Grenzen seiner Kapazitäten. In manchen Orten leben bereits mehr Syrer als Libanesen.“

Vor dem LKW in Ketermaya hat sich indessen eine Menschenschlange gebildet. Mitarbeiter des Roten Kreuzes kontrollieren Berechtigungskarten und zerfledderte Ausweiskopien, bevor sie die Hilfspakete an die Flüchtlinge verteilen. 7,7 Kilo wiegt ein solches Paket. Diesmal werden Hygieneartikel verteilt –Waschmittel und Zahnbürsten, Binden und Toilettenpapier. Dinge des täglichen Bedarfs, denn die Flüchtlinge mussten meist ihr gesamte Hab und Gut zurücklassen. Die Verteilung geht zügig voran. Jene, die ihr Paket erhalten haben, machen sich umgehen auf den Weg zu ihren Familien. Die meisten – rund 60 Prozent – haben sich private Unterkünfte gemietet. Kleine Wohnungen, Zimmer, Besenkammern oder Garagen. Andere sind bei Gastfamilien untergekommen. Große Flüchtlingslager – wie es sie zum Beispiel in der Türkei gibt – lässt der libanesische Staat nicht zu. Man möchte unbedingt vermeiden, dass solche Camps zu permanenten Städten werden. Diese Erfahrung haben die Libanesen nämlich bereits gemacht. Knapp 400.000 palästinensische Flüchtlinge leben im Libanon. Die meisten in Lagern, deren größtes in Ein Al-Hilweh liegt, nur wenige Kilometer von Ketermaya entfernt.

Das Libanesische Rote Kreuz verteilt in Ketermaya Hilfsgüter an syrische Flüchtlinge.

Das Libanesische Rote Kreuz verteilt in Ketermaya Hilfsgüter an syrische Flüchtlinge.

Trotz aller gegenteiliger Bemühungen der Regierung sprießen viele so genannte „wilde“ Lager, in denen syrische Flüchtlinge leben, aus dem Boden. 400 derartige Camps soll es bereits geben. Sie werden mangels Alternative geduldet. Der Lastwagen des Roten Kreuzes hat mittlerweile Ketermaya verlassen. Die Ladefläche ist noch zu zwei Drittel voll. Ein freiwilliger Helfer, lenkt den 7,5-Tonner von der asphaltierten Landstraße auf eine Schotterpiste. Nach einige Kurven und einem kräftigen Anstieg erreicht er ein Flüchtlings-Camp. „Hier leben 161 Syrer“, sagt Maurice Risk. Er ist Finanzdirektor des Libanesischen Roten Kreuzes. Da die heutige Verteilung in seiner Heimatregion stattfindet, ist er persönlich dabei. Er kontrolliert Ausweise und Berechtigungskarten und führt Buch über die verteilten Pakete. Die freiwilligen Helfer stehen auf der Ladefläche und reichen die Hilfsgüter den wartenden Menschen.

Im Flüchtlingslager bei Ketermaya leben 30 syrische Familien.

Im Flüchtlingslager bei Ketermaya leben 30 syrische Familien.

Maurice Risk (l) und ein Freiwilliger des Libanesischen Roten Kreuzes bei einer Hilfsgüterverteilung.

Maurice Risk (l) und ein Freiwilliger des Libanesischen Roten Kreuzes bei einer Hilfsgüterverteilung.

 

Die Pakete reichen noch für zwei weitere Verteilungen – eine vor einer Moschee, die andere bei einem Gemeindezentrum. „Morgen haben wir sieben Verteilungen geplant“, erzählt Maurice Risk. Und dann? „Dann geht es weiter“, sagt er und hebt die Schultern. Wie genau es weiter geht weiß er auch nicht. Fest steht, dass die syrischen Flüchtlinge noch lange Hilfspakete benötigen werden. Im August werden wieder Nahrungsmittelpakete verteilt, mit Reis, Zucker, Thunfisch, Margarine und Hummus. Die österreichische Entwicklungszusammenarbeit finanziert die Versorgung von 2.500 Familien mit solchen Paketen. Genauso viele Flüchtlingsfamilien lassen sich seit Anfang des Jahres im Libanon registrieren – wöchentlich. Wieviele tatsächlich kommen und sich nicht registrieren lassen, weiß niemand.

Einsatzblog aus dem Libanon

Gestern habe ich das bisher ungewöhnlichste Souvenir eines RK-Einsatzes bekommen: eine Gewehrkugel.

Andrea Reisinger und Christopher Jahn vom Österreichischen Roten Kreuz sind seit dem 5. August im Libanon um Flüchtlingen aus Syrien zu helfen.
©Thomas Marecek/ÖRK

Sie lag auf dem flachen Dach der Einsatzzentrale des Libanesischen Roten Kreuzes in Wadi Khaled, die sich direkt an der Grenze zu Syrien befindet. In die Stadt Homs – die vor ein paar Monaten so stark umkämpft war – sind es knapp 20 Minuten mit dem Auto. Diese Rotkreuz-Dienststelle wurde temporär errichtet, nachdem immer mehr verwundete Menschen aus Syrien in den Libanon geflohen und auf medizinische Versorgung angewiesen sind. Vor zirka drei Wochen wurde das Gebäude während des nächtlichen Beschusses der Grenze von einer Granate getroffen. Zum Glück gab es keine Verletzten – trotzdem steckt der Schock tief, auch wenn die Kolleginnen und Kollegen meinen, dass solche Situationen im Libanon zur täglichen Normalität gehören.

An der Grenze zwischen Libanon und Syrien sind die Helfer des Roten Kreuzes stationiert.
©ÖRK

Manche der verwundeten Flüchtlinge wurden in Syrien notoperiert, viele bekommen aber ihre Erste Hilfe von den Freiwilligen des Libanesischen Roten Kreuzes. Danach werden sie in einem Rettungsauto in eines der umliegenden Spitäler gebracht. Nachdem die Verletzungen in Syrien nicht sofort behandelt wurden, sind sie meist stark infiziert und können dadurch nicht gleich genäht oder operiert werden. Das Internationale Rote Kreuz (IKRK) hat vor ein paar Wochen Chirurgen und Krankenschwestern im Libanon dazu ausgebildet, Kriegsverletzungen zu behandeln.

Im Spital in Tripoli habe ich gestern mit einer jungen Frau gesprochen, die bereits seit drei Monaten behandelt wird. Eine Bombe hat das Haus ihrer Familie zerstört und sie wurde dabei am Bein schwer verletzt. Durch die Infektion der Wunde konnte sie bisher nicht operiert werden. Als ich mit ihr sprach, begann sie zu weinen, weil sie sich Sorgen wegen der weiteren Behandlung machte und ihre Kinder in Syrien bei Verwandten zurückgeblieben sind. Diese Ungewissheit ist eine große psychische Belastung für die Flüchtlinge – auch für jene, die körperlich gesund sind.

Andrea Reisinger in einer Notunterkunft für Flüchtlinge in Rama, Wadi Khaled.
©ÖRK

Positiv ist, dass es im Libanon eine relativ gute Infrastruktur für die Versorgung der syrischen Flüchtlinge gibt. Das Land hat im Laufe seiner Existenz eine Menge Erfahrung im Umgang mit humanitären Situationen gesammelt und die Menschen reagieren flexibel. Durch die engen Verbindungen mit Syrien konnten viele der Flüchtlinge bei befreundeten oder verwandten libanesischen Gastfamilien untergebracht werden. Sofern sie sich registrieren lassen, bekommen die Flüchtlinge Unterstützung von der Regierung, der UNO oder lokalen Hilfsorganisationen. Viele syrische Familien sind aber nicht registriert, weil sie Angst haben, dass ihre Daten weitergegeben werden, und ihre Angehörigen zu Hause bedroht werden.

Jene Flüchtlinge, die keinen Platz bei Gastfamilien gefunden haben, werden in Notunterkünften einquartiert, wie in jener Schule in Wadi Khaled, die ich gestern besucht habe. 130 Menschen wohnen in der Schule: Männer, Frauen und Kinder – nur ältere Menschen nehmen die Strapazen der Flucht meist nicht in Kauf und bleiben in Syrien. Aisha, Mutter von sechs Kindern, hat vor mehr als einem Jahr ihre Tochter bei jenem Bombenangriff verloren, der auch ihr Haus zerstörte. Daraufhin hat die Familie ein paar Sachen gepackt und ist über den Grenzfluss in den Libanon gegangen. Sie teilt sich nun mit ihrer Familie ein ehemaliges Klassenzimmer, und hat mir erzählt, dass das Leben im Notquartier weiter geht und dass zwei der jungen Flüchtlingsfrauen schwanger sind.

Ob ich nicht ihren Sohn heiraten könnte, hat sie mich im Scherz gefragt? Ich meinte, dass ich ihm keine gute Frau sein werde, und wir haben beide herzhaft gelacht.

Verteilung von Hilfsgütern und Lebensmitteln durch Mitarbeiter des Syrischen Roten Halbmondes.
©SARC/SanaTarabishi