Einfach so…

„Wir bemühen uns hier um jeden Menschen, alle sind voll konzentriert, retten Menschen aus untergehenden Schiffen, reanimieren auf einem Schlauchboot, uebergeben den Patienten uns. Nach 25 Minuten geben wir auf der Responder auf. Wir müssen uns um andere kümmern, die 33,7 Grad haben, sonst haben wir bald mehr Tote.
In den Medien, den Wahlkämpfen dieser Welt und der Politik wird das als Kollateralschaden in die Annalen eingehen. Einer, zwei oder drei mehr, die gestorben sind. Dann kommen vermutlich weniger zu uns. Wir machen keine Unterschiede, weder in Herkunft, Geschlecht, Religion, Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Für uns ist das der Patient, den wir nicht retten konnten… ist das die Mutter dreier Kinder, die nur noch tot aus dem Schlauchboot geborgen werden konnte. Wir sind die, die den Kindern, älteste Tochter ist Teenager, jüngstes Kind ein kleines Baby erklären müssen, dass die Mutter nicht mehr wieder kommt. Alleine gestrandet in der EU.
Das ist es also was Europa aus macht. Herzlosigkeit und nackte Zahlen….
We move on…
Aus Liebe zum Menschen und großem Respekt vor dem Leben“

So lautete mein letzter Facebook Eintrag. „Klingt etwas zornig“ dokumentierte meine Kollegin.

Der Post entstand, nachdem unsere Kollegen gemeinsam mit einem Spanischen Marineschiff die Menschen eines gekenterten Dingi gerettet haben. Unter anderem wurde uns aus einem Schlauchboot ein Mann uebergeben, der bereits am kleinen Boot 15 Minuten wiederbelebt worden war.

Eine Reanimation ist im Leben eines Arztes kein Höhepunkt, nichts was man täglich hat, aber auch nichts, was einem Angst macht. An Bord der Responder wurde es etwas besonderes. Ich schnappte mir den Defibrillator, Sauerstoff und Beatmungsbeutel und wartete. Die Notfall Medikamente holten wir dann noch extra, da diese nicht in der Notfalltasche waren. Diese befinden sich im Kühlschrank im Aufenthaltsraum ein Deck höher. Kein Mensch da, der sie holen könnte… Also rauf gerannt, Adrenalin geholt,….

Wer einmal gesehen hat, wie jemand auf einem Gummiboot wiederbelebt wird, vergisst das nicht. Es ist unwirklich.. surreal. Danach wird er aufs Schiff gebracht und keinen Meter neben dem Einstieg geht es los. Laufend kommen Menschen rein , drängen sich an uns vorbei, wollen ins sichere Schiff. Wir sind zu zweit, Eleonore, die Schwester und ich. Gleichzeitig den Notfall Ablauf durch gehen und Medikamente aufziehen und verabreichen schaffen wir nicht. Unser Fotograf fragt, ob er helfen soll. Keine fünf Sekunden später kniet er über dem jungen Mann und pumpt was geht. 30 Herzdruckmassagen…. Pause… weiter. In der Pause fotografiert er uns. Es stört in dem Moment nicht, ist genauso surreal, wie die gesamte Situation. Ich sehe danach ein paar der Bilder. Man kann den Patienten nicht identifizieren.. Damit ist es für mich OK. Adrenalin, Stromstoß, Pumpen… Nach 25 Minuten geben wir auf. Es ist nur ein Leben….

Wenn wir hier weiter machen, werden evt. noch andere sterben. Viele sind nass und unterkühlt. Eine junge Frau sieht uns nicht an, taumelt, hält sich die Ohren zu. Sie kommt mir nicht ganz koscher vor. Ich nehme sie mit in die Klinik. Blutdruck nicht messbar, Temperatur 33,7 Grad. Der kann man oft nicht trauen, ungenau. Blutzucker 35mg/dl. Ah.. daher kommt diese Störung. Zuckerinfusion angehängt. Wärmepackungen an verschiedenen Stellen des Körpers positioniert. Sie ist traumatisiert, unterzuckert und unterkühlt. Die nächsten 4 Stunden ist sie nicht ansprechbar. Ich entschließe mich zur Evakuierung. Die ist nicht so einfach, dauert sie doch weitere drei Stunden, bis das Schnellboot der Küstenwache mit Arzt vorbei kommt. Inder Zwischenzeit kommt Noah. Er hat viel Meerwasser geschluckt, hat auch unter 34 Grad, die jedoch wie auch bei der ersten Patienten realistisch erscheinen. Er bekommt eine Information und Wärmepackungen. Zwischendrin immer wieder nach draußen gehen um systematisch nach neuen Patienten zu screenen.

Rückblick… vorgestern meinte ich: Heute Abend gibt es sicher Arbeit.. jeder wusste, dass es als „Scherz“ gemeint war, jeder wusste aber auch, dass es durchaus ernst gemeint war. Also nicht zu spät ins Bett gehen. Es wurde dann halb 10 und etwa 2 min nachdem ich mich ins Bett gekuschelt hatte, kam der Funkspruch, der uns ermahnte, uns einsatzbereit zu machen. 3 Boote wurden evakuiert, 101 Personen. Danach Versorgung mit Wasser und Decken. Dann kam der Chef von MOAS und meinte, etwas Großes käme auf uns zu. Eine Art Fischerboot, auf dem Normalerweise bis zu 600 Menschen ihr Glück versuchten. Darunter oft viele Tote, die in der unteren Etage des Bootes waren, ausgesetzt den Dämpfen des Benzins, dem Meerwasser, den Exkrementen und dem Erbrochenen und dem Kohlendioxid der anderen Menschen.

2 andere Schiffe kamen uns zur Hilfe- die Minden und die Vos Hestia. Alleine hatten wir es sonst nicht geschafft. Die Info über das Schiff ließ unsere sonst sehr ruhigen MOAS Kollegen etwas unruhig werden. Viele Bergungen viele Tote.

Im Laufe der Rettungsaktion stellte sich heraus, dass wir keine Menschen bekommen werden und die Vos Hestia die etwa 480 Personen übernehmen werde. Daher kam ich zu 1 ½ Stunden Schlaf. Dann begann meine Schicht. Dann passierte, was niemand mag, wir kamen mit Highspeed zu dem kenternten Dingi. Die Spanier waren bereits da und halfen…

In weiterer Folge erholte sich unsere Patientin wieder, aber der junge Mann rutschte ins Lungenoedem. Sprich das Salzwasser, dass er schluckte, kam auch zum Teil in die Lunge. Er klagte plötzlich über Atemnot, man konnte dann Wasser in der Lunge hören. Kortison und Antibiotika sollten das gröbste abfedern. Sauerstoff sollte ihm Besserung verschaffen. Ohne die Evakuierung wäre vermutlich auch dieser gestorben. Ich hoffe das beste für ihn, da noch nicht sicher ist, dass er überleben wird. Die Responder tat ihr möglichstes.

Die drei Kinder, die im Post erwähnt wurden, sind bei uns am Schiff. Scheinbar haben einige Menschen gesehen, wie die Mutter unter gegangen war. Damit wurden die drei zu Waisen. Alleine auf einem Schiff fahren sie jetzt Italien entgegen. Ich persönlich fühle mich nicht schuldig, aber der Politik ist das ganze nur ein paar Zahlen wert. Keine Ahnung, ob die Mädels als „unbegleitete Minderjährige“ beziffert werden, ob sie Asyl erhalten, wie es überhaupt weiter geht? Und doch bin auch ich Schuld.. ich bin Teil des Systems, das sich EU nennt und das weiterhin erfolgreich weg sieht, wenn es um das Sterben im Mittelmeer gibt. Was man nicht sieht, ist auch gar nicht da.

Zu Tode ignoriert ist auch eine Alternative.

Unser Toter hat übrigens keinen Namen. Er hatte nur eine Unterhose und ein Shirt an. Niemand kannte ihn. Er war Afrikaner- von wo auch immer. Keiner wird erfahren, warum er auf der Flucht war, ob er Familie hatte? Ziele? Träume? Ein anonymer Toter, einer von über 4.000 heuer. Wir lesen darüber in der Zeitung, in Blogs, sehen es im Fernsehen. Es liegt aber an uns das zu ändern. Nicht jede(r) muss hier runter fahren. Ich bitte Euch nur, macht was.

Aus Liebe zum Menschen und aus großem Respekt vorm Leben

Sonntag 4:27 Uhr

Sonntag 4:27….

Attention to all stations: boat ahead proceed to your station. There will be a rescue..

Es wurde also nichts mit dem Ausschlafen. Tagwache wäre eigentlich um 4:50 gewesen. Aber wer braucht schon Schlaf. Diese Nacht, bereits die vierte am Schiff, konnte ich kaum schlafen. Bis zwei Uhr wälzte ich mich im Bett hin und her, wobei nicht die Wellen Schuld waren. Es würde den ersten Kontakt geben…..

Innerhalb von 10 Minuten waren wir angezogen, ich hatte mir noch im Vorbeigehen eine Packung Mannerschnitten und zwei Wasserflaschen geschnappt und mit Rettungsweste, Overall und Helm bewaffnet standen wir an Deck. MOAS, die Hilfsorganisation, die die Rettungen durchführt, war gerade dabei, die Ghalwp_20161113_13_26_32_proib, unser kleines Schiff, ins Wasser zu lassen. Ein Holzschiff mit 28 Personen trieb am Wasser. Zwei Mal musste die Ghalib hin fahren, um alle Menschen an Bord der „Responder“ zu bringen. Keiner von uns hatte es ausgesprochen, aber später waren wir einhellig dankbar dafür, dass das erste Boot so wenige Menschen beherbergte. Wir waren das Schema einige Male „trocken“ durchgegangen, aber bei der geringen Zahl konnten wir uns leichter an alles gewöhnen.

Die Geretteten kommen an Deck, müssen zuerst ihre Rettungswesten abgeben, danach kommt Eddie ins Spiel. Er ist für die Durchsuchung der Gäste zuständig. Es spielt sich in etwa wie bei einem Fußballspiel am Eingang ab: Arme ausstrecken, Hose und Shirt- mehr haben sie, wenn überhaupt, nicht an-  nach gefährlichen Gegenständen durchsucht, danach weiter zu Abdel oder Eleonore, meinen Rotkreuz- KollegInnen ein Armband abholen. Das sind in Wirklichkeit Haargummis einer Farbe „Bracelets“, um die Menschen zu den Schiffen zuzuordnen. Alle Menschen einer Rettungsaktion haben die Armbänder in gleicher Farbe.

Am Ende steht Johanna und lässt die Menschen in Reihen zu 10 Personen hin setzen. Thorir, mein Kollege ist für die Zählung und die Fotos zuständig. Wir benötigen exakte Zahlen, daher steht er beim Eingang und zählt durch. Am Ende werden alle nochmals gezählt. 28 Menschen.

Menschen frieren, sind durchnässt

Sie frieren, diese hier haben zumindest Hosen und Shirts, manche Pullover. Das sollte sich aber heute noch ändern. Nachdem alles passt, bekommen sie Rettungsdecken, wie man sie aus dem Auto- Erste-Hilfe-Kasten kennt. Danach kommt die medizinische Untersuchung, die sehr grob durchgeführt wird. Wir messen die Temperatur, schauen, ob die Menschen dehydriert sind, Blutarmut haben, schauen auf die Hände, um evt. Verätzungen zu finden oder Skabies. Das sind niedliche Tierchen, die sich unter der Haut einnisten und fürchterlichen Juckreiz verursachen.

Das ganze dauert etwa 15 Sekunden: Temperatur messen, wobei das Thermometer aufgrund der Unterkühlung der meisten eh nur „LO“ anzeigt,  Zunge raus Strecken, in die Augen sehen, Finger und Unterarme zeigen lassen und THANK YOU sagen. Höflichkeit ist mir sehr wichtig. Wir sind keine Zoowärter, die ihre Tiere füttern. Jeder Mensch ist zuallererst MENSCH. Ein Mann fragt mich, wie ich heiße? Michael.. und wie ist der Name des Schiffes? Responder. God bless you, Michael- Gott schütze Dich…wp_20161113_12_59_09_pro

Ich kann nur danke sagen und mich umdrehen. Mehr schaffe ich nicht..

einfach weitermachen und konzentrieren.

Es gibt noch genug Arbeit. Nach knapp 90 Minuten ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Die Gäste sitzen auf den Paletten, die sie vor Nässe an Deck bei hohem Seegang schützen sollen. Alle haben Decken, Wasser und Kekse. Es gab keine medizinischen Fälle. Eleonora hat Dienst bis acht. Dann beginnt meine Schicht. Also ab ins Bett. Das wichtigste hier am Schiff: Essen und schlafen so oft es geht. Jede Minute nutzen, da man nie weiß, wann der nächste Einsatz kommt.

7:05.. der nächste Funkspruch. Wie lange habe ich geschlafen? Knapp 57 Minuten. „Immerhin“ denke ich mir und mach mich wieder bereit. Helm, Overall, Schuhe, Schwimmweste. Ich habe mich diesmal für meine Shorts entschieden. Die sind bequemer unter dem Overall und man schwitzt weniger.

Ein kleines Gummiboot, etwa 8m lang und 4m breit ist neben uns. Zu Beginn denke ich an 30-40 Personen. Am Rand, auf den Gummiwülsten sitzen Menschen, Ein Bein im Meer. Ich sollte mich soetwas von irren- mein MOAS Kollege lacht mich etwas aus…

Zu Beginn werden an alle Menschen Rettungswesten verteilt und sie aufgefordert ruhig zu bleiben. Immer wieder fährt die Ghalib hin und her, bringt ein ums andere Mal wp_20161113_13_26_43_proMenschen, Jugendliche Frauen und Männer zu uns. Es sollen etwa 120 werden. Je leerer das Rettungsboot wird, umso ruhiger werden auch die verbleibenden Menschen an Bord. Peter springt ins Gummiboot um zu beruhigen laut  gibt er seine Anweisungen. Seil fangen, halten, einer nach dem anderen…Dieses mal klappt das Zusammenspiel auch bei uns schon etwas besser. Wir haben ja noch soo viel Zeit zu üben. Während der Bergung bekommen wir die Info, dass 4km westlich von uns das nächste Boot gesichtet wurde.

Männer steigen aus, humpeln und beklagen ihre massiven Beinschmerzen. Drei andere haben auf ihrem Bein gesessen. Kein Wunder, so dicht wie das am Boot war. Aber es sind keine ernsten Verletzungen.

Auch unsere MOAS Freunde haben immer wieder Angst, dass sie Tote finden. Natürlich gehören sie „zum Geschäft“, aber man gewöhnt sich nie ganz dran.

Die Menschen hier im 2. und 3. sind leicht bekleidet, manchmal nur in Unterwäsche. Abdel sucht nach Kleidung, schaut drauf, dass jeder zumindest ein Oberteil und eine Hose oder ähnliches hat. Die ersten Frauen kommen an Bord.

Plötzlich ein Hilferuf von einem MOAS Kollegen: eine Frau stolpert beim Einsteigen, droht ins Wasser zu stürzen- er kann sie nicht alleine halten. Drei Kollegen stürzen hin und ziehen und schieben sie ins Schiff. Glück gehabt. Die Frau steht noch etwas unter Schock, setzt sich aber dann hin und atmet erst einmal durch. Das hätte schief gehen können. Zum Glück stehen immer zwei Rettungsschwimmer inkl. Neopren-Anzug bereit. Die Gefahr ist aber, dass jemand der ins Wasser fällt, zwischen die Schiffe kommt und zerdrückt wird.

Meine Hauptaufgabe ganz zu Beginn ist einerseits den Menschen zu helfen, die Rettungsweste abzunehmen und , viel wichtiger, ganz kurz auf jeden Neuankömmling zu schauen, ob er oder sie potentiell schwer verletzt ist oder in Lebensgefahr ist. Das können jetzt Wunden sein, die angesprochenen Verätzungen oder einfach die massive Unterkühlung.

Menschen freuen sich, dass sie am Schiff sind…. Manchmal hört man ein nicht böse gemeintes „Shut up please“, wenn es zu laut wird. Gefolgt von: We want to rescue your friends“- wir wollen auch eure Freunde retten. Erst als alle an Bord sind entspannen sich auch unsere MOAS Kollegen. Jetzt können sie durchatmen und die Arbeit des Roten Kreuzes wird interessant. Als unsere Gäste realisieren, dass sie alle in Sicherheit sind, brandet spontan Jubel auf. Menschen applaudieren, fallen einander um den Hals. Ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll, entschließe mich aber mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Die Gänsehaut werde ich aber nicht so schnell los.

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Unsere „Prinzessin“

Abdel schnappt sich unseren neuen Gast und verschwindet mit ihm im Bauch des Schiffes. Ein etwa 1,5 jähriges Mädchen avanciert zum Liebling. Sie weint, ist durchnässt. Als ich nach ein paar Minuten in meine Ambulanz gehe, sehe ich Abdel mit dem Mädchen. Es hat neue Kleidung, etwas zum spielen und strahlt.  „Tres Jolie“ sage ich nur- sehr hübsch. Ich habe keine Ahnung, ob die kleine Französisch spricht oder Englisch. Abdel spricht mit ihr auf Englisch. Ich muss natürlich ein Foto von den beiden machen. Danach kommt sie wieder zu ihrer Mutter.

In Summe gibt es auch für mich etwas zu tun. Johanna, war in der Zwischenzeit nicht untätig und hat bereits eine Wunde am Fuß einer aelteren Frau versorgt. Sie war frisch und wir überlegen zu nähen, lassen es aber bleiben. Eine zweite Frau bekommt Schmerzmittel. Eine Schusswunde, die sie vor zwei Monaten am Unterschenkel hatte, schien infiziert zu sein, aber geschlossen. Ich entschließe mich zu einem Antibiotikum.

Die dritte dürfte einen Mittelfußknochen gebrochen haben und einige Damen haben Verätzungen am Gesäß vom Sprit. Bei dunkler Haut sind viele Dinge für uns Mitteleuropaer schwerer zu sehen. Aber die Hautverfärbungen, die sie nicht nur am Gesäß hat, sind eindeutig.

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Die PHOENIX

Keine gröberen Erkrankungen, keine Toten. Alles in allem ein gutes Gefühl. Am frühen Nachmittag bekamen wir dann die Phönix zu sehen. Dies ist unser Schwesternschiff, die gerade auf dem Weg nach Italien ist. Sie nahmen unsere Gäste zu sich und werden sie nach Italien bringen. Ich lernte meinen Kollegen vom italienischen Roten Kreuz kennen. Wir machten eine Übergabe der Patientinnen. Er erzählte mir von Patienten, die in ihrer Heimat mit Zigaretten gepeinigt worden waren. Einer hätte noch die Abdrücke von einem Hammer, mit denen er malträtiert worden war. Der italienische Arzt war am Ende seiner Reise auf See, meinte aber das es eine einzigartige Erfahrung auch für ihn war.

Wir cruisen hier weiter und warten auf andere Menschen 317 konnten wir retten. Mir ist eal woher sie kommen, dass zählt zu unseren Grundsätzen- ich will, dass sie leben.

Ich wurde heute, wie schon so oft bei Interviews gefragt, ob nicht auch wir Schuld daran sind, dass so viele Menschen kommen- in dem Wissen, dass wir sie sowieso retten. Wenn man mit den Kollegen spricht, einer macht das seit fast 12 Monaten durchgehend, so sind alle der gleichen Auffassung:

Wenn Menschen sich dieses Wagnis antun, dann steckt sehr viel Verzweiflung dahinter. Sie werden es versuchen, auch wenn wir ab Dezember nicht mehr da sein werden. Sie haben Hoffnung, Hoffnung, das Festland zu erreichen.

Aber was macht das schon, sterben halt ein paar Hundert , ein paar Tausend Menschen mehr…. Das erscheint in den letzten Monaten zunehmend die Meinung vieler „Menschen“ zu sein. Ich glaube aber immer noch an das Gute im Menschen, auch, wenn das Wort Gutmensch für manche zum Schimpfwort geworden ist.

Ich werde hier die nächsten zwei Wochen weiter versuchen, dieses Sterben zumindest zu vermindern..

Aus Liebe zum Menschen und großem Respekt vor dem Leben…

Leinen los..

  wp_20161110_16_19_34_proEin drittes und letztes Mal geht es heuer ans internationale Helfen. Immer wieder ist es ein schönes und doch auch komische Gefühl wegzugehen. Der letzte Einsatz hat es in sich.

Die Responder

Die „Responder“ ist ein Schiff, dass seit einigen Monaten im Mittelmeer seinen Dienst versieht. Ziel ist es, in Seenot geratene Menschen vor dem sicheren Tod zu retten. Offiziell kann es bis zu 350 Menschen transportieren. Der letzte Hafen wurde mit etwa 700 angelaufen. Das wären 700 Menschen, von denen man nie wieder etwas gehört hätte, die einfach gestorben wären. Gesamt wurden seit Ende Juli über 5.000 Menschen vor dem sicheren Tod gerettet.

„Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.“ So schrieb schon Hippokrates. Daher war es selbstverständlich, dass ich auf Anfrage des Roten Kreuzes gerne dieses Schiff bestiegen habe.

Malta

Am Sonntag Nachmittag war es soweit. Zwei Stunden Flug sind sehr ungewöhnlich fuer einen Einsatz. Haiti, Indonesien oder Sierra Leone waren dann doch weiter entfernt. Sogar nach Idomeni betrug die Fahrzeit damals mit PKW knapp 10 Stunden.

Am Montag wurden dann die ersten Briefings durchgeführt. An sich war geplant, am Montag Abend bereits die Responder zu besteigen, um wieder abzufahren. Da diese aber gerade auf dem Weg nach Brindisi war, verzögerte sich die Ankunft um 2 Tage.

Diese nutzten wir, um uns im Team untereinander vertraut zu machen. Eleonore, eine schwedische Krankenschwester, Johanna, eine isländische und Thorir ein Kollege aus Island komplettieren mit Abdel, unserem italienischen Teamleader unser Team.

wp_20161111_15_01_31_proGemeinsam mit MOAS, einer Organisation, die bei uns an Bord für die eigentliche Seerettung verantwortlich ist, werden wir das Schiff schon schaukeln.

Kim, die letzte Ärztin am Schiff, berichtete von ihren Erlebnissen, den beiden Freunden seit Kindertagen, die irgendwo aus Zentral-Afrika flüchteten, von Menschenhändlern gefangen wurden, nach zwei Jahren auch von diesen flüchten konnten und durch die Responder gerettet worden waren. Am Schiff erlitt einer der beiden einen epileptischen Anfall. Da unklar war, warum dieser aufgetreten war, wurde beschlossen, ihn zu evakuieren. Obwohl Kim, nachdem sie die Lage der beiden Freunde erklärt hatte, zugesichert worden war, dass die beiden gemeinsam evakuiert werden könnten, wurden sie getrennt. Einer sitzt nun auf Malta fest, der andere in ItalienSehr emotional erzählte sie, dass sie sich vorgenommen hatte, auf dieser Mission nicht zu weinen. Aber da konnte auch sie nicht mehr anders…

Gefahr durch Chemikalien

Peter, ein britischer MOAS Kollege erzählte, wie die Schiffe von Lybien starten, man den Menschen erzählte, dass es zur Küste etwa 100 Meilen wäre. In Wirklichkeit sind es 300 Meilen. Ein Schiff kommt aber keine 100. Der Sprit wird mit Chemikalien versetzt, um die Oktanzahl und damit die Verbrennungsleistung zu erhöhen. Viele Menschen erleiden Vergiftungen  und sterben aufgrund der Dämpfe. Ihn selbst habe es bei einer Rettung auch erwischt. Er wisse noch, dass er 3 Menschen aufs Boot geholfen habe, dann sei alles schwarz geworden….

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MIt diesen beiden Booten werden Schiffbruechige gerettet

Während wir Gäste an Bord haben, müssen wir an Deck IMMER feste Schuhe, eine Schwimmweste und einen Helm tragen. Dies hat Peter auch das Leben gerettet. Menschen haben oft Verätzungen an Armen, Beinen und am Gesäß, weil sie im Sprit sitzen…Ein Mann hatte Verbrennungen von 50% der Hautoberfläche…

Mit diesen Hintergrundinformationen ging es heute auf hoher See zum 1. Training. Der Ablauf einer Bergung wurde durchgegangen. Rettungsringe, aufblasbare Gegenstände, an denen sich Menschen anhalten können, gezeigt. Die Notfallsignale wurden durchgegangen. Es gibt viele Regeln und Verbote- jede und jedes zu unserem Wohl. Keine Messer mit einer Klinge, die länger als 6cm ist sind erlaubt, Macheten und ähnliches sowieso nicht. Rauchen für das Personal nur an wenigen Stellen, für Flüchtlinge nicht erlaubt. Auch hier geht es wieder darum, dass evt. Menschen in Kleidung mit Chemikalien herum laufen. Diese könnte Feuer fangen.

Jean, der Vizekapitän und MOAS Chef am Schiff meinte, er habe vor wenigem Angst, aber vor Feuer an Bord hatte jeder Seemann Angst.

Weniger Ausstattung als ein Notarztwagen

Unser bzw. mein Reich ist der Sanitätsraum. Ein Raum mit einem Krankenbett, Medikamenten und den wichtigsten Dingen. Die Ausstattung ist weit entfernt von einem durchschnittlichen Notarztwagen in Österreich. Die Medikamente gegen Schmerzen, viele gegen Übelkeit, Antibiotika, Notfallmedikamente, wie Adrenalin oder Insulin sind sehr begrenzt. Einen Defi, wie im normalen Rettungswagen, zwei Sauerstoffflaschen etwas zum Intubieren, was zum Nähen. Viel mehr ist da nicht.

Wie haben diskutiert, ob und in welchem Ausmaß wir Menschen wiederbeleben. Natürlich will man das, wir sind aber nicht darauf ausgelegt, einen Menschen wie auf einer Intensivstation am leben zu halten. Die Entscheidung, wann wir aufhören obliegt mir. Ich hoffe, ich muss sie in diesem Einsatz nicht treffen, werde aber auch nicht zögern das zu tun, was ich für richtig halte..

Ich freue mich, dass ich zwei sehr erfahrene Krankenschwestern an meiner Seite habe. Mit ihnen wird alles leichter werden.

Heute Abend werden wir noch eine Übung haben, danach werden wir die Plastikpaletten an Deck verteilen. Wenn die See unruhig ist, schwappt oft Wasser an Deck. Wir wollen aber nicht, dass die Menschen im Nassen sitzen, daher kann das Wasser unter den Paletten entlang laufen und die Menschen sind geschützter.

Sobald wir Menschen am Schiff haben, werden sie mit Rettungsdecken gegen Wärmeverlust, Wasser und Keksen versorgt. Es gibt dreimal täglich Kekse, eintönig, aber innerhalb von max. 48 Stunden haben sie Festen Boden unter den Füßen. Für Babies haben wir ein paar Gläser Babynahrung.

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seit 2007 immer dabei: JAMES

Morgen Früh werde wir das Einsatzgebiet erreicht haben. Dann wird uns vermutlich auch die erste Bergung haben- meistens so gegen 5 oder 6 Uhr morgens.

Es ist, wie immer, eine Mischung auf Vorfreude und Knödel im Magen… Aktion Menschen retten. Ich werde noch weitere Blogs schreiben zu finden unter reiseimpfungen-wien.at und auch hier beim Roten Kreuz

Immerhin ist die See dzt ruhig und mein Magen freut sich. Sogar Delfine konnten wir heute beim Training sehen.

Ab morgen weht ein rauherer Wind…

Aus Liebe zum Menschen und großem Respekt vor dem Leben….

 

Von eitrigen Mandeln, Diabetes und Lebensrettungen

Die Frage, die man mir auch diesmal im Freundeskreis immer stellt, ist: Wie wichtig bzw. wie spannend ist die Mission?

Zum Thema Wichtigkeit:

Mit Lumia Selfie aufgenommen

Wiedersehen mit Omar

Jeder Mensch, der bei uns als Mensch bzw. Patient und nicht als Flüchtling, Bittsteller oder Störenfried behandelt und Ernst genommen wird, ist wichtig. Das ist in Kilkis nicht anders, als in Wien, Graz oder St. Pölten.

Menschen kommen, weil sie krank sind, oder einfach Angst haben krank zu werden. Wenn man den ganzen Tag zum Nichtstun verdammt ist, hört man intensiver auf seinen Körper. Es fehlt jeglicher Alltag.

PTSD- Wenn man schlimme Dinge einfach nicht vergessen kann

Ein Vater kam mit seinem 8 jährigen Sohn, der laut seiner Aussage epileptische Anfälle hat. Jedes Mal wenn der Kleine spiele und von anderen Kindern getriezt werde, falle er um, sei nicht ansprechbar und nässt ein- also macht in die Hose. Ebenso wenn jemand die Autotür laut zu knallt. Auf die Frage, seit wann das so sei, bekam ich zur Antwort: seit einem Bombenangriff in Syrien. Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit, dem Vater verständlich zu machen, daWP_20160721_12_28_52_Pross es sich dabei nicht um Epilepsie sondern den Zustand der Dissoziation handle. Dabei geraten Menschen wieder in diese Extremsituation (in diesem Fall den Bombenangriff) und kommen alleine nur schwer aus dieser Erinnerung. Warum denn seine beiden Töchter „normal“ seien und nur der Sohn so- wollte der Mann wissen? Diese wurden erst später geboren und haben die Angriffe kaum mitbekommen. Zum Glück waren unsere KollegInnen von der psychologischen Hilfe da und kümmerten sich sehr liebevoll um die beiden. Der Vater schien zu verstehen, dass es sich dabei um eine normale Reaktion des Körpers um eine vollkommen abnormale Extremsituation handelte. Ich hoffe, der Kleine bekommt die Hilfe, die er braucht- und viel Verständnis und Liebe von seinen Eltern.

Wir haben aber auch viele ganz „normale“ PatientInnen. Metformin- ein oftmals eingesetztes Zucker Medikament, ist derzeit unsere Schwachstelle. Man mag es nicht glauben, aber auch Flüchtlinge haben Diabetes. Seit wir unsere Pharmazeutin hier haben, die sich um das Medikamentendepot bzw. die Nachbestellung kümmert, geht alles besser. Unter Depot darf man sich kein riesiges Lager vorstellen. Es ist ein kleiner LKW Container, in dem mehr schlecht als recht eine Klimagerät arbeitet um die Temperaturen der Medikamente auf den 2 Stellagen halbwegs stabil zu halten. Letzte Woche hatten wir maximum 51°C im Freien- im Zelt habe ich irgendwann zu Messen aufgehört.

unerträgliche Hitze für alle

Ab 14 Uhr nützen die Ventilatoren nicht mehr, da sie nur die ohnehin bereits sehr heiße

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Morgens 10 Uhr in Greece

Luft noch brutaler auf dich zu pusten. Trinken ist wichtig und ab und zu kleine Pausen.

Menschen hier haben eitrige Mandeln genauso wie auch Menschen in Österreich. Sie haben Husten Schnupfen, oder Wunden, die wir nähen. Eine Klinik, wie unsere, hilft auch dem Gesundheitssystem indem wir Alarm schlagen können, wenn es zum Beispiel zu vermehrten Durchfällen kommt. Letzte Woche hatten wir ein paar Tage, wo wir einige PatientInnen mit Scharlach hatten. Es hat sich nicht weiter ausgebreitet, aber ich war auf der Hut.

Ein Junge hatte Schmerzen im Bereich der Ohrspeicheldrüse, was auf Mumps hinweisen hätte können. Er wies aber nicht die typischen Symptome auf und wurde für den kommenden Tag einbestellt. Ich informierte unsere Teamleaderin, aber es bestätigte sich zum Glück nicht.

Unser WatSan und Hygieneteam unterstützt uns tatkräftig. Ihre freiwilligen HelferInnen schwärmen in den Lagern aus, geben Tipps, kontrollieren WCs auf Spuren von Durchfall und melden auch uns alles zurück. Auf der anderen Seite machen sie Werbung für unsere Impfaktion.WP_20160721_18_10_27_ProWP_20160721_17_37_35_Pro

Natürlich haben wir auch Menschen mit Herz- Kreislauf Erkrankungen. Ein 80 Jähriger wollte Bustickets, um im Krankenhaus Nachschub für seine diversen Medikamente zu bekommen. Abgesehen davon, dass auch das Krankenhaus nur bedingt Vorräte hat, ist der Weg nach Kilkis beschwerlich. Täglich gehen nur drei Busse in jede Richtung. Daher nahm ich mir seine Liste vor und organisierte ihm für 14 Tage alle seine Medis bzw. ähnliche. Am Ende küsste er mich wie einen Sohn auf die Backe und verabschiedete sich mehrfach mit „shoukran“ was auf Arabish „Danke“ bedeutet.

Lebensrettung in letzter Sekunde

Der Höhepunkt war aber vor allem für Daniela, unsere Kinderkrankenschwester, und Sanna, unsere Hebamme, eine tolle Lebensrettung. Sie erzählten, dass kurz nach Dienstende ein Vater zu ihnen kam und um Hilfe fragte. Seine Frau habe vor 2 oder 3 Tagen per Kaiserschnitt Zwillinge entbunden und sie wären seit drei Stunden wieder daheim im Zelt. Meine beiden Kolleginnen eilten ins Zelt und fanden die beiden (2kg und 2,4kg) mitsamt einer schwachen Mutter vor. Die Kinder bewegten sich kaum mehr und waren so rot wie unsere Uniformen. Es hatte an diesem Tag 47°.

Die jeweils handvoll Mensch wurde in unseren gekühlten Container der Hebamme gebracht, wo sie sich von der Hitze erholen konnten. Anschließend ging es für weitere 2 Tage ins Krankenhaus. Gestern waren sie zur Kontrolle bei uns und ich konnte sie erstmals sehen. Sie sahen nicht so schlecht aus. Ein oder zwei Stunden länger im Zelt und die Kinder wären tot gewesen. Vorwürfe kann man niemandem machen. Das Gesundheitssystem hier ist schwächer als bei uns. Für das Gebiet um Kilkis (etwa 30.000 Einwohner) stehen im Schnitt zwei Ambulanzen zur Verfügung. Wir sind da, um den Menschen hier zu helfen und das System zu entlasten.

Allein für diese beiden kleinen Erdenbürger wäre die Mission jeden Cent wert gewesen. Aber wir tun mehr…

Prävention ist genauso wichtig

Kommende Woche wird eine Impfaktion für Mumps- Masern und Röteln durchgeführt. Alles drei Erkrankungen die zu Komplikationen und zum Teil zum Tod führen können. Die Herausforderung ist es dann alles so zu dokumentieren, dass die Info nicht verloren geht. In Idomeni haben Ärzte ohne Grenzen scheinbar schon Impfaktionen durchgeführt. Scheinbar haben aber viele die Bestätigung nicht mehr. Damit ist es schwer zu entscheiden, was man wie impft. Wir wollen das Risiko aber möglichst gering halten.

Wir wollen die Menschen auch auf die europäische Art der Medizin vorbereiten. In ihren Herkunftsländern war es oft usus, dass man Antibiotika in das Gesäß injiziert bekommen hat. Dies wird bei uns sehr selten bis gar nicht angewandt. Außerdem wurde oftmals für jeden Schnupfen ein Antibiotikum verschrieben. Daher gibt es oftmals ein Nord- Süd Gefälle von Antibiotika Resistenzen. Je öfter man grundlos dieses Medikament einnimmt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Antibiotikum irgendwann nicht mehr wirkt. Diese Resistenzen kommen in Finnland, Schweden,… weniger häufig vor als zum Beispiel bereits in Griechenland, Ägypten usw.

Daher gilt es im positiven Sinn die Menschen zu erziehen, wie ich es auch bei österreichischen PatientInnen mache. Oftmals war es daheim bei ihnen so, dass Besuche beim Hausarzt bezahlt werden mussten, nicht aber die im Krankenhaus. Daher gilt es auch, den Menschen begreiflich zu machen, dass das System bei uns ein ganz anderes ist. Daher auch für uns als med. Personal: Geduld und Verständnis haben, da man Dinge, die man seit Jahren gewohnt ist zu tun, nicht so einfach abschüttelt.

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Ablenkung für Kinder

Wir haben tolle HelferInnen aus den Lagern, die sehr passables Englisch sprechen und uns auf Arabisch dolmetschen. Wir mussten aber feststellen, dass ihnen auch vieles „an die Nieren geht“. Manchmal müssen wir PatientInnen sagen, dass sie 2 Monate auf einen Termin beim Facharzt warten müssen, wie jeder andere auch. Manche Menschen fragen nach Zertifikaten, um schneller aus dem Camp raus zu kommen oder bitten einfach nur um etwas Geld. Das können bzw. dürfen wir alles nicht hergeben. Natürlich wissen das auch die DolmetscherInnen, aber das den oft sehr verzweifelten Menschen sagen zu müssen macht diese oft auch fertig. Sie leben selbst in diesen Lagern und werden oftmals dafür verantwortlich gemacht, weil sie die schlechte Nachricht überbringen. Auch hier werden unsere PsychologInnen aktiv werden.

Situation besser aber weit weg von normal

Ansonsten kann man sagen, dass sich die Bedingungen im Verhältnis zu Idomeni deutlich gebessert haben. Natürlich ist man weit weg von Normalität, hat oftmals Wasserprobleme. Das Militär verteilt zum Teil 1l Wasser pro Person und Tag, was bei diesen Temperaturen nichts ist- mehr ist aber geldmäßig nicht drin. Ob das Wasser aus der Leitung trinkbar ist, ist umstritten und unser Team ist dabei genauere Tests zu machen. Aber zumindest Duschen und Latrinen entsprechen den sogenannten SPHERE Standards.

Keine Ärzte…

Wir haben hier leider auch einen akuten Ärztemangel. Für drei Kliniken stehen drei ÄrztInnen zur Verfügung. Damit ist es schwer, einen freien Tag zu haben. Griechische ÄrztInnen anzustellen geht auch kaum. Die, die es sich leisten konnten in der Krise in andere Länder zu gehen, sind weg. Die anderen versuchen das Gesundheitssystem aufrecht zu erhalten. Diese dann auch noch abzuwerben empfinden wir als nicht möglich und unfair.

Wir müssen aber bei jedem Patienten voll konzentriert sein. Das macht müde. Nach 12 Tagen en suite ohne freien Tag genieße ich jetzt mal frei zu haben und meinen Blog und meinen Abschluss Report zu schreiben. Morgen wird dann mein letzter Arbeitstag sein und schon sind sie wieder vorbei… Die zwei Wochen aus Liebe zum Menschen…

Was bleibt sind viele Eindrücke, ein Wiedersehen mit Omar, unserem Übersetzer aus Idomeni, viele sehr motivierte KollegInnen, ein tolles WatSan Team bestehend aus Chris, Flo, Werner und Mandeep, einer britischen Kollegin und die Gewissheit, dass man nicht umsonst hier war…hier in Kilkis wo die Welt bei 51° etwas anders tickt, wo noch nicht alle Hoffnung vergebens ist.WP_20160720_20_58_01_Pro

Was wurde eigentlich aus…

Mit Lumia Selfie aufgenommen

Erinnern Sie sich noch? Vor etwa einem Jahr um diese Zeit war sie da: Die sogenannte Flüchtlingswelle. Ein Strom von 1.000en Menschen, die vor Zerstörung und Krieg flohen.

Erinnern Sie sich noch? Es folgte eine Welle der Hilfebereitschaft. Viele kleine und große Organisationen, tausende freiwillige HelferInnen, die an den Bahnhöfen, den Grenzen, in den Flüchtlingsunterkünften gearbeitet haben und auch noch arbeiten.

Und plötzlich wurde es still. 10.000e Flüchtlinge strandeten in Griechenland und konnten nicht weiter. Die EU hatte und hat versagt. Die Menschen wurden zu Marionetten in politischen Spielchen und Machtkämpfen auf allen Ebenen.

Idomeni mit seinem Elend, mit seinem Schlamm wurde tatsächlich ein Synonym für die Schlammschlacht, der sich die Gesellschaft ausgesetzt sah. Ich durfte zwei Wochen dort helfen und habe Dinge gesehen, die man in Europa nicht für möglich gehalten hat und eigentlich bei uns nicht sehen darf.

Nach fünf Monaten bin ich nach Griechenland zurück gekehrt. Abermals versuchen das internationale Team aus Deutschen, FinnInnen, JapanerInnen und Österreichern, inkl. mir, den Menschen dort zu helfen. Idomeni ist Geschichte, aber die Menschen, die dort ausgeharrt und gehofft haben, wurden jetzt auf mehrere Flüchtlingslager aufgeteilt. Drei davon betreut das internationale Rotkreuz-Team

Nea Cavalla, Cherso und Softech sind Camps mit je etwa 1.500 bis 2.500 BewohnerInnen. Die Voraussetzungen haben

sich geändert. Es ist organisierter, weniger Menschen in den Lagern, bessere Hilfe ist möglich

Nachdem ich eine abenteuerliche Anreise über Sarajevo nach Thessaloniki hatte- Direktflug wäre auch zu fad gewesen- fand ich mich in Kilkis wieder. Hier ist quasi die Operationsbasis des RKs. Neben den österreichischen Hygienespezialisten, die bereits seit einigen Wochen hier tolle Arbeit verrichten, befindet sich hier auch das BHC Modul (Basic Health Care).
Je nach Verfügbarkeit von Personal sind pro Camp bzw. pro Team minimum 1 Arzt, 1 Krankenschwester/ Pfleger, 1 Kinderkrankenschwester bzw. Pfleger und eine Hebamme. Außerdem haben wir eine Psychologin, die eine Art Selbsthilfegruppe hier betreut- jeweils in einem Lager eine.

Was hat sich geändert?
Zunächst einmal haben wir tägliche Öffnungszeiten von 9 bis 17 bzw. 18 Uhr. Davor und danach gibt es keine Versorgung durch uns. Es muss hier genauso 112 angerufen werden. Dies wird von den Menschen sehr gut angenommen.
Da das Wetter deutlich besser ist als letztes Mal, ändern sich auch die typischen Krankheiten, die wir betreuen.

WP_20160710_08_41_33_ProZur Erinnerung: im März hat es 14 Tage fast ohne Unterlass geregnet. Viele Infekte der Atemwege waren die Folge. Momentan haben wir einerseits den Ramadan sein einigen Tagen vorbei, während dessen es gelegentlich einen Kollaps gegeben hat. Andererseits haben wir weit über 35 Grad Außentemperatur und Spitzenwerte von über 40° im Zelt. Daher ist vor allem die Gefahr der Dehydrierung, also Austrocknung, groß. Mein Verbrauch an Ibuprofen hat sich auch drastisch reduziert.

Es gibt ein Programm, mit dem Daten der Patienten anonymisiert an das griechische RK gesendet werden. Dieses sammelt die Daten aus ganz Griechenland, um potentielle Krankheitsausbrüche frühzeitig zu erkennen. Durchfall, mit und ohne Blut, Verdacht auf parasitäre Erkrankungen, V.a. Masern,… müssen gemeldet werden, um Vorsichtsmaßnahmen zu veranlassen. Da die Auflagen der Medikamenten Einfuhr auch strenger geworden sind, ist es z.B. nicht mehr so einfach Ivermectin einzuführen. Dises Medikament ist im Gegensatz zu Österreich in Deutschland erlaubt. Es ist gegen Skabies- die Krätzmilbe- sehr gut wirksam, ist aber auch in Griechenland nicht zugelassen. Für Lager ist es die ideale Ergänzung der Medikation. Aber wir werden sicher Alternativen finden (müssen).

WP_20160710_08_41_43_ProHeute hatte ich noch Ben, einen deutschen Kinderarzt an meiner Seite. Dieser verlässt uns morgen aber. Mit mir kam aber auch Daniela, eine sehr kompetente und nette Kinderkrankenschwester, die Ben ersetzen wird.
Das Patientenaufkommen hat sich etwas geändert, wobei heute Sonntag war und wir es eher ruhig hatten. 66 PatientInnen in 9 Stunden sind ein guter Schnitt. Dies lässt genug Zeit, um sich länger um die Damen, Herren und Kinder zu kümmern.

Die Fahrzeit in das Lager hält sich mit knapp 25 min. auch im Rahmen.

Wie üblich herrscht ein Mangel an Ärzten. Gestern kam auch ein japanischer Arzt an. Gemeinsam werden wir das Kind schon schaukeln. Ich werde jetzt mal zumindest 8 Tage durcharbeiten (wie auch die anderen ÄrztInnen), da wir 3 ÄrztInnen für 3 Camps haben und mein Einsatz nur 14 Tage dauert, ist das für mich auch OK so.

In Summe ist die Stimmung im Team sehr gut. Virpi ist unsere Teamleaderin, also Chefin. Ich kenne sie aus Haiti, sie war die Leiterin des Health Centers des Roten Kreuzes in Port au Prince. Auch hier ist es schön, sie wieder zu sehen. Überhaupt sieht man hier wieder, wie klein die Welt bzw. die Rotkreuz Familie ist. Der eine war mit meiner Frau in Liberia, der andere mit mir in Haiti. Wir als HelferInnen sind schon ein eigener Schlag von Menschen.

Wir halten zusammen und behalten Ruhe. Immer wieder mal muss ein Team evakuiert werden- so auch heute, weil es passieren kann, dass es im Camp zu einem Raufhandel kommt. Dies hört sich jetzt schlimmer an, als es ist, aber es reicht schon, wenn sich vier Menschen streiten und evt. in die Haare bekommen. Das Problem wäre dann eines, wenn alle vier verletzt würden und durch ihre Familien zu uns gebracht würden. Da sind Streitereien manchmal vorprogrammiert. Da auch bei uns Eigenschutz vor Fremdschutz geht, versuchen wir in diesen Fällen einfach vorsichtig zu sein. Es kam auch schon vor, dass das Team mit dem Wagen aus dem Camp gefahren ist und dann einfach die Verletzten der Reihe nach zu uns bringen hat lassen. Dies kommt nicht so oft vor, trotzdem muss man auf der Hut sein. Was man nicht vergessen darf: auch hier sitzen die Menschen zum Teil bereits über Monate fest. Es geht nicht vorwärts noch zurück. Es gibt keine Arbeit, keine Beschäftigung. Menschen sind frustriert, werden auch hier zum Teil nicht gemocht.. Da kann sich so etwas mal entladen.

Ein anderer Punkt ist, dass wir alle Menschen gleich behandeln- dies ist ja Teil unserer Grundsätze. Nichtsdestotrotz müssen wir unseren PatientInnen auch klar machen, dass eine MRT Untersuchung auch für GriechInnen bis zu 5 Monate dauert. Da ist man aus Österreich anderes gewohnt. Also muss man den Leuten zu verstehen geben, dass es leider genauso und nicht anders funktioniert und die Wartezeiten normal sind. Es ist schwer für alle helfenden Seiten, da wir keine Besserstellung von Flüchtlingen wollen,aber eine Gleichberechtigung in med. Belangen. Aber alleine das kann zu Spannungen führen.

Was zu sehen ist ist, dass viele kleine Organisationen in den Camps helfen!!

Gemeinsam werden wir unsere PatientInnen weder nach Österreich bringen, noch Ihnen Perspektiven geben können. Aber wir werden sie betreuen, ihnen Hoffnung geben und sie gesund machen, so gut es geht. Allein das ist meine Aufgabe- einfach:
Aus Liebe zum Menschen.

Marsch der Hoffnungslosigkeit

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Dr. Michael Kühnel im Versorgungszelt in Idomeni

Vergangenen Montag trafen sich einige hundert vielleicht sogar einige tausend Menschen irgendwo bei Idomeni. Ihr Ziel war die Grenze zwischen Griechenland und der Former Yugoslavian Republic of Macedonia (FYRoM), also dem, Land, dass wir unter Mazedonien kennen. Dies ist an und für sich keine Besonderheit, leben doch seit Wochen viele tausend Menschen im Schlamm unter Bedingungen, die wir unseren Hunden nicht antun würden.

Unterstützen Sie den Einsatz von Dr. Michael Kühnel und anderen Rotkreuz-Mitarbeitern mit ihrer Spende.

Unterstützen Sie den Einsatz von Dr. Michael Kühnel und anderen Rotkreuz-Mitarbeitern mit ihrer Spende.

Zuerst sah man das Elend in Syrien, danach den Exodus in verschiedene Richtungen. Man hatte sich daran gewöhnt. Mittlerweile sind die Bilder der Verzweiflung in Griechenland, also in Europa angekommen. Immer noch schauen wir zu und denken, dass alles so weit weg ist. Hier, wo diese Menschen in Not leben, wird mit dem Euro gezahlt, hier kann man ohne Visium einreisen und man macht Urlaub.

Am Sonntag kamen Flugblätter in Umlauf. Sie berichteten von einem geplanten gezielten Marsch zur Grenze, von Soldaten, die einen, anders als offiziell prophezeit, über die Grenze lassen würden. Wer diese kopierten Zettel in Umlauf gebracht hatte, wissen wir bis heute nicht. Fest steht aber, dass keine der grossen NGOs damit etwas zu tun hat. Ja sie distanzieren sich ausdrücklich davon. Wir alle verurteilten diese Aktion, war sie doch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ich denke, dass einige der Flüchtlinge einfach hofften, dass es funktionieren würde. Warum sollten Polizei und Militär beim Anblick von ein paar hundert Flüchtlingen plötzlich alle Befehle vergessen?

Natürlich gab es in der Geschichte auch Beispiele, wo es funktioniert hatte. Wir erinnern uns an den Zusammenbruch der DDR, wo das Rote Kreuz tausende Flüchtlinge in Österreich an der ungarischen Grenze Willkommen geheissen hat. Aber das waren andere Voaraussetzungen.

Am Montag, dem 14.3.2016 wussten wir als Rotes Kreuz und auch die anderen Organisationen, wie es diesmal ausgehen würde. Daher hielten wir uns auch zurück. Hätten wir die Menge begleitet, hätte man uns als Urheber vermutet.

Fakt ist, dass einige Menschen versuchten, die Grenze durch den Hochwasser führenden Fluss zu durchqueren. Fest steht weiters, dass einige Hundert Menschen, Medien sprechen von bis zu 700, dies auch schafften und durchnässt in Mazedonien an kamen. Leider steht auch fest, dass drei Menschen bei diesem Wagnis ihr Leben verloren haben. Drei mehr in der langen Geschichte. Die Flüchtlinge, die es schafften, wurden dort in Busse gesetzt und wieder zurück gebracht

Warum tut man sich so eine Harakiri Aktion an? Vermutlich aus denselben Gründen, die einen dazu zwingen, seine Heimat, seine Freunde zu verlassen. Krieg, Verzweiflung und Angst. Einige tausend Kilometer haben sie bereits in den Beinen und stehen nun still. „Open the Borders“ ist auf einigen Zelten zu lesen.

Ein Deutscher Arzt sprach heute mit mir via Telefon, das mir eine 18 Jahre junge syrische Frau gab. Die Dame sei die Nichte eines seiner Übersetzer und er wolle wissen, was man tun könne um sie nach Deutschland zu bekommen? Legale Wege? Illegale Wege? Könne man Grenzer „schmieren“? Ich wusste ehrlich keine Antwort und riet ihm, bei UNHCR anzufragen- also zumindest wegen der offiziellen Wege.

Wildfremde sind bereit knapp 2.000 km entfernt alles zu tun, um unbekannte, geliebte Menschen von Freunden zu sich zu holen, evt. sich selbst strafbar zu machen.

Was am Montag folgte waren Menschen, die voller Hoffnung zur Grenze gepilgert waren. Der Grossteil kam frustriert wieder zurück. Der andere Teil kam später frustriert und durchnässt wieder ins Lager. Wie hatte sich die Polizei verhalten? Nun ja, aus den Erzählungen der Nachmittagsschicht und aus dem Patientenaufkommen in unserer würde ich sagen fair. Wir hatten fünf Patienten, die wegen Stockschlägen behandelt worden sind, die Nachmittagsschicht ebenfalls. Also kaum der Rede wert. Natürlich ist Gewalt abzulehnen, nichtsdestotrotz muss das nationale Recht gewahrt werden und ich verstehe, dass Flüchtlinge, die es endlich über die Grenze geschafft haben, nicht freiwillig zurück wollen. Wir hatten uns auf Tränengasopfer, Brüche und Wunden verschiedenster Art eingestellt. Es gab keine Brüche, keine inneren Verletzungen und einige blaue Flecken.

Auch das berühmte „Zeltbaby“ geisterte durch die Medien. Leider sind solche Fakebilder ein gefundenes Fressen für Leute, die meinen, es gehe den Menschen hier in Idomeni eh gut. Es gibt hier laufend Geburten, aber meines Wissens zumindest in den medizinischen Einrichtungen bisher keine. Wir haben es bisher immer geschafft, die Gebärenden ins Krankenhaus zu schicken. Gestern waren wir mit 5 Minuten Abstand zwischen zwei Wehen recht knapp dran (beim 2. Kind). Es ging sich aber trotzdem aus.

Mit David (6 Kinder) und Adam (3 Kinder) haben wir recht erfahrene Männer im Team. Kaum einer wechselt die Windeln so gut wie David.

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Die Situation an der Griechisch-Mazedonischen Grenze in Idomeni ist trostlos. Für die Flüchtlinge aber noch besser, als in ihrer Kriegszerstörten Heimat.

Was die trostlosen Fernsehbilder von Menschen im Schlamm an geht- die sind zu vergessen. Sie zeigen gar nichts. Im Vergleich zu den überschwemmten Zelten, dem Schlamm, den kleinen Seen, der Trostlosigkeit zeigen die Bilder nicht annähernd die Wirklichkeit. Diese ist nämlich noch um einiges schlimmer und sich tagtäglich diesem Anblick zu stellen, ohne zu Heulen ist kaum möglich.

In diesem Zusammenhang ist es auch verständlich, dass jeder der erste und wichtigste Patient sein möchte. Vor allem bei den Kinder ist es schwer, da alle Eltern Angst um ihre Kinder haben. Da ist es eine grosse Herausforderung, nett und trotzdem bestimmt zu bleiben.

Gemeinsam mit einem ungarischen Rotkreuz-Team werden die Patienten versorgt.

Gemeinsam mit einem ungarischen Rotkreuz-Team werden die Patienten versorgt.

Angst vor Epidemien.. Das hört man immer wieder aus allen Medien. Eine griechische Organisation sprach kürzlich von einem potentiellen Malariaausbruch, wobei ich mir nicht wirklich sicher bin, dass es hier im Süden bereits Anopheles Mücken gibt, die man zur Übertragung benötigt. Ernster zu nehmen wären Ausbrüche von Hepatitis A, Varizellen (Windpocken) oder Masern. Es gab Gerüchte von Varizellen und Hepatitis A. Beides wäre in Österreich relativ harmlos. Immer mehr Menschen sind gegen Hepatitis bzw. Windpocken geimpft. Aber hier, in einem Gebiet wo tausende Menschen auf engstem Raum zusammen leben , lassen sich Vorhersagen schwer treffen. Schwangere sollten mit Erkrankten keinen engen Kontakt haben, aber wohin sollen sie gehen?

Sollten etwa Masern ausbrechen, haben die Organisationen engen Kontakt zur Regierung und könnten Impfaktionen durchführen. Warum nicht schon jetzt? Es besteht immer die Frage nach dem Geldgeber und in die Prävention zu investieren ist nicht so prestigeträchtig wie in die Heilung. Siehe auch Ebola 2014…

Manchmal sind es kleine Verletzungen, die versorgt werden. Oft allerdings Erkrankungen aufgrund der kühlen und feuchten Umgebung.

Manchmal sind es kleine Verletzungen, die versorgt werden. Oft allerdings Erkrankungen aufgrund der kühlen und feuchten Umgebung.

Ein für mich persönlich wichtiger Punkt sind Zitate von Menschen in Österreich: Wo sind die Frauen, die Alten? Wer glaubt, dass nur strengst Gläubige und Extremisten nach Europa wollen: Ich habe viele Ärzte gesehen, die uns beim Übersetzen geholfen haben, uns Ratschläge gegeben haben, ohne einen Cent zu wollen. Freilich dürfen sie in Europa nicht arbeiten, aber sie können uns beraten. Ich sah keine einzige Frau voll verschleiert, was mir zwar an sich egal gewesen wäre, aber es gibt es hier einfach nicht. Die Alten und die Frauen sind es, die hier leben und dahin vegetieren müssen. Ich würde so etwas meiner Oma nicht antun wollen, aber wil man sie daheim im Krieg zurück lassen. Wie gefährlich muss es daheim sein, um als 70 Jährige(r) sich so eine Reise anzutun? Ist es die 65 jährige Dame mit Diabetes und einem hohen Blutdruck, vor der wir Angst haben? Ist es der72 jährige ehemalige Volksschullehrer, der Mädchen unterrichtet hat und um sein Leben zittern musste? Oder sind es die zwei Jahre alten Kinder, die sich über einen Sanifanten freuen (ein aufgeblasener Handschuh, der wie ein Elefant aus sieht) oder über eines der paar kleinen Kuscheltiere, die wir für Kinder haben? Wollen wir wirklich aus Angst diese Menschen in Umständen leben lassen, die sie überlegen lassen, wieder in den Krieg (!!!) zurück zu gehen? Das Wort Gutmensch hat sich in den Sozialen Netzwerken zum Schimpfwort entwickelt. Wenn man es so will, bin ich ein Gutmensch. Die Frage, die ich mir stelle- vor allem, seit ich hier unten bin: will ich das Gegenteil von einem „Gutmenschen“ sein? Gibt es ein schmeichelhaftes Gegenteil zu MENSCH?

Das Ambulanzzelt muss regelmäßig gereinigt werden. Ein Job für alle Teammitglieder.

Das Ambulanzzelt muss regelmäßig gereinigt werden. Ein Job für alle Teammitglieder.

Nachdem ich nun den vierten Tag Antibiotika nehme, geht mein Kurzeinsatz langsam zu Ende. Ich werde am Freitag nach sechs Stunden Dienst direkt zum Flughafen fahren, wo ich, in Wien angekommen, in meine warme Wohnung zurück kann, ab Montag Patienten betreuen werde und mir diese Bilder im Fernsehen wieder so unwirklich vorkommen werden. Bilder von frierenden, im Schlamm dahin vegetierenden Menschen, deren Hoffnung langsam stirbt- keine 1.500 km entfernt von meiner Haustür, wo man mit Euro zahlt, ohne Visum einreisen kann und auf Urlaub hin fährt.

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Informationen zur Arbeit des Roten Kreuzes im Rahmen der Flüchtlingshilfe finden Sie online unter www.roteskreuz.at/fluechtlingshilfe

Ibuprofen

Ibuprofen ist ein Medikament, das neben einer schmerzstillenden auch eine entzündungshemmende und fiebersenkende Wirkung hat…

Was das jetzt mit der Situation in Idomeni zu tun hat? Nun gestern hatten wir unsere erste volle Schicht…eine Nachtschicht.

In den Stunden davor regnete es wie aus Kübeln. Daher waren alle Menschen nass, ihre Kleidung war nass, ihre Zelte waren nass und sie standen bzw. lagen im Schlamm. Es war nicht das erste Mal. In den letzten Tagen regnete es immer wieder. Die Kamerateams kamen oft genau dann, wenn die Sonne schien. So macht das Lager durch die vielen kleinen Zelte eher den Eindruck eines Musik- Festivals.

In unserer ersten Schicht hatten wir knapp 100 PatientInnen wovon knapp 50% Kinder und Jugendliche unter 18 waren. Diese wurden durch meine Kollegin, eine Kinderärztin betreut. Ich kümmerte mich um die Erwachsenen.

Vermutlich mehr als 40 von meinen 50 PatientInnen kamen mit Fieber, Husten und/ oder Halsschmerzen. Diese wurden je nach Schweregrad entweder mit einem Antibiotikum oder eben Ibuprofen versorgt. Der Umstand brachte mir bereits in der ersten Schicht den Spitznamen Mr. Ibuprofen ein. Ich bekam sogar eine eigene 100er Packung, damit ich schneller arbeiten konnte… Zumindest sagte mir das Adam, mein Teamleader, im Scherz.

Adam ist Ungar, wie auch die anderen Teammitglieder. Wir sind ein ungarisch-österreichisches Team aus Sanitätern, einem Pfleger und eben unserer Kollegin Zsofia, die Kinderärztin ist, dass hier in den kommenden zwei Wochen in Idomeni, nahe der griechisch mazedonischen {FYRoM} Grenze, versucht, den Flüchtlingen medizinische Grundversorgung zukommen zu lassen. Die offiziellen Zahlen variieren und vermutlich weiss sie keiner so genau. Es sind aber mehrere tausend Menschen, die auf ihre Weiterreise warten.

Angefangen hat alles mit ein paar größeren Zelten, jetzt kommen hunderte 2 oder 3 Mann Zelte dazu. Die Infrastruktur ist aber nicht mitgewachsen. Christopher Bachtrog, ein Österreichischer Kollege, der bereits einige Wochen hier ist, kam auch als Koordinator dafür, dass alles reibungslos abläuft. Die Anlieferung von Gütern geht nur sehr schwer vonstatten die schmale Strasse ist an beiden Seiten mit Zelten zugepflastert. Es gibt zu wenige Duschen und Dixie Klos. Menschen kampieren auf und entlang den Bahngleisen. Erst heute habe ich erfahren, dass noch immer Züge verkehren und dementsprechend täglich die Gleise geräumt werden müssen um keine Toten zu riskieren.

Die Anfrage eventuell neue Zelte aufzustellen wurde nicht positiv erwidert. Eine Organisation hat daraufhin einfach am Strassenrand Zelte abgeladen und die Flüchtlinge haben diese einfach so aufgestellt. Eine unkonventionelle aber wirksame Lösung.

Ja, es gibt Gerüchte, wonach das Lager geräumt werden muss, aber die gibt es sicher schon länger, als das Camp in Idomeni selbst. So lange es das Lager gibt, wird es hier unsere Hilfe geben. Lösungen für die Krise haben auch wir keine. Das ist aber als Rotes Kreuz auch nicht unsere Aufgabe. Ich wurde von einem Journalisten gefragt, ob ich mich dafür schäme, Österreicher zu sein, weil „wir“ mit Schuld daran sind, dass die sogenannte Balkanroute dicht ist.

Ich schäme mich für dumme Menschen jeglicher Nationalität, die Hass und Zwietracht schüren, die alles verteufeln und mit der Angst von Menschen spielen. Ich bin stolz darauf, Österreicher zu sein und als solcher mit dem Österreichischen und dem Ungarischen Roten Kreuz hier helfen zu dürfen.

Aber zurück zu meinem Dienst. Wir arbeiten in einem Zelt, das etwa 40m2 Grundfläche hat, 4 Wartebänke, 1 Tisch für die Administration, 1 Tisch für die Medikamente, 1 Regal, eine „private Ecke“ und 2 Kojen, in denen jeweils die Erwachsenen bzw. die Kinder betreut werden. Die jüngste Dame war gestern 2 Wochen alt und hatte bereits eine beginnende Bronchitis. Immer wieder wurden wir nach trockener Kleidung gefragt. Leider sind wir dafür nicht zuständig. Menschen frieren…

Eine Dame brach beim Lagerfeuer zusammen: epileptischer Anfall. Die Rettung braucht etwa 50 Minuten, wenn sie kommt. Für harmlosere Fälle gibt es einen Bereitschaftsfahrer. Ein Nepali hatte ganz frisch Diabetes diagnostiziert bekommen. Er bekam vom Krankenhaus einen Insulinpen und eine Vorschreibung auf griechisch. Er schlug drei Tage später- also gestern- bei uns auf und bat uns ihm Insulin zu geben. Der Zuckermesser zeigte zunächst „ERROR“ der andere dann 580 mg/dl an- etwa das 2 bis 3 fache, des Normwerts. Also musste er wieder ins Krankenhaus zurück, um dort eingestellt zu werden. Dies alles sind keine Anschuldigungen, es sind Tatsachen, die die Lage verdeutlichen sollen. Die Rettung kommt aus dem nächsten, größeren Ort, fehlt dann dementsprechend dort bei der Versorgung. Pro Tag gibt es mindestens sechs Abtransporte. Immerhin die Verständigung mit den SanitäterInnen auf Englisch klappt. Die Briefe sind für uns nicht lesbar, weil griechisch.

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Ein Mann wurde gestern gegen eine Autotür geschupst, hat heute Schmerzen im Rippenbereich. Beim Zusammendrücken des Brustkorbes stöhnt er auf. Er will kein Schmerzmittel. Uns stellt sich die Frage: Krankenhaus oder nicht? Wenn ein Bruch festgestellt wird, wird von Natur aus nichts unternommen. Andererseits kann sich der Bruch verschieben und einen Pneumothorax, also eine Verletzung der Lunge nach sich ziehen. Wir beschliessen, den Bereitschaftsfahrer zu schicken, sobald dieser wieder da ist und bitten den Patienten in 2 Stunden wieder zu kommen. Er ward später aber nicht mehr gesehen.

So vergehen die Stunden wie von alleine. Wir erinnern einander gegenseitig daran, ausreichend zu trinken. Die Nacht dauert neun Stunden.

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Dann, um etwa sechs Uhr kommt ein Mann, etwa mitte 50 rein und erzählt uns unter Tränen, dass sich seine Tochter an irgendetwas vergiftet hätte und nicht alleine kommen kann. Adam, David und ich nehmen die Trage und folgen ihm durch den Nebel. Die Nacht ist gespenstisch. Durch den Regen, ist das Holz nass geworden und Rauch hüllte bereits seit dem frühen Abend das Lager ein.

Wir folgen dem Mann zur Site B, gleich beim alten Bahnhofsgebäude. Dort ist eines von den grossen Zelten aufgebaut- etwa 10x 16m.

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Idomeni Credit:ÖRK/Kühnel

Was uns dort begegnet, werde ich wohl nicht mehr vergessen… Hunderte Menschen, deutlich über 200, liegen dort eingepfercht, wie Schweine, in einem großen Knäuel dicht an dicht aneinander. Sie alle haben Flucht vor dem Regen, der Kälte gesucht. Ich weiss, der Vergleich ist nicht angebracht, denn bei Schweinen wäre diese Platznot vermutlich verboten. Wir müssen uns in der Mitte den Weg durch die schlafende Menge bahnen, um dann auf halben Weg ganz an den Rand des Zeltes zu gelangen. Dabei steigen wir über 20 und mehr Menschen drüber, ich mindestens leider auch auf drei Menschen bzw. deren Körperteile.

Letztendlich erwies sich die Vergiftung als Übelkeit mit Erbrechen und daraus resultierend als Schwäche. Wir konnten die junge Dame in der Station wieder aufpeppeln. Beim Weg ins Sanitätszelt entstand eines der bizarrsten Fotos hier. Was nach einem gemütlichen Lagerfeuer aussieht, ist die einzige Möglichkeit sich halbwegs aufzuwärmen.

Das Rote Kreuz verteilt täglich als eine von verschiedenen Organisationen 700 Essenspakete, die für etwa 1.400 reichen müssen. Christopher erklärte mir, dass insgesamt genau so viel verteilt wird, dass es sich irgendwie aus geht und die menschen keinen Aufstand machen. Viele fragen uns auf dem Weg zum Zelt nach Essen, Geld, Job, Visum…. Wir versuchen immer höflich zu bleiben und zu erklären. Während ich schon nach dem dritten Mal das Erklären müde bin, macht Christopher sehr herzlich aber bestimmt klar, dass wir das medizinische Team sind und dementsprechend sonst auch nicht helfen könne.

Morgen wird das FACT Team kommen. Die KollegInnen werden schauen, wo das internationale Rote Kreuz dem Hellenischen RK helfen kann. Sie sind SpezialistInnen auf ihrem Gebiet und werden die Lage beurteilen.

Morgen geht es weiter, die nächste Schicht. Dieser werden noch sieben folgen, bevor ich direkt aus dem Dienst zum Flughafen fahren und das Flugzeug in die Heimat besteigen werde.

Freunde fragen mich, wie immer, warum ich mir das schon wieder antue. Jede helfende Hand wird gebraucht. Ich bin kein Politiker, habe keine Lösung, gebe auch niemandem die Schuld. Ich tue das, was ich in der Situation am besten kann: helfen, ohne Vorurteile, ohne Grund, einfach um das leiden zu mindern. Auch, wenn es nur 52 Menschen waren, es werden noch viele kommen in den nächsten Schichten. Und jedes „Schukran“- jedes Danke ist die Strapazen wert.

Was für ein Tag

Lidvina Dox ist als Rotkreuz-Delegierte in Lesbos.

Vorgestern war ich mit Kollegen wieder an der Nordküste. Dort bringen unsere Rescueteams die auf den Booten ankommenden Menschen sicher an Land. Der Wintereinbruch ist seit einigen Tagen immer heftiger zu spüren. Schneefall, feuchte Kälte und Wind. Als ich bei unseren Team ankam, war die Stimmung äußerst bedrückt. Gerade war das tote Kind an Land gebracht worden und auch zwei Frauen hatten die Unterkühlung nicht überlebt. Während wir am Strand standen und über die tragische Situation redeten, näherte sich uns auch schon das nächste Boot eskortiert von zwei Motorbooten, die die Menschen in Richtung Lesbos begleiteten. Die Rescueteams übernahmen das Boot und brachten die Flüchtlinge sicher ans Land. Glücklicherweise waren diesmal alle am Leben. An ihrem starren und schreckerfüllten Blicken war zu erkennen, dass sie kaum bei sich waren. Ihre Kleider waren nass, sie zitterten am ganzen Körper und waren völlig erschöpft. An Land wurden sie sofort von unseren Leuten erstversorgt und in ein Transitcamp gebracht.  Die Teams dort leisten unheimlich tolle Arbeit.

Das Problem ist, dass die Flüchtlinge in der Türkei offensichtlich gnadenlos auf die Boote gedrängt werden. Immer wieder hört man von Geschichten, dass Waffen im Spiel sind, mit denen sie die Menschen zwingen aufs Boot zu steigen, egal, ob alle Familienmitglieder oder Freunde mit an Bord sind oder nicht. Oft müssen sie auch ihr Hab und Gut an Land lassen und zu allem Überfluss  wurden sie in letzter Zeit auch noch mit „gefälschten“ Rettungswesten versorgt. Angeblich waren diese mit Stroh, Papier etc.  gefüllt, – reine Geschäftemacherei. Das Flüchtlingsgeschäft ist auf allen Ebenen ein Alptraum und es scheint keine moralischen Grenzen zu geben…  Die Boote sind natürlich völlig überfüllt. Meist müssen auf der Überfahrt auch noch die letzten Habseligkeiten über Bord geworfen werden, um zu verhindern, dass das Boot nicht untergeht. Die Folge ist, dass sie mit Nichts und völlig unter Schock In Griechenland ankommen und das noch dazu an einem klirrend kalten Wintertag. Und dann kann schon mal die Frage von dem Einen oder Anderen kommen die lautet „ bringst du mich jetzt nach Athen?“. Erst dann wir einem bewusst, wie wenig diese Menschen wissen.

Es ist vielen von Ihnen nicht klar, dass sie auf einer Insel namens Lesbos gelandet sind und Athen noch sehr, sehr weit weg ist. Am Nachmittag war der Plan nach Mytilini, in die Hauptstadt  zurückzufahren, denn dort wartete viel Arbeit. Aber auch uns machte das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Die Schneefälle wurden so heftig, dass es kaum ein Auto über die vielen Bergstraßen schaffte. Nicht nur  einmal stiegen wir aus um anderen zu helfen und zu schieben. Irgendwann schloss die Polizei die Straßen und es hieß abwarten. Spät abends, als wir weiterfuhren passierten wir sämtliche gestrandete Autos die „herrenlos“ und völlig eingeschneit zwischen Straße, Abgrund und Wald standen. Die paradiesische Urlaubsinsel Lesbos ist offensichtlich immer gut für Überraschung. Jetzt während ich das schreibe postet BBC News, dass letzte Nacht wieder 42 Menschen am Weg übers Meer gestorben sind. Das alles stimmt einen schon sehr nachdenklich…

Lidwina Dox: Humanitärer Einsatz auf Lesbos

Lidwina Dox koordiniert die Rotkreuz-Hilfsaktivitäten auf der griechischen Insel Lesbos und berichtet für uns von ihren Eindrücken.

Der jetztige Einsatz hat mich nach Griechenland gebracht. Ich bin IFRC-Field-Coordinatorin für die Insel Lesbos. Gemeinsam mit dem Helenischen Roten Kreuz und einer Gruppe von internationalen Delegierten versuchen wir die Menschen, die auf Lesbos ankommen, bestmöglich zu unterstützen.

Ein Rescuer, der Kind und Vater vom Boot an Land hilft.

Ein Rescuer, der Kind und Vater vom Boot an Land hilft.

60 Prozent der Flüchtlinge und Migranten, die sich auf Booten von der Türkei nach Griechenland wagen und sich anschließend weiter nach Mitteleuropa bewegen, landen auf Lesbos. Insgesamt waren es 2015 etwas mehr als 500.000 Menschen.  In Anbetracht dessen, dass die Insel selbst nur 86.000 Einwohner hat, eine unglaublich hohe Zahl.

Die zahlreich präsenten Hilforganisationen haben unterschiedliche Mandate. Unsere Aktivitäten sind vielseitig. Im Norden (Windy Ridge), wo die meisten Menschen auf völlig überfüllten Booten ankommen, hilft unser Rescue-Team den erschöpften Menschen ans Land. In einem Transitlager, gleich an der Küste, bieten wir ihnen Erste-Hilfe-Maßnahmen, psychologische Unterstützung und mobile Handyladestationen an. Nach ein paar Stunden reisen sie mit Bussen in den Süden der Insel nach Moria weiter. Dort werden sie im Camp registriert und – wenn es sich um syrische Flüchtlinge handelt – weiter nach Kara Tepe, ebenfalls ein Camp, gebracht.

Im Moria Camp werden die Flüchtlinge versorgt und registriert.

Im Moria Camp werden die Flüchtlinge versorgt und registriert.

In beiden Camps versorgen wir sie mit Kleidung, Hygieneartikeln und Nahrung sowie abermals mit den mobilen Ladestationen und Internet. Auch Familienzusammenführung wird angeboten.

Der Ablauf verläuft mittlerweile reibungslos – vor allem jetzt im Winter, in dem die Anzahl der ankommenden Menschen stark gesunken ist. In den ersten Jännertagen hatten wir durchschnittlich nur um die 800 bis 900 Menschen täglich. Das ist wahrscheinlich auch auf das teilweise wirklich stürmische Wetter zurückzuführen, das eine Überfahrt am Meer in diesen völlig überfüllten Booten sehr gefährlich macht.

Nach ein bis Tagen auf der Insel reisen sie bereits auf einer sicheren Fähre weiter nach Athen oder Kavala. Von dort aus geht es weiter in Richtung Idomeni, dem Grenzübergang zu Mazedonien. Auf diesem Grenzübergang dürfen angeblich tatsächlich nur  mehr Syrer, Afghanen und Iraker nach Mazedonien einreisen. Unklar ist derzeit, wo sich die anderen hinbewegen…

Eine Mobile-Charging-Station wo die Flüchtlinge ihre Telefone aufladen können.

Eine Mobile-Charging-Station wo die Flüchtlinge ihre Telefone aufladen können.

Das Rotkreuz-Team hier ist einfach großartig! Obwohl ich erst seit wenigen Tagen da bin, haben wir uns schon gut eingespielt. Es lauft soweit reibungslos, wir sind alle total motiviert und haben unheimlich viel Spaß an der Arbeit. Und zu allem Überfluss haben wir auch noch Glück mit der Insel – sie ist prachtvoll.

Ich zahl doch nicht noch etwas dass die hierherkommen

Wie jeden zweiten Tag laufe ich zwischen 7 und 8 Uhr meine Runde aus Kos hinaus hinauf Richtung Norden (Lambi Beach) und dann weiter Richtung Westen. Meist bin ich zu spät um Migranten auf ihren Booten zu sehen – man hat mir gesagt die meisten übersetzen vor 6 Uhr Morgens nach Kos.

Heute scheint es anders denn ich sehe mindestens vier Schlauchboote ankommen. Zu einem laufe ich hin und sehe wie ein 0815 Touri aus. Trotzdem begrüße ich die Syrer und zeige ihnen den Weg zur Polizeistation für die Erstregistrierung. Auch zwei einheimisch aussehende Männer kommen zu den noch im Wasser stehenden Migranten die sich gerade wieder sammeln müssen. Im ersten Moment dachte ich mir „toll dass die hier auch mit helfen“ – weit daneben. Die zwei Einheimischen schnappen sich die Batterie und den Außenbordmotor und verladen diesen in ihr Auto. Von den Syrern die von der Überfahrt noch mitgenommen wirken sagt keiner ein Wort.

Ich frage den Griechen was er da macht und er sagt er benötigt Motor und Batterie für sich. Nach meinem Einwand der gehöre doch den Migranten weil die dafür bezahlt hätten meint er „stimmt nicht“ – nationales Recht. Ich bin entsetzt, irgendwie erinnert mich das an Leichenfledderei … Ich frage ob Sie den Migranten nicht einen kleinen Beitrag zahlen wollen – diese haben ja auch für das Boot bezahlt. Darauf drehen sie sich um und gehen. Ich muss mich sehr beherrschen und rufe noch unschöne Worte nach … Ein nett wirkenden älterer Herr der die Szene beobachtet hat spaziert an mir vorbei. Ich frage ihn ob er von hier ist und ob das „normal“ sei was da gerade passiert ist. Er sagt ihm gehört das Hotel hier 100m entfernt und die Beiden Männer gehören zu ihm. Er ist fest davon überzeugt dass die „Illegalen“ hier nichts zu suchen haben („sollen in der Türkei bleiben“) – ruinieren sie doch sein ganzes Geschäft. Er berichtet von 150.000 Betten auf Kos und 20% Stornierungen heuer. Er muss wenn das so weitergeht MitarbeiterInnen entlassen und außerdem verdrecken die hier alles. Er müsste das auf seine Kosten reinigen. Vor allem aber zahlt er ihnen nicht auch noch etwas (für den Motor) damit sie hierher kommen.

Wir diskutieren eine Weile und der kleinste gemeinsame Nenner den wir finden ist, dass alle Länder der EU hier einen Beitrag leisten müssen. Griechenland und Italien können die Situation alleine nicht stemmen. Ich trotte davon und merke dass die Stimmung auf der Insel gegen Ende der Saison umschlägt. Mehr und mehr Einheimische wenden sich gegen die Migranten.

Außer einem Morgenlauf haben wir uns in den letzten Tagen auch mit der Lagerhaltung beschäftigt und einen Workshop mit den lokalen RK-MitarbeiterInnen zu den Themen Hilfsgüterverteilungen und Lessons Learnt abgehalten. Außerdem haben wir einen Besuch des Internationalen Roten Kreuzes (IFRC) am Dienstag hier nach Kos begleitet. Das IRK hat vor die Hilfe in Griechenland zu vervielfachen – auch auf Kos. Dazu wird in Kürze ein multisektorales Erhebungsteam nach Griechenland geschickt um die Lage genau zu erheben. Diesem Team wird ebenfalls ein Österreicher angehören und dabei für den Sektor Wasser-Sanitärversorgung und Hygiene zuständig sein. Hier auf Kos können sich die beiden Herren und die Dame des IRKs von den Kapazitäten des lokalen RKs überzeugen und helfen selbst bei der Verladung von Hilfsgütern mit, um den Verteilungszeitplan in der Polizeistation halten zu können. Es gibt nach wie vor zu wenige Freiwillige hier.