Ich zahl doch nicht noch etwas dass die hierherkommen

Wie jeden zweiten Tag laufe ich zwischen 7 und 8 Uhr meine Runde aus Kos hinaus hinauf Richtung Norden (Lambi Beach) und dann weiter Richtung Westen. Meist bin ich zu spät um Migranten auf ihren Booten zu sehen – man hat mir gesagt die meisten übersetzen vor 6 Uhr Morgens nach Kos.

Heute scheint es anders denn ich sehe mindestens vier Schlauchboote ankommen. Zu einem laufe ich hin und sehe wie ein 0815 Touri aus. Trotzdem begrüße ich die Syrer und zeige ihnen den Weg zur Polizeistation für die Erstregistrierung. Auch zwei einheimisch aussehende Männer kommen zu den noch im Wasser stehenden Migranten die sich gerade wieder sammeln müssen. Im ersten Moment dachte ich mir „toll dass die hier auch mit helfen“ – weit daneben. Die zwei Einheimischen schnappen sich die Batterie und den Außenbordmotor und verladen diesen in ihr Auto. Von den Syrern die von der Überfahrt noch mitgenommen wirken sagt keiner ein Wort.

Ich frage den Griechen was er da macht und er sagt er benötigt Motor und Batterie für sich. Nach meinem Einwand der gehöre doch den Migranten weil die dafür bezahlt hätten meint er „stimmt nicht“ – nationales Recht. Ich bin entsetzt, irgendwie erinnert mich das an Leichenfledderei … Ich frage ob Sie den Migranten nicht einen kleinen Beitrag zahlen wollen – diese haben ja auch für das Boot bezahlt. Darauf drehen sie sich um und gehen. Ich muss mich sehr beherrschen und rufe noch unschöne Worte nach … Ein nett wirkenden älterer Herr der die Szene beobachtet hat spaziert an mir vorbei. Ich frage ihn ob er von hier ist und ob das „normal“ sei was da gerade passiert ist. Er sagt ihm gehört das Hotel hier 100m entfernt und die Beiden Männer gehören zu ihm. Er ist fest davon überzeugt dass die „Illegalen“ hier nichts zu suchen haben („sollen in der Türkei bleiben“) – ruinieren sie doch sein ganzes Geschäft. Er berichtet von 150.000 Betten auf Kos und 20% Stornierungen heuer. Er muss wenn das so weitergeht MitarbeiterInnen entlassen und außerdem verdrecken die hier alles. Er müsste das auf seine Kosten reinigen. Vor allem aber zahlt er ihnen nicht auch noch etwas (für den Motor) damit sie hierher kommen.

Wir diskutieren eine Weile und der kleinste gemeinsame Nenner den wir finden ist, dass alle Länder der EU hier einen Beitrag leisten müssen. Griechenland und Italien können die Situation alleine nicht stemmen. Ich trotte davon und merke dass die Stimmung auf der Insel gegen Ende der Saison umschlägt. Mehr und mehr Einheimische wenden sich gegen die Migranten.

Außer einem Morgenlauf haben wir uns in den letzten Tagen auch mit der Lagerhaltung beschäftigt und einen Workshop mit den lokalen RK-MitarbeiterInnen zu den Themen Hilfsgüterverteilungen und Lessons Learnt abgehalten. Außerdem haben wir einen Besuch des Internationalen Roten Kreuzes (IFRC) am Dienstag hier nach Kos begleitet. Das IRK hat vor die Hilfe in Griechenland zu vervielfachen – auch auf Kos. Dazu wird in Kürze ein multisektorales Erhebungsteam nach Griechenland geschickt um die Lage genau zu erheben. Diesem Team wird ebenfalls ein Österreicher angehören und dabei für den Sektor Wasser-Sanitärversorgung und Hygiene zuständig sein. Hier auf Kos können sich die beiden Herren und die Dame des IRKs von den Kapazitäten des lokalen RKs überzeugen und helfen selbst bei der Verladung von Hilfsgütern mit, um den Verteilungszeitplan in der Polizeistation halten zu können. Es gibt nach wie vor zu wenige Freiwillige hier.

Alles weg. Aber ich hab ja noch mein Leben

Meine Kollegin Lidwina und ich gehen nach der Arbeit abends noch eine kleine Runde am Hafen von Kos spazieren, um einen Blick in die Polizeistation zu werfen. Heute gab es keine Rotkreuz-Verteilung. Es gab zu wenig Freiwillige, denn die meisten arbeiten in einem Hotel oder Restaurant und konnten sich nicht freinehmen.

Hinweis auf Tickets für Migranten am Blackboard bei Polizeistation

Informationen zu den Fährentickets nach Athen. Bei vielen Flüchtlingen die nächste Station in Richtung Norden.

Neben dem üblichen Anblick – Menschen, die sich am Boden auf die Nacht vorbereiten – ist eine lange Schlange von einigen hundert Menschen nicht zu übersehen. Sie alle stehen an, um ein Ticket für eine Fähre nach Athen zu ergattern. Alle haben heute ihre Registrierungspapiere erhalten. Ein junger Bursche erzählt uns, dass sie alle aus Syrien kommen – er selbst aus Aleppo. Er hat nicht mehr als das Ticket. Seine Familie ist in Syrien geblieben. Seinen Rucksack durfte er nach der Rettung auf See nicht mitnehmen. Er nimmt es leicht, lacht und sagt, er hat ja noch sein Leben. Er will nach Deutschland zu seinem Bruder. Als wir ihn auf die teilweise geschlossene Grenze in Mazedonien ansprechen meint er, dies sei für Ihn kein Problem – er ist unter 16 Jahre alt und seine Freunde, die bereits dort waren, haben ihm berichtet, dass die Behörden Jugendliche leichter durchwinken.

Wir gehen die 100 Meter weiter zur Polizeistation. Eine junge Beamtin empfängt uns und lässt uns ein. Heute ist hier um 21 Uhr noch geöffnet – wir fragen warum. Es wird ein Großteil der aus Pakistan kommenden Migranten registriert. Wir kommen mit einem ins Gespräch und er erzählt uns, dass er bereits 17 Tage auf Kos ist. Der syrische Bursche von vorhin bekam seine Registrierungspapiere nach nur 3-4 Tagen. Alle anderen Nationalitäten müssen wesentlich länger warten, wie es scheint. Syrer dürfen auch bis zu 6 Monate im Land bleiben – alle anderen nur 1 Monat.

Wir sehen uns in der Polizeistation um – wie haben nämlich gestern zusätzlich zu den registrierten Personen auch die hier inhaftierten Migranten versorgt. Leider haben die Beamten nicht wie vereinbart die Nahrungsmittel auch an die Insassen der Kinder-/Männerzelle verteilt. Die Zelle ist in etwa 40m2 groß. In ihr harren 17 Männer und Kinder ab 6 Jahren aus, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Es gibt ein Klo, das wir nicht sehen, und mehr gibt es nicht. Unsere Pakete stehen wie gestern abgestellt neben der Zelle – ungeöffnet. Wir sprechen mit der wirklich freundlichen Beamtin und einem Beamten und wir vertagen die Verteilung an die Männer und Kinder auf morgen Vormittag. Es ist bereits dunkel und wir müssen alle 17 Pakete öffnen und die Thunfischdosen entfernen – es darf nichts Scharfkantiges in die Zelle.

Nach ca. 10 Minuten verlassen wir die Polizeistation und sehen uns die oftmals erzählten „Listen“ vor der Türe an einem schwarzen Brett an. Und tatsächlich – hier hängen sie. Diese Listen sind für die Migranten ganz wichtig – quasi ihr Ticket nach Athen. Ist dein Name auf der Liste, kannst du am folgenden Tag zur Verteilung der Registrierpapiere kommen und damit ist der Weg frei, um durch Griechenland zu reisen. Es herrscht großer Andrang und all jene, die nicht auf der Liste stehen drehen enttäuscht um – durchschnittlich muss man nach Erstregistrierung durch die Küstenwache ca 2-3 Wochen warten, um die Papiere zu erhalten. Dies heißt wiederrum die Migranten müssen rund 21xmal hier vorbeikommen, um täglich die Listen zu checken.

HRC Volunteer Core Team bei Verteilung

Rotkreuz-Mitarbeiter/innen auf Kos unterstützen die Flüchtlinge vor Ort

Wir gehen weiter und beenden den Tag. Meine Kollegin und ich bereiten über das Wochenende einen Workshop für Montag vor. Wir wollen die Verteilungen dieser Woche analysieren und besprechen was gut und was noch nicht so toll gelaufen ist. Außerdem müssen wir die Kolleginnen vom lokalen Roten Kreuz in die „Feinheiten“ der Berichterstattung und der korrekten Lagerführung einweisen.

PS: Last but not least ist die Koordination mit anderen Organisationen gestern voll angelaufen. Es gab auf Rotkreuz- und UNHCR-Initiative ein erstes dreistündiges Treffen aller aktiven Organisationen. Neben UNHCR, Rotem Kreuz, Ärzte Ohne Grenzen und Save the Children waren auch lokale Vereine vertreten, um die aktuellen Probleme, den Bedarf und die Planungen zu besprechen. Ab sofort wird es wöchentliche Koordinationsmeetings geben – gut so! Koordination und Kooperation sind ein Puzzleteil um Doppelgleisigkeiten zu vermeiden und die Effizienz zu steigern.

Einsatz im Urlaubsparadies?

Normalerweise verbindet man die griechischen Inseln nicht mit Leid und menschlichen Tragödien, sondern mit unbeschwertem Urlaub – das hat sich in den letzten Jahren aber recht dramatisch geändert (übrigens nicht nur hier).

Kos Strand mit Zelten

Der Strand in Kos. Wo sich sonst Touristen sonnen, stehen die Zelte der Flüchtlinge.

Ich selbst war 2000 auf Kos, um mit meinen StudienkollegInnen den erfolgreichen Abschluss zu feiern – irgendwie war da dieser Teil der Welt noch in Ordnung – vielleicht haben wir auch einfach nur nicht viel über den Tellerrand geblickt. Heute stehen neben Bars und Restaurants und der berühmten Festung eine Menge Zelte. Am Hafen liegen die Überreste jener Boote verankert, mit denen die meisten Asylwerber die kurze Strecke von der Türkei her übersetzt haben. Aber beginnen wir von vorne.

Flüchtlingsboote Kos Hafen

Mit diesen kleinen Booten versuchen viele Menschen ihre Flucht über das Mittelmeer. Wie viele es nicht schaffen, weiß niemand.

Mitte letzter Woche forderte das Internationale Rote Kreuz (in diesem Fall die Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-gesellschaften) zwei Personen für einen zweiwöchigen Einsatz auf Kos und Lesbos an – Entsendung sofort. Eine sehr erfahrene Kollegin, Lidwina, und ich wurden für den Einsatz ausgewählt.

Hilfe für das Griechische Rote Kreuz

Unsere Aufgabe in den kommenden zehn Tagen ist es, das Griechische Rote Kreuz bei der Planung und Abwicklung der Hilfsgüterverteilungen an Flüchtlinge zu unterstützen. Ein bisschen dürfen wir auch in die Zukunft blicken und Daten für neue Projekte sammeln und analysieren (Bedarfserhebungen, Marktassessments, etc.).

Beladung Pick Up zur Verteilung

Vom Lager geht es zur Hilfsgüterverteilung

Fly Niki hat uns gestern pünktlich um 5:40 Uhr am Morgen von Wien nach Kos geflogen. Damit hatten die Touristen und wir den ganzen Tag auf der Insel zur Verfügung.

Verladung der Hilfsgüter zum Verteilort

Im Lager des Griechischen Roten Kreuzes vor Ort gibt es nur mehr wenig an Hilfsgütern.

Nach einer kurzen Vorstellung des Griechischen RKs (ab sofort mit HRC – Hellenic Red Cross abgekürzt) ging es ab zum Lagerhaus. Dort lagern bereits 1.000 Nahrungsmittelpakete, 300 Hygienepakete für Frauen, 300 Soforthilfekits und 150 Babykits. Ein Teil wurde bereits gestern erstmalig verteilt – die zweite Verteilung sollte heute stattfinden.

Das Aufnahmeverfahren

Nach der Beladung des Pick-Ups durch die fünf freiwilligen MitarbeiterInnen des HRCs ging es ab zur Polizeistation. Dort versammeln sich Tag für Tag alle ankommenden Flüchtlinge in einer grossen Menschenmenge. Rund 150-250 Personen davon werden nach unbekannten Kriterien von der Polizei ausgewählt und dürfen die Kaserne betreten. Die anderen sind darüber nicht gerade erfreut – wenig verwunderlich (wenn ich jeden Tag stundenlang in der Hitze ausharren müsste und keine Ahnung hätte wann ich dran komme würde ich sicher ähnlich reagieren). Außerdem gibt es keine Grundversorgung wie bei uns in Österreich. Schlafen am Strand und Waschen im Meer ist angesagt. Da kann schon ein bisschen Unmut aufkommen. Vor allem, wenn Kinder und Schwangere versorgt werden sollten.

vor der Verteilstation = Polizeistation

Tägliche Routine: Warten vor der Polizeikaserne. Meistens vergeblich.

Die glücklichen 150-250 Asylwerber in der Kaserne durchlaufen einen Registrierungs-prozess bei Hitze und ohne Wind und erhalten am gleichen Tag eine Bestätigung Ihres Status. Danach erhalten sie vom Roten Kreuz eine Einmalversorgung mit einem Nahrungsmittelpaket. Frauen bekommen ein Hygienepaket und für Babies wird ein Babykit ausgegeben. Männer bekommen ein Survivalkit.

Die Ziele liegen weit im Norden der Urlaubsinsel

Dazu muss man wissen, dass die meisten Asylwerber keine paar Tage auf Kos bleiben (wollen). Ziel ist es, über die so genannte Balkanroute ganz schnell durch Mazedonien, Serbien und Ungarn nach West- und Nordeuropa zu kommen. Auch Österreich ist meist nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Schweden, Deutschland und Großbritannien.

Um das Ganze kurz zu halten und niemanden zu langweilen – die heutige Verteilung musste abgebrochen werden (bzw hatte nicht mal begonnen) weil nach fünf Stunden Wartezeit keine Statusbestätigungen von der Polizei an die Asylwerber ausgegeben wurden („Athen meldet sich nicht“ – Zitat Polizei Kos). Die bürokratischen Prozesse sind überfordert. Besonders der Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Kindern ist problematisch, nein es gibt nicht einmal einen Umgang mit ihnen. Es gibt auf Kos keinerlei Versorgung der eintreffenden Flüchtlinge – kein Klo, kein Wasser kein gar nix. Einzig in der Polizeikaserne gibt es einen Wasserhahn – angeblich Trinkwasser, das salzig schmeckt.

Über unsere Pläne und next steps dann ein andermal – Kali nichta und bis bald.

Neunzehn neugierige Nachwuchsdelegierte: Vom Basiskurs Internationale Einsätze (BKI)

Ein Blogbeitrag von Heidemarie Jahn

Neunzehn Nachwuchsdelegierte aus ganz Österreich im Durchschnittsalter von 25-35 lernten Ende Juli im Südsteirischen Laubegg in drei Tagen das Wichtigste für einen Auslandseinsatz, vom Disaster Response Management über die Logistik bis zum Umgang mit GPS, Funkgeräten und Satellitenkommunikation. Auch der Umgang mit und der Einsatz von Medien will zumindest durchgegangen sein, denn schon bei unserer Ankunft in Laubegg und dem Aufstellen der Zelte tauchte unerwartet ein Reporter samt Kameramann und Stabmikrofon von einem unbekannten TV-Sender auf und stellte uns vor laufender Kamera in Einzelinterviews die sensationsmaximierenden Fragen für seine ZuseherInnen: „Im Hintergrund sieht man sehr viele uniformierte Rotkreuz-Mitarbeiter. Es sieht nach einer Katastrophe aus. Was ist denn passiert?“, gefolgt von: „Und wer finanziert das alles?“ Natürlich handelt es sich auch hier um eine Simulation um in einer Videoanalyse zu sehen, was passiert, wenn unvorbereitete RK-Delegierte auf ReporterInnen treffen.

Hilfe weltweit leisten, wenn Hilfe benötigt wird.

Doch warum fühlt man sich tatsächlich berufen, Menschen im Ausland unter nicht immer friedlichen Bedingungen zu helfen? Die individuellen Motivationen sind vielfältig, doch zum Grundtenor gehört das Erfolgsgefühl, gemeinsam mit Menschen und RK-KollegInnen aus aller Welt Hilfe zu leisten, wo sie benötigt wird, auch über Ländergrenzen hinweg. Viele KursteilnehmerInnen bringen bereits private und berufliche internationale Erfahrung mit, sprechen Fremdsprachen oder haben sogar selbst einen multikulturellen Hintergrund, und möchten ihre Kompetenzen für die Auslandshilfe zur Verfügung stellen.

Alle von ihnen bringen innerhalb ihrer jeweiligen nationalen Spezialisierung berufliche Erfahrung mit und/oder haben innerhalb ihrer Sondereinheiten auch eine nationale Grundausbildung abgeschlossen.

Der BKI ist sozusagen der „internationale Führerschein“ für Rotkreuz-HelferInnen, die nach dem Kurs sogleich in die Datenbank für internationale Delegierte kommen, aus deren Pool dann, je nach Qualifikationsanforderung der Katastrophenlage und Verfügbarkeit der Delegierten, kleine Teams zusammengestellt werden, die dann in bis zu vier einmonatigen Rotationen mit einigen Überlappungstagen für Handovers in den Einsatz reisen.

Was sind also die Inhalte des BKI?
Zu den Basics, die das ÖRK seinen Mitgliedern mitgibt, gehört zunächst einmal das „Behind the Scenes“ im Generalsekretariat nach einer Katastrophe, anders gesagt: Wie es von einem Erdbeben in Nepal dazu kommt, dass österreichische Teams und Materialien ausgesendet werden. Dazu gehören internationale Alarmierungsmechanismen und Kommunikationsstrukturen, aber auch Finanzierung und Medieneinsatz für Spendenaufrufe.

Vor unserer Abreise in die Steiermark hatten wir in Wien-Inzersdorf noch Gelegenheit, das Rotkreuz-Katastrophenhilfezentrum zu besichtigen und uns vom Lagerleiter die besonderen logistischen Herausforderungen von Frachtflügen in schwierig zugängliche Gebiete der Erde erklären zu lassen (einen kurzen Überblick findet ihr hier: https://www.youtube.com/watch?v=DvNJx8F9j4k). Die Kosten für einen Frachtflug sind entsprechend der Nachfrage von internationalen Hilfsorganisationen, die innerhalb kürzester Zeit Material transportieren wollen, sehr hoch und machen oft den wesentlichen Teil der Gesamtkosten eines Einsatzes aus. Daher wird versucht, viele benötigte Dinge vor Ort zu erwerben oder anfertigen zu lassen (zB Schaufeln). Dies kurbelt nicht nur die lokale Wirtschaft wieder an und kann Betroffene vom Geschehenen ablenken, sondern ist auch langfristig wesentlich günstiger.

Cultural Awareness

Um die Nachhaltigkeit der Hilfsmaßnahmen mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen zu gewährleisten, werden diese gemeinsam mit der Lokalbevölkerung besprochen und entsprechen weitestgehend deren Bedürfnissen, Bräuchen und Wünschen. Daher war auch Cultural Awareness Teil unseres Kurses. Diese trägt aber auch zu einem guten Arbeitsklima mit internationalen KollegInnen, der eigenen Sicherheit und der Stressminimierung durch Prävention des Kulturshocks bei.

Personal Equipment aka „Die Kiste“
Alle Delegierten bekommen für die Zeit ihres Einsatzes eine Kiste mit einer Standardausrüstung geliehen, welche aus den lebensnotwendigsten Artikeln bestehen, darunter Moskitonetz, Lärmschutzkopfhörer und insbesondere für die ersten Tage eine Wasserfilterpumpe und Campingkocher.

One-Flame Cooking
Damit wir auch alle wissen, wie wir mit dem Campingkocher hantieren ohne uns mit der Stichflamme die Armhaare zu versengen, ist nicht nur die persönliche Ausrüstung, sondern auch das One-Flame Cooking Teil des Trainings – in Form einer Kochshow! Vier Teams kochten mit jeweils einem Kocher, einem Heurigentisch und bereitgestellten einfachen Zutaten nach vorgegebenen Rezepten „um die Wette“ und präsentierten einander im Anschluss die fertigen Gerichte. Das Menü unseres Abendessens konnte sich sehen lassen: Italienisches Risotto, mexikanisches Chili, israelisches Shakshuka und indisches Chicken Curry haben wir mit viel Spaß und Teamwork zubereitet und natürlich auch gegenseitig verkostet.

Wie geht es nun weiter?
Nach einem lehrreichen Wochenende mit viel interessantem Austausch zwischen den TeilnehmerInnen der unterschiedlichen Spezialrichtungen und auch mit den kursdurchführenden MitarbeiterInnen aus dem Generalsekretariat, kehren wir aus dem Einsatz- und Bildungszentrum Laubegg wieder in unser reguläres Arbeitsleben zurück, unter anderem die technische Produktionsfirma, die Sozialeinrichtung, die Forschung, die Softwarefirma. In weiteren Fortbildungen vertiefen und wiederholen wir innerhalb unserer Sondereinheiten unsere Kenntnisse und stehen innerhalb kürzester Zeit bereit, wenn das ÖRK aus dem Ausland angefordert wird.

Europäische Solidarität: Die richtige Hilfe zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Der Europäische Zivilschutzmechanismus (EU/CP-Mechanismus) ist eine Möglichkeit für die Zusammenarbeit von Mitgliedstaaten im Rahmen von Zivilschutz- und Katastrophenhilfeeinsätzen. Eine Informations- und Koordinationsstelle (das Emergency Response Coordination Center, ERCC) unterstützt hier die Mitgliedstaaten des Mechanismus, das sind die EU-Mitglieder und weitere Staaten (Island, Montenegro, Norwegen, Serbien und Mazedonien) und stellt bei Bedarf auch ein Spezialistenteam, das Koordinations- oder Assessment-Aufgaben vor Ort wahrnehmen kann. (Infoseiten im Rotkreuz-Portal zum Katastrophenmanagement)

Europäische Zivilschutzteams tragen die charakteristischen blauen Westen

Europäische Zivilschutzteams tragen die charakteristischen blauen Westen

Das Österreichische Rote Kreuz hat mehrere Expertinnen und Experten, die im Rahmen dieses Mechanismus als Expertinnen und Experten ausgebildet sind. Diese fuhren in den vergangenen Jahren – ausgestattet mit den charakteristischen blauen Westen mit goldenen Sternen – auch immer wieder im Auftrag der Republik Österreich auf EU/CP Missionen, um innerhalb und außerhalb der Europäischen Union die Europäische Hilfe zu unterstützen und damit nicht zuletzt auch die Solidartät Österreichs praktisch unter Beweis zu stellen. Erst heuer im Frühjahr war einer meiner Kollegen in der Ostukraine, um die humanitäre Hilfe zu unterstützen.

Neben der Koordination von eintreffenden Hilfsgütern und europaweit genormter Einheiten zur (meist technischen) Hilfe vor Ort – so genannten Modulen – ist auch das Assessment, also die Beurteilung der Situation vor Ort und die Einschätzung der Bedürfnisse eine wichtige Aufgabe dieser Experten. Im Rahmen eines einwöchigen Kurses konnte ich diese wichtige Fertigkeit Anfang Juli 2015 trainieren.

Start in Bulgarien

Seminarstart in der bulgarischen Hauptstadt Sofia

Seminarstart in der bulgarischen Hauptstadt Sofia

Zunächst haben sich 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Europa in Sofia getroffen. Dort gab es zwei Tage lang theoretische Sessions zu den Grundlagen von Assessments und zu den Herausforderungen, die ein solcher Einsatz jedem einzelnen bringt. Themen waren unter anderem auch die Kultursensibilität, das Teambuilding oder der Umgang mit Medien im Einsatz. Auch der richtige Umgang mit technischem Equipment, wie GPS-Geräte, Satellitentelefon oder Satelliten-Internetverbindung war Teil des Trainings. Von nun an wurde in fixen Teams trainiert: Eine Geocaching-Übung war das Finale dieses Trainings, das Siegerteam freute sich über Süßigkeiten und eine Flasche Wein, die in einer großen Transportbox mittels Code gesichert war. Ach ja, ich war im Siegerteam :-)

Erdbeben, Tsunami: Das Worst Case Szenario für eine Insel am Rande Europas

Das Briefing am nächsten Tag begann mit einer eMail, die jeder Teilnehmer schon in der Nacht erhielt:

please find attached the ECHO Crisis Report – CP-Message 1 regarding the earth-/ sea-quake in the eastern Mediterranean Sea this morning

Jetzt fanden wir relativ rasch in die Situation. Das Team bestimmte mich als ersten Teamleader, wir wollten aber jeden Tag im Einsatzgebiet tauschen, damit das auch jeder üben kann. Das Einsatzgebiet? Ach ja: Wir wurden nach Zypern entsendet. Nach einem Skype-Videotelefonat mit dem Leiter der dortigen Zivilschutz-Behörde, der uns die Situation vor Ort und die Struktur der zypriotischen Behörden darlegte, hatten wir noch grob zwei Stunden zur Vorbereitung. Danach ging es ins Taxi zum Flughafen. Nun waren wir alleine (also fast, denn wir hatten einen Schatten der Übungsleitung mit, der den Namen Thorsten trug) unterwegs. Am Flug waren unsere Plätze vorab schon gebucht, der Flughafen hatte zum Glück noch WLAN, um Recherchen zu machen und einiges zu planen.

Am Flug nach Zypern

Am Flug nach Zypern

Nach der Landung in Larnaca am Abend formierten wir uns und vor dem Ausgang wartete bereits ein Kamerateam (danke an der Stelle an den fabelhaften Mario Dobovisek, als Redakteur) und der Verbindungsoffizier des Zypriotischen Zivilschutzes, der uns in die Lage eingewiesen hat.

Die Übung war mehr als realistisch: Alle Mitspieler, egal ob vom Zivilschutz, von nationalen Behörden, lokalen Gemeindevertretungen, Krankenhäusern, Feuerwehren, Fieschereiämtern, … waren jene Personen, die diese Funktionen auch in der Realität ausüben. Das heißt, wenn man zum Vorsitzenden der Gemeindeverwaltung in einem Vorort von Limassol gegangen ist, so traf man genau den Vorsitzenden, der sich zwischen seinen realen Terminen Zeit für die Übung genommen hat.

Der Autor am Steuer eines zypriotischen Wagens. Wegen der britischen Geschichte fährt man hier links.

Der Autor am Steuer eines zypriotischen Wagens. Wegen der britischen Geschichte fährt man hier links.

Am Flughafen wartete zudem ein Mietwagen auf uns, mit dem wir uns zugleich auf den Weg nach Limassol machten. Unser Hauptquartier nahmen wir in einem Hotel in Limassol – kein Zufall, dass die Übungsleitung im Nachbarraum weilte. Von dort aus hatten wir Tag für Tag drei bis vier Erkundungsaufträge zu absolvieren. Auf der gesamten Insel. Unser Bild über die Katastrophe, das Ausmaß der Schäden, die Zahl der Betroffenen und auch die benötigten Unterstützungen wurden mit jedem Treffen klarer. Täglich auch ein Update mit dem ERCC in Brüssel: zunächst ein Telefongespräch und danach den täglichen Lagebericht, der dann im Normalfall an die Mitgliedsstaaten weitergeleitet wird.

Ein starkes Team

Dazwischen wurde jedes unserer Teammitglieder immer wieder interviewt – Medientraining war nämlich auch Teil des Kurses. Apropos Teammitglieder, die wurden ja noch gar nicht vorgestellt. Neben mir, dem Österreichischen Rotkreuz-Mitarbeiter waren an Bord: Roy, ein Diplomat aus den Niederlanden, der als UNDAC-Teammitglied ebenfalls am Kurs teilnahm; Edmunds, ein lettischer EU-Beamter aus der Generaldirektion für Humanitäre Hilfe, wo er für Zivilschutzagenden verantwortlich ist und Benoit, der in Brüssel als Zivilschutz-Mitarbeiter tätig ist. Ein fünftes Mitglied sagte seine Kursteilnahme am Tag des Kursbeginns leider ab.

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Team-Feedback in Nikosia. v.l.n.r: Thorsten (Schatten), Roy, Benoit und ich. Das vierte Teammitglied verblieb im Hauptquartier zum Informationsmanagement. Im Spiegel: Monika, Schatten und Team-Building-Trainerin.

Besonders lehrreich war das Feedback, das wir uns als Team gegenseitig gaben. Nach jedem Meeting vor Ort gab es eine Feedback-Runde. Jeder schilderte, wie er selbst die Situation erlebt hat, danach gab noch unser Schatten Thorsten seinen Eindruck wieder. An zwei Tagen war zudem eine Cultural-Awareness und Teambuilding-Trainerin mit, die ebenfalls noch ihre Einschätzungen mit uns teilten. Diese 360°-Feedbacks waren mehr als wertvoll: man hatte unmittelbar Informationen über sein eigenes Wirken und über die Art, wie dieses Handeln von anderen empfunden wurde.

Informationsverarbeitung: der wesentliche Teil des Einsatzes.

Ein Mitglied unseres Teams blieb immer im Büro und war für das Informationsmanagement zuständig. Laufender Kontakt ins ERCC, Vernetzung mit dem zypriotischen Verbindungsoffizier und auch die permanente Aktualisierung der Einsatzkarten bzw. Tabellen war seine Aufgabe.

Datenaufbereitung der wesentlichen Übungsinformationen.

Datenaufbereitung der wesentlichen Übungsinformationen (Zwischenstand).

Aus diesen Daten dann auch noch Trends und Entwicklungen abzulesen und diese mit den Informationen aus anderen Quallen zu vernetzen, ist meines Erachtens fast noch interessanter, als draußen vor Ort diese Daten zu erheben. Dazu braucht es neben guten Skills in den verschiedenen Datenanalysewerkzeugen auch ein großes Prozess- und Kontextwissen in der Domäne des Katastrophenmanagements. Auch die Vorbereitung des täglichen Lageupdates, das am Abend nach Brüssel geschickt wurde, war Teil des Jobs als Informationsmanager.

Der Vorhang zu, und alle Fragen offen?

Nach vier sehr anstrengenden Tagen in Zypern endete auch dieses Training. Es war wohl eines der spannendsten, die ich bis jetzt besuchen durfte. Einerseits, weil die Situation wirklich herausfordernd war: durchgehend englischsprachig Meetings zu führen, Teams zu koordinieren, zu diskutieren oder auch Berichte zu schreiben, andererseits weil die Ergebnisse für mich selbst so wertvoll waren: laufendes Feedback zum eigenen Handeln auf allen Ebenen, Selbstreflexion mit eingeschlossen. Und, so wie das bei allen guten Ausbildungen der Fall ist, stellen sich für mich am Ende wieder mehr Fragen, als ich sie am Anfang hatte. Eine davon, vielleicht kann ich sie in meinem Blog einmal ausführlicher formulieren, ist die Erkenntnistheorie des Assessment, die Epistemologie hinter all diesen Dingen. Wie kann man verhindern, dass man sich nur manche gesellschaftliche Gruppen ansieht, wie sehr beeinflusst man als Team selbst die Ergebnisse seiner Evaluierungen, …?

Etwas wie ein Epilog

Im Feld: Viel gelernt, und alle Fragen offen?

Im Feld: Viel gelernt, und alle Fragen offen?

Dank einer längeren Wartezeit auf den Rückflug konnte ich einige dieser Fragen noch mit „unserem Schatten“ Thorsten und dem Kursleiter Wolfgang Krajic besprechen. Danke an dieser Stelle an die gesamte Kursorganisation, die hier wirklich wertvolle Arbeit geleistet hat. Danke an Mitarbeiter im Österreichischen Innenministerium (in Österreich der Koordinationspunkt für den EU/CP-Mechanismus) für die Nominierung zum Kurs.

Am Heimflug durfte ich noch gemeinsam mit einer St. Pöltner Ärztin und einer Scheibbser Krankenschwester als Ersthelfer agieren und traf nach der Landung noch nette Kollegen der Flughafenambulanz in Wien. Danke auch für Eure Unterstützung!

World Water Day 2015: Water for Aweil, South Sudan

Water in NBEG

Sitting in the dust of the road, long metal pipes and other parts lay ready to be installed. Under the hot sun of Northern Bahr El Gazhal, a team of the South Sudan Red Cross (SSRC) volunteers are sweating but lively chatting along while dismantling a broken platform of a water site in Aweil Center county. Together with the local hand pump mechanics they managed to repair 30 of these water sites in the last months, many of them had to be done completely new to protect the water source. Each of these sites caters for approximately 500 users providing access to clean water to more than 15,000 people.

SSRC volunteers repairing a handpump

SSRC volunteers repairing a handpump

Dominic Garang Aleu, a teacher from profession, joined the SSRC in 2013. He had to flee the Bahr El Gazhals due to the war when he was a child and got in contact with the Red Cross for the first time in Kenya. Now, after he returned, he is engaged in leading the water site rehabilitation team of the SSRC Aweil branch and knows all too well the challenges his people face:“Sometimes no one felt responsible for a water site, now every point must have a water management committee in place to prevent breakdown by non-maintenance.” Still, he highlights the importance of combining these repairs with long hygiene promotion trainings to emphasize the value of health: “People started to clean up around the sites, fence their water points and collect money to be prepared for any repairs that might come”.

At that water point, the whole platform had to be replaced

At that water point, the whole platform had to be replaced

“Safe water”, “water treatment”, “water borne diseases” – marking the World Water Day 2015 many will think of drinking water and maybe the prevention of diseases by having safe water. But for people living without it, access to this a new water site means often additionally a wide range of other new opportunities: hygiene improvement, saving time when collecting water or making a small irrigated garden.

David Mitu, the Water and Sanitation coordinator in the SSRC Headquarters, lists just a few activities of his department: “While the longer term projects involve often repairing of existing water sources or drilling of new ones, in times of disasters like the cholera outbreak last year we for example go to demonstrate water purification techniques for households.” Supported by their partners from ICRC, IFRC and other Red Cross Societis they also have delivered the “medicine number one” – safe water – to people displaced by the ongoing crisis or affected by disease outbreaks.

David Mitu, SSRC WatSan coordinator assess a water site

David Mitu, SSRC WatSan coordinator assess a water site

In some areas of Aweil Center county there has never been a water site that provided clean water and so seven new sites were constructed, equipped with handpumps. One of this new site lies between the villages of Nyikualal, Mayomdit and Amanjam in Aweil Center county, normally not accessible in the rainy season.

Paskuala Duma, who has 4 grown up children also living nearby, is a neighbour who explains how this site changed their living conditions: “The people living around here used to go to the Chel river in the west. It took them around 3 hours to get water, now it takes maximum 30 minutes. In the rainy season people took the water from the puddles and little ponds that formed.” Paskuala was already aware of the hazards of contaminated water and used to boil drinking water, but admits that is a lengthy process and not many people treated the water although they knew about the dangers.

Paskual, a user of the new site discusses with the SSRC Aweil branch director

Paskual, a user of the new site discusses with the SSRC Aweil branch director

When they knew about the opportunity that the SSRC could drill a new hand pump equipped water site the three villages decided on a common spot, equally away from all centers. “Since there is no road to this place, residents from the area started to clear out the bush all the way to the main road so the heavy drilling truck could come here.”

Drilling in Northern Bahr El Gazhal at the moment the first water comes to the surface

Drilling in Northern Bahr El Gazhal at the moment the first water comes to the surface

The activities in Northern Bahr El Gazhal are part of a long term project of the SSRC together with the Austrian Red Cross which was financed by the European Union and the Austrian Development Agency, building up capacities of the SSRC staff and volunteers in the Water and Sanitation sector. In total, the South Sudan Red Cross has provided clean water for around 58,000 people just under this single project.

The solar water yard in the branch does not only provide water to the people around but also irrigates the volunteers garden

The solar water yard in the branch does not only provide water to the people around but also irrigates the volunteers garden

A special water yard has been established in the branch itself that runs on a solar pump. The volunteers made additional use out of it and constructed right away a vegetable garden irrigated through the new water yard. John Mou Akok presents the functioning of the garden. He also is the supervisor of the hygiene promotion facilitators of the SSRC Aweil branch. They visit communities that were interested to improve their hygiene standards every week and work with them. So John Mou experienced on various level, what the availability of clean water means to the people in the area and the importance of a combined approach. While he shows around people from the neighbourhood are lining up at the new water distribution point fed by the water from the solar water yard to fill their jerry cans- carrying home 20 litres of healthier living.

Happy World Water Day!

Happy World Water Day!

 

Wiederaufbau in der Ostukraine

Christopher Jahn ist Rotkreuz-Delegierter und Koordiniert die Hilfsaktion im Osten der Ukraine.

Christopher Jahn ist Rotkreuz-Delegierter und Koordiniert die Hilfsaktion im Osten der Ukraine.

Feiertag 8.12. – Abflug für weitere 12 Tage zuerst kurz nach Kiew und dann ins Projektgebiet um Severodonetsk. Ein weihnachtlicher Kurzbericht unseres Delegierten Christopher Jahn.

Nach der Ankunft in Kiew gleich eine Besprechung mit Luxemburgischem Rotem Kreuz, Deutschem Roten Kreuz, Französischem Roten Kreuz und Dänischem Roten Kreuz. Der aktuelle Besuch von mir hat diesmal nämlich zwei Gründe. Erstens unterstütze ich das lokale Team bei dem laufenden Projekt rund um die Nahrungsmittel- und Baumarktgutscheinhilfe und zweitens soll im Dezember und Jänner ein Projektantrag geschrieben werden – höchste Eisenbahn also das zu besprechen, ist das Jahr doch bald um und mehr Fördergelder unbedingt nötig (sonst ist es ab März aus mit dem ÖRK in der Ukraine).

Aber zuerst mal zum laufenden Projekt – es sieht ganz gut aus. Die Nahrungsmittelpakete werden Montag dem 22.12. geliefert und dann kontinuierlich verteilt. Auch die Baumarktgutscheine sind am werden (sogar die Designfrage ist geklärt). Etwas zu schaffen macht uns der rasche Absturz der lokalen Währung (Hrywnja, UAH) – Verträge vor 4 Wochen vereinbart müssen rasch nachverhandelt werden.

Training von Freiwilligen

Training für die Freiwilligen in Lysychansk bei durchaus frostigen Innentemperaturen.

Training für die Freiwilligen in Lysychansk bei durchaus frostigen Innentemperaturen.

Sehr spannend ist das Training von 25 Freiwilligen Mitarbeiterinnen des Ukrainischen Roten Kreuzes (URCS) in Lysychansk von 13 bis 14 Dezember. Wir vermitteln den größtenteils Schülern und Schülerinnen wie bei Befragungen mit den Benefizienten umzugehen ist, wie man am besten informiert und Daten erhebt, was Monitoring bedeutet und wie das System mit den elektronischen Baumarktgutscheinen überhaupt funktioniert – denn wenn es die Freiwilligen nicht durchschauen werden es die betroffenen Familien schon gar nicht verstehen (Abholung, Anwendung, Problemfälle wie Verlust & Co). Auch die Stadtverwaltung und der Boss der Baumarktkette sind beim Training anwesend – seeeehr gut!

Selbstrverständlich gibt es auch einen Erste-Hilfe Teil in der Ausbildung

Selbstverständlich gibt es auch einen Erste-Hilfe Teil in der Ausbildung

Die Verteilung der Infoblätter an die ausgewählten Familien für Baumarktgutscheine findet noch vor den Weihnachtsfeiertagen statt (20-21 Dez). Nächstes Wochenende dann die Verteilung in der RK-Dienststelle.

Österreichisches Projekt als Europäisches „Role Model“

Nun zum geplanten Projekt: Der Projektvorschlag ist recht bunt und soll EUR 1,5 Mio schwer sein. Das ÖRK soll dabei seine aktuellen Aktivitäten – finanziert durch die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit (OEZA/ADA, #Entwicklung.at) – „upscalen“, also an anderen und gleichen Orten mit mehr Benefizienten wiederholen und starten. Das geplante Projekt soll bei der Europäischen Kommission eingereicht werden und erfordert unsererseits ein qualitativ hochwertiges Assessment – also eine exzellente Bedarfserhebung. Und das ist auch gleich der Knackpunkt – noch sind nicht viele Akteure vor Ort – aber es muss zumindest mit Bürgermeistern, anderen Ämtern, der UN, dem int. RK (IKRK) und anderen (I)NGOs gesprochen werden und das erfordert einiges an Zeit (welche ich nicht habe).

Kernidee des Projekts: Baumarktgutscheine an betroffene Familien zu verteilen, damit sich die ihren Wohnraum winterfest machen können.

Kernidee des Projekts: Baumarktgutscheine an betroffene Familien zu verteilen, damit sich die ihren Wohnraum winterfest machen können.

Schlussendlich wird die Lageerhebung ein Mix aus Key Informant Befragungen (das sind Bürgermeister, DirektorInnen v Schulen und Spitälern, usw), Talks mit anderen aktiven Akteuren wie der Caritas, IRD, UNHCR und noch ein paar anderen „Stakeholdern“. Zahlenmaterial erwarten wir aus eine Fragebogen welchen wir an 15 RK Dienststellen geschickt haben die im Moment im Konfliktgebiet liegen und schwer zugänglich sind.

Die letzten 2 Tage in Kiew werden genutzt um sich mit RK-Kolleginnen zusammen zu setzen und um Koordination sicherzustellen. Auch ein UN-NGO Meeting wird besucht und die letzten Papiere werden schnell unterschrieben. Am 20.12. dann doch recht erschöpft in den Flieger um rechtzeitig für Weihnachten in Wien zu sein.

Frohe Weihnachten?

Weihnachtliche Ruhe wird es kaum geben – soll doch der Antrag bis 11.1. geschrieben sein. Auch die aktuellen Verteilungen von Nahrungsmittelpaketen und Baumarktgutscheinen „produzieren“ viele Fragen welche gelöst werden müssen – tagaktuell.

Bedenkend um wie vieles es den Menschen in der Ukraine aber schlechter geht als uns, nur ein geringer Preis den ich gerne (und meine Familie mit mir (bis jetzt)) zu zahlen bereit bin.

Erholsame Tage!

p.s.: Gerade News aus Luhansk erhalten – die ersten 210 Stk. Baumarktgutscheine wurden letztes Wochenende an die Bedürftigsten verteilt. Auch die Nahrungsmittelpakete sind gut in Severodonetsk angekommen – Verteilungen in Kürze.

 

10 Jahre danach: persönliche Erinnerungen an die Katastrophe.

Stefanitag 2014. Zehn Jahre nach der Tsunamikatastrophe in Südasien. Zeit, ein wenig in der eigenen Erinnerung zu graben. Der Weihnachtsurlaub gibt mir Zeit, meine alten Mail- und Dokumentenarchive anzusehen, die alte Website zu durchforsten um mich selbst wieder zu erinnern.

Der Beginn

Weihnachtsurlaub hatte ich auch, im Jahr 2004. Wir waren – noch nicht lange verheiratet – bei der Schwiegermutter in Stadt Haag, ich hab‘ schon in der Früh die Meldungen aus den verschiedenen Alarmkanälen erhalten, dass in Südasien – irgendwo vor Indonesien etwas wirklich Großes passiert sein könnte. Ich war damals Presseverantwortlicher im Generalsekretariat des Österreichischen Roten Kreuzes und – wie eigentlich fast immer – in Rufbereitschaft. Nach einem Telefonat mit Jürgen Högl, der damals den nationalen Disastermanagement-Desk leitete, habe ich mich irgendwann gegen 11:00 Uhr entschlossen, nach Wien zu fahren. „Wir treffen uns am Nachmittag im Büro“, war unser Plan. Was wirklich passiert ist, wusste um diese Uhrzeit niemand.

Während einer nach dem anderen aus dem Weihnachtsurlaub anrief, die Kollegen, die in Wien waren kamen dann ins Büro, fuhren wir einen Krisenstab hoch und versuchten uns innerhalb Österreichs und mit den internationalen Kollegen in Genf und in Bankok zu vernetzen. Es war rasch klar, dass vor Ort tausende Österreicherinnen und Österreicher im Weihnachtsurlaub waren (auch ich war eigentlich noch bis 19. November in Khao Lak auf Hochzeitsreise), viele von Ihnen waren mit der Austrian Airlines unterwegs. Von den Schäden wusste man wenig. Ein Tsunami soll nach dem Erdbeben viele Meter hoch alles überflutet haben, wo genau das war nicht wirklich klar.

Eine erste Presseaussendung zu Mittag am 26. Dezember war ein Spendenaufruf, gegen 17:00 Uhr wussten wir schon mehr: „Unsere Experten sind seit dem Vormittag in Alarmbereitschaft versetzt. Im Moment gilt es, die Ergebnisse des internationalen Rotkreuz-Evaluierungsteams abzuwarten, das in den nächsten Stunden in der Katastrophenregion eintrifft. Anhand der Erfahrungen dieser Experten helfen wir zielgenau“, so Dr. Kopetzky, Rotkreuz-Generalsekretär.

Repatriierungen aus dem Katastrophengebiet

Im Hintergrund koordinierten uns mit dem Außenministerium und der AUA, um hinsichtlich der Repatriierungen, also der Rückführung betroffener Österreicher Hilfe leisten zu können. Hunderte Rotkreuz-Mitarbeiter in ganz Österreich wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Das Außenministerium richtete eine Hotline ein, wir bereiteten die ersten Kriseninterventionsteams vor – die AUA-Maschinen ins Katastrophengebiet wurden mit Rotkreuz-Notärzten (und später auch mit psychsozialen Fachkräften) besetzt.

Erstes Hilfsteam nach Colombo

Bereits am 27. Dezember konnte ein erstes Hilfeteam nach Sri Lanka fliegen, um einerseits die Rückkehr Betroffener zu unterstützen und andererseits die internationale Hilfe in Sri Lanka vorzubereiten. Unter der Einsatzleitung von Günter Stummer aus Wien haben Gerhard Huber, Ing. Toni Holzer und Vinzenz Mihelak aus Salzburg, Werner Liebetegger aus der Steiermark und Petra Schmidt aus Niederösterreich am späten Nachmittag des 27. Dezember Wien in Richtung Sri Lanka verlassen.

Am 28. Dezember berichtet Günter Stummer aus Colombo: „Wir hatten bereits Kontakt zu mehreren Österreichern und sind im Moment dabei, die Hotels der Stadt zu kontaktieren, um auch von dort Informationen zu sammeln“.

Neben einer Sondermaschine nach Colombo, um verletzte auszufliegen besetzten Rotkreuz-Teams aus Ärzten, Kriseninterventionsmitarbeitern und Notfallsanitätern alle Linien- und Charterflüge der AUA in die Katastrophenregion. Für die Betreuung der mit den nächsten Flugzeugen zurückkehrenden Österreicher in Schwechat wurden am 28. Dezember zur Unterstützung der Wiener Rettung vor Ort 45 Rotkreuz-Einsatzfahrzeuge bereitgestellt. Ein eigener Verbindungsoffizier des Bundeskommandos – in Person von Franz Jelinek (der übrigens am 26. Dezember Geburtstag feiert: Alles Gute!) – wurde am Flughafen in Schwechat stationiert um diese Aktivitäten zu koordinieren. Aufgrund der Sonderstellung des Flughafens erfolgte zusätzlich eine Koordination mit der Rettung der Stadt Wien und der Wiener Akutbetreuung.

Bloß Presse und Medienarbeit?

Mein Job war die Koordination der Presse und Medienarbeit – zu diesem Zeitpunkt zwei Tage nach der Katastrophe hatten wir mehrere hundert Medienanfragen und viele Kamerateams bei uns im Haus, im Katastrophenhilfelager (damals noch im Prater), am Flughafen, …

Ein kurzer Blick in meine Zeitaufzeichnungen von damals zeigt mir, dass ich eigentlich rund um die Uhr im Büro war. Gerne wäre ich damals auch in einem der Hilfeteams gewesen, mit hinaus ins Katastrophengebiet gegangen, um persönlich zu helfen, doch die Medienarbeit war definitiv wichtiger, wohl auch, weil mich damals niemand wirklich ablösen konnte …
Das ist heute zum Glück anders …

Thailand

Aufgrund der Meldungen bei der Hotline im Aussenministerium war bald klar, dass auch in Thailand viele vermisste Österreicher zu beklagen sind. Am Abend des 28. Dezember wird daher das zweite Team zusammengestellt und nach Phuket in Thailand entsendet: Unter der Leitung des Niederösterreichers Josef Schmoll flogen: Markus Neumüller (NÖ), Mag. Christian Schönherr (T), Mag. Dr. Elmar Dobernig (K), Dr. Heike Welz (W), Dr. Kurt Lemberger (OÖ), Dr. Thomas Meindl (OÖ) und Wolfgang Egger (KIT Land Steiermark).

Noch am Tag vor Silvester wird ein zweites Team von 10 Personen in die Thailändische Hauptstadt Bangkok entsendet.

Am 29. Dezember ist klar, dass es koordinierte internationale Hilfe geben wird. Die Stiftung Nachbar in Not beschließt, eine eigene Hilfsaktion zu starten und lädt für den 30. Dezember zum Roten Kreuz zur Pressekonferenz ein.

Psychosoziale Unterstützungsangebote

In Österreich gibt es, nicht zuletzt aufgrund der enormen Medienberichterstattung viele Sekundärbetroffene, also Personen, die nicht direkt einen Angehörigen vermissen, aber trotzdem betroffen sind, an eigene Schicksale erinnert wurden, oder aufgrund der Weihnachtsfeiertage besonders anfällig für die dramatischen Katastrophenbilder im Fernsehen waren. Die Ö3- Kummernummer hat daher eine eigene Sendung auf Ö3 gestartet, die im Anschluss als „Ö3 Kummernummer, der Talk“ einige Monate regelmässig mit Gerry Foitik und Sarah Kriesche on Air war. Für die Koordination aller psychosozialen Unterstützungsangebote und die Hilfe an Board kam die Chefpsychologin Dr. Barbara Juen aus Innsbruck nach Wien und war damit bei allen Stabssitzungen mit dabei.

Die Bilanz bis Silvester

Allein in den ersten Tagen waren über 85 Personen des Roten Kreuzes im Einsatz, in Österreich und bei den Repatriierungsflügen. Diese Notärzte, Katastrophenhelfer, Psychologen, Rettungs- und Notfallsanitäter wurden vom Team des Generalsekretariats unterstützt, das ebenfalls mit rund 10 Personen rund um die Uhr on Duty war. Zählt man noch die über 50 Rettungsfahrzeuge dazu, die in den ersten Tagen für die Repatriierungen bereit standen, so ist man rasch bei fast 180 Personen, die hier in den ersten sieben Tagen involviert waren. Zum Glück war dieser Teil der Hilfe in wenigen Wochen abgeschlossen – der viel größere Teil war die internationale Hilfe. Zum Beispiel mit Hilfe der Trinkwasseraufbereitung in Banda Aceh in Indonesien oder der Wiederaufbau in den betroffenen Regionen, der insbesondere in Sri Lanka intensiv und nachhaltig betrieben wurde.

Tsunami Dezmeber 2004Auch wenn viele materielle Schäden behoben werden konnten, wenn Häuser wieder errichtet wurden, die stabiler sind, wenn Familien wieder zusammengeführt werden konnten, bleibt dieser eine Tag vor zehn Jahren in Erinnerung. So wie sich die Generation meiner Eltern erinnern kann, wo sie waren, als der erste Mann auf dem Mond war, so wissen wir, wo wir waren, als wir vom Tsunami gehört haben. Mit diesem Tag war alles irgendwie anders.

Weihnachten war für mich gestern

Weihnachten war für mich gestern.

Vor 4 Wochen ging mein Einsatz in Monrovia zu ende. Was danach kam, ist bekannt:

Inkubationszeit

Das Wort, das vielen Menschen Angst macht. Wir haben versucht, die Zeit als „Cool Down Phase“ zu etablieren. Es hört sich ungefährlich an- es WAR und IST in meinem Fall ungefährlich.

Was macht man in einer Cool Down Phase oder was macht man nicht? Zunächst mal ist man bzw. war ich NICHT infektiös. Ich verstehe die Angst vieler Menschen, dass Ebola auch hier ausbrechen könnte und das ich unter Umständen ein Überträger sein könnte. Genau dafür haben wir eben vorgesorgt

Ich war nicht im Kino, Theater oder auf Konzerten. Ich ha be kein Theater gespielt.

Fakten hierzu:

Eine Infektion und damit eine Übertragung kann nur stattfinden, wenn man selbst, also ich, Symptome hat.

Das sind unter anderem Fieber >38°C, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, starke Kopf- und Glieder Schmerzen.

Eine Übertragung findet durch Bushmeat (Fleisch von Wildtieren), Berühren von Exkrementen Erkrankter und sich danach ins Auge fassen und Berühren von an Ebola Verstorbenen statt.

Bushmeat, also Affen, Flughunde- eine große Fledermausart-, .. ist auch in Österreich schwer zu bekommen. Dies fällt somit aus.

An Ebola verstorben ist auch bei uns zum Glück noch niemand. Also scheidet auch die Infektionsquelle aus

Bleiben noch Exkremente von Erkrankten. Ich bin nicht erkrankt, ich war nicht erkrankt und hatte weder Durchfall noch Fieber.

Man hörte Horrorszenarien aus verschiedenen Ländern. Kranke Menschen sind U Bahn gefahren,… Es ist nichts passiert. Natürlich war es auch Glück, war es evt. Auch eher Panik, Angst als wirklich Gefahr. Um hier in Österreich vorzubeugen wurde die Cool Down Phase eingeführt. Ich machte es mir in einem kleinen Häuschen in der Steiermark gemütlich, ging ein bisschen Nordic Walken auf die Felder, wo Fuchs und Hase sich „Gute Nacht“ sagen und mied Körperkontakt. Konzerte, Kino und Theater waren tabu. Zweimal täglich habe ich Fieber gemessen und einmal täglich mit meiner Chefin telefoniert, sie davon überzeugt, dass ich lebendig und gesund bin.

Vom medizinischen Standpunkt aus wäre es vermutlich sogar egal weil fast risikofrei gewesen, da OHNE Symptome und Ausbruch der Erkrankung kein Risiko bestanden hätte.

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Wir haben als Rotes Kreuz eine Verantwortung

Als Rotes Kreuz haben wir aber eine Verantwortung allen Menschen gegenüber und wollten bewusst nicht auch noch zusätzlich Angst schüren. In der Medizin ist ja bekanntlich nichts 100 %ig. Also ging es ab in die Isolation.

Am Anfang dachte ich noch: alles kein Problem, alles locker. Doch nach 5 Wochen Einsatz, wo es keinerlei Berührung, kein Hände schütteln gab, lechzt man nach jedem Kontakt. Dies musste jetzt noch weitere drei Wochen warten. Es hatte zwei Dinge zur Folge: Lagerkoller und ein Bedürfnis nach Umarmung.

Lesen, das Fernsehen, Internet und leider auch das Essen waren meine Beschäftigungen- nicht sehr ergiebig aber schön, wenn man davor 60 Stunden und mehr pro Woche gearbeitet hat. Ich konnte sogar für unsere Musicalaufführung üben. Skype sei Dank gab es Feedback von unserem Kursleiter.

Menschen, die mich heute sehen haben oftmals nur eine Frage: „Bist Du eh nicht mehr infektiös?“

Danach grinsen sie mehr oder wenig unsicher. Nein, ich bin nicht mehr infektiös– ich war es nie. Sie meinen es nicht böse, sie wissen es nicht genau. Sie sind unsicher, hoffentlich nicht ängstlich. Zur Erinnerung: Man ist nur infektiös, wenn man die Erkrankung hat, Symptome zeigt und andere Menschen mit den Exkreten Kontakt haben.

Einer der schönsten Augenblicke für mich war, als ich nach der Cool Down Phase in unsere Theatergruppe kam und alle her gestürmt sind und mich umarmt haben. Ich hatte vor meinem Abflug alles genau erklärt- also von wegen Symptomen und so. Gaby war die erste und ich wäre fast zurück gewichen, weil ich so viel Zuneigung nicht mehr gewohnt war. Es war neben meiner Frau der herzlichste Empfang in Österreich und ein sehr warmer.

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Videokonferenz mit der Rotkreuz Jugend des LV Wien

Ich hatte auch einen total netten Vortrag bei der RK Jugend des Wiener Roten Kreuzes- innerhalb der Inkubationszeit. Daher haben wir einfach Skype benutzt. ca. 70 min. gab es Bilder, Geschichten vom Einsatz und wurden Fragen beantwortet. Ein tolles Erlebnis

Was blieb von fünf Wochen Einsatz im Ebolagebiet?

Ja, die Geburtenstation wurde eröffnet und läuft. Ein tolles Gefühl, dies vollbracht zu haben. Es gibt wieder ein klein wenig mehr Normalität. Wir sind aber weit von jeder Besserung entfernt.

Derzeit erkranken ca. 30-50 Menschen pro Woche in Liberia. Jeder neu Erkrankte hat eine Familie und somit potentiell ca. 5-20 Menschen evt. infiziert. Diese müssen beobachtet werden. Schlimmer ist es in Sierra Leone: Hier gibt es täglich etwa 30 bis 40 neue Erkrankungen- ca. 250 pro Woche, 1.000 pro Monat. Natürlich ist die Zahl gegenüber anderen Erkrankungen nicht so hoch aber aufgrund der rasanten Ausbreitungsgeschwindigkeit kann sich alles weiter ausbreiten. Auch dieser Ebola Ausbruch hat mit EINEM Fall begonnen.

Was blieb sind auch eine Menge Pressetermine, die mich quer durch Wien und quer durch die Medienlandschaft geführt hat. Von total schrägen Interviews, über sehr herzliche auf FM4 und Ö1- Fotoshootings usw.. bis hin zur Nominierung zur „Person oft he Year“ des Time´s Magazine. Für mich sind all die freiwilligen Helfer des lokalen Roten Kreuzes in Guinea, Sierra Leone und Liberia „Person of the Year“. Sie setzen tagtäglich ihr Leben aufs Spiel, werden zum Teil von ihren Familien aus Angst vor Ebola verstoßen. Manche Kollegen in Sierra Leone berichteten davon, dass sie daheim nicht mehr Willkommen wären. Auf die Frage des „Warum?“, gaben sie lediglich zur Antwort:“ Wir müssen doch unserem Land helfen“.

Ich fühle mich ein klein wenig als Teil von ihnen, als „Person oft he Year“. Wenn ich aber so nach denke, wie ich nach der Cool Down Phase wieder arbeiten kann, keine Angst vor der Erkrankung haben muss, Angst um meine Lieben, meine Freunde, dann merke ich den Unterschied. Diese Interviews gab ich nicht aus persönlichem Geltungsdrang sondern auch hier zur Information. Ich musste einigen Moderatoren die Angst vor mir nehmen. In Summe versuche ich in Österreich via Medien die gleiche Botschaft, die gleichen Fakten zu verbreiten, wie zuvor in Westafrika. Das Rote Kreuz bittet mich da und dort hin zu gehen und ich gehe. That´s all.

Ich genieße den Applaus auf der Musicalbühne, nicht aber in Zeitungen, Radio und Fernsehen.

Ein ruhiges aber sehr schönes Fleckchen Steiermark

Vielleicht gehe ich 2015 wieder runter, vielleicht nicht- das ist hier auch nicht wichtig. Ich danke aber abschließend allen Helferinnen und Helfern, die egal für welche Organisation, egal zu welcher Arbeit in das Ebolagebiet geflogen sind, sich dem Risiko ausgesetzt haben und hoffentlich alle wieder gut daheim sind oder bald kommen. Sie haben geholfen, dass sich das Virus nicht über Afrika und damit evt. auch nach Europa, Amerika,… verbreitet hat. Leider kann man sowas fast nicht in Zahlen fassen. Man kann präventiv nicht sagen: Durch die Arbeit der 100en HelferInnen sind jetzt 9.324 Menschen nicht an Ebola erkrankt und haben daher überlebt

Ich verstehe jeden, der sagt, er oder sie möchte sich das nicht antun, hat Respekt oder Angst davor. Ich bewundere jede und jeden, die/der doch fährt.

Ich bewundere auch meine Frau, die ich heute zum Flughafen gebracht habe.

Gestern Abend haben wir Weihnachten gefeiert. Wir haben gegessen, ich hatte kein Geschenk für sie, da es auf dem Postweg verloren gegangen ist. Aber wir haben einen schönen Abend verbracht. Das letzte Mal für über vier Monate. Sie macht dort weiter, wo ich gehen musste. Sie wird für unseren Kollegen vom Deutschen Roten Kreuz arbeiten und das Österreichische würdig vertreten.

Weihnachten war für mich gestern. Ab heute zähle ich die Tage, bis ich sie wieder sehe- es sind übrigens noch 130…

Frohes Fest Euch allen

Freitag abend in Monrovia

Eigentlich sollte ich durchatmen. Ich habe in den letzten beiden Wochen 120 Stunden gearbeitet, Nachtschichten eingelegt, viele Menschen trainiert, Meetings besucht und versucht überall zu helfen wo es nötig war.

Heute war mein letzter Arbeitstag- also theoretisch zumindest. Am Wochenende haben wir frei- theoretisch zumindest.

Morgen ist um 11 Uhr das letzte Meeting mit der Leitung des Krankenhauses. Danach muss ich die Ergebnisse zusammenfassen und mein Handover- meine Übergabe vorbereiten.

Am Montag fliege ich dann wieder nach Europa zurück- nicht bevor ich bei uns eine Übergabe fertig gestellt habe, meine Ausrüstung wieder zurück gegeben habe und noch ein letztes Mal zu Mittag gegessen habe. Mama SUSU macht die besten Schwamas hier im Ort.

Nicht, dass es normal ist 60 Wochenstunden zu arbeiten, aber wir haben alles versucht, um die Eröffnung der Geburtenstation rechtzeitig zu schaffen UND es hat Spass gemacht. Ansonsten herrscht die 40 Stunden Woche wie sonst auch.

Ich nehme es vorweg: es geht sich nicht aus. Es heisst auf keinen Fall, dass das Projekt gescheitert ist, aber die Eröffnung wird erst 1 Woche später als geplant statt finden. Bis dahin werden wir viel erreicht haben:

  • Eine neue Triage (Hütte, wo eine Voruntersuchung, Temperaturmessung und Befragung statt findet) wurde errichtet,
  • ein kleiner Anbau wurde für Verdachtsfälle umgebaut,
  • 1 neue Grube für scharfe Gegenstände,
  • 1 Grube für Plazentas wird gebuddelt worden sein.
  • Wir haben 2 neue Ausgänge gebaut,
  • 100 Personen mehrfach im Umgang mit der Schutzausrüstung (PPE) geschult,
  • haben ein neues Müllsystem für potentiell infektiösen Abfall eigeführt,
  • haben die Geburtenstation in verschiedene Zonen mit verschiedenem Risiko eingeteilt,
  • haben mindestens 3 Löcher im Rohrsystem der Wasserleitung geflickt.
  • Eine kaputte Pumpe wurde ersetzt.
  • Das Leitungssystem wird hoch- gechlort um alle Bakterien abzutöten
  • SOPs (standard operating procedures) wurden erstellt und vorgestellt, dabei handelt es sich um Unterlagen, die erklären, wer was wo an zieht und auf was man aufpassen muss.
  • Ein Labor speziell für Ebola- Verdachtsfälle wurde gewonnen
  • Ebenso andere Organisationen, die im Notfall Ebola Patienten abholen und diese in Ebola Center (ETC) bringen.

Dazwischen habe ich geschlafen gegessen und ab und zu sogar Video geschaut.

Das Spital wird von uns auch weiter mit PPE (Schutzausrüstung) unterstützt und laufend geschult.

Wir sind hier in der Delegation des Internationalen Kommitees des Roten Kreuzes (IKRK) eine kleine HEALTH Abteilung:

  • 1 Chef
  • 2 Mitarbeiter (1 ein Kollege- männliche Hebamme und ich)
  • 1 Field Officer- ein Kollege aus Liberia, der auch als Trainer fungiert und die Projekte betreut.

Während die anderen ihre Projekte weiter entwickeln, war die Wiedereröffnung mein Projekt.

Mit dem Personal gemeinsam konnten wir alles auf Schiene bringen- es wird toll. Derzeit werden 2 kleinere Spitalsambulanzen im Umgang mit PPE trainiert. Sie sind bereits das ganze Jahr ohne Unterbrechung geöffnet und bisher sind sie von Ebola verschont geblieben. Durch unsere Unterstützung soll es auch so bleiben. Weitere drei sind geplant und wurden auch schon besucht.

Inzwischen scheint sich die Lage hier zu beruhigen. Es werden langsam weniger Fälle, wobei man speziell jetzt aufpassen muss. Wir sind noch weit von der Bewältigung entfernt und wenn man jetzt sorglos wird, kann die Fallzahl schnell wieder zunehmen. Es wird deshalb besser, weil die Richtlinien (Händewaschen, Vermeidung von Körperkontakt,..) greifen.

Auf jeden Fall versuchen jetzt immer mehr andere Organisationen unserem Beispiel zu folgen und wie das IKRK die medizinische Grundversorgung wieder herzustellen. Menschen werden weiterhin krank, Kinder werden geboren, Operationen müssen gemacht werden.

Es fehlt an Personal- in unserem Krankenhaus hat sich gerade die Anzahl der Arzte auf 5 insgesamt ERHÖHT, wobei der Chefarzt 72 Jahre altist.

Mit 8 Betten werden wir in 9 Tagen starten, danach langsam auf bis zu 20 Betten erhöhen. In weiterer Folge wird die Schwangerschaftsambulanz eröffnet- um ein HIV und Malaria Screening für die werdenden Mütter zu ermöglichen. Auf diese Weise wird wieder ein Stückchen Normalität in Monrovia einkehren und ich kann dem Land guten Gewissens den Rücken kehren.

Es ist für mich ein schöner Abschluss. Ein Jahr voller toter Menschen, voller Erkankung, voller ängstlicher Freunde und Familien, voller Medienpräsenz und vieler Erfahrungen geht damit langsam zu Ende. Sollte die Seuche unter Kontrolle gebracht werden, ist meine Hilfe nicht mehr von Nöten. Wenn nicht gibt es vielleicht ein Wiedersehen.