Family Affairs: Advent im Henry-Laden

Einem spontanen Einfall unseres 11-jährigen Sohnes Felix folgend haben wir uns gemeinsam als Familie zum Dienst im Henry-Laden eingeteilt. Im vorweihnachtlichen Weihnachtsfeiern- und Einkaufs-Stress eine Möglichkeit, freiwillige Arbeit zu leisten, Gutes zu tun und das im Kreis der Familie. Auch meine Schwester, ihre Tochter und meine Eltern (allesamt seit Jahrzehnten Rotkreuz-Freiwillige) helfen einen Vormittag mit, im Sinne von Henry Dunant, dem Namensgeber für den Henry-Laden.

Der Henry-Laden des Roten Kreuzes ist eine Second-Hand-Boutique, die gespendete Waren – hauptsächlich Bekleidung, Spiele und Kinderbücher – zu günstigen Preisen verkauft. Damit werden noch brauchbare Gegenstände vor der Entsorgung gerettet und bringen jemand anderen Nutzen und Freude. Die erwirtschafteten Erträge werden vom Roten Kreuz für soziale Zwecke verwendet. Insgesamt gibt es niederösterreichweit bereits 13 Läden.

Christkindls Assistenten?

Wir begannen um 8.00 Uhr in der Früh, meine Frau Hedwig, die als Teamleiterin des Brunner Henri-Laden-Teams auch für die anderen Freiwilligen verantwortlich zeichnet, schließt den Laden in der ehemaligen Post auf und startet die Kasse. Schon bald kommen die ersten Kunden und auch neue Freiwillige, die uns helfen wollen: Vanessa und ihre Mutter, eine Kindergärtnerin haben sich bereit erklärt, gespendete Spiele und Puzzles auf ihre Vollständigkeit zu kontrollieren. Auch Felix hilft mit. So können im Laufe des Vormittags mehrere Dutzend Spiele als „spielbar“ gekennzeichnet werden und können vielleicht unter dem Weihnachtsbaum eines Kindes Freude bereiten? Als Danke für die Unterstützung gibt es Schoko-Nikoläuse, die noch vor dem Mittagsläuten der nahen Kirchenglocken verspeist wurden.

Spiele im Henry Laden

Zehlreiche Spiele wurden am Vormittag gecheckt: Steine gezählt, Anleitungen kontrolliert, Puzzlesteine geprüft und Spielpläne auf Beschädigungen untersucht.

Unsere Kundinnen und Kunden

Ein Kinderwagen für den erwarteten Nachwuchs, Weihnachtsschmuck und günstige Winterbekleidung – das konnte sich eine Jungfamilie kaufen, die das erste gemeinsame Weihnachten mit eigenem Christbaum feiern will. Igor, der junge Vater erzählt, dass er wenig Geld verdient, das meiste braucht er für die Miete. Er uns seine Frau sind erst fünf Jahre in Österreich und haben daher keine Familie, die sie unterstützen können. Daher sind er und seine Frau sehr glücklich, im Henry-Laden um wenig Geld wichtige Dinge kaufen zu können. Es bleibt daher ein bisschen Geld zum Sparen für das Baby.

Spenden trudeln ein

Dazwischen kommt ein älterer Herr zu uns – Karl war früher ebenfalls Rotkreuz-Freiwilliger – und fragt, ob wir auch Schi nehmen. Er und seine Frau haben sich vor zwei Saisons eine neue Ausrüstung gekauft, allerdings fahren sie nicht mehr. So spenden sie Schi und Schischuhe – ich bin mir sicher, mit der Ausrüstung hat jemand anderer noch Freude, vielen Dank!

Modebewusste Kunden

Seidentücher und Wollschals in ihren Lieblingsfarben: türkis und blau, das fand Rosemarie nach längerem Suchen bei den Accessoires. Sie stöbert gerne in Second-Hand-Läden, denn neu kriegt sie oft nicht genau das, was sie sich vorstellt. Individuell, so bezeichnet sie ihren Modegeschmack. Und, dass sie Geschmack hat, kann man bei der rund 30 jährigen Frau durchaus erkennen.

Durchaus geschmackvolle Garderobe kann im Henry Laden zu günstigen Preisen erstanden werden.

Gibt es ein Recht zum Spenden?

Eine Dame mittleren Alters bringt einen Sack mit Bekleidung. Ihre Mutter ist verstorben, nun braucht sie das alles nicht mehr. Unterwäsche, Socken, Hausschuhe – alles zusammen in einem Schwarzen Müllsack. Leider können wir diese Dinge hier nicht verkaufen, wird ihr freundlich erklärt. Niemand kauft gebrauchte Unterwäsche. Die Botschaft kommt zwar an, doch leider reagiert die Dame unfreundlich, wirft uns „Undankbarkeit“ vor. Jetzt müsse sie extra zum Entsorgen fahren, meinte sie. Und was für ihre Mutter gut genug war, müsse für andere auch reichen.

Für mich ein Impuls darüber nachzudenken, ob es ein Recht gibt, nur nach eigenem Wunsch helfen zu dürfen, eine Art angebotsgesteuerte Humanitärökonomie? Ich denke die Antwort ist klar: Nein. Der humanitäre Imperativ, betrifft immer die Bedürfnisse des Menschen in Not, das sozial Schwachen. Nicht das Angebot darf die Hilfe beeinflussen, sondern die Nachfrage, die Bedürfnisse jener, die unserer Hilfe bedürfen. Das wird bei aller Charity-Kommunikation oft vergessen.

Das Charity-Shop-Konzept ist in Österreich noch nicht etabliert

„Die Seniorin ist eigentlich schon Stammgast bei uns im Henryladen“, berichtet Hedwig, als eine ältere Frau unser Geschäft betritt. „Ich muss ihnen was erzählen“, begrüßt sie uns, „meine Freundinnen und Bekannten glauben mir nicht, dass hier jeder einkaufen kann. Sie meinen, es ist ein Sozialladen für Bedürftige.“ Hedwig, meine Frau und Teamleiterin erklärt ihr dann, dass dieses Missverständnis öfter passiert: „Ja, der Erlös kommt sozialen Zwecken zu Gute“, weiß sie – doch zum Einkaufen kann und soll jeder kommen. Selbstverständlich können Bedürftige auch kommen, das breite und einzigartige Angebot ist aber für alle Kunden geeignet. Und zudem fließt der Erlös ja dem guten Zweck zu, umso wichtiger ist es, dass möglichst viele Personen her finden. Darum nimmt sie sich beim gehen noch ein paar Visitkarten mit, um andere vom henry-Laden zu überzeugen.

Das Leben ist ein Geben und Nehmen …

Gegen elf Uhr kommt Ursula, eine Arbeitskollegin. Gemeinsam mit ihrem Mann und dem Sohn bringt sie Sachen, vorwiegend Spielzeug und Bekleidung. „Spiele, die nicht mehr gespielt werden, sind nutzlos, die sollten neue Spieler finden“, meint ihr Sohn. Zum Glück findet er bei den Spielen im Henry-Laden auch etwas, das er in Zukunft spielen wird: Ein cooles Lego Ninjago-Set. Doch auch Weihnachts-Kerzen im Stil von Tannenbäumen gefallen ihm. Rasch ist das Taschengeld investiert und er geht nicht mit leeren Händen heim.

Mittags ist der Samstags-Dienst vorbei, wir haben den Henry-Laden auf „weihnachtlich“ umdekoriert, Weihnachtskugeln aussortiert, Spiele geschlichtet und viele Artikel angenommen oder verkauft. Vielleicht haben nicht alle Begegnungen genau so und genau heute stattgefunden, vielleicht stimmen die Namen auch nicht, denn schließlich kennt in Brunn ja jeder jeden – aber was stimmt: Weihnachten kommt und vielleicht findest Du im Henry-Laden noch das eine oder andere Geschenk.

16.000 Liter Wasser, jeden Tag

Von Gudrun Weidhofer.

Gudrun Weidhofer in Bangladesch.

Das Österreichische Rote Kreuz ist seit Mitte September mit einer Einheit von Spezialisten in Bangladesch im Einsatz um Menschen sauberes Wasser zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile sind mehr als 600.000 Menschen vor der Gewalt in Myanmar nach Bangladesch geflohen und leben derzeit in Camps in der Nähe von Cox Bazar, im Süden von Bangladesch. Ein großes Problem für die geflohenen Personen stellt der unzureichende Zugang zu sicherem Wasser dar. Hier kommt unsere Einheit, eine so genannte ERU M40 (emergency response unit) ins Spiel.

Jeweils zwei Mitarbeiter aus Österreich arbeiten für ein Monat lang, dann werden sie in einer „Rotation“ durch zwei neue ersetzt. Mittlerweile befindet sich die dritte Rotation vor Ort und ist damit beschäftigt die Pläne, welche die erste Rotation erstellt und wir, also die zweite Rotation, umgesetzt haben, zu finalisieren. Einer diese Pläne beinhaltet den Aufbau einer Wasseraufbereitungsanlage in einem der „neueren“ Camp-Bereiche.

Neue Bereiche erkennt man daran, dass die dort gebauten Hütten aus Bambus und Planen erst einige Tage lang stehen und „Infrastruktur“, sofern man davon reden kann, in einem noch geringerem Umfang vorhanden ist als in den Camp-Bereichen, die schon seit zwei Monaten existieren. In diesen Camps bedeutet Infrastruktur etwas anderes als bei uns. In diesem Fall bedeutet es, dass nicht einmal Latrinen oder Brunnen vorhanden sind, dass es keine Straßen sondern nur Trampelpfade gibt. Das Fehlen von Sanitärinfrastruktur erhöht die Gefahr von Krankheitsausbrüchen.

Im Zuge von Erkundungswanderungen am Anfang unserer Rotation haben wir erkannt, dass das Camp inzwischen bis zu einer Rohwasserquelle gewachsen war, die wir verwenden konnten um Wasser daraus aufzubereiten. Jetzt, wo die drei Tanks hoch am Hügel stehen, von weitem zu sehen, ist eine der ersten Fragen, die wir von vorbeigehenden Personen verschiedener Organisationen hören: Wie habt ihr denn diese riesigen Tanks dahin gebracht? Der erste Teil des Weges konnte mit einem  Truck mit Allradantrieb befahren werden, welcher die Tanks geladen hat. Die „Straßen“ sind natürlich Schlammpisten:

Transport des Tanks auf einer Dirt-Road

Zur Erklärung, wie der Rest des Weges zurückgelegt wurde, holen wir unser Handy raus und zeigen ein Video: Hier klicken  Nicht schlecht, oder? Beeindruckende Leistungen, die hier von Camp-Bewohnern erbracht wurden, die unter widrigsten Bedingungen leben und oft erst vor Wochen aus ihrer Heimat geflohen sind. Wir sind froh, dass wir ihnen bezahlte Arbeit anbieten können, ihnen so ein selbstbestimmteres Leben ermöglichen und die großen Leistungen, die sie für „ihre“ Anlage erbringen, würdigen können.

Üblicherweise reist eine Einheit wie unsere mit vielen Tonnen Equipment an. Aufgrund der Gegebenheiten vor Ort wurden wir aber als reine Personaleinheit entsandt. Dies macht uns flexibler beim Aufbau von Anlagen, wir können lokale Materialien verwenden und fördern die Wirtschaft der Region. Zudem sparen wir Transportkosten. Es heißt allerdings auch, dass ein Teammitglied als Logistiker tätig werden muss und viel Zeit damit verbringt in verschiedenen Läden mithilfe von Google Bilder herzuzeigen, und so Werkzeug und Materialien einkauft. Einige Impressionen vom Aufbau der Anlage:

Wenn es darum geht für die Pumpe ein Pumpenhaus zu bauen, sind wieder mal die handwerklichen Qualitäten unserer Mitarbeiter gefragt. Es wird kurz abgeklärt was das Ziel ist – die Pumpe vor Regen und Kinderhänden zu schützen –, und schon geht einer unserer Männer das Baumaterial kaufen. Alles Weitere überlassen wir den Locals. Wir wissen, wenn wir am nächsten Tag wieder ins Camp kommen werden, wird ein perfektes Pumpenhaus fertig sein. Mit Bambus, Machete und Schnur kann beinahe alles gebaut werden.

Schon bevor wir begonnen haben die Anlage aufzubauen haben wir erste chemische Tests im Labor durchgeführt um festzustellen, ob die Rohwasserquelle geeignet ist um aufbereitet zu werden. Ich habe voller Stolz einer Kollegin, mit der ich schon in Uganda zusammengearbeitet habe, folgendes Foto geschickt: img 1062. Ihre Antwort: „Die WASH-people sind crazy. Freuen sich an Dreckflocken in gelbem Wasser 😀 „. Und sie hatte Recht – ich habe mich sehr gefreut, dass die Flockung mit Chemikalien (Schmutz im Wasser bildet Flocken, die durch ihr höheres Gewicht zu Boden sinken) funktioniert hat. Danach wird noch mit Hilfe von Chlor desinfiziert und fertig ist das Wasser mit Trinkwasserqualität! Natürlich müssen auch weitere chemische Überprüfungen direkt an der Anlage durchgeführt werden, immer unter genauer Beobachtung von sehr vielen neugierigen Nachbarn.

Neugierige informieren sich über Wasser-Tests

Die Wasseraufbereitung läuft gerade an, zwei Camp-Bewohner vor Ort werden laufend von uns ausgebildet, um die Anlage selbstständig betreiben zu können. Bis dahin werden unsere Nachfolgerotationen gemeinsam mit diesen „Locals“ die Anlage betreiben und den Menschen im Block M1 jeden Tag bis zu 16 000 Liter sicheres Wasser zur Verfügung stellen können.

Ein Blick ins Labor: Die Arbeit in Bangladesch

Von Marco Skodak.

Marco Skodak und Gudrun Weidhofer in Bangladesch.

“Hi I’m the Lab-Guy!” Wenn wir in den letzten Wochen bei Besprechungen oder in den Camps Menschen getroffen haben, die sich auch mit Trinkwasser beschäftigen, oder, wie es international gerne heißt, im WASH–Sector (Water, Sanitation & Hygiene) arbeiten, dann war das mein häufigster Vorstellungssatz. Wenn so viele Menschen wie in Bangladesch mit einem Schlag in Gegenden leben, in denen es vorher kaum Infrastruktur gab, dann stößt man schnell an Grenzen, auch beim Trinkwasser. So wurden von verschiedenen Organisationen in möglichst schneller Zeit möglichst viele Brunnen installiert, die, wie mein Kollege im ersten Blog schon beschrieben hat, oft nicht sehr tief sind und Latrinen in nächster Nähe haben.

Natürlich geht und ging es uns nicht darum andere Organisationen zu kontrollieren, sondern darum, genügend Informationen zu gewinnen um die besten Antworten auf eine Krise wie diese zu finden. Viele kennen sicher das Gefühl, wenn die Not groß ist, will man so schnell wie möglich helfen. Damit unsere Hilfe aber nicht zu einem kopflosen Losstürmen wird, das im Endeffekt mehr Probleme schafft als löst, braucht es Information. Mit ein bisschen Stolz können wir sagen, dass viele der derzeit vorhandenen Informationen bezüglich Trinkwasser aus den von uns gesammelten und aufbereiteten Daten stammen. Mit diesen Daten und den daraus gezogenen Schlüssen und Handlungen können wir immer wieder auch anderen Organisationen unter die Arme greifen. Doch was soll man sich unter einem Feldlabor vorstellen? Und womit beschäftigen wir uns eigentlich?

Feldlabor – Man nimmt was man kriegt

Feld Labor bedeutet nicht unbedingt Arbeit auf offenem Feld. Dieses Labor besteht aus ein paar Kisten mit Geräten, Tests und Laborausrüstung und kann fast überall aufgebaut werden. Da eine stabile Stromquelle, ein Kühlschrank und Räume mit konstanter Temperatur aber von Vorteil sind, waren Ich recht froh ein Hotelzimmer übernehmen zu können, in dem das Bett und sonstige Einrichtungen gegen Tische und unser Material getauscht wurden.

E-Coli – der kleine Indikator

Escherichia Coli ist ein Bakterium, das Mensch und Tier mit sich herumtragen. Es ist in unserem Darm zu finden und die meisten Angehörigen dieser Spezies sind nicht krankheitserregend. Da es aber von Lebewesen in großer Menge ausgeschieden wird und eine Zeit lang auch außerhalb des Darms überlebt, ist es ein guter Indikator dafür, ob getestetes Wasser mit Fäkalien in Berührung gekommen ist. Finden wir E-Coli im Trinkwasser, müssen wir annehmen, dass Krankheiterreger, die zum Beispiel heftigen Durchfall auslösen, auf demselben Weg übertragen werden könnten. Auch wenn solches Wasser heute vielleicht niemanden krank macht, gilt es als unsicher, da morgen bereits Krankheitserreger drinnen sein könnten.

Nach über 200 Proben in zwei Monaten können wir sagen, dass ein großer Teil der Brunnen, die nur einige Meter tief reichen, bereits kontaminiert sind. Solange die Bevölkerung auf diese Brunnen angewiesen ist können sich Krankheiten also schnell ausbreiten. Nachdem meine Kollegin Anja Pfeifer-Maier in der ersten Rotation schon mit den damaligen Proben zu diesem Ergebnis gekommen war und Alarm geschlagen hatte, flossen unsere Informationen in die Entscheidung mit ein, gegen Cholera zu impfen und die WHO beschloss, selbst einige Tests durchzuführen die unsere Daten bestätigten.

Bangladesch ist bekannt für Arsen 

Wenn es um Trinkwasser geht, verbindet man Bangladesch schnell mit hohen Werten an Arsen. Hier gibt es einige Gebiete, die große Probleme mit diesem Thema haben und in denen viele Menschen an den Langzeitschäden leiden. Für uns Grund genug, uns das Thema genauer anzusehen. Da jede Probe auf Arsen zu testen einen gewaltigen Aufwand bedeutet hätte, wurden von uns Proben über das gesamte Gebiet verteilt genommen. Verschiedene Brunnen wurden ausgewählt, ganz bewusst flache als auch tiefe. So konnten wir eine Art Übersichtskarte erstellen, die zeigt, dass es nur am südlichen Rand unserer Camps eine Belastung mit Arsen gibt. Auch wenn wir hier im Rahmen unserer begrenzten Möglichkeiten natürlich keine hochgenauen Analysen durchführen konnten, sind diese Daten doch ein guter Ansatzpunkt für weitere Untersuchungen und erste kurzfristige Entscheidungen, die getroffen werden müssen.

Chlor – Die Suche nach der Lösung 

Das Chlorieren großer Gefäße mit Chlorlösung

Neben langfristigen Projekten wie Tiefenbrunnen, die hoffentlich die vorhandenen Probleme im Wasserbereich lösen können, müssen wir so gut es möglich ist gegen diverse Krankheiten gerüstet sein. Eine schnelle Lösung ist dabei die Behandlung mit Chlor, wie wir es aus unseren Swimmingpools kennen. Es kann fast alle Keime abtöten. Wichtig ist dabei die genaue Dosierung! Zu wenig bedeutet, dass Keime überleben könnten. Zu viel Chlor im Wasser macht es aber untrinkbar und wird in den meisten Bevölkerungen auf große Ablehnung stoßen. Dieser Einsatz gilt als einer, in dem es für uns keine einfachen Lösungen gibt und so ist es auch in diesem Fall. Verschiedene Brunnen, die oft nur wenige Meter auseinanderliegen, zeigen große Unterschiede darin, wie viel Chlor benötigt wird. Dies kommt von einem hohen Gehalt an Eisen im Wasser, das zusammen mit dem Chlor reagiert und Flocken bildet. Diese Flocken färben das Wasser dann – je nach Menge – Gelb bis Orange. Diese Verfärbung geschieht auch von selbst, sobald das Wasser aus dem Boden und mit Luft in Berührung kommt, der Vorgang dauert aber ohne Chlor länger. Für uns bedeuteten diese Fakten viele Tests und Spielerein, um brauchbare Ergebnissen zu erhalten und den Menschen sicheres Trinkwasser zur Verfügung stellen zu können. Vor meinem Abflug aus Cox Bazar durfte ich das Lab noch an Christopher Friedrich übergeben, der als Teil der dritten Rotation unsere Arbeit für möglichst gute Informationen fortführt.

Bangladesch, Rohingya und ein etwas anderer Einsatz

Seit Mitte August sind Hunderttausende Menschen vor Gewalt in Myanmar über die Grenze nach Bangladesch geflohen. Als Delegierte des Österreichischen Roten Kreuzes helfen wir den Menschen sauberes Wasser zur Verfügung zu stellen.

von Wilfried Hildenbrand

Wilfried Hildenbrand installiert eine Wasserentnahmestelle in Bangladesch.

Als ich aus Wien den Anruf erhielt dachte ich noch: Da fährst du hin, holst eine Wasseraufbereitungsanlage für 40 000 Personen (M40) aus dem Lager und baust sie in Bangladesch auf. Schon bei den ersten Meetings stellte sich dann heraus, dass die Sache diesmal wohl ein wenig komplexer werden würde, und so bin ich am 27. September spätabends samt einer riesigen Kiste voller Laborequipment in Wien Schwechat gestartet.

Über Dubai erreichte ich Dhaka – die Hauptstadt von Bangladesch – am nächsten Abend. Es regnete stark. Wie fast schon üblich fehlte auch diesmal eine Kleinigkeit vom privaten Gepäck und schon beim Ausfüllen des üblichen Formulars fiel mir die extreme Hilfsbereitschaft der Bengalen auf, die bis heute allgegenwärtig ist. Leider war die Maschine in die Krisenregion, in die hügelige Gegend in der Provinz Cox´s Bazar, für den nächsten Tag bereits ausgebucht. Also musste ich einen Tag warten. Beim Einchecken am US Bengal Schalter die freudige Überraschung, dass meine 45 Kilo schweres  Übergepäck ohne Aufzahlung mitgenommen wurden. Ein „Ja“ auch auf die Frage des Personals, ob ich für die Rohingya komme, war genug.

Das Team, bestehend aus zwei Schweden, einem Italiener, einem Japaner und Anja Pfeifer-Maier aus der Steiermark (Anja ist unsere Labor-Lady und wartete schon sehnsüchtig auf das mitgebrachte Equipment), erwartete mich schon, um mich umgehend über alle Aktivitäten zu informieren. Mittlerweile verstärkt noch ein Australier unser Team, das zwar aus vielen Ländern kommt, aber bestens zusammenarbeitet.

Unser Einsatzgebiet sind zwar verschiedene Camps: Diese sind aber zusammengewachsen, sodass wir eigentlich von einem Camp mit verschiedenen Sektoren sprechen können. Das Managona Camp beherbergt rund 70 000 Flüchtlingen, das Hakim Para Camp 20 000 Flüchtlingen und das Burma Para Camp 16 000 Flüchtlinge. Da wir aber die einzigen sind, die ein schnell anwendbares System für den Fall eines sektoralen Choleraausbruches haben, ist es möglich, dass wir auch in anderen Teilen des Lagers zum Einsatz kommen.

Quartiere aus Holz und Plastik – so weit das Auge reicht.

Es ist beeindruckend, wie schnell die Flüchtlinge ihr Leben hier organisiert haben. Sie haben in die Hügel Plattformen gegraben, Hütten gebaut, und für jeden Block wurden offizielle Sprecher gewählt. Wenn wir kommen, können wir uns kaum der helfenden Hände erwehren, die sofort zur Stelle sind und uns interessiert und dankbar unterstützen, aber auch ihr vorhandenes Wissen einbringen. Normal installieren wir in der Nähe eines solchen Camps bei einem verschmutzten Süßwasser- führenden Fluss oder See eine Trinkwasseraufbereitungsanlage und bringen das Wasser mit Lastwagen in das Camp. Wir befinden uns aber in der Nähe des Meeres und bei Flut dringt Salzwasser in die Bäche und Flüsse, was eine Entnahme für uns unmöglich macht.

In diesem Gebiet gibt es nur eine Straße, die an einer Seite am Camp vorbeiführt und man muss zu Fuß über steile, ca. 20 Meter hohe Hügel hineinwandern. Da gerade Regenzeit ist, haben wir einen sehr hohen Wasserspiegel und es gibt eine Menge selbst installierter Handpumpen, die eiligst zwischen vier und 12 Meter tief geschlagen wurden. Diese sind durch die Latrinen allerdings fast zur Gänze mit E. Coli Bakterien hoch verseucht, wodurch die Durchfallerkrankungen ansteigen und ein Choleraausbruch befürchtet wird. Daher haben wir zwei unterschiedliche Systeme entwickelt.

Bei einem System wird direkt bei den Handpumpen eine Chlorlösung in die Gefäße der Flüchtlinge gegeben und beim anderen suchen wir Bohrlöcher, die genug Wasser für kleine Pumpen liefern um Tanks zu füllen, Chlor beizumischen und dann das Wasser abzugeben. Da in ein bis zwei Monaten durch das baldige Ende der Regenzeit diese Bohrlöcher austrocknen werden, arbeiten wir mit Hochdruck an einem Plan, Tiefenbohrungen durchzuführen und ein Verteilsystem zu installieren. Wir arbeiten sehr eng mit dem Bengalischen Roten Halbmond sowie den anderen ERU-Einheiten wie der MSM 20 (Spanier und Engländer) und dem Feldhospital (Norweger, Finnen und Alex ein alter Bekannter aus  Kroatien) zusammen.

Ein kleines Beispiel der extrem unterschiedlichen Herausforderungen, mit denen die Flüchtlinge es hier zu tun haben möchte ich noch anmerken: Da es hier noch wildlebende Elefanten gibt, und deren Wege direkt durch das Camp führen, gab es schon einige Attacken, bei denen Verletzte und vor meiner Ankunft sogar zwei Tote zu beklagen waren. Ich hoffe einen kleinen Einblick in diese für die Flüchtlinge so extreme Lage gegeben zu haben. Am 16. Oktober fliegen Marko Skodak und Gudrun Weidhofer nach Bangladesch, um mich und Anja abzulösen. Für das Rote Kreuz gibt es noch viel zu tun. Leider.

 

 

 

Just for fun

DAVOR

Schlafen, sagt man, wird überschätzt. In unserem Fall von Schlaf zu sprechen ist vermutlich ohnehin eine Übertreibung. Nach nur etwa 4 Stunden Schlaf, der immer wieder von Sirenen der Rettungswagen durchbrochen wurde, versuchten wir eine im besten Falle lauwarme Dusche zu nehmen. Unser Küchenteam war schon wieder höchst motiviert und hat den lebenswichtigen Kaffee und Tee bereits hergerichtet. Es gibt Wurst, Marmelade und Brot. Im komatösen Zustand versuchen wir gerade die völlig übermüdete Nachtschicht abzulösen. In den letzten 12 Stunden haben sie über 50 Patientinnen betreut. Dabei bekamen sie es mit Patienten mit Verdacht auf Masernausbruch genauso zu tun, wie zur Versorgung von Reanimierten oder frisch operierten Patienten.

Den Höhepunkt bildete eine Gruppe aggressiver junger Leute die immer wieder versuchten in das Ambulanzzelt einzudringen. Durch Beruhigung, Fürsprache, und warmen Tee konnten die jungen Schauspielerinnen beruhigt werden. Unser Support Team sorgte nicht nur für ausreichend Licht und Strom für die Handy Ladegeräte ( ein Dank auch an den FMD für das WIFI Netz), sie waren auch laufend um unser leibliches Wohl bemüht. Immer wieder wurde der Wassertank für die Duschen aufgefüllt. Kaum hatte die Frühschicht begonnen, gab es natürlich schon wieder einige Patienten, die immer wieder in Trauben mit Rettungswagen hergebracht worden sind. Zwischendurch kam es auch immer wieder zu sogenannten „no play“ Situationen, die zum Glück immer glimpflich ausgegangen sind.

Improvisierter Krankentransport

Unter „no play“ verstehen wir reale Zwischenfälle. Dann musste einmal ein Pflaster auf eine blutige Zehe geklebt werden, oder auch ein Holzspan aus einem Finger entfernt. Das größte Lob aber bekamen wir nicht von den Schiedsrichtern und Organisatoren dieser Übung, sondern von den Schauspielerinnen, die sich bei uns einfach gut aufgehoben gefühlt haben. Unsere tollen Kolleginnen haben nicht nur ihre spielerische Aufgabe bravourös gemeistert, sondern sich auch zwischendurch mit den jugendlichen Darstellerinnen unterhalten. Da wurde dann auch mal ein Müsliriegel oder eine Flasche Mineralwasser an unsere „Opfer“ weitergegeben. Ich denke, gerade diese Menschlichkeit ist es, die das Rote Kreuz und auch unsere tollen Mitarbeiterinnen ausmacht. Da es an Montag weit über 30° hatte, entschloss sich die Einsatzleitung, allen Kolleginnen ein Eis zu spendieren. Da fiel dann auch das eine oder andere Eis für eine intubierte 13-jährige Patientin ab, deren Augen darauf hin zu strahlen begannen.

Was ist die Faszination an diesem AMP-Modul? Es sind die Menschen, es ist das Team. Jeder und jede hat seine bzw. ihre Spezialität. Jede und jeder seine Sprache. Neben Ungarisch, wurde Vorarlbergerisch, Tirolerisch, Steirisch usw. gesprochen.  Sogar Wiener sollen sich unter den Mitarbeiterinnen befunden haben.

Zwei Patienten, die mit Schwefel kontaminiert wurden, werden wie selbstverständlich von einem Mitarbeiter in Schutzkleidung gereinigt. Eine zweite Kollegin deren Freund Feuerwehrmann ist, sucht in der Zwischenzeit die Datenblätter heraus, um die richtige Art der Reinigung zu finden. Selbst die Schauspieler sind erstaunt darüber, dass sie jetzt mit Laugenwasser abgewaschen werden. Diese Improvisationskunst ist es, die das Österreichische Rote Kreuz und speziell unsere AMP Einheit auszeichnet. Das ist es auch, was in den Köpfen der internationalen Beobachter gespeichert bleibt. Das, und dass wir für jeden Spaß und für jeden Blödsinn zu haben sind. Ich denke das es in so einer großen Einheit wichtig ist, neben der Professionalität jedes einzelnen und jeder einzelnen auch die nötige Portion Humor zu haben, um auch in Krisensituationen den Spaß an der Arbeit nicht zu verlieren.

Ohne diesen wäre es auch nicht möglich gewesen, die gefühlten 100.000 Zelte und das Material wieder einzupacken, übermüdet, schwitzend und top motiviert. Keiner unserer Mitarbeiterinnen hat sich verletzt.

Sogar die Chefs haben gearbeitet

Chiefs at work

Ohne Edi, unser logistisches Genie, der uns durch seine Koordination die Übung erst ermöglicht hat, ohne Christian und Andreas, unsere Tamagotchis, die diese Einheit aufgebaut haben, und ohne das ÖRK, das uns sehr unterstützt, wären diese und andere Übungen nicht möglich. Ein großer Dank geht auch an Aniko, Istvan und Zoltan, unsere ungarischen Kolleginnen. Sie waren eine echte Bereicherung für unser Team. Und am Ende geht der letzte Dank einerseits an Elena und Roman, die uns alle sicher ans Ziel und auch nach Hause gelotst haben und natürlich an KDB, Jörg und Wolfgang das Führungsteam.

Gerade sind die letzten- die Tiroler- nach Hause gekommen, nach über 3.200 km Fahrstrecke sind alle wieder bei ihren Lieben gelandet. Es ist ein gutes Gefühl (wenn auch nur im Spiel) Leben gerettet zu haben

DANACH

Keep on the spirit..

AMP goes FYROM

Starke Regenfälle, Überschwemmungen, Erdbeben mit Hauseinsturz, vermehrtes Auftreten von Durchfallerkrankungen und ein Großunfall mit 30, zum Teil sehr schwer, Verletzten.

Dies alles geschah fiktiv während wir das AMP Modul aufgebaut haben. …

FYR of Macedonia ist Gastgeber einer Übung der EUCP (European Union Civil Protection), bei der das Feldspital des Österreichischen Roten Kreuzes gemeinsam mit ähnlichen Einheiten aus Rumänien und Italien unter internationaler Beobachtung teilnimmt.

Diese noch junge Einheit des Roten Kreuzes besteht aus ÄrztInnen, PflegerInnen, SanitäterInnen und Fachpersonal aus vielen anderen Bereichen (Technik, Logistik, Verpflegsdienst,..) des Roten Kreuzes. Einmalig macht es aber erst der Umstand, dass aus vielen verschiedenen Landesverbänden MitarbeiterInnen zusammenarbeiten.

Die Anfahrt wurde sehr präzise geplant. Zollformalitäten, Klo- & Ess-Pausen, Grenzübertritte und die Eingliederung von drei ungarischen KollegInnen ins Team mussten koordiniert werden.

In Serbien wurde übernachtet, da beim Eintreffen am Einsatzort sofort mit dem Aufbau des Moduls, dass aus 12 Zelten, 3 Verbindungsmodulen und der Einrichtung besteht, begonnen werden sollte.

Aufgrund von Staus konnte erst etwas verspätet mit dem Aufbau begonnen werden. Während ein kleines Team bereits mit 5 Betten einsatzbereit war, beschäftigten sich alle anderen mit dem Aufbau des sogenannten Zeltsternes und dessen Einrichtung.

Auch wenn es bereits 20 Uhr war, ließen die ersten „PatientInnen“ nicht lange auf sich warten. Fünf Menschen, die aufgrund des Hochwassers, kontaminiertes Wasser getrunken hatten, wurden mit Medikamenten und Infusionen behandelt. Die erste Herausforderung neben dem Aufbau stellte die Säuberung des Zeltvorplatzes dar.

Währenddessen kam es zum Funkspruch: Schwerer Unfall mit mehreren Verletzten. Während die rumänischen KollegInnen mit einem Spezialtransporter zum Unfallort fuhren, stellten wir zwei Rettungswägen für die Erstversorgung ab. Die ersten Schätzungen beliefen sich auf etwa 30 Verletzte. Während die Rumänen speziell für Traumata ausgerüstet sind, ist die Spezialität der italienischen KollegInnen ein Operationssaal, in dem sie pro Tag bis zu 7 große Operationen durchführen können. Leider fehlt ihnen die Kapazität der Nachbetreuung. Hier konnten sich das Österreichische AMP gut einfügen. Da wir bis zu 4 beatmete PatientInnen betreuen können, arbeiteten wir Hand in Hand mit dem italienischen AMP zusammen.

Zusätzlich übernahmen wir die Betreuung von PatientInnen mit Schlaganfällen, Hirnblutungen, Asthamanfällen und konnten auch aufgrund der WASH (Water Sanitation and Hygiene) Erfahrung unsere Expertise bei Menschen mit Durchfall und potentiell ansteckenden Krankheiten einbringen. Aufgrund der Lage wurde kurzfristig die Kapazität von 18 Betten auf 30 erhöht. Hierbei handelte es sich um Betten in einem speziellen Zelt, um eine potentielle Ansteckung von anderen Patientinnen zu unterbinden. Dem (Schauspieler) Vertreter des mazedonischen Gesundheitsministeriums wurde dann auch ein Plan zur Seuchenbekämpfung vorgestellt und weitere Hilfe in diesem Bereich angeboten.

In der Zwischenzeit wurden alle Opfer des Unfalles versorgt. Hierbei galt es nicht nur die gespielten Verletzungen zu versorgen. Es musste auch auf das körperliche Wohl unserer zum Teil sehr jungen DarstellerInnen geachtet werden. Die Temperaturen waren nicht sehr hoch und so wurden alle Patienten nicht nur psychisch sehr gut betreut, sondern auch gut zugedeckt und mit Wasser oder Tee versorgt.

Zum Teil befanden sich die Darstellungen auch mehrere Stunden in unserer Obhut, was auch der Spielsituation geschuldet war. Ein Mangel an Abtransport-Fahrzeugen führte zu einem vollen Zelt. Vom Eintreffen am Samstag bis Sonntag-Abend wurden weit über 90 Personen versorgt. Die Versorgung geschieht unter fachkundiger und strenger Kontrolle durch internationale Beobachter aus Schweden, Dänemark und auch den Teilnehmerländern. Das RK Team konnte weder der Großunfall aus der Ruhe bringen, noch der Hauseinsturz mit 10 Opfern. Ein Patient wird mit einer Trage hereingeführt. Oben sitzt eine junge Ärztin und reanimiert ihn – Ein Ertrinkungsnotfall –  aber er wird überleben. Gleichzeitig wurde bereits eine Frau mit Herzinfarkt reanimiert. Selbst diese beiden simultan ablaufenden Ereignisse unter gleichzeitiger Befragung des Teams durch den Geist liefen ruhig ab. „Geist“ oder auch „Tamagotchi“ werden die offiziell nicht anwesenden Beobachter genannt, die uns beurteilen und auch Anregungen geben sollen. Da wird dann auch mal zwischendurch gefragt, wieviel Milligramm von welchem Medikament jetzt gegeben werden. Es wird die Diagnose hinterfragt oder auch der Ablauf von Behandlungen gelobt. Und wir versuchen sie immer brav zu füttern, da gefütterte Tamagotchis glückliche und damit nette Tamagotchis sind.

Eine Frau, im 3. Monat schwanger hat schwere Blutungen und muss weiter zu den Italienern für einen Ultraschall und evt. zu einer Curettage. Eine Gruppe von 5 Patienten kommt, sie haben getrunken… Übelkeit, Erbrechen…auf Nachfrage war es Whiskey. Später, nachdem sie sich nochmal in der Landessprache abgesprochen haben, war es dann doch Wasser, was die Übelkeit ausgelöst hatte. In der Zwischenzeit ein Schrei- vor dem Wartezelt spielt eine junge Dame einen epileptischen Anfall- sie spielt ihn gut. Sie wird versorgt und ein Unterzucker als Ursache festgestellt. Auch dieser jungen Dame geht es bald besser. Es fällt uns schwer, sie alle zum Teil mehrere Stunden im Zelt zu halten. Alle Schauspielerinnen dachten, sie wären nach 10 Minuten wieder draußen, aber da ein Herzinfarkt auch nicht nach 10 Minuten vorbei ist, mussten sie auf einen Transport warten oder darauf hoffen, dass die Trainer ein Einsehen mit ihnen hatten.

Bei all dem Chaos, dass auf die Teams einprasselt, ist der Teamspirit extrem hoch. Alle sind hoch motiviert und gut drauf. Das alles, das darf man nicht vergessen, sind Menschen, die ihre Freizeit und auch ihren Urlaub opfern, um nach 36 Stunden Anreise, kaum Schlaf während der Übung, Problemlösungen finden und nach 50 Stunden Übung wieder alles abbauen um den gleichen Weg wieder nach Hause zu fahren. Und alles, was wir hier machen, tun wir gratis- ehrenamtlich- und aus Liebe zum Menschen.

Kam Kam Waterplant Uganda

Da im jungen Staat Südsudan die Kämpfe zwischen zwei Volksgruppen (Präsident auf der einen und der Vizepräsident auf der anderen Seite) zugenommen haben, befinden sich über 1.5 Mio. Menschen aus dem Südsudan auf der Flucht.

Davon befinden sich laut UNHCR ca.700.000 Menschen in Uganda und täglich kommen 1.000 bis 1.200 neue Flüchtlinge. Uganda ist bestrebt die Flüchtlinge sehr gut aufzunehmen. So bekommt jede Familie ein Grundstück (50 x 50 Meter) zur Verfügung gestellt, auf dem sie ihre Hütten errichten können. Daher sehen diese Camps nicht so überfüllt aus und haben riesige Ausdehnungen. Um zum Beispiel das Rino Camp mit dem Auto zu umrunden benötigt man etwa 6 Std.

Da die Flüchtlinge oft nur mit dem ankommen, was sie am Leib tragen, und in diesem Gebiet keine oder nur ausgetrockneten Brunnen vorhanden sind braucht Uganda bei der Bewältigung dieser enormen Krise unsere Unterstützung.

Die Wasserentnahmestelle des Roten Kreuzes ist für die Flüchtlinge aus dem Südsudan wichtig.

In unserem Gebiet nahe Arua im Nordwesten Ugandas befinden sich drei Camps.

  1. Bidibidi mit über 300.000 Flüchtlingen
  2. Palorinya, das eigentlich für 65 000 Personen geplant war, hat bereits über 100.000 Flüchtlinge und
  3. Rhino Camp mit fast 100.000 Flüchtlingen, wobei die Zahl täglich grösser wird.

Wir, die ERU M40, bestehend aus schwedischen, deutschen und österreichischen Rotkreuz Wasser- Sanitär und Hygieneexperten leisten mit zirka 750.000 Liter sauberem Wasser pro Tag, das aus dem Weißen Nil entnommen und gereinigt wird, einen bescheidenen aber sehr wichtigen Beitrag.

Die Wasseraufbereitungsanlagen des Roten Kreuzes in Uganda sichern das Überleben.

Wir könnten unsere Produktion auf circa 1 Million Liter pro Tag steigern. Derzeit stehen aber nicht genug Tanker (LKW mit 10.000 bis 30.000 Liter Kapazität) die von verschiedenen Organisationen wie UNHCR, DRC zur Verfügung.

Zusätzlich versuchen wir die beiden Anlagen Enjau und Obongi, die das Ugandische Rote Kreuz betreibt, mit unserem Know How und auch materiell zu unterstützen. Unsere Hygienebeauftragten sind mit der Ausbildung von lokalen Hygiene Promotern (Diese machen Hygieneschulungen) beschäftigt.

Wir sind schon ein wenig stolz hier auch bei anderen Organisationen als Vorzeigeanlage mit den natürlich besten und strengsten Qualitaetstandards zu gelten. Dementsprechend vergeht kein Tag ohne Besucher.

Die Schulung unserer nationalen Rotkreuzkollegen, die nach dem Rückzug der internationalen Delegierten die Anlage selbstständig betreiben werden, ist in vollem Gang und so haben wir uns entschlossen, bereits zum zweiten Mal ein einwöchiges Training für Personal anderer Waterplants anzubieten.

Als Freizeitbeschäftigung (soweit man von Freizeit sprechen kann) haben wir eine Laufgruppe gegründet, die von der lokalen Bevölkerung und vor allem den Kindern mit wahrer Begeisterung aufgenommen und unterstützt wird.

Unsere Laufgruppe begeistert die Kinder

Ich hoffe, allen Lesern mit diesen paar Zeilen und ein paar Fotos diese in Europa unfassbarer Weise vergessene Fluechtlingsbewegung etwas näher gebracht zu haben.

Euer Wilfried Hildenbrand WatSan Delegate OERK

Alle Informationen zur Rotkreuz-Hilfe in Afrika auf www.roteskreuz.at.  Ihre Spende hilft direkt vor Ort.

Einfach so…

„Wir bemühen uns hier um jeden Menschen, alle sind voll konzentriert, retten Menschen aus untergehenden Schiffen, reanimieren auf einem Schlauchboot, uebergeben den Patienten uns. Nach 25 Minuten geben wir auf der Responder auf. Wir müssen uns um andere kümmern, die 33,7 Grad haben, sonst haben wir bald mehr Tote.
In den Medien, den Wahlkämpfen dieser Welt und der Politik wird das als Kollateralschaden in die Annalen eingehen. Einer, zwei oder drei mehr, die gestorben sind. Dann kommen vermutlich weniger zu uns. Wir machen keine Unterschiede, weder in Herkunft, Geschlecht, Religion, Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Für uns ist das der Patient, den wir nicht retten konnten… ist das die Mutter dreier Kinder, die nur noch tot aus dem Schlauchboot geborgen werden konnte. Wir sind die, die den Kindern, älteste Tochter ist Teenager, jüngstes Kind ein kleines Baby erklären müssen, dass die Mutter nicht mehr wieder kommt. Alleine gestrandet in der EU.
Das ist es also was Europa aus macht. Herzlosigkeit und nackte Zahlen….
We move on…
Aus Liebe zum Menschen und großem Respekt vor dem Leben“

So lautete mein letzter Facebook Eintrag. „Klingt etwas zornig“ dokumentierte meine Kollegin.

Der Post entstand, nachdem unsere Kollegen gemeinsam mit einem Spanischen Marineschiff die Menschen eines gekenterten Dingi gerettet haben. Unter anderem wurde uns aus einem Schlauchboot ein Mann uebergeben, der bereits am kleinen Boot 15 Minuten wiederbelebt worden war.

Eine Reanimation ist im Leben eines Arztes kein Höhepunkt, nichts was man täglich hat, aber auch nichts, was einem Angst macht. An Bord der Responder wurde es etwas besonderes. Ich schnappte mir den Defibrillator, Sauerstoff und Beatmungsbeutel und wartete. Die Notfall Medikamente holten wir dann noch extra, da diese nicht in der Notfalltasche waren. Diese befinden sich im Kühlschrank im Aufenthaltsraum ein Deck höher. Kein Mensch da, der sie holen könnte… Also rauf gerannt, Adrenalin geholt,….

Wer einmal gesehen hat, wie jemand auf einem Gummiboot wiederbelebt wird, vergisst das nicht. Es ist unwirklich.. surreal. Danach wird er aufs Schiff gebracht und keinen Meter neben dem Einstieg geht es los. Laufend kommen Menschen rein , drängen sich an uns vorbei, wollen ins sichere Schiff. Wir sind zu zweit, Eleonore, die Schwester und ich. Gleichzeitig den Notfall Ablauf durch gehen und Medikamente aufziehen und verabreichen schaffen wir nicht. Unser Fotograf fragt, ob er helfen soll. Keine fünf Sekunden später kniet er über dem jungen Mann und pumpt was geht. 30 Herzdruckmassagen…. Pause… weiter. In der Pause fotografiert er uns. Es stört in dem Moment nicht, ist genauso surreal, wie die gesamte Situation. Ich sehe danach ein paar der Bilder. Man kann den Patienten nicht identifizieren.. Damit ist es für mich OK. Adrenalin, Stromstoß, Pumpen… Nach 25 Minuten geben wir auf. Es ist nur ein Leben….

Wenn wir hier weiter machen, werden evt. noch andere sterben. Viele sind nass und unterkühlt. Eine junge Frau sieht uns nicht an, taumelt, hält sich die Ohren zu. Sie kommt mir nicht ganz koscher vor. Ich nehme sie mit in die Klinik. Blutdruck nicht messbar, Temperatur 33,7 Grad. Der kann man oft nicht trauen, ungenau. Blutzucker 35mg/dl. Ah.. daher kommt diese Störung. Zuckerinfusion angehängt. Wärmepackungen an verschiedenen Stellen des Körpers positioniert. Sie ist traumatisiert, unterzuckert und unterkühlt. Die nächsten 4 Stunden ist sie nicht ansprechbar. Ich entschließe mich zur Evakuierung. Die ist nicht so einfach, dauert sie doch weitere drei Stunden, bis das Schnellboot der Küstenwache mit Arzt vorbei kommt. Inder Zwischenzeit kommt Noah. Er hat viel Meerwasser geschluckt, hat auch unter 34 Grad, die jedoch wie auch bei der ersten Patienten realistisch erscheinen. Er bekommt eine Information und Wärmepackungen. Zwischendrin immer wieder nach draußen gehen um systematisch nach neuen Patienten zu screenen.

Rückblick… vorgestern meinte ich: Heute Abend gibt es sicher Arbeit.. jeder wusste, dass es als „Scherz“ gemeint war, jeder wusste aber auch, dass es durchaus ernst gemeint war. Also nicht zu spät ins Bett gehen. Es wurde dann halb 10 und etwa 2 min nachdem ich mich ins Bett gekuschelt hatte, kam der Funkspruch, der uns ermahnte, uns einsatzbereit zu machen. 3 Boote wurden evakuiert, 101 Personen. Danach Versorgung mit Wasser und Decken. Dann kam der Chef von MOAS und meinte, etwas Großes käme auf uns zu. Eine Art Fischerboot, auf dem Normalerweise bis zu 600 Menschen ihr Glück versuchten. Darunter oft viele Tote, die in der unteren Etage des Bootes waren, ausgesetzt den Dämpfen des Benzins, dem Meerwasser, den Exkrementen und dem Erbrochenen und dem Kohlendioxid der anderen Menschen.

2 andere Schiffe kamen uns zur Hilfe- die Minden und die Vos Hestia. Alleine hatten wir es sonst nicht geschafft. Die Info über das Schiff ließ unsere sonst sehr ruhigen MOAS Kollegen etwas unruhig werden. Viele Bergungen viele Tote.

Im Laufe der Rettungsaktion stellte sich heraus, dass wir keine Menschen bekommen werden und die Vos Hestia die etwa 480 Personen übernehmen werde. Daher kam ich zu 1 ½ Stunden Schlaf. Dann begann meine Schicht. Dann passierte, was niemand mag, wir kamen mit Highspeed zu dem kenternten Dingi. Die Spanier waren bereits da und halfen…

In weiterer Folge erholte sich unsere Patientin wieder, aber der junge Mann rutschte ins Lungenoedem. Sprich das Salzwasser, dass er schluckte, kam auch zum Teil in die Lunge. Er klagte plötzlich über Atemnot, man konnte dann Wasser in der Lunge hören. Kortison und Antibiotika sollten das gröbste abfedern. Sauerstoff sollte ihm Besserung verschaffen. Ohne die Evakuierung wäre vermutlich auch dieser gestorben. Ich hoffe das beste für ihn, da noch nicht sicher ist, dass er überleben wird. Die Responder tat ihr möglichstes.

Die drei Kinder, die im Post erwähnt wurden, sind bei uns am Schiff. Scheinbar haben einige Menschen gesehen, wie die Mutter unter gegangen war. Damit wurden die drei zu Waisen. Alleine auf einem Schiff fahren sie jetzt Italien entgegen. Ich persönlich fühle mich nicht schuldig, aber der Politik ist das ganze nur ein paar Zahlen wert. Keine Ahnung, ob die Mädels als „unbegleitete Minderjährige“ beziffert werden, ob sie Asyl erhalten, wie es überhaupt weiter geht? Und doch bin auch ich Schuld.. ich bin Teil des Systems, das sich EU nennt und das weiterhin erfolgreich weg sieht, wenn es um das Sterben im Mittelmeer gibt. Was man nicht sieht, ist auch gar nicht da.

Zu Tode ignoriert ist auch eine Alternative.

Unser Toter hat übrigens keinen Namen. Er hatte nur eine Unterhose und ein Shirt an. Niemand kannte ihn. Er war Afrikaner- von wo auch immer. Keiner wird erfahren, warum er auf der Flucht war, ob er Familie hatte? Ziele? Träume? Ein anonymer Toter, einer von über 4.000 heuer. Wir lesen darüber in der Zeitung, in Blogs, sehen es im Fernsehen. Es liegt aber an uns das zu ändern. Nicht jede(r) muss hier runter fahren. Ich bitte Euch nur, macht was.

Aus Liebe zum Menschen und aus großem Respekt vorm Leben

Sonntag 4:27 Uhr

Sonntag 4:27….

Attention to all stations: boat ahead proceed to your station. There will be a rescue..

Es wurde also nichts mit dem Ausschlafen. Tagwache wäre eigentlich um 4:50 gewesen. Aber wer braucht schon Schlaf. Diese Nacht, bereits die vierte am Schiff, konnte ich kaum schlafen. Bis zwei Uhr wälzte ich mich im Bett hin und her, wobei nicht die Wellen Schuld waren. Es würde den ersten Kontakt geben…..

Innerhalb von 10 Minuten waren wir angezogen, ich hatte mir noch im Vorbeigehen eine Packung Mannerschnitten und zwei Wasserflaschen geschnappt und mit Rettungsweste, Overall und Helm bewaffnet standen wir an Deck. MOAS, die Hilfsorganisation, die die Rettungen durchführt, war gerade dabei, die Ghalwp_20161113_13_26_32_proib, unser kleines Schiff, ins Wasser zu lassen. Ein Holzschiff mit 28 Personen trieb am Wasser. Zwei Mal musste die Ghalib hin fahren, um alle Menschen an Bord der „Responder“ zu bringen. Keiner von uns hatte es ausgesprochen, aber später waren wir einhellig dankbar dafür, dass das erste Boot so wenige Menschen beherbergte. Wir waren das Schema einige Male „trocken“ durchgegangen, aber bei der geringen Zahl konnten wir uns leichter an alles gewöhnen.

Die Geretteten kommen an Deck, müssen zuerst ihre Rettungswesten abgeben, danach kommt Eddie ins Spiel. Er ist für die Durchsuchung der Gäste zuständig. Es spielt sich in etwa wie bei einem Fußballspiel am Eingang ab: Arme ausstrecken, Hose und Shirt- mehr haben sie, wenn überhaupt, nicht an-  nach gefährlichen Gegenständen durchsucht, danach weiter zu Abdel oder Eleonore, meinen Rotkreuz- KollegInnen ein Armband abholen. Das sind in Wirklichkeit Haargummis einer Farbe „Bracelets“, um die Menschen zu den Schiffen zuzuordnen. Alle Menschen einer Rettungsaktion haben die Armbänder in gleicher Farbe.

Am Ende steht Johanna und lässt die Menschen in Reihen zu 10 Personen hin setzen. Thorir, mein Kollege ist für die Zählung und die Fotos zuständig. Wir benötigen exakte Zahlen, daher steht er beim Eingang und zählt durch. Am Ende werden alle nochmals gezählt. 28 Menschen.

Menschen frieren, sind durchnässt

Sie frieren, diese hier haben zumindest Hosen und Shirts, manche Pullover. Das sollte sich aber heute noch ändern. Nachdem alles passt, bekommen sie Rettungsdecken, wie man sie aus dem Auto- Erste-Hilfe-Kasten kennt. Danach kommt die medizinische Untersuchung, die sehr grob durchgeführt wird. Wir messen die Temperatur, schauen, ob die Menschen dehydriert sind, Blutarmut haben, schauen auf die Hände, um evt. Verätzungen zu finden oder Skabies. Das sind niedliche Tierchen, die sich unter der Haut einnisten und fürchterlichen Juckreiz verursachen.

Das ganze dauert etwa 15 Sekunden: Temperatur messen, wobei das Thermometer aufgrund der Unterkühlung der meisten eh nur „LO“ anzeigt,  Zunge raus Strecken, in die Augen sehen, Finger und Unterarme zeigen lassen und THANK YOU sagen. Höflichkeit ist mir sehr wichtig. Wir sind keine Zoowärter, die ihre Tiere füttern. Jeder Mensch ist zuallererst MENSCH. Ein Mann fragt mich, wie ich heiße? Michael.. und wie ist der Name des Schiffes? Responder. God bless you, Michael- Gott schütze Dich…wp_20161113_12_59_09_pro

Ich kann nur danke sagen und mich umdrehen. Mehr schaffe ich nicht..

einfach weitermachen und konzentrieren.

Es gibt noch genug Arbeit. Nach knapp 90 Minuten ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Die Gäste sitzen auf den Paletten, die sie vor Nässe an Deck bei hohem Seegang schützen sollen. Alle haben Decken, Wasser und Kekse. Es gab keine medizinischen Fälle. Eleonora hat Dienst bis acht. Dann beginnt meine Schicht. Also ab ins Bett. Das wichtigste hier am Schiff: Essen und schlafen so oft es geht. Jede Minute nutzen, da man nie weiß, wann der nächste Einsatz kommt.

7:05.. der nächste Funkspruch. Wie lange habe ich geschlafen? Knapp 57 Minuten. „Immerhin“ denke ich mir und mach mich wieder bereit. Helm, Overall, Schuhe, Schwimmweste. Ich habe mich diesmal für meine Shorts entschieden. Die sind bequemer unter dem Overall und man schwitzt weniger.

Ein kleines Gummiboot, etwa 8m lang und 4m breit ist neben uns. Zu Beginn denke ich an 30-40 Personen. Am Rand, auf den Gummiwülsten sitzen Menschen, Ein Bein im Meer. Ich sollte mich soetwas von irren- mein MOAS Kollege lacht mich etwas aus…

Zu Beginn werden an alle Menschen Rettungswesten verteilt und sie aufgefordert ruhig zu bleiben. Immer wieder fährt die Ghalib hin und her, bringt ein ums andere Mal wp_20161113_13_26_43_proMenschen, Jugendliche Frauen und Männer zu uns. Es sollen etwa 120 werden. Je leerer das Rettungsboot wird, umso ruhiger werden auch die verbleibenden Menschen an Bord. Peter springt ins Gummiboot um zu beruhigen laut  gibt er seine Anweisungen. Seil fangen, halten, einer nach dem anderen…Dieses mal klappt das Zusammenspiel auch bei uns schon etwas besser. Wir haben ja noch soo viel Zeit zu üben. Während der Bergung bekommen wir die Info, dass 4km westlich von uns das nächste Boot gesichtet wurde.

Männer steigen aus, humpeln und beklagen ihre massiven Beinschmerzen. Drei andere haben auf ihrem Bein gesessen. Kein Wunder, so dicht wie das am Boot war. Aber es sind keine ernsten Verletzungen.

Auch unsere MOAS Freunde haben immer wieder Angst, dass sie Tote finden. Natürlich gehören sie „zum Geschäft“, aber man gewöhnt sich nie ganz dran.

Die Menschen hier im 2. und 3. sind leicht bekleidet, manchmal nur in Unterwäsche. Abdel sucht nach Kleidung, schaut drauf, dass jeder zumindest ein Oberteil und eine Hose oder ähnliches hat. Die ersten Frauen kommen an Bord.

Plötzlich ein Hilferuf von einem MOAS Kollegen: eine Frau stolpert beim Einsteigen, droht ins Wasser zu stürzen- er kann sie nicht alleine halten. Drei Kollegen stürzen hin und ziehen und schieben sie ins Schiff. Glück gehabt. Die Frau steht noch etwas unter Schock, setzt sich aber dann hin und atmet erst einmal durch. Das hätte schief gehen können. Zum Glück stehen immer zwei Rettungsschwimmer inkl. Neopren-Anzug bereit. Die Gefahr ist aber, dass jemand der ins Wasser fällt, zwischen die Schiffe kommt und zerdrückt wird.

Meine Hauptaufgabe ganz zu Beginn ist einerseits den Menschen zu helfen, die Rettungsweste abzunehmen und , viel wichtiger, ganz kurz auf jeden Neuankömmling zu schauen, ob er oder sie potentiell schwer verletzt ist oder in Lebensgefahr ist. Das können jetzt Wunden sein, die angesprochenen Verätzungen oder einfach die massive Unterkühlung.

Menschen freuen sich, dass sie am Schiff sind…. Manchmal hört man ein nicht böse gemeintes „Shut up please“, wenn es zu laut wird. Gefolgt von: We want to rescue your friends“- wir wollen auch eure Freunde retten. Erst als alle an Bord sind entspannen sich auch unsere MOAS Kollegen. Jetzt können sie durchatmen und die Arbeit des Roten Kreuzes wird interessant. Als unsere Gäste realisieren, dass sie alle in Sicherheit sind, brandet spontan Jubel auf. Menschen applaudieren, fallen einander um den Hals. Ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll, entschließe mich aber mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Die Gänsehaut werde ich aber nicht so schnell los.

wp_20161113_13_25_37_pro

Unsere „Prinzessin“

Abdel schnappt sich unseren neuen Gast und verschwindet mit ihm im Bauch des Schiffes. Ein etwa 1,5 jähriges Mädchen avanciert zum Liebling. Sie weint, ist durchnässt. Als ich nach ein paar Minuten in meine Ambulanz gehe, sehe ich Abdel mit dem Mädchen. Es hat neue Kleidung, etwas zum spielen und strahlt.  „Tres Jolie“ sage ich nur- sehr hübsch. Ich habe keine Ahnung, ob die kleine Französisch spricht oder Englisch. Abdel spricht mit ihr auf Englisch. Ich muss natürlich ein Foto von den beiden machen. Danach kommt sie wieder zu ihrer Mutter.

In Summe gibt es auch für mich etwas zu tun. Johanna, war in der Zwischenzeit nicht untätig und hat bereits eine Wunde am Fuß einer aelteren Frau versorgt. Sie war frisch und wir überlegen zu nähen, lassen es aber bleiben. Eine zweite Frau bekommt Schmerzmittel. Eine Schusswunde, die sie vor zwei Monaten am Unterschenkel hatte, schien infiziert zu sein, aber geschlossen. Ich entschließe mich zu einem Antibiotikum.

Die dritte dürfte einen Mittelfußknochen gebrochen haben und einige Damen haben Verätzungen am Gesäß vom Sprit. Bei dunkler Haut sind viele Dinge für uns Mitteleuropaer schwerer zu sehen. Aber die Hautverfärbungen, die sie nicht nur am Gesäß hat, sind eindeutig.

wp_20161113_12_58_56_pro

Die PHOENIX

Keine gröberen Erkrankungen, keine Toten. Alles in allem ein gutes Gefühl. Am frühen Nachmittag bekamen wir dann die Phönix zu sehen. Dies ist unser Schwesternschiff, die gerade auf dem Weg nach Italien ist. Sie nahmen unsere Gäste zu sich und werden sie nach Italien bringen. Ich lernte meinen Kollegen vom italienischen Roten Kreuz kennen. Wir machten eine Übergabe der Patientinnen. Er erzählte mir von Patienten, die in ihrer Heimat mit Zigaretten gepeinigt worden waren. Einer hätte noch die Abdrücke von einem Hammer, mit denen er malträtiert worden war. Der italienische Arzt war am Ende seiner Reise auf See, meinte aber das es eine einzigartige Erfahrung auch für ihn war.

Wir cruisen hier weiter und warten auf andere Menschen 317 konnten wir retten. Mir ist eal woher sie kommen, dass zählt zu unseren Grundsätzen- ich will, dass sie leben.

Ich wurde heute, wie schon so oft bei Interviews gefragt, ob nicht auch wir Schuld daran sind, dass so viele Menschen kommen- in dem Wissen, dass wir sie sowieso retten. Wenn man mit den Kollegen spricht, einer macht das seit fast 12 Monaten durchgehend, so sind alle der gleichen Auffassung:

Wenn Menschen sich dieses Wagnis antun, dann steckt sehr viel Verzweiflung dahinter. Sie werden es versuchen, auch wenn wir ab Dezember nicht mehr da sein werden. Sie haben Hoffnung, Hoffnung, das Festland zu erreichen.

Aber was macht das schon, sterben halt ein paar Hundert , ein paar Tausend Menschen mehr…. Das erscheint in den letzten Monaten zunehmend die Meinung vieler „Menschen“ zu sein. Ich glaube aber immer noch an das Gute im Menschen, auch, wenn das Wort Gutmensch für manche zum Schimpfwort geworden ist.

Ich werde hier die nächsten zwei Wochen weiter versuchen, dieses Sterben zumindest zu vermindern..

Aus Liebe zum Menschen und großem Respekt vor dem Leben…