Erstes Quartal – Erstes Resümee

Portrait Aichinger WalterSeit mittlerweile drei Monaten bin ich nun Präsident der größten humanitären Hilfsorganisation des Landes. In einem persönlichen Gespräch mit OÖNachrichten-Redakteurin Manuela Kaltenreiner habe ich diese Zeit reflektiert und meine Zukunftspläne erklärt. Das Interview erlaube ich mir Ihnen auch auf diese Weise zur Verfügung zu stellen. Gerne können Sie diesen Beitrag kommentieren oder mir weitere Fragen stellen. Ich bemühe mich, alle Unklarheiten alsbald zu beantworten.

Ihr
Aichinger Walter

LINZ. Seit drei Monaten ist Walter Aichinger Präsident des Roten Kreuzes Oberösterreich. Der Arzt und Politiker will “seine eigenen Spuren” in der Organisation hinterlassen, wie er den OÖNachrichten erzählt.

OÖN: Was hat sich seit 16. November 2011 für Sie verändert?
Aichinger: Bisher war ich im speziellen für den Katastrophenschutz und die Blutbank zuständig. Die gesamten Führungsaufgaben sind dazu gekommen. Es ist natürlich ein mehr an Zeit und Aufwand, aber das habe ich vorher gewusst. Das Rote Kreuz in Oberösterreich ist enorm gewachsen. Die gesamte Organisation hat eine Größe und Breite erreicht, besonders im Gesundheits- und Sozialbereich, bei der man sich fragen muss, ob man eine Umstrukturierung braucht.
OÖN: Gibt es dafür ein konkretes Beispiel?
Aichinger: Im Rettungsdienst sind wir sehr gut aufgestellt und das Qualitätslevel ist sehr hoch. Dann gibt es andere Aufgaben wie die Hauskrankenpflege, die teilweise bezirksweit koordiniert werden müssen. Da muss man sich fragen, wer welche Aufgaben hat und wo die Leute beheimatet sein sollen. Dabei ist das Wichtigste die Zufriedenheit der Mitarbeiter und die zum größten Teil öffentlichen Mittel müssen so effizient wie möglich eingesetzt werden.
OÖN: Das heißt, auch das Rote Kreuz muss einen Sparkurs fahren?
Aichinger: Das Geld wird nicht üppig blühen. Deshalb die Frage, gibt es Bereiche, wo zwar eine Nachfrage da ist, aber wie sieht das Angebot dazu aus? Muss ich das in diesem Umfang bereitstellen? Kann ich durch Kooperationen die Effizienz steigern?
OÖN: Welche Kooperationen sind denkbar?
Aichinger: Wir sind beispielsweise gerade bei der Umstrukturierung bei der Pflege in den Gemeinden. Bisher haben mehrere Organisationen mit ihren Fachkräften parallel gearbeitet. So konnte es vorkommen, dass drei Organisationen mit ihren speziellen Fachkräften zu einer hilfsbedürftigen Person gefahren sind. Dadurch sind sehr viele Menschen sehr viel Zeit auf der Straße unterwegs. Besser sind multiprofessionelle Teams, die gebietsweise von einer Organisation mit dem gesamten Angebot zur Verfügung stehen. Das Ziel muss sein, mehr Zeit bei den Patienten zu verbringen.
OÖN: Die Abschaffung des Zivildienst steht zur Diskussion. Was würde das für das Rote Kreuz bedeuten?
Aichinger: Alleine wenn bei uns die Helfer im Krankentransport wegfielen, müssten wir Hauptamtliche einstellen und dafür hätten wir zusammen mit dem Arbeiter Samariterbund in Oberösterreich jährlich um 18 Millionen Euro mehr Personalkosten. Diese Kosten müssten wir den Gemeinden anlasten, die kein Geld übrig haben.
OÖN: Wie kann das Rote Kreuz von ihrem Input als Mediziner profitieren?
Aichinger: In der Medizin wird man in der Studienzeit darauf getrimmt, dass persönliche Fort- und Weiterbildung entscheidend ist, um einen Qualitätslevel zu erhalten. Es ist ein ganz zentraler Punkt, unsere Qualität zu halten und gegebenenfalls zu verbessern. Strukturell, organisatorisch, inhaltlich oder bei den handelnden Personen. Ganz entscheidend ist die Qualität der Führungskräfte. Wie ist die Mitarbeiterzufriedenheit und ihre Motivation und wie ist unterm Strich der Output dieser Organisation. Es gibt keine erfolgreiche Organisation, die ihre ganze Kraft auf die Kontrolle setzt. Es geht nur, wenn man Vertrauen in die Mitarbeiter hat und sie motiviert.
OÖN: Sind Veränderungen in der Geschäftsführung geplant?
Aichinger: Die handelnden Personen sind hoch motiviert und gut. Da und dort muss man bei der Aufgabenzuteilung etwas schärfen, auch im Sinne von Effizienzsteigerung muss man was verändern, aber nicht grundsätzlich. Man darf nicht vergessen, wir haben fast 1600 Mitarbeiter und koordinieren darüber hinaus noch 17.000 Ehrenamtliche. Für die unterschiedlichen Tätigkeitsfelder braucht man die entsprechenden Identifikationsfiguren in der Geschäftsleitung.
OÖN: Wie teilen Sie sich Ihre Aufgaben als Präsident und Arzt ein?
Aichinger: Ich habe ja einen Teil von Funktionen weggegeben. Das allein hat das nicht kompensiert, was dazugekommen ist. Das Organisatorische des Roten Kreuzes lege ich mehr in die Nachmittagsstunden, damit geht das auch mit meiner Arbeit im Klinikum gut, die abendlichen Repräsentationstätigkeiten kenne ich ja aus der Politik.
OÖN: Für Hobbys bleibt da wenig Zeit, oder?
Aichinger: Ich schaue schon, dass ich Freizeit habe. Im Vorjahr habe ich immerhin 37 Musikproben besucht, meine Musiker-Kollegen loben mich dafür. Ich schaue schon, dass dafür noch Zeit bleibt.
OÖN: Was ist die Motivation für so eine zeitraubende ehrenamtliche Tätigkeit?
Aichinger: Das klingt jetzt etwas pathetisch, aber ich sehe mich in gewisser Weise verpflichtet, das wieder in die Gesellschaft hineinzubringen, was ich gelernt habe. Da geht es nicht darum, dass ich glaube, ich kann das besser. Wenn man eine gewisse gesellschaftliche Position erreicht hat, in der es möglich ist, Dinge zu gestalten oder zu verändern, dann ist man auch verpflichtet dazu, etwas zu tun.
OÖN: Was unterscheidet Sie von ihrem Vorgänger Leo Pallwein-Prettner?
Aichinger: Ich würde sagen, ich habe einen philosophischeren Zugang zu den Problemen. Ich habe gelernt, nicht die Therapie vor die Diagnose zu setzen, sondern zuerst das Problem eingehend zu analysieren und dann erst zu handeln. Ein gewisser Unterschied muss sein und das ist auch für eine Organisation gut. Jede Person muss ihre eigenen Fußspuren legen.

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Foto: OÖRK / Werner Asanger